Die Sage vom Bürstenmacher, seinen 3 Söhnen und dem wahren Glück

Die Wüste um Karukora – südlicher Teil

estern ist ein Ort, den wir nicht wieder besuchen können. Das Rieseln in der Sanduhr von Vater Zeit zwingt uns weiter. Schritt für Schritt entfernen wir uns, sehen vielleicht ab und an noch einmal zurück – manchmal mit Freude, doch meist mit Bedauern, oft auch mit Trauer oder Zorn. Doch etwas zwingt uns, voranzuschreiten. Dabei begegnen wir anderen Orten und anderen Menschen, die uns wichtig werden. Gestern wird eines von vielen, es ist nur ein weiteres, vom Wind verblasenes Sandkorn in der endlosen Wüste, die wir in unserem Leben durchwandern, bis wir schließlich an den letzten Ort gelangen, an dem wir unser Haupt für immer zur Ruhe betten und der Sand unserer Tage unseren müden Leib bedeckt.

Gestern, das gibt es nur noch in unserer Erinnerung und jeder von uns denkt anders an diesen Ort zurück, der gestern noch unser Leben war und heute nur eine undeutliche Erinnerung wie an einen Traum. Und wenn wir dann alle gegangen sind, die wir uns an dieses Gestern erinnern, dann ist es für immer in der Zeit verloren. Auch an unser heutiges, so wun­dervolles Fest und an die Geschichten der beiden Mär­chenerzähler, die es zu etwas ganz besonderem machen, wird sich in gar nicht einmal allzu ferner Zukunft niemand mehr erinnern. Die Füße von Waqt al’ab, der Mutter der Zeit, werden auch uns in diesem Saal unter sich zu dem feinem Staub zermahlen haben, zu dem wir alle einmal werden, wir Men­schen und auch unsere Städte und unsere Staaten, die wir so großherzig gegründet haben.

Doch manchmal tritt die Mutter der Zeit auf einen unnachgiebigen Diamanten und er presst ihn in seinem Mühen, ihn zu zerreiben, noch fester und dich­ter zusammen. Je mehr er sich anstrengt, umso stärker wird er. Manchmal, ja, manch­mal ist etwas ewig – ewig wie der Fluss der Tränen der Allerbarmerin, ewig wie Platos Gedanken, ewig wie die Felder des Krieges und ewig wie Karukora, das Wun­der in der Wüste. Ewig wie der Namenlose, der einst über den Fluss von Norden kam, sich hier niederließ, seine viel geliebte Stadt pflanzte und in seinen Wiederge­burten sein Volk bis zum heutigen Tag regiert und dies tun wird, bis auch Waqt al’ab endlich ihrer Wanderung müde wird. Dies wird aber erst geschehen, wenn ein gewaltiger Stern vom Himmel fällt und die Menschen in den Tränen der heiligen Göttin ertrinken.

Uns Sterbli­chen ist nur eine kurze Wegstrecke gegönnt, die wir ge­hen dürfen, doch der Namenlose schreitet mühelos vor­an, die Mutter der Zeit als Gefährten an seiner Seite, während Karukora blüht und gedeiht und die großartigste Stadt der Überlebenden Lande ist. Preisen wir uns glücklich, denn wir sind wahrlich gesegnet, dass wir unseren kurzen Marsch mit ihnen gemeinsam an diesem gesegneten Ort gehen und die Ewigkeit sehen und schmecken dürfen. Loben wir den Namenlosen, der da war, der da ist und immerdar sein wird!«

Einer, dem es vergönnt war, sich während seiner Le­bensspanne im Lichte der Namenlosen der ersten und großen Bingh-Dynastie zu son­nen, war der arme Bürstenmacher Lafar. Über seine Tage lässt sich wenig berichten. Sie waren erfüllt von Arbeit und der Sorge, sich und seine Familie durch den Tag zu bringen. Seine Frau Nigar hatte ihm neben einer Tochter auch drei präch­tige Söh­ne geboren, die er durch seiner Hände Arbeit mehr schlecht als recht zu ernähren vermochte. Er konnte es sich nicht leisten, sie auf eine der öffentlichen Schulen zu schicken und doch erzog er sie mit Sorgfalt und gab ih­nen das weni­ge Wissen weiter, das er selbst besaß. Abend für Abend kam Lafar mit müden, wunden Fin­gern aus seiner Werkstatt, löffelte seine wässrige Brot­suppe – die einzi­ge Mahlzeit seines langen Tages – und setzte sich an­schließend zu seinen Jungen, schlug eines der wenigen zerlesenen Bücher auf, die er besaß und las ihnen müh­sam und stockend, die gichtigen Finger auf der Zeile, vor. Seine Söhne nahmen die Weisheiten aus den ver­gilbten Folianten auf und entwickelten sich zu prächti­gen jungen Männern. Sie waren die Wonne von Lafars und Nigars Alter, die Freude, die ihre Au­gen glänzen ließ, die starken Arme, die ihre immer schwä­cher werdenden stützten.

Als die Zeit kam, da Lafar die Tage seines Lebens bei­nahe durchschritten hatte, sorgte er sich um die Zu­kunft und er wusste nicht, wie er seine wenigen Besitz­tümer unter seinen Söhnen aufteilen konnte. Er liebte sie alle gleich innig und mit heißem Herzen und wollte keinen bevorteilen. Obwohl alle durchweg Geschick in Lafars Handwerk zeigten, konnte doch nur einer am Ende das Geschäft erben und es war kein Geld vorhanden, die anderen beiden auszuzahlen. Und so überlegte Lafar und überlegte, bis ihn endlich eine schwere Krankheit niederwarf und auf sein Lager zwang. Er fühlte, dass der Tod neben seinem Kopfkissen stand und er sich vielleicht nicht mehr aus seinem Bett erheben würde.

