»DIE VERLIESE DES ELFENBEINERNEN PALASTES» FÜR 99 CENT!

Verliese99

Die Verliese des elfenbeinernen Palastes
Fantasy/SF-Roman
(Die Buchausgabe hat 400 Seiten)

Der Weg, der in den Tag führt – Band 2
Das Prequel zur Brautschau-Saga

»Herrin der Nacht, du allessehende und Allerbarmende. Höre mich. Sechs Männer waren es, die meine Schwester töteten. Heute Nacht werden sie für die Untat büßen, die sie vor 20 Jahren begangen haben. Keiner von ihnen wird seinem Schicksal entkommen!«

Der Regno der Lamargue wurde auf dem Gastmahl des Großvezirs der Wüstenstadt Karukora vergiftet. Während sich das fröhliche Fest in eine blutige Schlacht verwandelt, nutzen ein paar Diebe die Gunst der Stunde. Sie wollen aus dem Thronsaal des Namenlosen Herrschers der von Karukora eine Landkarte stehlen. Sie soll einen Weg aufzeigen, der durch die »Ebenen des Ewigen Krieges« hinein das sagenhafte Pardais führt.

Der Diebstahl gelingt, aber die Häscher des »Unterwerfers« sind ihnen auf der Spur. Es beginnt ein verzweifelter Wettlauf mit der Zeit. Selin, Juel und ihre Gefährten müssen durch die Verliese des elfenbeinernen Palastes in die Tote Wüste flüchten und überall lauern tödliche Fallen und Gefahren auf sie.

Weitere spannende Abenteuer und Märchen wie aus 1001 Nacht.

ALS EBOOK FÜR KURZE ZEIT ÜBERALL IM HANDEL FÜR NUR 99 CENT ERHÄLTLICH!

Wie angekündigt, sind im August alle E-Bookausgaben meiner Bücher im Preis reduziert.

»Karukora» FÜR 99 CENT!

Sucht ihr noch eine gute Urlaubslektüre? Dann greift doch einmal zu einem Buch von mir!  Für kurze Zeit kosten meine E-Books im Handel nur 99 Cent. Ich garantiere, dass ihr diese außerordentliche Belastung eures Geldbeutels nicht bereuen werdet und danke euch im Voraus für euer Interesse.

Karukora99

Karukora
Fantasy/SF-Roman
(Die Buchausgabe hat 380 Seiten)

Der Weg, der in den Tag führt – Band 1
Das Prequel zur Brautschau-Saga

Sechstausend Jahre sind vergangen, seit sich die hochentwickelte Kultur der Vorgänger in ihrer Hybris selbst vernichtet hat. Obwohl viele Länder der Welt dabei vollkommen zerstört wurden und die heute unbetretbaren Jenseitigen Lande im Westen bilden, sind die Vorgänger für die heutigen Völker nur mehr eine vage Erinnerung und ihr enormes technisches Wissen ist fast vollkommen vergessen. Allein Märchen und Sagen erzählen von ihnen und ihren Geheimnissen.

Doch noch immer kämpfen uralte Roboterarmeen und Kriegsmaschinen östlich der großen Wüstenstadt Karukora in einer gewaltigen Schlacht, die nicht enden will.

Gibt es eine alte Landkarte, die durch diese Ebenen des Ewigen Krieges nach Pardais, der Stadt des Friedens, führt? Der alte Märchenerzähler Alis ist davon überzeugt. Er gerät auf der Suche nach ihr zusammen mit seinem Enkel Selin, dem Kaufmann Juel und dem jungen Mönch Sahar am Hof des Namenlosen, des grausamen Herrschers von Karukora, in ein Kesseltreiben aus Intrigen, Verschwörungen und finsteren Mordplänen.

Und welches dunkle Geheimnis verbirgt sich wirklich hinter dem Weg, der in den Tag führt?

Spannende Abenteuer und Märchen wie aus 1001 Nacht.

Mánis Fall – Der Prolog zu Brautschau 1

Ein langweiliger Abend

elbst das größte aller Abenteuer hält für seine Helden viele fade Momente, Stunden und Tage bereit. Wären die Barden, Liedersänger, Märchenerzähler und Chronisten ihrer Erlebnisse ehrlich mit ihren Zuhörern oder Lesern, so müssten sie es kleinlaut eingestehen: Die Zeiten, von denen während einer Aventüre nichts Erregendes oder Spannendes, Interessantes oder Wissenswertes berichtet werden kann und die deshalb von ihnen mit wenigen Worten vernachlässigt und oft übersprungen werden, diese Zeiten sind Legion.

Lasst uns trotzdem solch einen langweiligen Moment betrachten, den uns die Dichter so gerne vorenthalten und ihn auslassen, um schnell zum ›spannenden Teil‹ zu kommen. Gerade diese Augenblicke der Ruhe zeigen das wahre Gesicht unserer Helden und wir erfahren Dinge über sie, die sie uns näherbringen. Der Feuerschein einer stillen, bewegungslosen Nacht, um den sich sechs Menschen an einem einsamen Ort versammelt haben, fördert manches zutage, manchmal sogar ein ganzes Leben.

Die Abenddämmerung über den weiten, schier endlosen Bittermarschen der Jenseitigen Lande senkte sich eilig auf eine kleine Gruppe von Abenteuern herab. Diese stapfte schon den ganzen Tag schwerfällig durch den aufgeweichten Schlamm gen Osten und war am Ende ihrer Kräfte angelangt. Ihr Ziel war der Wald von Ygdras, wo sie bei den Albyhn von Usgârt Schutz und Verbündete finden wollten. Noch waren die fünf Abenteurer viele Meilen und etliche Tagesmärsche von dem vermeintlich sicheren Ort entfernt, dessen gewaltige Baumriesen sich bereits am Horizont wie ein schwarzer, unüberwindbarer Festungswall emporstreckten. Auch der große Baum Ygdras selbst stieg bereits in der Mitte des Waldes wie ein einsamer Berg weit in den Himmel weit hinauf. Seine zu jeder Jahreszeit belaubte Spitze verschmolz mit dem Grau der niedrig hängenden Wolken. Aus ihnen regnete es schon seit fast einer Woche ohne Pause auf Ebene und die Wandernden herab. Die kalte Nässe weichte nicht nur den Boden, sondern auch die Kräfte und den Willen der Flüchtenden auf, von denen keiner mehr ein trockenes Kleidungsstück am Leib trug. Sie stemmten sich, vom Gewicht ihrer vollgesogenen Felleisen niedergedrückt, gegen den Wind, der die Regenwut wie einen Vorhang in ihre Gesichter peitschte.

Der Kaufmann und Meisterdieb Juel, der den Trupp zusammen mit der ortskundigen, jungen Labelle anführte, blieb am Rand eines schwarzen Teichs stehen und nahm den schweren Rucksack von den Schultern. Er drückte seinen verspannten Rücken durch, bis er knackte und wischte sich erschöpft den Regen von Gesicht und Glatze. Anschließend hob er die Hand und wartete, bis die inzwischen weit auseinandergezogene Gruppe langsam zu ihm aufschloss. Währenddessen sah er sich zweifelnd um. Die vollkommene Stille seiner Umgebung, die nur von den Geräuschen der fünf Personen hinter ihm und dem Plätschern der Regentropfen unterbrochen wurde, gefiel ihm nicht. Er wusste, dass niemand diesen Landstrich bewohnte. Aber es waren nicht die Menschen, die er fürchtete. Doch so sehr er auch in die nahende Finsternis lauschte und in seine Umgebung spähte: Er spürte keine Gefahr.

Der dicke und geschwätzige ältere Mann hatte längst viel von seinem eigentlich unverwüstlichen und berüchtigten Humor verloren. Wie auch seine Zuversicht war er ihm irgendwann an diesem Tag im Matsch auf dem Weg hinter ihnen abhandengekommen. Auf der Suche nach dem dritten Stab war Juel zusammen mit seinem Freund Adelf von Süderbal schon einmal in dem Schwemmland jenseits des ›Großen Waldes‹ gewesen, aber das war nun bald zehn Jahre her und er war unsicher. Er hoffte, im Wald würde es leichter werden, doch hier draußen in der durchtränkten Ebene ohne markante Landmarken hatte sich in der Zwischenzeit vieles verändert. Die Karte, die er damals in seinem Kopf angefertigt hatte, stimmte nicht mehr. Durch die ununterbrochenen Regengüsse waren die meisten der Wege, die er früher gekannt hatte, ungangbar geworden. Die Sintflut vom Himmel hatte kleine Bäche in reißende, unpassierbare Flüsse und die Wiesen in tückische Sümpfe verwandelt, deren Erdreich unsicher war und grundlose Schlammlöcher und Treibsand verbarg. So hatten sie auch an diesem Tag immer wieder größere Umwege in Kauf nehmen müssen. Mittags war die Gruppe wegen einer Halbinsel, die sich als Sackgasse entpuppte, sogar zur Umkehr gezwungen und hatte dabei viel Zeit verloren. Obwohl sie heute ohne größere Pausen seit nun geschlagene neun Stunden unterwegs waren, waren sie deshalb nur wenige Meilen näher ihr Ziel herangekommen.

Solch einen nicht enden wollenden Regensturm mitten im Sommer hatte der fünfzigjährige Juel in seinem Leben noch nicht erlebt. Der ehemalige Erzabbas Jac hatte ihm erzählt, dass der schwarze Mond, der in gut drei Monaten vom Himmel stürzen würde, durch seine langsame Annäherung an die Erde seit geraumer Zeit das Wetter beeinflusste. Das würde die Hitzewellen des letzten Sommers, den ungewöhnlich harten und langen Winter, den abrupten Frühlingsbeginn am Ende des Ventôse und die massiven, salzigen Regenfronten erklären, die seit dem Messidor vom Ödwasser her in endloser Reihe über die Jenseitigen Lande zogen. Nun, wenn es Juel und seinen Gefährten nicht gelang, ihn zu verhindern, dann waren es heute noch exakt 158 Tage bis zum Weltuntergang! Da durfte das Wetter ruhig ein paar Kapriolen schlagen.

Inzwischen hatten sich Juels Begleiter zu ihm gesellt. Mit ihm selbst waren sie zu sechst: Der gebrechliche Mönch Jac, der Ordensritter Rüder, die Brautwandererin Hetha, die unheimliche Fabia und Lâbelle von den Parsern – drei Frauen übrigens, die man sich kaum unterschiedlicher vorstellen konnte. Ihre alte Gruppe hatte sich vor zehn Tagen nach den Abenteuern in der Ruinenstadt Pars und der dramatischen Fahrt über den Fluss Seyn auftrennen müssen. Sahars Truppe ritt auf den merkwürdigen Pferden der Parser weiter nach Südwesten in Richtung Hindersaat und hinterließ dabei absichtlich überdeutliche Spuren, damit der grausame General Windart und seine Mönchssoldaten ihnen und nicht den zu Fuß Fliehenden folgten. Währenddessen wollten sich die sechs Anderen durch die wandernden Sande und die überschwemmten Bittermarschen in Richtung Ygdras-Wald schleichen. Es war vereinbart, sich nach etwa dreißig Tagen in dem elenden Dorf Ende an der Grenze zu den Überlebenden Landen wiederzutreffen. Dies war notwendig geworden, damit die Schwächeren und Gebrechlicheren unter ihnen die Jenseitigen Lande auf einem sichereren Weg als über die südliche Route toxique verlassen konnten.

Juel kamen immer häufiger Zweifel, ob diese Aufteilung klug gewesen war. Auch wenn der Plan funktioniert hatte und der General tatsächlich auf ihren Trick hereinfiel und den anfälligeren Teil der Gruppe nicht mehr verfolgte, fragte er sich, ob es nicht eine bessere Alternative gegeben hätte. Ihre einzigen Kämpfer waren die dunkle, wieselflinke Lâbelle und der kleine Albyhn-Zwerg Rüder, dessen Bart fast bis zum Boden reichte. Beide waren zweifelsohne tapfer, aber nicht allzu stark. Und bei dem Marschtempo, das sie im Moment vorlegten, würden sie niemals rechtzeitig die kleine Siedlung am Ausgang des Weltengrates erreichen, die so passend ›Ende‹ hieß. Der Dicke vermisste zudem schmerzlich seine Gefährtin Sakket, die mit den anderen geritten war. Er hatte sie gerade eben erst nach zwanzig Jahren wiedergefunden, aber jetzt erneut verloren.

›Gut‹, dachte er, ›ich habe so lange auf sie gewartet, da werde ich wohl auch noch ein paar weitere Wochen ausharren können.‹

Juel seufzte selbstmitleidig und deutete nach vorne. Zu seiner Erleichterung hatten seine scharfen Augen einen Ort entdeckt, an dem seine Gruppe für diesen Abend und die hereinbrechende Nacht einen einigermaßen trockenen Rastplatz finden würde. Es war die Ruine eines Vorgängergebäudes auf der anderen Seite des Teichs. Sie wirkte trotz ihrer löchrigen und teilweise eingestürzten Mauern noch immer beeindruckend. Drei Stockwerke hoch erhob sich das uralte, dachlose Gebäude, von dem er sich erhoffen konnte, dass nicht alle Decken innerhalb der Außenwände eingestürzt waren. Schließlich hatten die Vorgänger massiv und für die Ewigkeit gebaut. Die teils imposanten Überreste ihrer stolzen Architektur prägten auch 6000 Jahre nach ihrem Untergang noch immer die Lande. Juel hatte längst aufgehört, zu zählen, in wie vielen von ihnen er in seinem Leben bereits auf Schatzsuche gewesen war.

[Zum 2. Teil —>]

Mánis Fall – Der Prolog zu Brautschau 2

uel sah zu Lâbelle hinüber, die sich neben ihn gestellt hatte. Die hübsche Parsin kannte sich gut in den Jenseitigen Landen aus, die ja ihre Heimat waren. Ihre Gabe war es, hinter den Spiegel der Realität sehen und das Geflecht begreifen zu können, aus dem sie bestand. So richtig konnte sich Juel diese Art von zweitem Blick nicht erklären. Aber wenn etwas nicht stimmte, dann würde das Mädchen es wahrnehmen können. Lâbelle kniff die Augen zusammen, sah sich aufmerksam um. Dann schüttelte sie langsam den Kopf.

»Gut. Lasst uns dort übernachten«, entschied Juel kurzangebunden und wartete vergeblich auf eine Antwort der anderen. Offenbar waren sie inzwischen sogar zum Reden zu müde. Selbst Jac, der sonst grundsätzlich die Entscheidungen des Dicken in Zweifel zog, hielt den Mund. Juel nahm seinen vom Regen durchtränkten und schweren Rucksack achselzuckend wieder auf und stapfte durch den Matsch des Teichufers auf das bedrohlich wirkende Gebäude zu. Die anderen folgten schweigend seinen Fußabdrücken, die sich rasch mit Wasser füllten.

*

Eine Stunde später hatte sich die Lage für die müden Wanderer merklich verbessert. Juel und Lâbelle hatten sich nicht geirrt. Ein Großteil der Decke eines hohen, fensterlosen Raumes, der gut die Hälfte des Untergeschosses des alten Gemäuers bildete, war noch vorhanden. Darunter waren auch die rechteckigen, hellgrauen Fliesen des gut erhaltenen Fußbodens trocken geblieben. Die Wände waren dick und stabil. Hier konnte sich die Gruppe gut vor dem erbarmungslosen Regen und dem eisigen Nordwind schützen. Zwar hatte die mit Säulen abgestützte Decke im hinteren Teil einen größeren Durchbruch, der durch alle Stockwerke ging und unter dem sich durch das herabfallende Wasser eine ordentliche Pfütze gebildet hatte, aber diese Öffnung nützten sie nun als Abzug für das Feuer, das sie eilig entzündet hatten. Offenbar diente dieser Ort nicht zum ersten Mal als sichere Unterkunft für müde Wanderer. Zu aller Freude und Überraschung hatten sie in einer Ecke des Saals zu ihrer Überraschung einen großen Stapel trockener Holzscheite und daneben eine Holztruhe mit warmen Wolldecken und geflochtenen Schlafmatten darin vorgefunden. Jemand musste diesen Vorrat vom noch viele Meilen entfernten Ygdras-Wald hierher gebracht haben, denn in den Sümpfen um sie herum gab es nur wenige vermodernde Bäume, niedriges, von Feuchtigkeit durchtränktes Buschwerk und strohige Pflanzen. Aber mit dem gut abgelagerten Holz gelang es ihnen rasch, die sorgfältig von größeren Steinen eingefasste, kreisrunde Feuerstelle mitten in dem Saal in Gang setzen. Bald schon erwärmte sich ihre Zuflucht.