Da ließ er sich von seiner Frau die drei besten und weichsten Bürsten bringen, die er jemals hergestellt hatte und rief seine drei Söhne zu sich, betrachtete je­den von ihnen lange und zärtlich. Dann sprach er zu ihnen:

„Ich habe euch gelehrt, was ich weiß und es ist an der Zeit, dass ihr mit diesem Wissen hinaus in die Welt geht. Ich werde noch da sein, wenn ihr heute in einem Jahr und einem Tag zurückkehrt. Dann soll der von euch erben, der mir dann die eine Frage beantworten kann, deren Antwort ich in keinem meiner Bücher gefunden habe. Ich möchte wissen, was das wahre Glück ist.“ Anschließend reichte er je­dem der Söhne eine der Bürsten, umarmte einen nach dem anderen und sag­te:

„Ein jeder achte gut auf seine Bürste. Wenn ihr sie am richti­gen Ort und im richtigen Augenblick benutzt, dann wird sie euch einmal – ein einziges Mal – einen Wunsch erfüllen.“

Danach schwieg Lafar und schloss die Augen. Die Söhne küssten noch die abgearbeitete, schwielige Hand ihres Vaters und verließen ihn recht ratlos mit ihren Bürsten in der Hand. Was konnte denn das sein, das wahre Glück?

Noch am gleichen Tag packten sie ihre Siebensachen in ihre Felleisen, verabschiedeten sich von der Mutter und ihrer Schwester und voneinander und machten sich auf, das wahre Glück zu finden. Der älteste – er hieß Masur – ging nach Süden, der zweite, der den Namen Seqr trug, wählte den Weg, der nordwärts aus der Stadt führte und der Jüngste – Jasde – machte sich durch das Tor der frohen Händler nach Westen auf. Dies geschah in den Tagen des „Harmonischen Bambusblatts“, des siebten Namenlosen aus der Bingh–Dynastie, jener ersten und wahren Dynastie, unter deren Herr­schaft Karukora sorglose und friedliche Jahre erlebte, bis die „Bluthand“ Sefredo Sud die Stadt mit seinen Barbaren überfiel und sich selbst zum Namenlosen krönte.

Viele Abenteuer erlebten die drei Söhne in der Frem­de, doch das ist eine weitere Geschichte nach der Ge­schichte und ich will sie euch an einem anderen Tag er­zählen. Doch die Allerbarmerin war mit ihnen und nach einem Jahr und einem Tag kehrten sie wohlbehalten in ihre Heimat zurück.

Masur, der älteste, kam auf einem stolzen, schönen Ross geritten und ihm folgte ein Trupp treu ergebener Reiter, deren Satteltaschen mit Geld, Schmuck und wertvollen Handelswaren gefüllt waren. Aus dem Nor­den kam barfuß und staubig Seqr in die Stadt. Er trug das Gelehrtengewand eines Weisen aus den Akademi­en von Saint Cóbilôtte und auf seinem Felleisen stapel­ten sich dicke Bücher. Jasde zuletzt betrat Karukora, wie er es verlassen hatte, braungebrannt und ein Lied auf den Lippen. Die drei Brüder trafen sich im Hof des heruntergekommenen Hauses ihres Vaters und be­staunten gegenseitig ihr Aussehen.

Lafar hatte Wort gehalten: Auch wenn er im Lauf der zwölf Monate, die vergangen waren, noch schwächer und hinfälliger geworden war, so lebte er noch und war bei klarem Verstand. Zuerst stieg Masur von seinem Schimmel, trat vor seinen Vater, der sein Bett zur Fei­er des Tages hinaus vor die Tür hatte tragen lassen, wo er, von seiner Frau und Kissen unterstützt, halb in ihm saß. Masur kniete nieder und sprach:

„Ein Jahr und einen Tag war ich im wilden Süden un­terwegs und weiß nun, was das wahre Glück ist. Dort bei den Barbaren fand ich reiche, fruchtbare Ebenen und Weiden, die bis zum Horizont und über ihn hinaus reichten. Auf ihnen leben Familien und Sippen, die auf ihren Reittieren mit gewaltigen Herden durch diese immergrünen Gegenden ziehen und ihre Lager auf­schlagen, wo ihr Vieh zum Grasen verweilt. Sie sind frei und kennen keine Herrscher über sich; die überlie­ferten Werte und der Wille ihrer Ältesten sind die ein­zigen Befehle, denen sie gehorchen. Ihre Tierherden bestimmen ihr Handeln und Leben. Sie nahmen mich freundlich in ihrer Mitte auf. Ich erlernte ihre melodiö­se, singende Sprache und verdingte mich als Hirte und Pferdeknecht. Da leistete mir die Bürste gute Dienste, Vater.

Als ich eines Tages das Pferd ihres Clanältesten mit ihr striegelte und sein Fell pflegte, da hegte ich den Wunsch, selbst einmal in den Besitz eines solch wun­derbaren Tieres zu kommen. Und wie du es prophezeit hast, mein lieber Vater, ist es dann auch gekommen: Mein Wunsch wurde erfüllt. Es dauerte zwar noch ein paar Monate, aber eines Morgens rettete ich einem sei­ner Kinder durch Zufall das Leben und ich wurde in seiner Familie aufgenommen, als wäre ich schon im­mer ein Teil von ihr gewesen. Sie teilten ihr Vermögen und ihre Herden mit mir. Sieh mich an. Heute bin ich ein freier, reicher Mann, der viele Tiere und Pferde be­sitzt. Ich benötige dein Erbe nicht mehr. Aber ich weiß nun, dass es das wahre Glück ist, auf dem Rücken ei­nes edlen Rosses wie dem meinen im Sattel zu sitzen und frei wie der Wind über die Ebenen meiner neuen Heimat zu reiten.“

Lafar lächelte und segnete Masur. Er freute sich mit ihm gemeinsam über das Glück, das die Bürste seinem Ältesten beschert hatte. Anschließend trat Seqr neben Masur und kniete ebenfalls vor seinem Vater. Er sprach:

„Mein über alles geliebter Vater. Ich fand im Norden hinter dem Großen Wall, der unsere Wüste von den dunklen, barbarischen Wäldern der Lamargue trennt, Stätten des Wissens, des Fortschritts und der Philosophie. Und als ich staunend durch diese Städte wanderte, stieß ich auf eine gewalti­ge Bibliothek, in der auf Büchern, Folianten und Per­gamenten all diese viele Jahrtausende alte Weisheit aufgeschrieben steht. Doch – ach – nur wenige Gelehrte studierten aufmerksam und ehrfürchtig in diesen ge­segneten Hallen. Der Staub lag fingerdick auf den Goldschnitten der Bände, die niemand mehr las.

Da nahm ich die Bürste, die du mir gegeben hast, reinigte die Bücher und Regale von dem uralten, verkrusteten Dreck, den Spinnweben und den Stockflecken. Dabei wünschte ich mir, ich könne all die Dinge, die in ihnen aufgeschrieben standen und fast vergessen waren, le­sen. Und wie du es prophezeit hast, mein lieber Vater, ist es dann auch gekommen: Mein Wunsch wurde er­füllt. Ich wurde ein Mitglied der Gemeinschaft der Le­senden und Lernenden und mein Wissen wuchs von Tag zu Tag. Das ist der wahre Reichtum und ich benö­tige deshalb dein Erbe nicht. Aber ich weiß nun, dass es das wahre Glück ist, ein Buch aufzuschlagen, den säuerlichen Geruch seiner Bindung und den stumpfen seines Papiers zu riechen, mit angefeuchtetem Finger durch die Seiten zu blättern, die Sätze und all die Ge­schichten, die Erfahrungen und die Erfindungen, die Weisheiten und die Sagen zu studieren, die darin wie in einem Schatzkästlein verborgen sind und dabei die Zeit, den Tag und den Ort zu vergessen. Das ist Glück.“

Und Lafar segnete auch seinen zweiten Sohn und freute sich mit ihm gemeinsam über das Glück, das die Bürste Seqr beschert hatte. Schließlich trat Jasde an das Lager seines Vaters, verbeugte sich und sagte:

„Ich ging in den Westen, bis in die zerstörten und zerklüf­teten Jenseitigen Länder voller Gefahren, Gewalt und Kummer. Dort, hinter dem Babelmassiv, hinter dem bodenlosen Spalt, ist ein Leben nichts wert und der Tod lauert überall, im Schwert eines Räubers, im Reiß­zahn eines Raubtiers, im Gift einer Pflanze und im Lä­cheln einer schönen Frau. Viele Abenteuer und Gefah­ren hatte ich zu bestehen. Ich wurde von Dieben über­fallen und halbtot liegen gelassen, musste Täler, gefüllt mit giftigem Gas, durchwandern und Berge erklim­men, deren Höhe mir den Atem nahm. Ich sah unaus­sprechliche Dinge, schreckliche und schöne. Und ich be­gegnete vielen Menschen, bösen, wie auch guten.

Doch ich benötigte auf meiner Reise kein einziges Mal die Bürste, die du mir schenktest, denn jeder Tag erfüllte mir von selbst meinen einen Wunsch, den ich hegte: Ihn gesund zu überstehen, damit ich nach einem Jahr und einem Tag zu meiner Familie zurückkehren kann. Deshalb wusste ich auch bis heute, bis zu diesem Mo­ment, in dem ich über Schwelle unseres Hauses trat, noch nicht, was das wahre Glück ist. Ich entdeckte es erst, als ich hier Mutter, Schwester, meine Brüder und dich, mei­nen Vater, lebend wiederfand. Das wahre Glück ist es, bei den Menschen zu sein, die man liebt.“

Sprach es, nahm die Bürste, die ihm Lafar vor einem Jahr und einem Tag gege­ben hatte, beugte sich herab und putzte mit ihr den Kehricht vor dem Bett seines Vaters zusammen.

„Und mein einziger Wunsch ist, dass ihr alle für den Rest unseres Lebens mit mir verbunden seid.“

Dann umarmte er zuerst seine Mutter und dann sei­nen kranken Vater, der sich plötzlich viel kräftiger fühlte, aus seinem Krankenlager aufsprang und nach einer heißen Suppe verlangte. Es war, als wäre er nie darnieder gelegen. Was für eine Freude herrschte da im Hause des alten Bürstenmachers! Jeder umarmte den anderen, weinte vor Liebe und pries den Tag.