Dann hockten sie endlich schweigend im orangen Licht ihres Feuers und starrten müde in die Flammen, die tapfer knackten und qualmten. Nicht einmal Fabia hatte mehr die Kraft, einen ihrer endlosen Jammermonologe zu halten. Sie hatten ihre klamme Kleidung zum Trocknen aufgehängt und sich selbst in die wärmenden Decken gehüllt, die die freundliche Seele für sie hinterlassen hatte. Da die eigentlich geschickte Jägerin Lâbelle auch am heutigen Tag kein Wild hatte aufstöbern können, musste man sich mit dem Proviant begnügen, den jeder bei sich trug: Gepökeltes Trockenfleisch, krümliger Käse und Zwieback, die noch aus den Vorräten der Lord Glenarvan stammten, dazu ein paar Trockenbeeren. Das einzige Getränk, das ihnen unbegrenzt zur Verfügung stand, war abgekochtes, merkwürdig schales Wasser aus der Regenpfütze hinten im Raum. Aber dennoch war alles besser als der gestrige Übernachtungsplatz unter dem undichten Luftwurzelgeflecht eines abgestorbenen Bolabaums. Dort waren sie fast ungeschützt der Witterung ausgesetzt gewesen und hatten nicht einmal ein kleines Feuer machen können.

Doch selbst gestern hatte es sich einer der zusammengewürfelten Schicksalsgemeinschaft nicht nehmen lassen, den anderen eine Geschichte zu erzählen, damit sie nicht in Selbstmitleid zerflossen. Rüder Rast berichtete ihnen in seiner blumigen und ausschweifenden Art von seinen Erlebnissen aus der Zeit, als er noch als blutjunger Knappe des fahrenden Ritters Gundson von Diedorf in der tiefsten Provinz unterwegs gewesen war. Den beiden war es bei ihrer Queste sogar gelungen, bis zum entlegenen Schendrach-Kloster auf dem Gipfel des Einsteins vorzudringen. Ihre haarsträubenden Erlebnisse auf der Flucht vor den männermordenden Titania-Nonnen hatte alle zum Lachen gebracht und von ihrer deprimierenden Lage abgelenkt. Aber an diesem Abend schien niemand die Lust zu verspüren, die anderen mit einer Geschichte aufzuheitern.

Fabias Blicke glitten langsam über die zusammengesunkenen Erscheinungen ihrer Gefährten. Sie waren ihr merkwürdig fremd und fern. Woran dachten sie? Ließen sie die ungeheuerlichen Erlebnisse der letzten Wochen Revue passieren oder versuchten sie, mit ihren glasigen, müden Augen die Nebelbänke der Zukunft zu durchdringen? Sie fand in den Gesichtern keine Antwort. Seufzend erhob sie sich, weil ihr Bein eingeschlafen war. Sie war es nicht gewöhnt, einfach auf dem Boden zu sitzen. Langsam ging sie in dem Saal umher. Da entdeckte sie in der Nähe der großen Pfütze an der Rückseite ein rechteckiges Schild an der Wand, das dort eigentlich nicht hingehörte. War es der Versuch eines Wanderers vor ihnen gewesen, diese Notunterkunft in den traurigen Bittermarschen ein wenig wohnlicher zu machen? Fabia trat näher heran. Sie spürte einen schmerzhaften Stich in ihrer Brust. Denn das blaue, weißumrandete Hinweisschild, dessen Schrifzug zwar teilweise abgeblättert, aber immer noch lesbar war, stammte aus ihrer eigenen Zeit oder war sogar noch älter. Sie konnte kaum glauben, was sie da las:

›A4 Paris – Strasbourg‹

Doch es war nicht das Schild selbst, das sie fassungslos machte. Es war ein fast vollkommen ausgeblichenes und verwischtes Graffiti an der linken Seite, das sie selbst vor fast 6000 Jahren dort angebracht hatte. Tränen schossen in ihre Augen. Wenn dieses Schild nicht von irgendwo hergeschleppt worden war, dann befand sie sich tatsächlich in der Nähe der Route de l’Est und wenn sie die Kilometer abschätzte, die sie sich inzwischen von der Ruinenstadt entfernt hatten, dann waren die Bittermarschen ein Teil des ehemaligen Arrondissements Verdun. Dieses Haus, in dem sie stand, war vielleicht das letzte Überbleibsel einer Stadt, in der in ihren Tagen 8 Millionen Menschen gelebt hatten und in der sie zum letzten Mal ihren Freund Xaver und dessen Schwester Sadie gesehen hatte.

Sie begann zu zittern und zog die Decke enger um ihren Oberkörper. Beim Sturz des Mondes waren dessen gewaltige Brocken auf der ganzen Nordhalbkugel eingeschlagen und hatte ganze Kontinente von den Landkarten radiert und andere waren dadurch erschaffen worden. Die Heutigen nannten diese Katastrophe die ›Große Welle‹. In den anschließenden kriegerischen Auseinandersetzungen waren über die wenigen Überlebenden noch mehr Tod, Vernichtung, Seuchen und schließlich auch noch ein atomarer Völkermord gekommen, der die Reste der Menschheit direkt in die Steinzeit zurückschleuderte. Anschließend, so hatte es vor einigen Abenden jedenfalls der ihr unheimliche Jac erzählt, waren eintausend dunkle, barbarische Jahre gekommen, bis sich die ›Drei Reiche‹ bildeten, die sich ebenfalls in einem Krieg gegenseitig zerstörten. Über dieses grausame Zeitalter, aus dem die heutigen Nationen der Überlebenden Lande nur langsam und zögernd herausgetreten waren, gab es offenbar keine Aufzeichnungen und kaum Erinnerungen. Vieles hatte sich der alte Mönch aus Sagen, Mythen und mündlichen Überlieferungen zusammenreimen müssen. Die Menschen hatten aber ihre Geschichte neu begonnen. Inzwischen waren noch einmal beinahe 5000 Jahre ins Land gegangen, in denen langsam wieder eine Zivilisation entstanden war. Und Fabia hatte während der ganzen Zeit in ihrem Glassarg geschlafen! Sie fühlte sich so einsam wie noch nie seit ihrem Erwachen.

Hetha, deren kupferrote, vom Feuer beschienene, Haarpracht wie ein Licht leuchtete, musste bemerkt haben, dass mit Fabia etwas nicht stimmte. Während die Vorgängerin stumm in sich hineingeweint hatte, war sie nähergetreten und nun umarmte sie sie. Fabia zuckte zuerst zusammen und wollte unwillig zurückweichen. Doch dann ließ sie sich die mitfühlende Berührung gefallen. Sie legte ihren Kopf auf die Schultern des Mädchens, das sie – zog sie einmal die Jahrtausende ab, die sie wie Dornröschen verschlafen hatte -, in etwa auf ihr eigenes Alter schätzte.

[<—Zum 1. Teil]          [Zum 3. Teil —>]

Mánis Fall – Der Prolog zu Brautschau 3

omm, Faiaba«, flüsterte Hetha nach einer Weile, »wir wollen uns wieder zu den anderen ans Feuer setzen. Hier ist es kalt und klamm und wir holen uns nur eine Krankheit.« Fabia, die zum ersten Mal nicht über die seltsame Verballhornung ihres Namens aus dem Mund ihrer Reisegefährtin protestierte, schniefte einmal kurz.

»Danke«, sagte sie und ließ sich widerstandslos zurückführen. Die anderen sahen kaum auf, als die beiden Frauen wieder in den Lichtkreis des Lagerfeuers traten.

Kaum hatte sich Fabia wieder zwischen Juel und Lâbelle gesetzt, geschah etwas mit ihr. Es brach etwas auf, was sie tief in sich verschlossen und versiegelt hatte. Sie sammelte sich. Dann begann sie unvermittelt zu erzählen; zuerst mit unsicherer und leiser Stimme. Trotz ihrer Müdigkeit lauschten die anderen bald atemlos der unerhörten Geschichte aus einem fernen Zeitalter, die für sie wie eines von Sahars Märchen klang. Jeder Satz des Berichts über die letzten Tage von Paris erleichterte Fabia, als würde ihr ein großer Felsen von der Seele genommen …

5880 Jahre vorher …

1. Kapitel
Flucht in die Sorbonne

In den Marskolonien der Indopazifischen Union herrschten Chaos und Zerstörung. Aber ihr Angriff erfolgte auch an diesem Morgen pünktlich und präzise. Auf die Kolonisten war Verlass. Wie an jedem Morgen schlugen auch am 24. Juni des Jahres 2534 die ersten Gravitationswellen aus ihren im Voltaire-Krater auf Daimos stationierten Kanonen um 06:45 Uhr auf der Rückseite des irdischen Mondes ein. Zehn Sekunden später begannen die Sirenen auf den fast in die Stratosphäre ragenden Wohntürmen und öffentlichen Gebäuden der Megapole Paris zu heulen.

Ihr Omicron „Puck“, der kleine, private Mehrzweck-goLEM der Studentin Fabia Winterfeld, schaltete ebenso prompt in den Notfallmodus. Aufgeregt rollte er schwankend durch ihre vollgestellte Einzimmerwohnung und gab fiepende und panische Geräusche von sich. Offenbar kam dabei auch sein Orientierungssinn ein wenig durcheinander, denn der Robot donnerte mit blechernem Hallen zuerst gegen die Küchenzeile und suchte dann protestierend Schutz unter dem niedrigen Esstisch.

»Überrangprotokoll Fabia!«, rief die junge blonde Frau eilig. »Puck! Whither wander you? Standby.«

Etwas klickte und rasselte im Inneren des Robots, dann froren seine hektischen Bewegungen ein und nur noch ein rotes Licht leuchtete an seiner Außenhülle. Fabia seufzte. Jeden Morgen veranstaltete Omicron, den sie nach dem Kobold im Midsummer night‘s dream von Shakespeare „Puck“ getauft hatte, das gleiche Theater. Denn jedes Mal vergaß sie am Abend vorher, ihn vorsorglich in den Ruhemodus zu versetzen. Sie hatte schon mehrmals mit dem Wartungsservice der Universität gesprochen, ob man den goLEM nicht etwas weniger empfindlich einstellen konnte und es war ihr auch von dem netten Mitarbeiter immer wieder versprochen worden, man würde einen Delta vorbeischicken. Aber bislang hatte sie immer vergeblich auf eine der wieselflinken Technikdrohnen gewartet, die sie an glattrasierte Vogelspinnen erinnerten. Der Wartungsservice hatte wahrscheinlich in diesen Zeiten Wichtigeres zu tun, als sich um die kleine Haushalts- und Medizinmaschine einer Studentin zu kümmern. Fabia konnte Puck aber auch nicht einfach ausgeschaltet lassen, weil unter Umständen ihr Leben von seinen Sensoren und Funktionen abhing. Trotzdem genoss Fabia den kurzen Moment der Ruhe. Sie wartete, bis auch die Sirenen endlich schwiegen, dann kletterte sie aus ihrem Bett, das automatisch von der elektronischen Raumkontrolle mit einem unangenehmen Quietschen in die Wand zurückgezogen wurde.

»Vielleicht sollte ich die Kugellager mal wieder ölen lassen«, dachte sie und vergaß ihren Gedanken sofort wieder, denn der jungen Frau wurde gleichzeitig schwindlig. Ihre Umgebung geriet für sie heftig ins Schwanken und sie musste sich am kleinen Bücherbord festhalten, um nicht zu stürzen. Fabia wusste nicht, ob der Eindruck durch ihre morgendlichen Kreislaufprobleme entstanden war oder etwa doch durch eine der Gravitationswellen, die ihr Angriffsziel verfehlt und zufällig das Studentenwohnheim getroffen hatte. Sie schloss für ein paar Sekunden die Augen und atmete tief ein. Das Gefühl, auf den Planken eines schwankenden Schiffs zu stehen, verschwand so schnell, wie es gekommen war. Erleichtert stieß sie die Luft aus.

Fabias erster Weg führte sie zu dem veralteten Lebensmittel-Dehydrator und -Zubereiter, dem der Vorbesitzer der Wohnung scherzhaft ein prähistorisches Windows-10X-Betriebssystem unterstellt hatte. Sein Ratschlag hatte gelautet, fest mit einem Hammer von oben auf die Außenhülle zu schlagen, wenn das Gerät ein Croissant und einem Milchkaffee produzieren sollte. So verbeult, wie das Ding aussah, hatte er das offenbar auch einige Male ausprobiert. Leider funktionierte der unförmige Kasten dadurch selten so, wie er sollte und erschuf statt einem französischen Frühstück die seltsamsten und ungenießbarsten Nahrungsmittelkombinationen.

Tagsüber aß Fabia in der Mensa, aber morgens war sie auf den Thermix angewiesen. Auch heute versuchte sie vergeblich, das altersschwache Gerät durch Rütteln zu bereden, ihr einen starken Morgenkaffee zuzubereiten. Stattdessen füllte es eine durchsichtige Brühe in die bereitgestellte Tasse, die wie eine Mischung aus Earl-Grey-Tee und Kohlsuppe schmeckte. Aber sie war wenigstens warm und mit ein wenig Süßstoff gewürzt, war sie trinkbar. Auch ihr Koffeingehalt schien zu passen.

Fabia verzichtete auf einen weiteren selbstmitleidigen Seufzer und stellte sich an das einzige, wegen der Klimaanlage und der dünnen Luft hier oben nicht zu öffnende Fenster ihres billigen Studentenappartements im 123. Stockwerk des etwas heruntergekommenen Henri-Gouraud-Buildings im Weichbild der Innenstadt von Paris. Eigentlich war der Blick aus den etwas trüben Scheiben auf die französische Megapole von hier oben atemberaubend – man konnte bei klarem Wetter sogar die Kunststoffkopie des Eiffelturms in der Ferne erkennen, die im letzten Jahrhundert nach dem entsetzlichen pazifischen Krieg errichtet worden war, der praktisch ganz Südostasien radioaktiv verseucht hatte – aber gerade schob sich wieder mal eine der vielen gewaltigen Nachrichten- und Werbetafeln, die wie eine Besatzungsarmee über der Stadt schwebten, an dem Hochhaus vorbei und verdeckte die Aussicht, wegen der allein Fabia die schmuddelige, kleine Bude in dieser luftigen Höhe gemietet hatte.