Und so erbte Jasde, der Jüngste, die Werkstatt seines Vaters. Er zog wieder in das Haus seiner Eltern und die Bürsten, Feger und Handbesen, die er unter der Anleitung des Alten, der wieder vollständig genas, her­stellte, waren die schönsten und besten in ganz Karu­kora und verkauften sich so gut, dass Jasde bald dar­auf ein Mädchen aus der Nachbarschaft freien und es heiraten konnte. So oft sie konnten, kamen seine Brü­der aus dem Süden geritten und aus dem Norden ge­laufen und die Feiern im Hause des Lafar waren die fröhlichsten und ausgelassensten unter der Wüsten­sonne.

Denn wahrhaft glücklich ist nicht, wer Reich­tum und Wissen anhäuft, sondern wer Menschen fin­det, die ihn auf seinem Lebensweg begleiten und ein Stück seiner steinigen Wanderung in Liebe mit ihm gehen.

Auf diese Weise lebte die Familie des Bürstenmachers glücklich miteinander, bis nach vielen, vielen Jahren der Tod, der Zerstö­rer aller Freuden, der Verwüster aller Heimstätten und der Vergifter aller Speisen unter sie trat. Ver­herrlicht sei die Allerbarmerin, die ihre Tränen für uns alle vergießt.«

(Auszug aus „Karukora“)

Karukora erwacht

uch wenn es nahezu jeder Bewohner des Juwels der Wüste anders empfunden und sich das tägliche Wunder fast nicht mehr erhofft hatte: Selbst diese längste aller Nächte, die über das Maß hinaus von Schrecknissen, Gewalttaten und Mord angefüllt gewesen war, selbst sie hatte schließlich wie jede Nacht auf Erden ein Ende – auch wenn es sich so angefühlt hatte, als würde ihre Schwärze und Kälte so ewig wie der Tod währen. Schließlich tauchte die Sonne doch noch strahlend am wolkenlosen, östlichen Firma­ment über der fernen, durch die Luftspiegelungen viel näher wirkenden und bereits in der Hitze schwimmenden Hügelkette auf, die die Grenze zu den Ebenen des ewigen Kriegs markierte. Und die Sonne tat, was sie treu und zu­verlässig an jedem neuen Morgen machte, den die Allerbarmende in ihrer Großmut ihren sündigen Geschöpfen noch gewähren wollte. Zögernd erst, aber dann machtgewohnt und gelassen kletterte das Tagesgestirn während seiner Wanderung gemächlich über dem Hori­zont der Toten Wüste empor und hinauf in den Zenit. Sie würde dies bis ans Ende aller Tage tun; bis in nicht mehr allzu ferner Zukunft der schwarze Máni auf seinen Platz am Himmel zurückkehren und mit sei­nem Zorn allem Leben ein brennendes und qualvolles Ende bereiten würde. So lange würde die Sonne weiterhin ihre wabernde Gluthitze auf Karukora und die umliegenden Wüsteneien herabsenden und über Guten und Bösen, Armen und Reichen und Alten und Jungen gleichermaßen scheinen.

Die Sonne vertrieb die Finsternis, aber nicht die Sorgen der Bürger der Wüstenstadt. Es war den Gassen, Häusern, Tempelanlagen und auch dem elfenbeinernen Palast selbst nicht anzumerken, dass an diesem Morgen alles anders war als nur fünfundzwanzig Stunden zuvor. Doch in der Stadt herrschte eine Stille, als hätte sie in der Nacht ihren Platz mit Tudas‘Tel ge­wechselt, der verfluchten Friedhofsstadt im Weichbild von Nearoma; der Heimstätte der Dämonen und Toten, die nur wenige tollkühne Abenteurer und Grabräuber zu betreten wagten und die kaum einer von ihnen wieder lebendig verlassen hatte. Die Sonnen­strahlen erhellten inzwischen auch noch die letzten Winkel der Straßen und Plätze, die großen Märkte, die tausend Brücken über den Syris, die Gärten, Balkone und Hinterhöfe der ziegelroten Gebäude und die üppigen Wohnstätten der Reichen, doch nirgendwo fanden sie eine lebende Seele vor. Selbst die vielen Straßenköter, die vor allem in den handtuchbreiten Gässlein und übereinandergestapelten Hütten des Armen­viertels Hamdala eine Plage waren, hatten sich in den finsteren Löchern und Verschlägen versteckt, die sie mit manchem grindigen Bettler und hustenden Straßenkindern teilten. Auch Karuko­ras wohlhabendere Bürger hatten sich wie diese Hunde in ihre Behau­sungen zurückgezogen, hinein in die stickige Luft ihrer Häuser und Woh­nungen. Die Fensterläden waren fest verschlossen, die Türen verrammelt und verriegelt. Kein Kaufmann und kein Handwerker hat­te am Morgen seinen Laden geöffnet, niemand saß auf den Stühlen vor den Kav–Schenken und die Bazaare waren wie leer­gefegt. Die Priesterinnen der Tränenreichen hielten keine Gottesdienste ab, und die Vorbeter schwiegen. Nirgendwo genoss jemand die Frische und den Tau des frühen Tag in den Parkanlagen. Keiner bettelte auf den öffentlichen Plätzen, es kehrten keine übermüdeten Nachtschwärmer in ihren Sänften von ihren Vergnügungen heim und kein Schüler eilte verspätet zum Unterricht. Kein Wagen rumpelte über die Pflas­ter, kein Stocherkahn befuhr den Syris und kein Dampfer tuckerte den Marat hinab. Die Stadt hielt den Atem an und verbarg sich ängstlich vor der Sonne.

Die gewaltigen Maratschleusen, die flussabwärts hinter der Stadt lagen, waren noch vor Morgengrauen mit den schweren, baumstammdicken Ketten ihrer zwei Zoll­schrankentürme gesichert worden und verhinderten den kompletten Schiffsverkehr auf dem Strom, der sich nördlich bis zu den Anlegestellen bei den Zuckerrohrplantagen von Herfis staute. Auch der Fähr– und Bootsbetrieb im großen Hafen von Karukora war fast vollkommen zum Erliegen gekommen, so dass die beiden Stadtviertel Karus und das am östlichen Marat-ufer liegende Korus wie während einer Pocken–Quarantäne voneinander getrennt waren. Auch das Freihandelszentrum auf der großen Flussinsel Gidabé konnte man von Karus aus praktisch nicht mehr erreichen. Für die Bewohner der Stadt war die gewaltige überdachte „Fünfzig–Vogelseelen“–Wehrbrücke, die ein Teil des nördlichen Schanzmauerrings bildete, nahezu die einzige Möglichkeit, von der einen Seite des Juwels der Wüste auf die andere zu wechseln. Auch wenn sich niemand auf die Straßen traute, waren die Brücke wie auch die fünf großen Karawanentore auf Befehl des Namenlosen versperrt worden und wurden von Treuwächtern und Sbirren streng überwacht. Niemand konnte diese Ausgänge aus der Stadt benutzen, der sich nicht peinlich genau nach seinem Woher und Wohin befragen und sich zudem einer strengen körperlichen Untersuchung unterziehen lassen wollte.

Zudem war die über zwei Meilen lange und 120 Fuß breite „Fünfzig–Vogelseelen“–Brücke über den Fluss – ein architektonisches Wunderwerk aus der späten Adin–Dynastie – von Legionen von Soldaten und einem langen Militärtross verstopft, die gemeinsam und hastig dem Exerzierplatz hinter dem Ambra–Tor zustrebten, der nur zwei Murlansprünge von der dahinter liegenden Alhaşra–Karawanserei entfernt lag. Auf diesem Marsfeld sammelten sich unter dem Oberkommando des Ser’Asker Paşa Ultem seit dem Morgengrauen zwei große Heeresabteilungen und errichteten ein provisorisches Militärlager. Der oberste General des „Unterwerfers“ organsierte dort nicht nur seine fünftausend Kamelreiter und einhundert mit jeweils zehn Kriegern und einem Mahut besetzte Kriegsmachmouts, sondern zog aus den vier Kasernen rund um die Stadt auch fast doppelt so viele Fußsoldaten und einen fünfhundert Mann starken Elitetrupp Treuwächter zusammen. Auf Befehl des Namenlosen bereitete er alles für den Feldzug seines Herrschers vor, der am nächsten Morgen beginnen sollte. Es waren Boten nach den am Südmeer gelegenen Hafenstädten Aptera und Fasyd as Lindmar unterwegs, um von den dortigen Garnisonen weitere Truppen abzurufen, die in Eilmärschen folgen sollten. Wenn alles nach Plan lief, würden diese Grenztruppen in ein zwei Wochen zum Hauptheereszug aufschließen, bevor dieser mit ihnen gemeinsam das Ringgebirge überwinden sollte, das die Tote Wüste von dem Krater trennte, in dem sich die Ebenen des Ewigen Krieges ausbreiteten. Auf dem Exerzierplatz bildete sich in diesen Morgenstunden die größte Armee, die die Menschen der Wüstenregionen der Überlebenden Lande seit der Schlacht der vierzigtausend Seelen vor fast einhundert Jahren erblickt hatten.

Als bei Aufgang der Sonne endlich auch der kleine Trupp um Juel und Selin die Innereien des ElfenbeinPalastes und die große Kaverne über einen Kanalschacht und durch eine geheime Falltür in einer verfallenen Schmiede in der Nähe des Karushafens verließ, erschien es für die Flüchtigen also unmöglich, das verschlossene Karukora zu verlassen und Sirtis und Tonino in der von Militär beinahe umzingelten Karawanserei zu erreichen, die ja auf der anderen Seite des breiten Stroms lag. Doch Jalah hatte sich am Vorabend gut auf diesen Morgen vorbereitet und konnte sich der Hilfe ihrer „Flinken Finger“ sicher sein.

(Auszug aus „Die Verliese des Elfenbeinernen Palastes“)

Eine Flucht ins Ungewisse

er Tod holte auf. Gegen Mittag verwandelte sich der eisige Regen übergangs­los in ein dich­tes Schneetreiben. Erbarmungslos trieb der Sturm nun dicke, feuchte Flocken fast waagerecht vor sich her. Er schleuderte sie mit aller Gewalt den drei Fliehenden entgegen. Sie konnten keine zehn Fuß weit sehen auf ihrer schmalen und rutschigen Felsenstufe mitten im Nichts der fast senkrecht aufragenden Nord­flanke des menschenfeindli­chen Berges Gynashort.

Es grenzte an ein Wunder, dass keiner von ihnen aus­glitt und sie gemeinsam in die wolkenverhangene Tryas-Schlucht stürzten, von deren bodenlosem Ab­grund sie oft nur eine Un­achtsamkeit und ein Stolpern trennte.