»Der Mond braucht Männer!«, las Fabia zornig und stirnrunzelnd, während sie an ihrem scheußlichen Getränk nippte und sich dabei die Lippen verbrannte. »Der Mond braucht SIE! Bewerben Sie sich noch heute, denn morgen, Männer, kann es bereits zu spät sein.« Die Second-Moon-Corp., kurz 2MC, der mächtigste und größte Industrie- und Wirtschafts-Trust der Welt, machte mal wieder Werbung für ihr gigantisches Weltraumprojekt, im Wettlauf gegen die Zeit oben im Orbit einen zweiten, künstlichen Trabanten zu errichten, bevor der natürliche Mond durch die Waffen der Kolonisten vernichtet werden würde. Die täglichen Angriffe mit ihren experimentellen Gravitationswellenkanonen hatten seine Struktur bereits existentiell angegriffen und er torkelte auf einer unsicheren Umlaufbahn um die Erde. Würde er tatsächlich zerbrechen und seine Einzelteile als glühende Meteore auf die Menschheit herabregnen, wäre der Weltuntergang gekommen. Aber noch hielt der Mond den steten Erschütterungen tapfer stand und Fabia hoffte, dass er das noch eine ganze Weile tat. Zumindest bis die 2MC ihr Projekt beendet und einen Ersatz geschaffen hatte, der die Erdrotation abbremsen würde, wenn sein natürliches Pendant irgendwann fehlte.

Aber welcher Marketing-Praktikant hatte denn diesen frauenfeindlichen Spruch verbrochen? Die Studentin, die an der Pariser Uni neben „Theoretischer Kybernetik“ und „Künstlicher Intelligenz“ im Nebenfach „Gender-Historik“ belegt hatte, ärgerte sich über die Werbeeinblendung der Moon Corp., die gerade – als ob sie sie verhöhnen wollte – auf der fliegenden Tafel muskelbepackte Testosteronbündel zeigte, die am Metallgerüst des künstlichen Trabanten arbeiteten und aus stahlblau funkelnden Augen heroische Blicke gen Sternenhimmel richteten. Seit den Anfängen der Frauenemanzipation waren nun beinahe fünfhundert Jahre vergangen und noch immer benötigte der Mond ausgerechnet „Männer“! Einfach widerlich. Fabia hatte Lust, sich auf der Stelle bei der Pressestelle der Gleichstellungsministerin zu beklagen.

Doch plötzlich unterbrach das zentrale I-Net die nachfolgende Hundefutterreklame auf der schwebenden Werbetafel und brachte eine Notfallmeldung. Alle Bürger von Paris wurden aufgefordert, unverzüglich ihre Augreyes einzuschalten, falls sie dies noch nicht getan hatten. Sie sollten auf eine wichtige Nachricht der Earth Defence zu warten. Wie alle Bewohner der Megapole trug auch Fabia ihre Augmented-Reality-Kontaktlinsen vierundzwanzig Stunden am Tag und aktivierte sie gehorsam durch ein bewusstes Nasenzucken.

[<—Zum 2. Teil]                                                                                               [Zum 4. Teil —>]

Mánis Fall – Der Prolog zu Brautschau 4

ie Augreyes versuchten sofort, Verbindung mit dem Netz aufzunehmen und blendeten dazu in ihren Blick das Standby-Symbol von I-Net ein. Es stellte eine sich um sich selbst drehende, altertümliche Computerplatine dar und sah für Fabia so aus, als würde das Logo direkt vor der langsam vorbeiziehenden Werbetafel vor ihrem Fenster in der Luft schweben. Was frühere Generationen für Magie gehalten hätten, war für sie nur ein Teil ihres alltäglichen Lebens. Sie konnte sich nicht vorstellen, wie die Menschen früher gelebt hatten, als es die Möglichkeiten der virtuellen Realität noch nicht gab, durch die man buchstäblich mit einem Augenzwinkern Verbindung mit der ganzen Welt aufnehmen konnte. Wie hatte man zum Beispiel die Treffen mit seinen Freunden organisiert?

Die Studentin wartete ungeduldig auf das Online-Signal des weltweiten Computernetzes, dessen Serveranlagen in auf -250° C heruntergekühlten künstlichen Höhlen unter der iberischen Halbinsel und der nördlichen Atlantikküste standen. Doch die Verbindung nahm überraschend viel Zeit in Anspruch. Schließlich ging sie zu ihrer engen Nasszelle, schüttete den Rest ihres scheußlichen „Kaffees“ in die Toilette und machte ihre Morgenwäsche.

»Irgendetwas scheint nicht zu stimmen«, wunderte sie sich, denn solche Verzögerungen beim Einwählen ins Netz waren nicht normal. Aber dann, als sie sich gerade nackt im Spiegel begutachtete und überlegte, ob sie sich noch einen weiteren Eingriff leisten könnte, um ihr – kritisch und objektiv betrachtet – doch etwas zu ausladendes Gesäß in Form bringen zu lassen, funktionierte der Kontakt doch noch. Bevor sich allerdings I-Net melden konnte, erreichte sie ein Prioritätsanruf aus der Uni. Vor ihren Augen klappte die äußerst echt wirkende Gestalt ihres Doktorvaters auf, von Fabias Augreyes halb unter die tropfende Dusche gezaubert. Sie kicherte und war froh, dass ihm in diesem Augenblick nicht sie selbst, sondern ihr vollständig bekleidetes, geschminktes und nur leicht aufgehübschtes Profilbild vor den Augen stand.

»Bonjour, Fabia«, begrüßte sie Dr. Samuel Baruch Rosenthal, der führende Kybernetik- und Biorobotik-Wissenschaftler der westlichen Hemisphäre. »Wie ich sehe, sind Sie schon auf. Ich muss Sie unbedingt und sofort sprechen; es ist äußerst dringend. Kommen Sie so schnell wie möglich zu mir ins Babel. Es geht um Ober-1.«

»Guten Morgen, Herr Professor, ich werde mich gleich auf den Weg machen. Aber darf ich mich vorher noch anziehen? Sie sehen es nicht, aber ich bin unter der Dusche und ich stehe im Augenblick vollkommen nackt vor ihnen«, erwiderte die junge Studentin ruhig, obwohl sie sich ganz und gar nicht gelassen fühlte. Ihr Herz klopfte laut vor Aufregung. Der ältere Mann sah ihr überrascht in die Augen – das heißt, er sah ihrem, auf seine Pupillen projizierten, künstlichen Erscheinungsbild in die Augen, dessen dreidimensionale Umgebung nicht ihre Wohnung, sondern die Standardeinstellung war, nämlich eine grüne Wiese unter blauem Himmel. Denn obwohl es für Fabia so wirkte, als würde Rosenthal in ihrem Badezimmer direkt vor ihr stehen, hielt er sich doch etliche Kilometer von ihr entfernt auf der anderen Seineseite in seinem der Universitätsklinik angegliederten Labor auf, das alle dort nur als „das Babel“ kannten. Ach, es war kompliziert, aber die Täuschung perfekt. Fabia zwinkerte kokett und lächelte verführerisch. Sie wusste, dass die dreidimensionale Projektion von ihr diese Bewegungen in Echtzeit und getreu nachahmen würde – auch die merkwürdigen Verrenkungen, die sie machte, während sie sich geschwind abtrocknete und sich eilig ihre Freizeitklamotten anzog. Sie warf sich den ausgewaschenen, ihr viel zu weiten Hoodie über, den sie mal ihrem großen Bruder aus dessen Kleiderschrank gestohlen hatte. Er war das einzige Erinnerungsstück, das sie noch von ihm besaß. Dabei ärgerte sie sich ein wenig über sich selbst. Ihr kokettes Verhalten war einer emanzipierten Frau nicht würdig. Und doch … Der Professor räusperte sich und sah verlegen zu Boden, als würde er ihr tatsächlich dabei zusehen, wie sie sich ankleidete.

»Sie haben die Nachrichten noch nicht gehört, Fabia? Diesmal ist es ernst und Sie müssen sofort zu mir!«, flehte er. Die Studentin sah ihm an, dass er sich Sorgen machte. »Nehmen Sie nicht die Metro, sondern kommen Sie, wenn möglich, mit einem Schweber. Auch wenn es länger dauert, ist der Luftweg doch sicherer – zumindest bevor uns der Himmel auf den Kopf fällt. Ich warte hier auf Sie. Lassen Sie sich nicht zu viel Zeit.«

Der Professor beendete die Verbindung und sein Geisterbild in der Dusche klappte zusammen. Sofort schob sich eine Textmeldung von I-Net in den Vordergrund, die eine audiovisuelle Übertragung über den Regierungskanal ankündigte. In dem leicht durchsichtigen Rahmen, den ihr die Augreyes gegen die leere Wand warfen, auf die Fabia gewohnheitsmäßig sah, wenn sie mit einem Augenzwinkern durch die TV-Kanäle zappte, erschien nun der dunkelhäutige Pressesprecher der Earth Defense. Er war ein glatzköpfiger Mann undefinierbaren Alters, der jeder unter dem Spitznamen EDY kannte. Er wirkte besorgt, aber gefasst und vertrauenerweckend, strahlte Zuversicht und Entschlossenheit zugleich aus. Fabia wusste, dass auch er kein echter Mensch, sondern nur ein Hologramm war, dessen Physiognomie man nach ausgeklügelten psychologischen Gesichtspunkten zusammengestellt hatte. Niemand hatte eine Ahnung, wie der echte Sprecher hinter der Maske aussah – Fabia stellte ihn sich immer untersetzt und dick vor, mit einem Stiernacken und kleinen Schweinsäuglein. Was EDY zu sagen hatte, erschreckte sie allerdings und brachte sie dazu, sich so schnell wie möglich fertigzumachen.

»Bürger! Dies ist keine Übung. Der heutige Angriff der niederträchtigen Mars-Rebellen hatte zur Folge, dass ein Gesteinsbrocken mit etwa 2,5 Millionen Kubikkilometer Rauminhalt vom Mond abgesprengt wurde und sich nun in einer instabilen, enger werdenden Umlaufbahn um die Erde befindet. Der Mond selbst ist nicht in Gefahr, aber in exakt …«, die Stimme klang plötzlich metallen und künstlich, »16 Stunden und 24 Minuten …«, und kehrte zu ihrem normalen Tonfall zurück, »wird dieses kleine Teilstück über dem Atlantik ins Meer stürzen. Es ist trotzdem zu befürchten, dass der Impact sowohl auf dem panamerikanischen wie auch auf dem afrikanischen und dem europäischen Festland schwerste Erdbeben der Stärke 10,5 und höher und dadurch extreme Tsunami-Wellen auslösen wird. Diese bedrohen nicht nur die Inseln und Küsten, sondern alle Regionen der genannten Kontinente existenziell; insbesondere auch die unterseeischen Rechenzentren des I-Net unter Marelona. Sie werden aufgefordert, unverzüglich die Ihrem Wohnbereich nächsten Schutzräume aufzusuchen. Ihre Augreyes werden Sie führen. Bleiben Sie ruhig, Bürger, Sie haben ausreichend Zeit, in Kontakt mit Ihren Liebsten zu treten und in den Bunkeranlagen Schutz zu finden. Warten Sie auf weitere Instruktionen. Bürger! Dies ist keine Übung! Der heutige Angriff der Rebellen …« Der Pressesprecher begann damit, seine Katastrophenmeldung zu wiederholen. Gleichzeitig klappten weitere, sich teilweise überlappende Rahmen mit Fernsehprogrammen auf, die Livebilder aus aller Welt und hektische Reporter und Kommentatoren zeigten.

Fabia schaltete den Ton leiser und vergrößerte mit einem gezielten Blick eine Filmaufnahme vom Mond. Er sah ein wenig wie ein Apfel aus, von dem jemand ein kleines Stück abgebissen hatte. Ein paar Brocken schwebten durchs Bild, aber die Hauptmasse des von den Gravitationswellenkanonen abgetrennten Gesteins war längst auf dem Weg, in einer lang gezogenen Kurve auf die Erde zu stürzen. Erschüttert versuchte die junge Frau die Größe des wie ein Damoklesschwert über ihrem Haupt schwebenden Mondbrockens einzuschätzen und welche Schäden er verursachen würde, aber ihre Einbildungskraft reichte dazu nicht aus. Trotz der Bilder, die ihr die Kontaktlinsen zeigten, blieb die Gefahr noch abstrakt. Vielleicht war es auch der Schock, aber sie blieb ruhig und gefasst. Sie schaltete alle Fernsehkanäle aus, aber I-Net zeigte ihr weiterhin den Countdown bis zum Impact und blendete eine Fluchtroute zum nächsten Schutzraum ein.

[<—Zum 3. Teil]                                                                                               [Zum 5. Teil —>]

Mánis Fall – Der Prolog zu Brautschau 5

abia starrte auf die rot blinkende Infografik, ohne sie richtig wahrzunehmen. Jetzt schnürte doch eine nie gefühlte Panik wie ein dünner, messerscharfer Draht die Luft ab. Direkt über ihrem Kehlkopf saß er und strangulierte sie, machte jeden Atemzug zu einem erstickten Röcheln. Ihre Hände fuhren zum Hals, als könne sie sich von dem eingebildeten Draht befreien. Dann atmete sie krampfend ein, schnappte wie ein Fisch auf dem Trockenen nach Luft. Wenn sie daran dachte, dass sie eben noch überlegt hatte, ob sie wohl genug Geld für eine weitere Schönheits-OP aufbringen könnte, wurde ihr ganz schlecht. Wie schnell solche Dinge vollkommen unwichtig wurden …

»Jean-Paul, sie haben es wirklich getan«, flüsterte sie, nachdem sie ihre Stimme wieder gefunden hatte. Mit dem Vornamen des Philosophen aus einer längst vergangenen Epoche aktivierte Fabia ihren nach Jean-Paul Sartre benannten I-Net-Tagebuch-Kanal. Dessen von ihr selbst programmierte KI-Software begann sofort, ihre Worte für die Nachwelt und ihre Follower aufzuzeichnen, sie dabei in alle möglichen Sprachen übersetzte, um sie anschließend dem ausgefallenen Avatar, den die Studentin sich ausgesucht hatte, lippensynchron in den Mund zu legen.

»Gerade eben hielt ich es noch für vollkommen ausgeschlossen, dass mir so etwas passieren würde. Nicht heute, nicht morgen, nicht in zwanzig Jahren, nicht während meiner Lebenszeit. Das war undenkbar, also existierte es nicht. Heißt es nicht schon immer: ‚Nach mir die Sintflut‘? Der Weltuntergang ist doch etwas für die nächste oder die übernächste Generation, nicht für die eigene. Sollen unsere Enkel die Verantwortung für unsere Taten übernehmen, so wie wir die zerstörte Umwelt und den radioaktiven Müll unserer Vorfahren übernommen haben.«

Fabias Augreyes zeigten ihr die Statistik für ihr Online-Tagebuch, das sie auf den Namen „Jean-Pauls kleine Existenz“ getauft hatte. Sie vermochte es sich kaum vorzustellen, aber sie hatte Publikum auf der ganzen Welt. Laut dem eingeblendeten Zähler waren es 5734 Personen, die trotz der gefährlichen Situation in diesem Moment einem älteren, schielenden Mann mit dicker Hornbrille, schütterem Haarwuchs, schlechten Zähnen und einer altertümlichen Pfeife zwischen den dicken Lippen dabei zuhörten, wie er in ihrer eigenen Sprache die Sätze formulierte, die Fabia im gleichen Moment in ihrer Wohnung flüsterte.

Eigentlich hätte ihr I-Net-Double Simone de Beauvoir heißen und wie diese aussehen sollen. Sie bewunderte die unnahbare, stolze Frau, die ihre schwarzen Haare in einen todschicken Turban eingewickelt trug, mehr als ihren Lebensgefährten Sartre, der doch eher wie ein schmuddliger Briefkastenonkel wirkte. Aber die Avatara der legendären Schriftstellerin und Feministin war nach Elisabeth Bennet die beliebteste und bereits allzu oft an Studierende der Genderwissenschaften vergeben. Deshalb hatte sich Fabia für Beauvoirs eher unbedeutenden Philosophenfreund entschieden, als sie wegen einer von Professor Rosenthal gestellten Semesteraufgabe aus einer Laune des Augenblicks heraus diesen typischen Studentenblog eröffnet hatte. Sartre war außerhalb von spezialisierten, den klassischen Existenzialismus erforschenden Fachkreisen kaum bekannt und niemand außer ihr benutzte ihn als Avatar.

Über „Jean Pauls kleine Existenz“ teilte Fabia seit ein paar Jahren sehr unregelmäßig ihre Gedanken und Empfindungen, ihre politischen Meinungen – so weit sie nicht der oft allzu besorgten und akribischen Zensur des I-Net anheimfielen – aber auch Gedichte und allerlei Berichte und Anekdoten aus ihrem Alltag an der Sorbonne mit. Sie hatte sich nicht vorstellen können, wen ihr Geplapper außer ihren Freuden und Bekannten noch interessieren könnte, aber der bescheidene Erfolg hatte sie doch ein wenig stolz gemacht. Gut, zehntausend Zuschauer auf ihrem sporadischen, recht exzentrischen Jean-Paul-Sartre-Augreye-Kanal waren bei einer Weltbevölkerung von ungefähr achtunddreißig Milliarden Menschen wirklich nicht viele, aber es waren ihre Zuschauer und sie fühlte sich vor ihnen in der Verantwortung. Deshalb wollte sie sich auch von ihnen verabschieden, bevor sie ihre Wohnung verließ und deren Tür zum vielleicht letzten Mal hinter sich schloss. Sie bezweifelte, dass das altersschwache Henri-Gouraud-Building den zu erwartenden Tsunami heil überstehen würde. Als hätte er ihre Gedanken gelesen, sagte Sartre plötzlich:

»Ich fühle mich in die Welt geworfen, in dem Sinn, dass ich mich plötzlich allein und ohne Hilfe finde, engagiert in eine Welt, für die ich die gesamte Verantwortung trage, ohne mich, was ich auch tue, dieser Verantwortung entziehen zu können, und sei es für einen Augenblick, denn selbst für mein Verlangen, die Verantwortlichkeiten zu fliehen, bin ich verantwortlich«, stellte er kryptisch und ein wenig rechthaberisch fest. Weil Fabia zu lange geschwiegen hatte, übernahm automatisch die künstliche Intelligenz ihres Kanals für sie und ließ den Avatar aus dem Aphorismenspeicher des echten Philosophen diesen endlosen Satz zitieren, damit keine Pause entstand und sich die Follower langweilten. Obwohl die KI dabei vollkommen zufällig vorging, erschien Fabia das Gesagte doch erstaunlich passend.

»Ich bin in eine Welt geworfen, die ich mir nicht ausgesucht habe«, nahm sie den Ball auf, den ihr der Franzose über den Abstand von vielen Jahrhunderten hinweg zugeworfen hatte, »und ich habe lange in dieser Welt gelebt, als wäre sie eine Selbstverständlichkeit, als gäbe es nur diese eine. Doch nun wird sie mir genommen – oder besser gesagt, kaputtgemacht. Das größte Verbrechen ist es nicht, jemanden etwas zu nehmen, sondern es ihm kaputt wiederzugeben. Und dabei bin ich …« Sie zögerte.

Während Fabia nach den richtigen Worten suchte, mit denen sie ihre verworrenen Gedanken deutlicher formulieren konnte, sah sie, wie die Anzahl ihrer Zuschauer rapide kleiner wurde und dann plötzlich auf 0 fiel. Sie verstummte erstaunt mitten im Satz. Das war ihr noch nie passiert. Selbst wenn sie angetrunken den größten Mist von sich gab, hielten ihr ein paar dort draußen in der weiten Welt standhaft die Treue. Sie fühlte sich ein wenig beleidigt.

»AUSKUNFT!«, wandte sie sich deshalb direkt an die zentrale Informationsplattform und Suchmaschine des internationalen Computerdienstes I-Net. Erneut musste sie einige Zeit warten und der kreisenden, anachronistischen Platine zusehen, bis eine Verbindung zustande kam. Aber das hatte sie bei der Aufregung, die im Moment herrschte, erwartet. I-Net schuftete gerade sicherlich am äußersten Rand seiner Leistungsfähigkeit und alle LAN-Kabel, Router, Server und Knotenrechner auf der Erde liefen heiß. Endlich erschien eine plastische, aber vollkommen geschlechtslose, in eine schlicht, weiße Mönchskutte gehüllte Gestalt auf der Bildschirmfolie von Fabias Augreyes, die wie eine Kontaktlinse auf ihrer Iris klebte. Die Figur sollte zuverlässig und ehrlich wirken, hatte aber auf die Studentin, die der Augenwischerei der heutzutage beliebig gestaltbaren äußeren Form bei Mensch und Maschine misstraute, eher die gegenteilige Wirkung. AUSKUNFT trug einen faltenlosen und entrückten, fast gelangweilt zu nennenden, dabei allen menschlichen Regungen vollkommen gleichgültig gegenüberstehenden Gesichtsausdruck zur Schau. Fabia kannte diese Miene von den unzähligen kleinen steinernen Engeln und Heiligen, die über den drei großen Portalen der mehrmals niedergebrannten und erst kürzlich rekonstruierten Notre-Dame-Kathedrale in der Innenstadt standen und hochmütig und sophisticated auf die wenigen eintretenden Gläubigen herabsahen. Auch die Kleidung des Avatars war der jener Skulpturen aus der Hochgotik ganz ähnlich. Der Studentin wäre es lieber gewesen, wenn AUSKUNFT wie die Wasserspeier auf dem Dach der nach dem antiken Vorbild wieder aufgebauten Kirche ausgesehen hätte. Die spöttischen Fratzen der Gargoyles hätten viel eher zu der KI gepasst, von der Verschwörungstheoretiker munkelten, sie wäre die wahre Macht hinter allen Erd- und Kolonie-Regierungen. Nun, das wusste Fabia besser:

I-Net und seine Personifizierungen, EDY, AUSKUNFT, GOTTSCHALK, ASK ME und wie sie alle hießen, waren nur Facetten einer zwar gewaltigen und höchst entwickelten Rechnerintelligenz. I-Net selbst führte jedoch keine eigenbestimmte, unabhängige Existenz. Sie tanzte wie alle KI nach der Pfeife ihrer Programmierer und Admins. Sartre hätte I-Net wahrscheinlich eine Existenz im Sinne seiner Philosophie zugestanden und die Wissenschaftler stritten sich seit Jahrzehnten, ob der Quanten-Großrechner zwischen seinen elektronischen Schaltkreisen und neuronal-biologischen Netzstrukturen eine Persönlichkeit und ein Ich-Bewusstsein besaß oder diese nur perfekt simulierte. Der gute alte Turingtest funktionierte bei der modernen KI längst nicht mehr. Aber damit war aber noch kein abschließendes Urteil gefällt, ob der gigantische Rechnerverbund auch intelligent war. Für Fabia lag der Fall einfach: I-Net war bloß ein Werkzeug wie ein Hammer oder ein Schraubenschlüssel, hochkomplex zwar, aber eben doch nur ein Werkzeug, das allerdings gleichzeitig Milliarden von Dingen und Anfragen erledigen konnte und Millionen öffentlicher und privater goLEMs, Industrieanlagen und Haushalte steuerte. Sie mochte sich gar nicht vorstellen, was geschehen würde, wenn die vor unter der spanischen Atlantikküste bis weit ins Meer hinein errichtete, unterseeische Rechneranlage ausfiel, weil ein Stück vom Mond auf sie und die 4-Milliarden-Einwohner-Megapole Marelona herabstürzte.

[<—Zum 4. Teil]                                                                                               [Zum 6. Teil —>]

Mánis Fall – Der Prolog zu Brautschau 6

Ich entschuldige die Verzögerung und bin nun bereit. Stelle deine Frage, Bürgerin … Fabia Winterfeld,« sagte AUSKUNFT in ihrer sonoren, aber gleichmütigen Stimme, die jeder der achtunddreißig Milliarden Menschen auf der Erde kannte. Die asketische Mönchsgestalt sah der Studentin dabei direkt in die Augen, als hätte sie allein ihre Aufmerksamkeit. Die Farbe ihrer Iris schillerte wie Bernstein.

»Warum habe ich auf meinem Kanal plötzlich kein Publikum mehr?«

»Aufgrund Paragraph 4, Abschnitt 2 der Notstandsverordnung der Second-Moon-Corporation, die die Regierungsgeschäfte übernommen hat, und die im Weiteren von mir 2MC genannt wird, ist mit sofortiger Wirkung jegliche private Nutzung des I-Netzes verboten und deaktiviert. Dies gilt für Blogs ebenso wie auch für sämtliche Meinungs- und Nachrichtenkanäle. Allein dringende familiäre Kontakte sind in eng begrenztem zeitlichem Rahmen erlaubt, unterliegen aber den Zensurbestimmungen nach Paragraf 4, Abschnitt 7 der Verordnung und müssen einzeln angemeldet werden. Bitte zeige für diese sinnvolle Maßnahme der 2MC Verständnis, Bürgerin Winterfeld«, erklärte AUSKUNFT so gelassen, als würde sie nur den Wetterbericht vortragen. Dass in dieser prekären Lage der Notstand ausgerufen wurde, verwunderte Fabia nicht. Aber weshalb in Dreiteufelsnamen regierte mit einem Mal die 2MC? Ihr blieb die Luft weg und sie verstand plötzlich, warum Professor Rosenthal es so eilig hatte, sie zu sehen. Die schlimmsten Befürchtungen des alten Verschwörungstheoretikers waren in Erfüllung gegangen.

»Hast du noch weitere Fragen? Auch der Informationskanal unterliegt wegen der Notstandsverordnung und der momentanen Situation gewissen Einschränkungen und muss sich auf die nötigsten Grundfunktionen begrenzen. Ich empfehle dir nun dringend, Bürgerin, augenblicklich die für dein Stadtviertel vorgesehenen Schutzräume aufzusuchen.«

»Und ob ich noch Fragen habe!«, rief Fabia eilig, bevor AUSKUNFT die Verbindung einseitig trennte. »Seit wann gilt diese Notstandsverordnung? Und was ist mit dem Eurasischen Parlament geschehen?« Sie konnte es nicht fassen. Erlebte ihr Land gerade einen Putsch? Der 2MC-Trust war der mächtigste Wirtschaftsverband der Welt. Er unterhielt I-Net, besaß das Patent auf die gorgeous Living Electronical Machines-Serie – die sogenannten goLEMs -, regelte die weltweiten Klimastruktur-Maßnahmen, hielt das Transportmonopol, rüstete die Roboterarmeen  aller Nationen aus, organisierte die Ernährung der noch immer dramatisch anwachsenden Erdbevölkerung und diktierte über seine Lobbyisten die Weltpolitik nach seinem Gutdünken. Aber das Konsortium, das doch im Moment alle seine Kräfte dafür bündelte, der Erde einen zweiten Mond zu schenken, hatte noch nie so offen eingegriffen oder gar direkt die Regierungsgewalt eines Landes übernommen.

»Das Parlament der Eurasischen Republik und seine geschäftsführenden Minister haben heute Morgen um 07:00 Uhr EPST abgedankt und die Regierungsgeschäfte vertrauensvoll in die Hände des Aufsichtsrates der 2MC gelegt, die aufgrund der Weltlage den sofortigen Notstand ausgerufen und die Armeen in Bereitschaft gesetzt hat. Seit 07:05 Uhr EPST kommt es südöstlich des Schwarzen Meeres zu ersten Kampfhandlungen mit den Verrätern von der Indopazifischen Union. Die Raumflotte ist gestartet und auf dem Weg zu einer Strafexpedition zum Mars. Bürgerin Winterfeld, suche nun auf der Stelle die Schutzräume auf. Nur dort bist du sicher. AUSKUNFT – Ende.«

Der Mönchsavatar von I-Net verschwand und Fabias Augreyes zeigten erneut den Fluchtweg aus ihrer Wohnung an. Sie schluckte und hatte das Gefühl, das Zimmer würde um sie kreisen. Sie hatte nicht geglaubt, dass sie nach den Horrormeldungen von eben noch von irgendeiner Nachricht schockiert werden konnte, aber dass zusätzlich zu dem in sechzehn Stunden herabstürzenden Mondbrocken auch noch der befürchtete Krieg mit den östlichen Nachbarn der Republik ausgebrochen war, ließ ihren Verstand wie einen Boxer nach einem unfairen Tiefschlag taumeln. Aber dann bemerkte sie, dass sie wirklich schwankte! Sie begriff: Ein Erdbeben erschütterte die Stadt und ließ den Wohnturm in seinen Grundfesten wanken. Der Küchenschrank öffnete sich. Teller und Tassen polterten heraus und zerschellten klirrend auf dem Boden. Der inaktive Omicron rollte unter dem Tisch hervor. Fabia war der Naturgewalt hilflos ausgeliefert. Sie suchte vergeblich Halt und stürzte schwer auf ihre Knie. Sie schrie schmerzerfüllt auf. Gleichzeitig fielen der Strom und auch der Augreye-Kontakt zu I-Net aus.

Dann war das Beben so schnell vorbei, wie es gekommen war. Es hatte nur zwei, drei Sekunden gedauert und sich doch wie eine Ewigkeit angefühlt. Die Klimaanlage sprang surrend an, Fabias Augreyes funktionierten wieder und der Thermix entschied sich, eine Portion Gulasch auszuspucken, die mangels Teller unter der Nahrungsmittelausgabe des verflixten Geräts wie Katzenfutter auf den Boden klatschte und merkwürdigerweise einen ähnlich fauligen und fischigen Geruch verbreitete.

»Puck … Status«, keuchte Fabia und holte auf diese Weise ihren kleinen goLEM aus dem Ruhemodus, in den sie ihn vorhin selbst verbannt hatte. Er erwachte, fiepte wie beleidigt und rollte sich einmal um sich selbst, damit sein Antennenhaupt wieder nach oben zeigte.

»Alle Systemprozesse laufen fehlerlos. Ich warte auf deine Befehle, Citoyen«, schnarrte er prompt mit seiner blechernen, hohlen Stimme. Sie wurde von einem sündhaft teuren Sprachmodul in seinem Kugelbauch gebildet, das Fabia erst hatte erwerben müssen, da die Omicron-Reihe serienmäßig nicht mit einer Sprachausgabe ausgestattet war. Die Studentin, die mehr um sich selbst als um die Funktionen ihres privaten goLEMs besorgt war, musste trotzdem über die anachronistische Anrede schmunzeln, die Samuel Rosenthal dem Kleinen wie einem Papagei beigebracht hatte. Citoyen, der im Gegensatz zum Bourgeois politisch interessierte und im Geist der Aufklärung aktive Bürger – das wusste Fabia aus dem Geschichtsunterricht -, war die respektvolle Anrede, mit der sich die französischen Revolutionäre vor achthundert Jahren angesprochen hatten. Sie diente nun auch als Erkennungszeichen und Losung für den Geheimbund des Professors. Citoyen, wie passend war das für eine Einwohnerin der 3-Milliarden-Seelen-Megapole Paris, deren Wohngebiete ein Viertel des ehemaligen Frankreichs überdeckten!

Fabia wollte sich aufrichten, aber ein dünner, feiner Schmerz stach ihr von innen durch die Lenden und hielt sie am Boden fest.

»Puck – medizinischer Bericht«, stöhnte sie und sofort tastete sie ein scharfer, grüner Lichtstrahl ab, der aus einem der vielen Okulare des langsam heranrollenden goLEMs strahlte. Fabia hielt sich die schmerzende Seite und wusste noch vor der Analyse des Roboters, welches Organ den Schmerz ausgelöst hatte. Puck beendete seine optische Untersuchung. Er bildete aus seinem wie Quecksilber glänzenden Kugelbauch einen dünnen Tentakelarm aus. Über dessen nadelfeinen Kanülenfinger entnahm er vom ihm entgegengestreckten Oberarm der Studentin flink ein wenig Blut. Oberhalb seines Haupts tauchten Zahlenreihen und Diagramme auf, die durch eine Verbindung zu Fabias Augreyes dorthin gezaubert worden waren.