Die schweigsame Sakket ging vorsichtig voran. Sie tastete sich mit der rechten Hand am glitschigen, nas­sen Felsen entlang, während sie die andere schützend vor ihr Gesicht hielt. Durch ein Seil mit ihr verbunden folgte drei Schritte dahinter Erson. Den Abschluss bil­dete Idris Henk Baldaar. Ihn hatte noch im Verbotenen Tal ein auf gut Glück abge­schossener Pfeil eines ihrer hartnäckigen Verfolger knapp unter dem rechten Schulterblatt getroffen und schwer ver­wundet. Erson hatte den Schaft zwar auf der Stelle direkt oberhalb der Wunde abgebrochen und diese dann notdürftig ver­bunden, aber es war nicht die Zeit geblieben, die mit Wi­derhaken versetzte Pfeilspitze mit dem Messer her­auszuschneiden. Er hatte auch nicht die chirurgischen Kenntnisse, solch eine Operation sauber durchzufüh­ren. Deshalb drang die Pfeilspitze mit jeder Bewegung tiefer in Idris‘ Fleisch und dieser gutmütige Bär von einem Mann litt gewaltige Schmerzen. Er trug sie wortlos und mit stoischer Miene.

Allerdings wurde der Schritt von Idris mit jeder Stun­de un­sicherer. Seine Begleiter und er tasteten sich des­halb immer langsamer auf der manchmal nur einen Fuß schmalen, zu­dem bröckligen Felsenstufe zwischen Himmel und Hölle weiter, von der die Gejagten hofften, dass sie ein Weg hinauf aufs Gipfelplateau und nicht nur eine weitere Sackgasse war. Sie kamen langsamer voran, als ihnen lieb war. Schließlich konnte jederzeit wieder einer ihrer Verfolger in ihrem Rücken auftau­chen; einer der blutrünstigen Barbaren des Nordens, die sich selbst so trefflich Tudasgarda, der „Tod aus dem Himmel“, nannten. Weil das Freundestrio sich heimlich in die Tabuzone ihres heiligen Berges Gynas­hort gewagt hatte und sie dabei von einem Späher er­tappt wor­den waren, jagte ein Trupp der besten Männer der Tudas­garda hinter ihnen her. Diese Elite­krieger hießen bei ihrem Volk, das ein primitives Wen­disch sprach, Kling’Arta, also „Himmelskrieger“. Sie verfolgten die drei Eindringlinge be­reits seit vier Tagen erbarmungslos durch die Wälder und über die Felsen. Und sie kamen immer näher! Manchmal meinte Erson, er könne bereits ihren keuchenden Atem in seinem Nacken spüren. Er drehte immer häufiger seinen Kopf nach hinten, versuchte, mit seinen Blicken den dichten Nebel zu durchdringen, der sich nur wenige Schritte hinter ihm und Idris wieder wie ein grauer Vorhang über den Weg schob. Der Ausblick nach vorn war der­selbe: Die Flüchtigen waren gefangen in einer Welt aus waberndem, eisigem Dampf und feuchtem Schneetrei­ben, aus der ihnen in jedem Mo­ment der Tod entgegen­treten konnte. So viele Arten zu ster­ben gab es auf dem Gynashort und nur eine, am Leben zu bleiben.

Es war nicht das erste Mal, dass der verlockende Be­richt von Henne, dem Biberjäger, Sakket, Erson und Idris dazu verlei­tet hatte, sich heimlich und vorsichtig dem himmelhohen Massiv inmitten des unwegsamen Rauen Gebirges zu nä­hern und sich in die verbotenen Jagdgebiete der grimmigen Tudasgarda, die ihr Land rund um den Gynashort eifersüch­tig bewachten, zu schleichen. Glaubte man Hennes Erzäh­lungen, dann barg der mächtige Berg in seinem Inneren die verbor­gene alte Stadt Bridon und ihre unvorstellbaren Schät­ze. Nie war es ihnen jedoch gelungen, einen Aufstieg auf den Gipfel und den Weg zu der alten Königsburg zu finden. Wie­der und wieder hatten sie unverrichteter Dinge und mit lee­ren Beuteln in ihre von Kanälen ge­musterte Heimatstadt Garda heimkehren und sich dem Spott ihrer im warmen Nest der Lahmen Curie zurückgebliebenen Kumpane stellen müssen.

Diese ständigen Grenzverletzungen konnten auf die Dauer nicht gutgehen und dieses Mal waren die drei Schatzjäger von einer Gruppe Himmelskrieger ertappt worden – gerade als die Gefährten endlich von weitem einen vielversprechen­den Pfad den Nordhang hinauf entdeckt hatten; ganz wie es ihnen vom alten Henne versprochen worden war. Seitdem hetzten sie nun schon auf der Flucht diesen Saumpfad empor und hat­ten längst das Ende ihrer Kräfte, aber nicht das Ende des Weges erreicht. Wenn sie nicht bald den Gipfel des Gynashorts und damit einen Ort betraten, den die Tu­dasgarda nach den Worten des Jägers angeblich nicht zu be­treten wagten, da sich dort der von ihren grauen­vollen Dai­mona bewachte Eingang zu der sagenhaften Stadt befand, dann würden über kurz die abgeschnitte­nen Köpfe der drei auf Pfähle gespießt den Tabor der Barbaren zieren und ihre Herzen bei einem ihrer grau­sigen Festmahle als Speise für die tapfersten der Krie­ger dienen.