Der kleine goLEM verfügte bei Weitem nicht über die Möglichkeiten der großen Medizinroboter, der sogenannten Gamma-Reihe. Diese kybernetischen Wunderwerke schwebten durch energetische Gravitationsfelder frei in der Luft und konnten sich in ihr wie ein Schweber bewegen. Die Gammas erinnerten Fabia wegen des stachligen Aussehens ihrer unzähligen Ärmchen an vergrößerte Seeigel und konnten neben Diagnosen auch Notfallversorgungen bis hin zu komplizierten Operationen und aufgrund ihrer beeindruckenden künstlichen Intelligenz sogar psychiatrische Aufgaben übernehmen. Der Omicron der Studentin war allerdings weit mehr als ein Spielzeug, das man vor allem zur Aufsicht und als Haustierersatz bei Kindern einsetzte. Ihr goLEM war mit einem Medizinupgrade ausgerüstet und überwachte in ständigem Kontakt mit den Rechnern der Universitätsklinik die fragile Gesundheit von Fabia.

»Der Bluttest ist nicht auffällig«, dozierte Puck, »auch wenn der Kreatininwert leicht erhöht und – wahrscheinlich wegen der Situation – auch dein Blutdruck nicht ideal ist. Aber das kann sich sehr schnell ändern. Ich habe dir daher eine schwache Mischung aus Schmerz- und Beruhigungsmitteln verabreicht, deren Wirkung zeitnah einsetzen sollte. Ich muss dich dringend daran erinnern, dass du innerhalb der nächsten 12 Stunden unbedingt eine Hämodialyse-Station aufsuchen solltest.«

Fabia nickte abwesend. Diese Diagnose hatte nichts Erschreckendes für sie. Schon in ihrer frühen Jugend war von Ärzten eine zwar langsame, aber stete Verschlechterung ihrer Nierenfunktionen festgestellt worden. Sie war deshalb daran gewöhnt, sich regelmäßig alle vier Tage einer schnellen Blutreinigung unterziehen zu müssen. Das war zwar eine lästige Prozedur, doch sie dauerte kaum eine Stunde und beeinträchtigte ihren Alltag nur wenig. Im Augenblick war es übrigens viel wahrscheinlicher, dass sie nicht durch eine Vergiftung ihres Blutes umgebracht wurde, sondern durch einen Mondbrocken, der ihr auf den Kopf fiel.

[<—Zum 5. Teil]                                                                                               [Zum 7. Teil —>]

Mánis Fall – Der Prolog zu Brautschau 7

n Fabias so weit in Wissenschaft und Technik fortgeschrittenen Jahrhundert schien alles möglich. Die Menschheit war in den interplanetaren Raum vorgedrungen und hatte den Mars und zwei Jupitermonde besiedelt, zentral gesteuerte Roboter erledigten alle niederen Arbeiten und die 2MC konstruierte einen neuen Erdtrabanten im Orbit. Eine gewaltige Dyson-Sphäre wurde dort oben gebaut, es sollte eine Hohlwelt für mehrere Milliarden Einwohner werden. möglich. Praktisch aus dem Nichts wurde genug Nahrung für die explodierende Weltbevölkerung geschaffen, ohne dass jemand hungern musste. Man konnte durch Fusion und Anzapfen der Erdwärme beliebige Mengen an billigster Energie erzeugen und Föten im Mutterleib so einfach genetisch optimieren, als würde ein Kind mit Bauklötzen und einer Taschenlampe spielen. Sogar der Tod war schon beinahe überwunden: Es gab seit kurzer Zeit die nach ihrem Erfinder benannte Thorfan-Therapie, die zumindest den wenigen Auserwählten Unsterblichkeit versprach, die sie sich leisten konnten. Dazu kam die ausgereifte, moderne Kryotechnik als eine Möglichkeit, ihn lange hinauszuzögern. Aber es existierten doch noch immer Krankheiten und Seuchen, bei denen die Mediziner machtlos waren.

Fabias Niereninsuffizienz, die durch einen extrem seltenen Defekt in ihren ererbten Chromosomenpaaren verursacht wurde, war so ein Fall, bei dem die Ärzte rat- und hilflos waren. Da der Körper der jungen Frau auf künstliche Nierenimplantate allergisch reagierte und sie abstieß, blieb ihr keine andere Wahl als die regelmäßige Dialyse. Es hätte sich unter den achtunddreißig Milliarden Menschen auf der Erde sicherlich auch ein Spender für eine echte Niere finden lassen, doch die Studentin stand weit unten auf der Empfängerliste. Zudem hätte sie sich den Eingriff auch nicht leisten können, nachdem ihre finanziellen Quellen durch den Unfalltod ihrer Eltern vor drei Jahren nahezu versiegt waren. Die Gelder von der Pflichtkrankenkasse für Studenten an der Sorbonne reichten gerade für die Medikamente und dafür aus, ihren Omicron medizinisch aufzurüsten.

Doch Fabia kannte kein Selbstmitleid wegen ihrer Krankheit. Die Dinge waren eben so und sie hätten wesentlich schlechter sein können. Schließlich genügte die kleine Erbschaft aus der Lebensversicherung ihrer Eltern, um an der bedeutendsten Universität Europas beim größten Gelehrten seit Einstein, Hawkins und Sandra Ellenstat zu studieren – bei dem weltberühmten Professor Samuel Baruch Rosenthal, der zudem auch noch die größte Kapazität des 26. Jahrhunderts auf dem Gebiet der Shakespeare-Forschung war. Selbst wenn ihre Einkünfte nur für diese kleine Studentenbude im 123. Stockwerk des schäbigen Henri-Gouraud-Wohnturms und für einen defekten Thermix ausreichten … Für Fabia hatte das immer genau so gepasst. Das Teufelsgerät von Thermix war übrigens gerade dabei, die Gulaschsauerei, die es angerichtet hatte, mit einem üppigen Sahnedessert zu krönen.

Sie sah auf die Bescherung auf dem Küchenboden und musste lachen. Dabei bemerkte sie, wie ihre Schmerzen nachließen. Die Injektionen von Puck zeigten Wirkung. Wahrscheinlich hatte er ihr, ohne sie zu informieren, auch einen Stimmungsaufheller verabreicht. Wie viel Zeit war vergangen, während der sie bewegungslos auf dem Boden gekauert war? Minuten – oder viel länger? Sie hatte ihr Zeitgefühl verloren. Sie rappelte sich auf und sah sich um. Die Erschütterungen der Grundfesten des himmelhohen Gebäudes hatten für den Moment aufgehört und waren vielleicht nur die letzten Auswirkungen des Beschusses aus den Mars-Gravitationskanonen gewesen, der inzwischen eingestellt sein musste oder aufgrund der Erddrehung weiter westlich einschlug.

Erblickte Fabia irgendetwas, von dem es sich lohnte, es bei ihrer Flucht aus ihrer Wohnung mitzunehmen? Ihr fiel nichts ein, auf das sie nicht verzichten konnte und wollte schon zur Tür gehen, als ihr doch noch etwas in den Sinn kam. Sie wurde rot und bekam ein schlechtes Gewissen. Eilig trat sie an ein Regal und nahm den einzigen persönlichen Gegenstand, den sie besaß, in die Hände. Es war eine dreidimensionale Fotografie ihrer Familie, die im Sommer vor dem Straifer-Unfall entstanden war. Sie allein hatte das entsetzliche Unglück überlebt, weil sie an diesem Tag eine Arbeit schreiben musste und die anderen bei ihrem Ausflug nicht begleiten konnte. Fabia erinnerte sich genau an den Moment, als der Professor in den Hörsaal getreten und an ihren Tisch gekommen war, um sie zu informieren. Seinen Gesichtsausdruck und die Fürsorglichkeit, mit er sich um sie gekümmert hatte, würde sie niemals vergessen; an diesem Tag hatte sie sich heimlich in Samuel Rosenthal verliebt, der – wie sie später frustriert feststellen musste – im Alltag mit seinen Robotern und Androiden verheiratet war und offenbar außer seiner Theatergruppe keinerlei Privatleben führte.

Sie verstaute das Bild von vier glücklichen Menschen zusammen mit ein paar Nahrungsriegeln, dem Studentenausweis und ihrer schmalen Elektronikwerkzeug-Schatulle in einer Umhängetasche, die sie sich über die Schulter warf. Dann rief sie ihren Omicron an ihre Seite und trat kurz entschlossen aus der Wohnungstür, die sie nicht hinter sich verschloss. Warum auch? Sie würde nie mehr zurückkehren. Draußen im lang gezogenen Hausflur flackerte die indirekte Beleuchtung. Fabias Appartement war eines von über fünfzig in diesem Flügel des Stockwerks, aber sie war mit ihrem goLEM völlig allein. Ein paar Wohnungstüren standen wie ihre offen, Abfall und ein aufgeplatzter Koffer voller Wäsche lagen auf dem Boden, erzählten von plötzlichen und übereilten Aufbrüchen. Offenbar war sie spät dran und die anderen schon längst auf dem Weg zu den Schutzräumen. Im Laufschritt lief Fabia in Richtung der Fahrstühle den Gang hinunter und Puck hatte piepsend und protestierend seine liebe Mühe, ihr auf den Fersen zu bleiben. Vor den vier großen Fahrstuhltüren blieb sie atemlos stehen und starrte ungläubig auf den auf ihnen allen aufleuchtenden Hinweis, dass sie außer Funktion waren.

»Was zum Teufel …?«, murmelte sie fassungslos.

»Citoyen, ich habe mich mit der AUSKUNFT des Gebäudes verbunden«, mischte sich ihr goLEM ein. »Aus Sicherheitsgründen sind sämtliche Aufzüge des Hauses gesperrt. Bei dem Stromausfall eben haben sich durch die Erschütterungen die Not-Halteklammern einiger Kabinen gelöst. Es sind mehrere von ihnen abgestürzt oder haben sich verkeilt. Es ist offenbar zu schweren Personenschäden und bedauerlicherweise auch zu einem Todesfall gekommen. Die AUSKUNFT empfiehlt, die Notfalltreppen zu benutzen, bis die Haussicherheit die Funktion der Aufzüge wieder hergestellt hat.«

»Wir sind im 123. Stockwerk, Puck! Weißt du, wie lange es dauert, von hier oben hinunter ins Erdgeschoss zu laufen?«

Der goLEM war nicht intelligent genug, um zu bemerken, wann eine Frage seiner Besitzerin rhetorisch gemeint war. Brav machte er sich an die Beantwortung der Rechenaufgabe:

»Wenn du deine momentane Laufgeschwindigkeit beibehältst, werden wir pro Etage etwa zwanzig Sekunden benötigen, wenn du mich trägst – sonst länger. Außerdem sind in den unteren Stockwerken die Treppen durch die vielen Hausbewohner, die diesen Fluchtweg gewählt haben, verstopft. Das erschwert das Weiterkommen erheblich. Alle drei Stockwerke befindet sich zudem eine codegesicherte Feuertür, die du persönlich öffnen musst, was noch einmal zehn Sekunden dauern wird. Regelmäßige Pausen zur Erholung eingerechnet, sind das …«

»Puck – Ruhe«, unterbrach Fabia die Kalkulation. »Ich muss so schnell wie möglich von hier weg. Kannst du die AUSKUNFT nicht überreden, wenigstens einen der Fahrstühle freizugeben?«

»Das ist ausgeschlossen. Sie sind alle nicht in Funktion.«

»Aber was machen wir denn jetzt? Können wir vielleicht in einen anderen Flügel wechseln?«

Ihr Omicron gab ihr nicht einmal eine Antwort. Hilflos sah Fabia zurück. Sollte sie ihr Glück vielleicht doch über die Treppen versuchen?

[<—Zum 6. Teil]                                                                                               [Zum 8. Teil —>]

Mánis Fall – Der Prolog zu Brautschau 8

n diesem Moment öffnete sich weiter hinten  überraschend eine Tür. Zwei junge Männer tappten zögernd in den Flur. Sie steckten in neonfarbenen Pyjamas und machten einen unausgeschlafenen und verwirrten Eindruck. Fabia kannte die beiden vom Sehen und von einer Einladung zu einer Stockwerksparty in ihrer weitläufigen Wohnung, die mit abstrakten Skulpturen vollgestopft war. Die ganze Sache war damals ziemlich aus dem Ruder gelaufen und hatte auch etwas peinlich für sie geendet. Sie dachte nicht gerne daran zurück. Die zwei Männer waren keine Studenten, sondern ein Künstlerpärchen, das das ziemlich teure Appartement angemietet hatte, da es das größte auf diesem Stockwerk war und als einziges einen Balkon mit einem eigenen, privaten Schweber-Landeplatz besaß. Fabia kannte von den beiden nur ihre Vornamen. Sie verwechselte sie immer wieder, obwohl sie sich äußerlich stark voneinander unterschieden. Der ältere von ihnen hieß Leon. Er war ein Bildhauer, der seine plastischen Werke am Computer entwarf und mit einem Drucker produzierte, der größer als Fabias Nasszelle war. Der andere, ein extrem begabter, extrem moderner und zugleich extrem erfolgloser I-Net-Poet, nannte sich Raphaël, was aber bestimmt ein Pseudonym war.

»Was ist denn los? Ein Erdbeben?«, fragte Raphaël – zumindest nahm Fabia an, dass er der Dichter war. Er rieb sich die Augen. Sie rannte zurück zu den beiden. Hatten sie tatsächlich gemeinsam den Weltuntergang verschlafen?

»Habt ihr denn die Nachrichten nicht gehört?«, fragte Fabia verwundert. Das Paar sah sich an.

»Nun, äh, gestern ist es etwas später geworden. Wir hatten eine, äh, kleine Familienfeier. Wir haben unsere Augreyes für die Nacht deaktiviert, damit wir ausschlafen können und nicht um sechs Uhr vom täglichen Alarm geweckt werden«, erläuterte Leon entschuldigend und auch ein wenig verlegen. Fabia hätte ihn jetzt gerne gefragt, wie es ihm so einfach gelungen war, seine Verbindung zum I-Net zu unterbrechen. Denn das war eigentlich fast unmöglich und auch strafbar. Für dieses kleine Kunststück hätten sich die Citoyens sehr interessiert, aber für eine Erklärung war im Augenblick keine Zeit.

»Dann würde ich an eurer Stelle die Reyes schnell mal wieder einschalten!«, rief sie. »EDY hat Katastrophenalarm ausgelöst, weil uns in Kürze ein Brocken vom Mond auf den Kopf fällt. Im Ernst! Wir sind in Lebensgefahr und müssen auf der Stelle das Gebäude verlassen und die Schutzräume aufsuchen. Wahrscheinlich sind wir die Letzten, die noch hier oben dumm herumstehen. Allerdings haben wir ein nicht unbedeutendes Problem: Die Aufzüge sind außer Betrieb.«

Leon und Raphaël starrten sie wie Denkmäler ihrer selbst an; ihr von Alkohol und diversen anderen Drogen umnebeltes Gehirn kam nur langsam in Bewegung. Raphaël kratzte sich in seinen üppigen, haselnussbraunen Haaren.

»Merde!«, fluchte er wenig poetenhaft. »Ich werde dann mal ein paar Sachen zusammenpacken.«

Er machte aber keine Anstalten, in das Loft zurückzugehen, sondern blieb weiterhin unschlüssig in der Tür stehen. Wahrscheinlich verfolgten jetzt beide die neuesten Nachrichten über ihre Kontaktlinsen, das würde ihren abwesenden Blick erklären. Fabia hatte keine Zeit, darauf zu warten, bis das Paar den Ernst der Lage begriffen hatte.

»Wenn ihr mich in eure Wohnung lasst, weiß noch eine andere Möglichkeit, wie wir schell hier wegkommen.« Sie drängte sich zwischen den beiden hindurch in das Appartement, das aussah, als hätten dort fünfzig Paviane eine Orgie gefeiert. Puck folgte ihr vorwurfsvoll piepsend auf dem Fuß, hatte aber Schwierigkeiten, auf dem vermüllten Teppich voranzukommen. Offenbar hatten die beiden auch ihre Putz-goLEMs ausgeschaltet. Die Skulpturen von Leon, die jeden freien Platz zwischen den Möbeln ausfüllten, glichen amorphen, dichten Rauchschwaden, aus denen an den überraschendsten Stellen hyperrealistische, dabei aber ins Groteske vergrößerte Gliedmaßen oder aufgeblähte männliche Geschlechtsorgane herausragten. Jetzt hingen an vielen von ihnen farbenfrohe Tücher, bunte Lampions und große, zu weiß-roten Spazierstöcken geformte Zuckerstangen.

Fabia fürchtete sich ein wenig vor der Kunst des glatzköpfigen Bildhauers. Sie war ihr zu düster und bedrohlich, erinnerte sie zudem an die blutrünstigen Idole eines Steinzeitstamms. Doch die Werke schienen sich gut zu verkaufen, wenn sich die beiden Männer dieses großzügige Loft ganz oben auf einem der Pariser Wohntürme leisten konnten – auch wenn dieser renovierungsbedürftig war und nicht im allerbesten Stadtviertel stand. Fabia hatte gewisse Vorurteile vor Männern mit Glatze. Obwohl sie nicht wusste, ob der Bildhauer von Natur her kahlköpfig war oder es erst durch eine genetische Optimierung geworden war, deren Nebeneffekt beim ›starken‹ Geschlecht in der Regel ein vollkommener Haarausfall bildete. Sie misstraute Menschen, die sich der äußerst aufwendigen Behandlung durch den volkstümlich als ›Grüner Strahl‹ bekannten radiologischen Eingriff in ihr Erbgut unterwarfen, um weiter sehen zu können, schneller zu laufen, besser zu denken, leichter abzunehmen und was es da noch für Möglichkeiten gab. Obwohl sie eigentlich nicht religiös war, kam es Fabia wie Betrug vor und wie eine ketzerische Anmaßung. Auf diese Weise in Gottes Werk zu pfuschen, konnte nicht richtig sein. Rein äußerlich war Leon nichts anzusehen. Ihm wuchsen keine Engels- oder Fledermausflügel, wie es gerade bei der Jeunesse dorée en vogue war. Auf den ersten Blick war es nicht erkennbar, ob er sich körperlich modifiziert hatte. Er trug nicht einmal eine Leuchttätowierung an seinem nackten Oberarm. Eigentlich ging das Fabia überhaupt nichts an und es war das Problem von Leon und seinem zierlichen Freund Raphaël, der übrigens seinem Namen alle Ehre machte und schulterlange, seidige Locken trug. Es war nur so, dass sie keine glatzköpfigen Männer mochte. Punkt.

Ohne auf die verlegenen Mienen und die erstaunten Ausrufe der beiden zu achten, bahnte sie sich einen Weg durch die Überreste einer durchzechten Nacht und die im Weg herumstehenden düsteren Skulpturen. Sie trat durch das blau flimmernde und damit als durchgängig markierte Türfeld hinaus auf den Balkon, der die Ausmaße einer kleinen Dachterrasse hatte, aber frei in dreieinhalb Kilometer Höhe über den Rand des Turms in die freie, hier oben bereits recht dünne Luft ragte. Der Sommermorgen war in dieser Höhe empfindlich kalt. Fabia war froh, dass sie sich vorhin den Hoodie ihres verstorbenen Bruders übers T-Shirt gezogen hatte und schob sich die Kapuze des Pullis über das blonde Haar. Der Ausblick war um einiges besser und beeindruckender als der aus dem schmalen und halb blinden Fenster in ihrer eigenen Wohnung, das man nicht öffnen konnte. Zuerst fiel ihr auf, dass die sonst so allgegenwärtigen Werbetafeln vom Himmel verschwunden waren. Die Ordnungskräfte hatten sie offenbar landen lassen, damit sie den Flüchtenden nicht im Weg waren.

Fabia trat an die Brüstung, lehnte sich über sie und spähte in die Tiefe. Jedermann war schwindelfrei; dies war eine genetische Modifikation, die bei jeder Schwangerschaft zum Standard gehörte, weil die Mehrzahl der Menschen in diesen himmelhohen Wohntürmen leben musste, nachdem der Platz in der Horizontalen zu eng geworden war. Diese Gebäude ragten in der Vertikalen nicht nur hoch empor, sondern gingen auch viele Stockwerke in die Tiefe. Das Henri-Gouraud-Building war nur einer von einem Dutzend eng beieinanderstehender Wolkenkratzer, die alle untereinander durch Brücken und Plattformen verbunden waren und doch nur einen Teil der unzähligen, in den Himmel deutenden Gebäudeinseln von Paris darstellten. Zwischen den Türmen brauste auf mehreren Ebenen der Verkehr durch die Luft, der Fabia kaum dichter als an einem gewöhnlichen Morgen zur rush hour erschien. Zigtausende von kleineren und größeren Flugmaschinen strömten wie glitzernde Gebirgsbäche durch die metallenen und gläsernen Schluchten. In weiter Ferne konnte Fabia einige dünne Rauchsäulen aufsteigen sehen, deren Ursprung sie jedoch nicht genau einschätzen konnte. Waren dort bereits einige Meteoritenbrocken vom Mond niedergegangen oder Gebäude durch die Erdbeben eingestürzt?

[<—Zum 7. Teil]                                                                                               [Zum 9. Teil —>]

Mánis Fall – Der Prolog zu Brautschau 9

Du bist doch Fabia, nicht wahr? Unsere Nachbarin ein Stück den Gang hinunter, die uns bei unserem Einweihungsfest die Wohnzimmercouch vollgekotzt hat«, stellte Leon fest. »Was willst du tun? Du willst dich doch deshalb jetzt nicht in die Tiefe stürzen?«

Er war neben Fabia auf die Terrasse getreten und warf ebenfalls einen Blick in die Tiefe. »Oder kannst du vielleicht fliegen?«

Sie riss sich von dem überwältigenden Anblick los und wandte sich zu dem glatzköpfigen Bildhauer, der sie neugierig musterte. Fabia deutete auf eine, etwa eine Handbreit hohe und kreisrunde Erhebung mitten auf dem Balkon. Sie hatte etwa einen Meter Durchmesser. Daneben war auf einem schmalen, gebogenen Fuß eine Konsole befestigt, die die Künstler offenbar als Getränketischlein missbrauchten, denn es standen einige benutzte Gläser und halb leere Flaschen auf ihr.

»Weder – noch. Aber eure Vormieterin Alexandrine hat sich hier eine Expressschweber-Plattform einbauen lassen. Ich habe mich mal mit ihr unterhalten. Sie arbeitete für die Direktion der Société Générale und musste ihr zu jeder Tages- und Nachtzeit persönlich zur Verfügung stehen.«

»Dieses veraltete Ding ist doch längst vom Netz getrennt und nicht mehr in Funktion. Außerdem hat AUSKUNFT gerade über die Augreyes mitgeteilt, dass der Schweberverkehr bis auf Weiteres ruht, weil das Militär den Luftraum für Truppenbewegungen und Transporte benötigt«, erwiderte Leon. Dann zögerte er und musterte Fabia nachdenklich. Er schien darüber nachzudenken, was er zu ihr sagen durfte.

»Es sieht so aus, als hätte die 2MC genau auf solch eine Gelegenheit gewartet, um gegen die Regierung zu putschen«, fuhr er vorsichtig tastend fort. Offenbar war er zu dem Ergebnis gekommen, dass die blonde Studentin keine Zuträgerin der Moon Corp. war und er befürchten musste, er könnte sich mit seinem Defätismus eine Beleidigungsklage oder gar etwas Schlimmeres einhandeln. Es hielt sich das hartnäckige Gerücht, die 2MC würde missliebige Kritiker einfach verschwinden lassen. Nun musste auch Fabia überlegen, wie viel sie preisgeben durfte. Doch Misstrauen war in diesem Moment fehl am Platz.

»Ich bin Mitglied der Citoyen. Ich weiß nicht, ob dir das etwas sagt«, sagte sie, während sie vor die zweckentfremdete Schweber-Kontrollkonsole trat und sie von den Resten der Party leer räumte. Sie prüfte die Konsole mit Kennerblick und kam zu dem Ergebnis, dass sie tatsächlich außer Betrieb, aber wahrscheinlich noch voll funktionstüchtig war. Leon nickte wissend und anerkennend.

»Citoyen, ja. Von euch habe ich gehört. Das ist die Gruppe um Professor Rosenthal; sie nennt sich auch Newlisas, nicht wahr? Ihr kämpft gegen den Bau der Dyson-Sphäre, obwohl sie uns allen den Arsch retten kann.« Er legte den Kopf schief. »So ganz habe ich eure Argumente allerdings nicht verstanden.«

»Die Kurzfassung, oki? Ein zweiter Mond ist keine Lösung für unsere Probleme, sondern nur ein teurer Fluchtort für die Reichen und Schönen, denen es hier auf der guten alten Erde zu eng wird und die nicht in die raue Einöde der Kolonien wollen. Wir glauben auch, dass es vom Mars aus unmöglich ist, mittels irgendwelcher Gravitationskanonen den natürlichen Mond aus der Bahn zu werfen, sondern dass dahinter eine gezielte Aktion der 2MC steckt, die die Mars-Kolonisten als Sündenböcke missbraucht. Nur durch das Damoklesschwert des drohenden Mondsturzes können die Ressourcen und Gelder aufgebracht werden, die die Corp. für ihr Wahnsinns-Projekt benötigt. Zudem braucht ihre Dyson-Sphäre, wenn sie fest in der Umlaufbahn um die Erde installiert werden soll, wesentlich mehr Masse, als wir jemals von der Erde nach oben transportieren können. Da kommt es sehr gelegen, wenn der echte Mond wie zufällig zertrümmert wird, denn dessen Gestein kann man gut beim Bau verwenden. Und die heutigen Ereignisse scheinen uns recht zu geben«, erläuterte Fabia abgelenkt, während sie den Staub vom Tastenfeld putzte, anschließend in die Umhängetasche griff und ihr Elektronikwerkzeug herausholte. Sie nahm ein wie ein dünner Stift aussehendes Instrument in die Hand und entfernte mit seiner Hilfe die obere Abdeckung der Konsole, die sie achtlos zur Seite warf.

Leon runzelte die Stirn. »Du behauptest also, es wären nicht die bösen Marsmännchen, sondern die 2MC, die selbst den Mond zerstören lässt, weil er ihr im Weg ist und sie ihn als eine Art von Weltraum-Steinbruch benutzen will? Ist die momentane Katastrophe wirklich Absicht? Das kann ich mir kaum vorstellen.«

»Ich weiß es auch nicht. Es kann sein, dass alles ein Unfall war und I-Net der Mondbrocken, der heute Nacht in den Atlantik stürzen wird, außer Kontrolle geraten ist. Vielleicht haben die Typen der Corp. den Mondfall auch bewusst provoziert, um die Regierungsgewalt übernehmen zu können. Da kann ich nur raten. Auf jeden Fall traue ich denen inzwischen alles zu. Aber jetzt lass mich bitte arbeiten, wenn wir von hier oben wegkommen wollen, bevor uns der Himmel auf den Kopf fällt«, sagte Fabia und schloss ein kompliziertes Messgerät an den heraushängenden Glasfaserkabeln des Pults an, das sofort einen Switch installierte und ein Bereitschaftssignal sendete.

»Die Schweber-Plattform hat noch Restenergie. Diese dürfte für einen Neustart ausreichen«, stellte sie dann zufrieden fest.

Der Bildhauer trat zurück und sah furchtsam nach oben. Aber er konnte die Bedrohung nicht entdecken, die sich angeblich über seinem Haupt zusammenbraute. Rosafarbene Wolkenfedern schwebten am morgendlichen Himmel. Die Sonne kämpfte sich gerade mühsam durch den Smog-Schleier, der wie eine Glocke über Paris hing. Unvorstellbar, dass von dort oben der Tod auf sie herabfiel. Fabia musterte Leon und wunderte sich über ihn. Sie musste ein paar der Vorurteile revidieren, die sie sorgfältig gegen Menschen wie seinesgleichen hegte. Offenbar war der Künstler bei Weitem nicht so oberflächlich und selbstbezogen, wie sie gedacht hatte. Und er war politisch gut informiert. Sie fand es erstaunlich, dass Leon Professor Rosenthals kleine Widerstandsgruppe kannte, die sich in den sozialen Netzwerken nicht nur Citoyens, sondern auch gerne The New Elisabethanians nannte. Die Newlisas fanden nur wenig Widerhall in der Öffentlichkeit. Sie wurden von den großen Medien und Nachrichtendiensten, die wie I-Net selbst im Besitz der 2MC waren und von deren Rechtsanwälten kontrolliert und zensiert wurden, entweder völlig ignoriert oder als schwarzmalende, aber harmlose Spinner und Verschwörungstheoretiker bezeichnet. Fabia hätte selbst nicht an die düsteren Prophezeiungen des Professors geglaubt, wenn sie nicht in ihn verliebt gewesen wäre. Und selbst so, wenn sie ehrlich zu sich war, fand sie einige seiner Schlussfolgerungen allzu fantastisch.

»Ich werde mal nach Raphaël sehen, damit er nur das Nötigste mitnimmt«, unterbrach der Bildhauer Fabias Gedanken. Er hatte lange genug in den Himmel gestarrt. »Ich traue ihm zu, dass er seine gesamte analoge Lyrik-Bibliothek mitschleppen will, aber die Kopfschmerztabletten und die Kreditkarten vergisst. Du kommst ja wohl im Moment allein zurecht, Fabia.«

Die Studentin nickte abgelenkt. Sie hatte kaum zugehört, denn sie beschäftigte sich gerade damit, das Betriebssystem des Bedienfeldes zu starten, um dieses dann mit ihrem goLEM zu verbinden.

»My gentle Puck, come hither!« Fabia rief ihren kleinen goLEM zu sich, der gehorsam und geräuschvoll über die Fliesen zu ihr heran rollte.

Die junge Softwarespezialistin hoffte, dass das einfache Steuerungssystem der Konsole autark war und nicht direkt mit dem I-Net verbunden; denn nur so würde es ihr gelingen, mithilfe ihres Roboters dessen Virenwächter, Passwörter und Firewalls zu überlisten, um einen der Schweber fernzulenken und zum Landen auf der Dachterrasse zu bewegen. Die Apparatur bekam von Puck auf kabellosem, elektromagnetischem Weg ausreichend Strom und startete in einen Reparaturmodus, dessen simple Oberfläche Fabia benutzen konnte, um tiefer in das System einzudringen und seine Kontrolle zu übernehmen. Ihre Augreyes koppelten an und synchronisierten sich. Plötzlich befand sich Fabia in ihrer subjektiven Wahrnehmung in einer vollkommen anderen, virtuellen Welt, in der Naturgesetze nicht galten und die Schaltkreise, Prozesse, Daten und Programmroutinen auf eine Weise optisch dargestellt waren, die sie allein durch ihre langjährige Übung instinktiv erfasste, die aber einen Laien in kurzer Zeit um den Verstand gebracht hätten. Diese Welt war zwar nicht für das menschliche Gehirn gemacht, aber es war immer wieder faszinierend, wie schnell dieses sich an neue Gegebenheiten anpassen konnte. Informatiker, die nicht auf die herkömmliche, von einem Bildschirm gestützte Art mit den Computern kommunizierten, sondern sie direkt über ihre Augreyes wie in einem Computerspiel betraten und sie im virtuellen Raum warteten, programmierten oder auswerteten, wurden als Cybernauten bezeichnet. Fabia war eine der Besten und allein aus diesem Grund für die Citoyens um Rosenthal unentbehrlich.