„Halt!“, rief Erson und stemmte sich gegen den Fels. Er griff das Seil fester, das an seinem Gürtel befestigt war und ihn plötzlich nach hinten zog. Der verwundete Idris war an einer etwas breiteren Stelle erneut ins Stolpern geraten und nur seine Verbindung mit den an­deren hatte verhindert, dass er in die Schlucht stürzte. So kippte er, von Ersons Kraftakt ge­zwungen, auf die andere Seite gegen einen großen Felsblock, rutschte langsam an ihm zu Boden. Er rang dort pfeifend um Atem, der als dichte Wolke über seiner vermummten, in sich zusammengekauerten Gestalt stand. Sakket kam besorgt zu­rück, wollte sich an Erson vorbei quet­schen. Er versperrte ihr den Weg.
„Wir müssen weiter! Wir können nicht schon wieder pausie­ren“, drängte die gertenschlanke Frau. Erson sah sie mit ei­ner seltsamen Miene an und schüttelte den Kopf. Auch wenn er es noch nicht wahrhaben woll­te: Die Flucht war vorbei, hier und jetzt. Idris würde keine fünfzig Fuß mehr weiter gehen können. Wenn er sich überhaupt noch einmal erhob. Sakket erwiderte den Blick ihres Freundes, der ihr wie ein Bruder war. Sie kannte den dicken Erson schon seit den Ta­gen ihrer gemeinsamen Kindheit im düsteren Waisenhaus der Gemeinschaft der Leidenden Gene in Garda und ver­stand ihn auch ohne Worte. Die Zeit für eine verzwei­felte Entscheidung war gekommen und nur Sakket hatte von den Gefährten die Entschlossenheit, sich ihr zu stellen. Sie war eine geborene Anführerin und die treibende Kraft der klei­nen Gruppe. Sie drückte sich an Erson vorbei und beugte sich zu Idris hinab, sprach aufmunternd auf ihn ein.

Aber er reagierte nicht. Erst als Sakket einen Hand­schuh abstreifte und mit ihrer bloßen Hand die Wange des Verletz­ten berührte, bewegte er sich, hustete. Dann schien er sich zu fangen und kam wieder etwas zu sich. Trotzig schob er seine Kapuze vom kahlen Schädel und sah auf. Seine großen braunen Augen, die Sakket im­mer an den Blick eines treuen Hundes erinnerten – so überrascht und sanftmütig blickte ihr großer Freund in die Welt – ruhten sanft und fast mitlei­dig auf dem Mäd­chen, das er wie auch Erson heimlich liebte. Er hatte nie viel von diesen Schatzsuchen gehalten und nur ihr zuliebe an ihnen teilgenommen, weil er Sakket be­schützen und in ihrer Nähe sein wollte.

„Es geht nicht mehr“, stellte Idris nüchtern fest. „Hier ist mein Pfad zu Ende.“

Seine Stimme klang entschlossen. Auch Erson trat nun her­an, schob einen Arm hinter die Schulter von Idris und richte­te ihn ein wenig auf, weil er ihm das Atmen erleichtern woll­te. Dabei hob er den Mantel sei­nes Freundes leicht an und spähte nach dem Verband über dessen Wunde. Er klebte vollgesogen von feuch­tem, frischem Blut, das das starke Herz seines Freun­des großzügig aus der schweren Verlet­zung am Rücken pumpte. Es war ein Wunder, dass Idris es überhaupt bis hierher geschafft hatte. Bei dieser großen Wunde und dem Blutverlust hätte er eigentlich schon seit ei­nem Tag tot sein müssen.

„Komm, mein Freund“, sprach Erson wider besseren Wissens ihm und wohl auch sich selbst Mut zu, „es ist nicht mehr weit, denke ich, vielleicht noch einen Fur­long. Ich werde dich tragen.“ Idris musterte überrascht den kleinen, untersetzten Mann, mit dem er so viele Abenteuer erlebt hatte. Dann lachte er schallend.

„Vergiss es. Du kannst doch nicht einmal einen vollen Bier­krug stemmen!“ Idris‘ Lachen ging in ein gequältes Husten über und sein Gesicht verzerrte sich unter den Schmerzen. „Nein, hört: Ihr müsst mich zurücklassen. Vielleicht kann ich unsere Verfolger ein wenig aufhal­ten und euch etwas mehr Zeit verschaffen. Dann hätte das alles einen Sinn.“

Er tastete nach seiner Pistole, die er in einer Tasche an sei­nem Gürtel trug. Die kleine, schmale Waffe ver­schwand fast in seiner an Bärentatzen erinnernden Hand, die seltsamer­weise sechs Finger hatte. Er richte­te sich unterstützt von seinen Gefährten weiter auf, lehnte nun halb gegen den Fel­sen. Er spuckte Blut aus.

„Idris Henk Baldaar!“, rief Sakket vorwurfsvoll den ganzen Namen ihres Freundes. So sprach sie ihn nur an, wenn sie wütend auf ihn war. „Das machen wir auf keinen Fall! Wir schaffen es alle gemeinsam!“

„Weißt du nicht mehr? Wir drei oder keiner“, wurde sie von Erson unterstützt. Idris schüttelte müde seine Glatze und deutete mit einem ironischen Blick zurück.

„Diese Entscheidung müssen wir nicht mehr treffen“, sagte er. Gleichzeitig war ein triumphierendes Heulen zu hören. Sakket und Erson zuckten zusammen und wirbelten herum. Durch ein mutwilliges Spiel des Sturms rissen für einen kur­zen Moment die dicken Schneewolken auf, zerfaserten über dem schwindeler­regenden Abgrund. Tatsächlich verirrte sich ein verlo­rener Sonnenstrahl hinab auf das schmale Fels­band. Die Sicht hinunter wurde plötzlich besser und man konnte ein langes Stück des Weges zurückblicken, den die drei geflohen waren. Erst jetzt bemerkten sie, wie hoch sie schon waren; ihr Pfad hatte sie schon viele Furlong über den Talgrund hinauf geführt. Und auf diesem engen Weg rann­ten ihnen auch weiterhin ihre Verfolger hinterher! Sie waren noch immer ihrer Beute auf der Spur.