[<—Zum 8. Teil]                                                                                               [Zum 9. Teil —>]

Mánis Fall – Der Prolog zu Brautschau 10

or ihren Augen öffnete sich nun eine farbenfrohe, surreale Welt. Sie war voller vierdimensionaler, allein durch Blicke bewegbarer und beeinflussbarer Symbole und glitzernder Röhrenverbindungen, die wie zu Gordischen Knoten ineinander verwickelte Seile aussahen. Überall schwammen komplizierte Verteilerplatinen und annähernd menschenähnlich oder auch vollkommen abstrus geformte Körper durch den Äther des virtuellen Raums. Sie glänzten quecksilbern und waren ihren Robotervorbildern in der echten Welt nachgebildet. Es gab keine Himmelsrichtungen, kein Oben, kein Unten, auch kein Vorne oder Hinten und keine feste, fühlbare Materie. Die Dinge durchdrangen einander in diesem Miniaturuniversum, wechselten rasend schnell die Plätze, verschwanden und tauchten unvermutet an einer anderen Stelle wieder auf.

Für einen Außenstehenden war darin keine Logik oder Zielstrebigkeit zu erkennen, doch Cybernauten wie Fabia konnte die Dinge in ihrer Gesamtheit erfassen. Was sie im Cyberspace wie durch ein Kaleidoskop sah, war freilich nur eine Allegorie für die tatsächlichen Vorgänge im Prozessor des Rechnerpults. Die war eine nur auf den ersten Blick chaotische Welt, die sich allerdings immer wieder aufs Neue zu klaren, symmetrischen Strukturen und Arabesken von überwältigender Schönheit und Farbenpracht ordnete. In diesem künstlichen, dabei vollkommen lautlosen Raum fühlte sich die Studentin wohl. Err war ihr fast mehr Heimat als die laute Megapole Paris. Hier spielte ihr kränklicher Körper keine Rolle – im Gegensatz zur Realität begriff sie diese Welt und konnte sie beeinflussen. Sie hätte die uneingeschränkte Königin sein können, wenn es nicht die virtuellen Schlosswächter gegeben hätte, die sofort versuchten, sie beim weiteren Vordringen ins Herz des veralteten Steuersystems zu behindern.

Prompt versperrte ihr eine dem Polizei-goLEM Omega nachgebildete Firewall den Weg und erkundigte sich nach dem Grund ihrer Anwesenheit. Dabei hielt sie drohend ihren an der Spitze rot glühenden Waffenarm auf sie gerichtet. Fabia war nicht direkt in Gefahr, denn dieser Gegner existierte ja nur im virtuellen Raum. Im schlimmsten Fall bekam sie einen Stromstoß ab und würde anschließend recht schmerzhaft aus der Simulation geworfen werden. Sie hatte aber schon von Fällen gehört, bei denen bei Cybernauten nach einer Attacke durch ein Antivirenprogramm ernsthafte psychische Beschwerden zurückgeblieben waren. Es hatte während der Simulationen auch schon den einen oder anderen Herzinfarkt gegeben.

Solch eine durchaus wehrhafte, aber hoffnungslos veraltete Schutzroutine wie dieser Omega, der Fabia den Weg verstellte, war jedoch für eine erfahrene Cybernautin wie sie problemlos zu knacken. Da hatte die Kybernetikstudentin ihr Können schon an ganz anderen Bots erprobt. Sie konnten allerdings äußerst begriffsstutzig und hartnäckig sein; auch diese Eigenschaften hatten sie von ihren Originalen im echten Leben übernommen. Das Beste war, man überrumpelte sie. Die Kontaktaufnahme des Schutzprogramms, ohne den Eindringling sofort anzugreifen und zu versuchen, ihn aus dem Speicher zu löschen, war einer der Programmierfehler dieser martialischen, aber vollkommen veralteten Firewall. Sie gab Fabia dadurch ausreichend Zeit, zu reagieren. Während sie den vorgetäuschten Omega mit einer Unzahl unsinniger Anfragen spamte und seine Input-Funktionen überforderte, gelang es dem virtuellen Pendant ihres Omicron problemlos, ihn durch eine eingeschleuste Hintertür-Routine außer Funktion zu setzen. Der Wächter erstarrte und trudelte dann wie ein Gummiballon davon, aus dem durch ein Loch die Luft entweicht.

»War das schon alles?«, fragte sich die Cybernautin. »Das kommt mir fast zu einfach vor.«

Bevor sie den nächsten Schritt unternahm, schloss sie sich deshalb näher mit ihrem goLEM zusammen und errichtete um ihre beiden virtuellen Abbilder einen Schutzwall aus Schadcode. Keinen Augenblick zu früh! Denn nur einen Gedanken später wurden die beiden von einer Art Fluggeschwader angegriffen. Es waren Anti-Viren-Definitionen, die aber mangels Update so betagt waren, dass sie wirkungslos an der Hülle verpufften, die Fabia gebildet hatte. An einem anderen Tag hätte sie sich noch ein wenig mit den hilflosen Abwehrversuchen des Plattformsystems vergnügt und in seinen Speichern gewühlt, die sicher ein paar interessante Informationen enthielten. Aber sie hatte es eilig und übernahm nun rasch die Administrator-Rechte. Deren Passwort war durch einen so simplen Algorithmus verschlüsselt, dass Fabia fast Pucks Verachtung zu spüren glaubte, als er ihn lässig mit einer kurzen Brutforce-Attacke knackte. Damit drang sie endlich ungehindert in das Sanctuary, das innere Primärsystem der Software vor und forderte sofort einen Schweber an. Die KI baute gehorsam eine Verbindung zum Flug-Netzwerk auf. Tatsächlich hatte das I-Net den Schweberverkehr zwar eingeschränkt, aber es war kein Problem, eine noch in der Luft befindliche, leere Kugel, die eigentlich bereits auf dem Rückweg zu ihrer Garage war, zum Henri-Gouraud-Wohnturm umzuleiten. Fabia betete, dass ihre illegale Aktion im allgemeinen Chaos nicht weiter auffiel oder zumindest von I-Net als Nebensächlichkeit abgetan wurde.

Eigentlich hatte die junge Frau damit erreicht, was sie wollte, aber sie nutzte die Gelegenheit und sah sich doch noch ein wenig um. Über eine nur selten verwendete Subfrequenz des weltumspannenden Netzes gab sie verschlüsselt bekannt, dass sie momentan über die IP der Schweberplattform erreichbar war. Wie sie wusste, wurde diese Frequenz von den Citoyens abgehört und häufig für ihre Kommunikation benutzt. Vielleicht bekam sie ja Kontakt zu einem ihrer Freunde, der mehr über den Putsch der 2MC wusste. Tatsächlich materialisierte sich fast augenblicklich in der virtuellen Schaltzentrale der Plattform die Avatarin von Xaver Delande. Die bleiche Erscheinung mit den todtraurigen Augen trug etwas schäbige Frauenkleider aus der Mitte des 19. Jahrhunderts. Ihre dunkelroten Haare trug sie durch einen strengen Mittelscheitel geteilt und verbarg sie größtenteils unter einem Haubenhut, den sie unter ihrem Kinn mit einer Schleife festgebunden hatte. Sie sollte Jane Eyre darstellen, die neben der Beauvoir, George Sand und Lizzy Bennet zu den beliebtesten Hologramm-Figuren überhaupt zählte.

Der mit dem merkwürdigen und veralteten bayerischen Vornamen gestrafte Xaver – er war wahrscheinlich der einzige unter den Milliarden von Menschen auf der Erde, der noch so hieß – war nicht nur zweifelsfrei ein Mann, sondern er war zudem muskulös wie ein Ringer. Sah man mal von seiner ebenfalls roten Haarfarbe ab, wies er im echten Leben keinerlei Ähnlichkeit mit der Romanfigur der Charlotte Brontë auf. Aber eine solche hatte Fabia in ihrem virtuellen Dasein mit ihrem Sartre ja auch nicht. Xavers Zwillingsschwester Sadie war übrigens Fabias beste Freundin – auch wenn Sadie mit ihr um die Gunst von Samuel Rosenthal konkurrierte und dabei ebenso erfolglos war. Trotzdem oder vielleicht auch deshalb waren die beiden nicht nur im echten, sondern auch im virtuellen Leben unzertrennlich und verbrachten einen großen Teil ihrer Freizeit miteinander. So wunderte sich Fabia nicht, dass auch Sadies Avatar, der schwarzhaarige, düstere Heathcliff aus Wuthering Heights, prompt neben Jane Eyre auftauchte. Sadies Fachbereich war die Anglistik, die sie mehr prokrastinierte als studierte. Die beiden kannten sich über Professor Rosenthal, der ja sowohl Informatik-, als auch Shakespeare-Vorlesungen hielt. Sadie und ihr Bruder Xaver hatten schon vor Fabia zum kleinen Zirkel der streitbaren Citoyens gehört.

Jane Eyre und Heathcliff sahen sich neugierig um. Fabia war längst daran gewöhnt, dass ihre Freunde im virtuellen Raum Avatare des anderen Geschlechts benutzten. Das machten sehr viele Leute im Netz; es war ein Massenphänomen. Sie selbst versteckte sich ja auch hinter der Maske eines alten Mannes.

»Wo du dich überall herumtreibst. Das ist doch wirklich nicht die beste Gegend«, stellte Sadie etwas mokant fest. Ihr gut aussehender, dunkelhäutiger Avatar brachte diesen Gesichtsausdruck mit einem Lippenkräuseln hervorragend zum Ausdruck. »Aber es ist schön, von dir zu hören. Wir waren schon in ernsthafter Sorge.«

»Wir haben nur nicht allzu viel Zeit«, mischte sich Jane Eyre, also Xaver, ein. »Diese Verbindungsfrequenz wurde vorhin von EDY für Privatübermittlungen gesperrt und wird nun vom I-Net überwacht. Zuwiderhandlungen ziehen eine sofortige Internierung nach sich. Also, bevor unsere Firewall zusammenbricht und wir erwischt werden: Wo bist du? Wir befinden uns alle in Babel und warten auf dich. Ohne dich können wir hier nicht weiter machen!«

[<—Zum 9. Teil]                                                                                               [Zum 11. Teil —>]

Mánis Fall – Der Prolog zu Brautschau 11

Ich bin schon auf dem Weg zu euch. Ich muss allerdings noch einen Zwischenstopp an einer Hämolyse-Station machen.«

»Auf dem großen Platz vor der Bibliothek ist eine Notfallstation des Roten Kreuzes. Nimm die, denn die Uniklinik wird bereits evakuiert. Aber beeile dich! I-Net hat den Countdown für den Impact schon gestartet.« Xaver-Jane nickte ihr freundschaftlich zu und löste sich dann auf. Er hatte seine Verbindung gekappt. Sadie-Heathcliff sah sich um und trat einen Schritt näher. Ihr attraktiver Avatar sah plötzlich sehr besorgt aus. Sie hatte seine Stimme zu einem Flüstern gesenkt.

»Du kommst mit einem Schweber von deiner Wohnung zu uns, richtig? Dann solltest du die Flüchtlingsströme weiträumig umgehen und versuchen, dich von der anderen Seite her der Universität zu nähern. Ich rate dir dringend, uns von Nordosten über Bezons anzufliegen und schon bei den Val-d’Oise-Zwillingstürmen die Seine zu überqueren. Ich habe diese Route als den schnellsten Weg ermittelt und schicke sie dir eben«, schlug Sadie vor. »Hast du das empfangen?«

»Danke, ja. Ich habe die Route an meinen Omicron weitergeleitet. Nur die Ruhe; noch ist Zeit. Ich bin ja bald bei euch.«

»Hoffentlich, denn ich mache mir Sorgen um dich, Chica!«, fügte Sadie-Heathcliff nach einem kurzen Zögern hinzu. Dann verließ auch sie den virtuellen Raum. Alleine gelassen, sah sich Fabia noch einmal in dem abstrakten Tumult um, in dem sie sich bewegte. Hier gab es nichts mehr für sie zu tun. Wie immer kostete es Fabia einige Anstrengungen und Willen, sich von der künstlichen Welt zu lösen und in die sogenannte Realität zurückzukehren. Auch diese war nur eine Lüge. Sie entstand ja wie die VR der Schweberkonsole nur aufgrund von elektrischen Impulsen in den Nervenbahnen ihres Gehirns und war vielleicht ebenso falsch und nur ein luzider Traum, aus dem sie nur im Tode erwachen konnte. Fabia hatte den Eindruck, dass es ihr jedes Mal etwas schwerer fiel, wieder aufzutauchen. Sie kannte die Gefahr, von dem virtuellen Leben abhängig zu werden. Es war eine gefährliche Sucht, die VR-Junkies dazu verführte, ihr ganzes Leben in imaginären Welten zu verbringen, während sie in der Realität langsam verhungerten und verdursteten. Doch so gerne sie auch geblieben wäre, den bevorstehenden Weltuntergang konnte sie nicht im Cyberspace aussitzen. Fabia fragte sich besorgt, wie viele Menschen genau dies trotzdem versuchten und sich auch von I-Net und EDY nicht davon abbringen ließen, mit einem Computer verbunden in ihren Wohnungen und in erträumten Orten auszuharren, die ihnen ihre Interfaces und Augreyes vorgaukelten.

Seufzend gab sie Puck den gedachten Befehl, ihre Verbindung mit der Steuerungseinheit zu lösen und öffnete die Augen.

Wie nach jedem Aufenthalt im Cyberspace hatte Fabia ihr Zeitgefühl verloren und war einige Augenblicke orientierungslos und fühlte sich von den Gesetzen der Schwerkraft belastet. Ihr war, als hätte ihr jemand einige ihrer Gliedmaßen amputiert. Sie blinzelte die letzten Lichtreflexe der virtuellen Umgebung von ihren Augreyes weg und blickte die beiden Künstler an, die seit einer Weile neben ihr auf ihren gepackten Koffern saßen und ungeduldig auf die Rückkehr ihres Geistes in ihren Körper gewartet hatten.

»Der Schweber sollte gleich kommen«, sagte sie und tatsächlich tauchte wie aufs Stichwort einer der kugelrunden, gläsernen Personentransporter vor der Brüstung der Terrasse auf und senkte sich dann geräuschlos auf die für ihn vorgesehene Landeplattform hinab. Die beiden Halbschalen der Türen klappten nach außen. Es war ein kleines Modell, das Fabia hatte rufen können. Es war eigentlich nur für zwei Passagiere gedacht, die nebeneinander in den Schweber passten, aber auf die Schnelle hatte sie kein geräumigeres Fluggerät auftreiben können.

»Das wird ja ganz schön eng«, stellte Leon kritisch fest.

»Ich bin auch nicht begeistert, doch dies ist der einzige verfügbare Schweber. Hoffentlich kann ich ihn bei der Überlast noch ordentlich steuern«, überlegte Fabia. »Auf jeden Fall werdet ihr euer Gepäck zurücklassen müssen.«

Raphaël sprang wütend auf. »Das geht auf keinen Fall«, empörte er sich. »Meine wertvollen Gedichtbände! Meine Aufzeichnungen – meine Anzüge von Hugo Boss!«

Sein Freund versuchte, ihn zu beschwichtigen, während Fabia achselzuckend ihren goLEM in die für die Roboter vorgesehene Andockstation des Schwebers hob, wo er die Kontrolle über den automatischen Piloten übernahm.