Nur wenige hundert Fuß hinter und zwei Serpentinen unter ihnen kamen fünf, nein, sechs Krieger der Tudas­garda eilig näher. Wie Schweißhunde hetzten sie den Pfad entlang, missachteten dabei die Gefahren des schmalen Felsenab­satzes. Endlich hatten sie ihre Jagd­beute entdeckt und es war ihr vielstimmiger, zufriede­ner Ruf, der zu den dreien her­auf klang. Die Himmels­krieger beschleunigten noch ihr Tempo und kamen in halsbrecherischer Geschwindigkeit her­an, gerieten dann jedoch an der Bergflanke aus dem Blickfeld der wie zu Eis erstarrten Gejagten, weil der Pfad einen Bo­gen in einen kleinen Tobel machte, den ein Wasser­fall an dieser Stelle in den Fels gegraben hatte. Erson wuss­te noch, dass dort viel lockeres Geröll und Splitt über den Weg gerutscht war und die Stelle zusammen mit dem von oben herabstürzenden Wasser nur schwer begehbar machte; vor allem, wenn man wie die Tudas­garda kein festes Schuh­werk, sondern nur zusammen­gebundene Lederstreifen an den Füßen trug. Aber bald würden die furchterregenden Krieger wieder aus dem Einschnitt im Felsen auftauchen und dann gerieten Sakket, Erson und Idris in die Reichweite ihrer tod­bringenden Pfeile und den Bolzen ihrer Armbrüste. Den Gefährten blieben nur noch wenige Augenblicke.
Idris fingerte an dem feuchten Knoten, mit dem das Siche­rungsseil an seinem Gürtel befestigt war, das ihn mit den anderen verband. Seinen klammen Fingern ge­lang es nicht, ihn zu lösen.

„Bei Inets brennendem Schwanz! Vielleicht wollt ihr mir mal helfen?“, fluchte er. „Was wartet ihr noch? Ich bin der einzi­ge, der eine Waffe besitzt, auch wenn sie nur ein Spielzeug ist. Verdammt!“

Erson wurde rot. Dass die drei ihre Jagdflinte verlo­ren hat­ten, war seine Schuld gewesen. Er hatte unge­schickt nach ihr gegriffen. Dabei war sie ihm aus den feuchten Fingern geglitten und unwiederbringlich in eine tiefe Felsspalte ge­rutscht.

„Niemals“, antwortete er trotzig, aber da hatte Sakket schon kurzentschlossen ihr Messer gezogen und schnitt einfach das Führungsseil durch, an dem Idris verzwei­felt zerrte.

„Was …?“ Ohne auf seinen Protest zu achten, packte sie Er­son am Oberarm, zog ihn zurück, weg von seinem Freund. Ihr Griff war kraftvoll und zwingend. Sie nick­te Idris auf­munternd zu, der sich nun hinter dem nied­rigen Felsen eine Deckung suchte und mit seiner Pisto­le in die Nebelschwaden zielte, die sich wieder über den Weg gelegt hatten.

„Nein!“ Erson riss sich trotzig von Sakkets Umklam­merung los und drehte sich erneut zu Idris. Er wollte nicht wahrha­ben, dass die drei ihr Blatt bereits aus­gereizt hatten. Er wür­de seinen Freund hier am Ende der Welt nicht einfach im Stich lassen und den Kling’Arta der Tudasgarda opfern. Das konnte nicht sein, das passte nicht in sein Weltbild. Es musste einfach noch einen Ausweg geben. Bisher war da im­mer einer gewesen: Das eine Schlupfloch, das er zuver­lässig lange vor den beiden anderen entdeckte und durch das sie sich immer wieder aus einer Gefahr hat­ten retten können. Erson hatte es noch jedes Mal ent­deckt. Auch heute würde ihm etwas einfallen …

Ein schwarzer Schatten zischte so knapp an Ersons Kopf vorbei, dass er das dunkle Brummen einer wüten­den Libelle zu vernehmen meinte. Das Geschoss schlug direkt hinter ihm in die mürbe Felswand. Ein paar Holzsplitter von dem Bolzen und kleinere Steinbröck­chen spritzten Erson von der Seite ins Gesicht und ris­sen seine Wange blutig. Abgelenkt hob Erson die Hand zum plötzlichen Schmerz und sah über­rascht zurück. Gleichzeitig ertönte Idris erster Schuss und wurde grollend wie ein ferner Donner von den Felswänden zu­rückgeworfen, laut in den Ohren klirrend. Wie die Friedensglocke von Kalar hörte er sich an. Freilich ver­fehlte Idris auf diese Entfernung sein Ziel um einige Fuß, jenen er­sten und vorwitzigsten der Tudasgarda-Krieger, der jetzt auf dem Pfad nur eine einzige Kehre unter ihnen erneut aus dem Bergschatten aufgetaucht war und mit seiner Armbrust auf die Flüchtigen an­gelegt hatte. Dennoch erreichte der Schuss von Idris, dass sich der trotz der bitteren Kälte halb­nackte Mann eilig hinter den Felsvorsprung zurückzog.

(Auszug aus „Meister Siebenhards Geheimnis“)