»Da!« Raphaël deutete zornig auf den Omicron. »Diese Metallkugel ist wichtiger als meine Gedichte?«

Fabia platzte der Kragen.

»Und wer steuert die Kiste, wenn wir ihn zurücklassen? Etwa einer von deinen alten Dichtern? Außerdem brauche ich meinen Omicron, um zu überleben. So einfach ist das. Ich habe eine schwere, unheilbare Krankheit und ohne regelmäßig Arzneigaben durch das medizinische Modul meines goLEMs sterbe ich. Dann kommt ihr erst von diesem Balkon herunter, wenn der Wohnturm einstürzt, weil ein Stück vom Mond in ihn gekracht ist.«

Wie auf einen Befehl sahen alle drei ängstlich nach oben, aber noch immer gab es an dem immer wolkenverhangener werdenden Himmel keine Anzeichen dafür, dass die Katastrophe knapp bevorstand. Allein der kalte Wind hatte stark aufgefrischt und blies ihnen ins Gesicht. Er trug Brandgeruch mit sich.

»Den Mond sah ich blinken,
nun stirbt und vergeht er.
Ihr Wölfe, ihr Krähen,
Ihr hungernden Horden!
Was bringt euch der Norden
mit eisigem Wehen?«,

zitierte Raphaël leise ein viele Jahrhunderte altes Gedicht. Dann gab sich der junge Lyriker widerstrebend geschlagen. Nachdem er zögernd ein einziges Buch aus dem Koffer genommen und in die Tasche gesteckt hatte, ließ er sich von seinem Freund auf einen der beiden Schalensitze drängen. Der glatzköpfige Bildhauer quetschte sich zu ihm.

»Wenigstens meinen Verlaine brauche ich, ohne ihn zu leben lohnt sich nicht«, murmelte Raphaël beleidigt.

Fabia setzte sich zu den beiden und die Türen des Schwebers schlossen sich langsam. Zum Glück waren alle drei schlank genug, um nebeneinander in das kleine Fluggerät zu passen. Fabia hatte die Armfreiheit, sich über Puck mit der Steuerung zu verbinden. Der Schweber hob ab und die drei wurden nach links aufeinander gegen das Glas gedrückt, als der Flieger elegant über die Brüstung der Terrasse glitt und dann für etwa fünfhundert Meter scharf nach unten kippte, bis er auf halber Höhe des Wohnturms in den Leitstrom einschwenkte. Er ordnete sich in die unüberschaubare Vielzahl der Fluggeräte ein, die auf dieser Luftstraße zwischen den himmelhohen Gebäuden wie Forellen in einem Wildbach in alle Richtungen flitzten. Die Straßen unter ihnen waren schwarz von Menschen und Fahrzeugen, die alle durch die Häuserschluchten nach Osten unterwegs waren. In der Ferne sahen sie eine Flotte von unzähligen Fluchtbussen und fünf oder sechs gigantischen Flugkreuzern, von denen jeder über zehntausend Personen aufnehmen konnte. Mit ihnen wurden ganze Stadtviertel, Altenheime und Krankenhäuser in Sicherheit gebracht. Der logistische Aufwand, die Megapole innerhalb weniger Stunden zu evakuieren, war für einen Einzelnen unvorstellbar und konnte nur geleistet werden, weil das allgegenwärtige I-Net alles koordinierte und organisierte.

Fabia gab dem automatischen Piloten den Befehl, auf der von Sadie ausgetüftelten Route das weitläufige Universitätsgelände von Paris anzusteuern. Der von I-Nets Kontrolle abgekoppelte Schweber bog gehorsam an der nächsten Kreuzung ab.

»Wo willst du denn hin?«, fragte Leon. »Die Bunker und der Gare de l’est, von dem die Flüchtlingszüge Richtung der Deutschen Länder abfahren, liegen doch alle in östlicher Richtung. Bist du so sentimental und möchtest zum Abschluss noch einen kleinen Stadtrundflug machen?«

»Nein, ich will zur Uni. Dort werde ich kurz landen und aussteigen. Ihr könnt dann mit dem Schweber weiterfliegen, wohin ihr wollt. Das ist nur ein kleiner Umweg.«

Leon zog skeptisch einen Mundwinkel nach oben.

»Bist du dir sicher, dass du nicht lieber mit uns kommen willst? Nach den letzten Nachrichten, die ich von EDY empfangen habe, wird wahrscheinlich niemand, der in Paris zurückbleibt, diese Katastrophe überleben. Inzwischen gibt es wohl auch einen Countdown. Im Anschluss an den Impact des großen Mondbrockens im Atlantik, der nach den neuesten offiziellen Schätzungen 23:30 Uhr bevorsteht, wird uns die Flutwelle etwa eine Stunde später überschwemmen. Uns bleiben vielleicht noch dreizehn oder vierzehn Stunden. Wenn wir bis dahin nicht mindestens Frankfurt erreicht haben, werden wir von dem Tsunami erfasst werden und absaufen.«

[<—Zum 10. Teil]                                                                                           [Zum 12. Teil —>]

Mánis Fall – Der Prolog zu Brautschau 12

fabia benötigte einen Moment, bis sie begriff. »Hast du dich etwa aktiv mit dem Netz verbunden? Verdammt noch mal«, fluchte sie, »kappe sofort die Verbindung! Solange deine Augreyes online sind, kann man uns problemlos aufspüren.«

»Ich bin kein Narr. Ich weiß, dass es höchst illegal ist, was wir da tun. Als wir in den Schweber geklettert sind, haben Raphaël und ich unsere Augreyes wieder komplett abgeschaltet. Wenn I-Net nach uns sieht, findet er nur deine Kontaktlinsen.«

Fabia atmete auf, aber ihr Instinkt warnte sie weiterhin. Sie kamen gut voran, doch irgendetwas stimmte nicht. Bisher ging alles viel zu gut. Sie hatte den Schweber eine kaum mehr befahrene Flugstraße hinaus aus den verstopften Routen der Flüchtlingsströme einschlagen lassen, die in einem weiten Bogen Richtung Innenstadt führte. Am Horizont tauchte die Seine auf, die als schmutziges, graues Band die Innenstadt in zwei Hälften zerschnitt. Die beiden mächtigen Val-d’Oise-Wohntürme kamen in Sicht. Fabia wies den Schweber an, Höhe zu gewinnen, damit sie einen besseren Überblick bekam.

In diesem Augenblick bestätigten sich ihre schlimmsten Befürchtungen:

Wie aus dem Nichts fielen von oben zwei wendige Polizeiflieger jäh herab und versperrten vor ihnen drohend den Weg. Der automatische Pilot reagierte sofort, stoppte pflichtschuldig und der Schweber ruhte bewegungslos vor den beiden anderen in der Luft.
»Verdammt! Verdammt! Verdammt«, wiederholte Fabia nach einer Schrecksekunde, denn im Moment fielen ihr keine weiteren Schimpfwörter ein. »Wo kommen die so plötzlich her?«

»Landen Sie sofort diesen gestohlenen Schweber, Bürgerin Fabia Winterfeld. Aufgrund Paragraph 20, Absatz 4 der vor 52 Minuten in Kraft getretenen Allgemeinen Notstandsverordnung sind wir gezwungen, sofort von unseren Waffen Gebrauch zu machen, wenn Sie sich dieser Anordnung widersetzen. Sie sind ein Mitglied der verbotenen Citoyen-Bewegung und wir werden Sie und eventuelle Begleiter jetzt wegen schweren Verstößen gegen die Artikel 217 b, 56 und 14 a der Ersten Allgemeinen Strafgesetze der Notstandsverordnung in unmittelbaren polizeilichen Gewahrsam nehmen.«

Aus dem Lautsprecher ihres Fluggeräts ertönte eine nüchterne Stimme, die eindeutig einem Omega gehörte. Das war einer der extrem engstirnigen, aber gefährlichen Polizei-goLEMs, der in Krisenzeiten die Befugnisse besaß, Recht zu sprechen und dieses sofort auszuüben. Der Roboter besaß sogar die Genehmigung, Plünderer und Rebellen auf der Stelle zu exekutieren. An ein Verhandeln mit einem Omega war nicht zu denken, das verhinderte seine Programmierung. Allerdings hatte es auch einen Vorteil, wenn sich unter den Polizisten auf den Schwebern nur goLEMs befanden. Ein Mensch – direkt mit einer Flugsteuerung verbunden – war jeder KI in Reflexen und Geschwindigkeit überlegen, zumal ihn keine Sicherheitsbeschränkungen behinderten. Fabias Gedanken rasten. Gab es einen Ausweg? Und woher kannte die Polizei überhaupt ihren Namen? Hatte sie doch einer ihrer Wegbegleiter verraten? Sie beschloss, diese Überlegung später wieder aufzunehmen. Jetzt gab es Wichtigeres.

»Haltet euch fest, das wird etwas holprig«, sagte Fabia und wies Puck an, heimlich die Notfallabschaltung des Schwebers zu überbrücken und das Kommando an sie zu übergeben. Sobald das Steuer auf ihre Handbewegungen reagierte und ihr ihre Augreyes mehrere Fluchtrouten einblendeten, ging sie in einen gemächlichen Sinkflug, als würde ihr automatischer Pilot noch arbeiten und der Aufforderung der Polizei gehorchen. Doch dann gab sie Gas. Fabias Mitfahrer sperrte noch panisch ihre Münder auf, als der Schweber mit erheblichem Tempo nach unten wegsackte, aber ihr gemeinsamer Angstschrei wurde von dem aufheulenden Motor übertönt.

Und hinab ging der trudelnde Sturzflug in die Tiefe, kreuzte vertikal ein paar der zum Glück nur wenig befahrenen Luftstraßen und tauchte dann knapp zwanzig Meter über dem Boden zwischen zwei eng beieinanderstehende Gebäude, wo Fabia durch tollkühne Flugmanöver versuchte, die Verfolger abzuhängen. Es gelang ihr nicht. Die künstlichen Piloten der Polizeischweber steuerten gedankenschnell und mit ebenso viel Todesverachtung wie die junge Frau, der sie ohne Probleme mit geringem Abstand auf dem halsbrecherischen Zickzack-Kurs durch das antike Stadtviertel Bezons folgten. Blaue Lichter kreisten um die Meridiane der Polizeiflieger und Puck bekam viel Arbeit, die Hackzugriffe der Omegas auf die Steuerkonsole des Schwebers zu unterbinden.

Weil der Motor aufs Äußerste gefordert wurde, wurde es in der Kabine trotz der Enge mit einem Mal eisig kalt. Fabias hektisch ausgestoßener Atem stand als Wolke vor ihr. Jetzt, knapp über dem Boden auf einer scheinbar willkürlich und zufällig gewählten Route dahinjagend, beschleunigte sie immer weiter, reizte den Motor bis zu seinen Grenzen aus. Der Steuerknüppel in ihrer Hand begann zu vibrieren und ließ sich kaum mehr von ihr beherrschen. Leon, der die Gefahr erkannte und wohl auch Fabias Vorhaben erahnte, legte seine Hand auf ihre und gemeinsam hielten sie den Schweber stabil und weiterhin unter Kontrolle. Von Puck von seinen Sicherheitsschranken befreit, war er fast dreihundert Stundenkilometer schnell, ein mörderisches Tempo, das alle in ihre Sitze drückte.

Dann hatte Fabia über die von ihren Augreyes eingeblendete Stadtkarte einen geeigneten Ort für ihren waghalsigen Plan gefunden. Nur auf diese Weise würde sie die Polizei abschütteln können. Sie bog noch zweimal ab – einmal trennte ihr Fluggefährt in der Kurve nur Zentimeter von der Hauswand – dann raste sie auf einen niedrigen Torbogen zu, der einen Eingang zu einer ausgedehnten Gartenanlage markierte, die dem alten Bois de Bologne nachempfunden war. Links und rechts von dem Tor erhoben sich massive Steinmauern. Selbstverständlich war es nur die zeitgenössische Kopie eines Triumphbogens aus der napoleonischen Zeit. Man hatte schon vor Langem alle übrig gebliebenen Antiken durch widerstandsfähige Repliken ersetzt. Manche von ihnen, wie die Glaspyramide im Innenhof des Louvres – der übrigens auch ein Nachbau war -, existierten nur noch als Hologramm. Fabia hätte es niemals gewagt, ein echtes, achthundert Jahre altes Relikt aus der bewegten Vergangenheit der Megapole auf diese Weise der Gefahr seiner Zerstörung auszusetzen. Doch sie lenkte den Schweber mit gutem Gewissen durch das aus nahezu unverwüstlichem Kunststoff nachgebildete Tor.

Es war ein heikles Kunststück, aber es gelang ihr perfekt, als hätte sie es seit ihrer Jugend geübt. Links und rechts blieben ihr zwischen dem Schweber und den Säulen vielleicht eine Armlänge Platz. Glücklich durch das Tor gezwängt, riss sie das Steuer scharf zu sich und bremste. Die Steuerung kreischte wie ein weidwundes Tier auf, gehorchte jedoch. Raphaël, nicht angeschnallt, weil die Kabine ja nur für zwei ausgelegt war, wurde von der Fliehkraft nach vorne geschleudert. Leon hielt ihn zwar am Kragen fest und und milderte dadurch den Fall des Dichters etwas ab, aber er schlug doch mit dem Gesicht gegen das Glas der Scheibe und holte sich eine blutige Nase. Wahrscheinlich hätte er sich den Hals gebrochen, wenn sich nicht die Notfall-Trägheitsdämpfung eingeschaltet hätte und den abrupten Bremsvorgang abpufferte.

Doch von diesem Schönheitsfehler abgesehen, war Fabias akrobatisches Flugmanöver ein voller Erfolg. Die Maschinenintelligenz in dem Polizeischweber, der wie eine Klette an ihr hing, war auf solch eine blitzartige Pirouette nicht vorbereitet. Während Fabia ihre gläserne Kugel in einer engen Aufwärtskurve elegant emporsteigen ließ, gelang es zwar dem ersten der Verfolger noch, ihr unbeschadet durch das Tor zu folgen, aber die anschließende scharfe Kehre schaffte er nicht mehr. Sein Wendekreis war um einige Meter breiter und das Fluggerät geriet dadurch in die Äste eines der Alleebäume, die den Kiesweg hinein in den Park säumten. Sich um sich selbst drehend stürzte der Polizeischweber in die üppigen Büsche, von denen eine empörte Wolke winziger Drohnen aufstieg, die auf allen landwirtschaftlichen Flächen die Bestäubungsarbeit der fast ausgestorbenen Bienen unterstützten.

Dem zweiten Polizeischiff erging es noch schlechter. Sein Pilot wollte den Fehler des anderen vermeiden und dem Triumphbogen in letzter Sekunde ausweichen, streifte aber eine der dorischen Säulen und explodierte in einem Feuerball, der ein Loch in die Gartenmauer sprengte. Zum Glück hielt sich kein Mensch in der Nähe auf.

[<—Zum 11. Teil]                                                                                           [Zum 13. Teil —>]

Mánis Fall – Der Prolog zu Brautschau 13

anfBürgerin Winterfeld ...«, vernahm Fabia noch die Stimme eines Roboter-Polizisten über die abbrechende Funkverbindung. Anschließend war nur noch weißes Rauschen zu hören. Seelenruhig gab sie die Steuerung wieder an ihren Omicron ab, der den Flieger auf den rechten Kurs brachte, ihn elegant über die nahe, an dieser Stelle fast drei Kilometer breite Seine steuerte und danach in gemäßigtem Tempo und niedriger Höhe auf die weitläufigen Universitätsgelände zuhielt. Gemeinsam mit Leon kümmerte sich Fabia währenddessen um den jammernden Raphaël, dem zwei kaum zu stoppende Blutrinnsale aus der Nase liefen. Sein Freund griff unter den Sitz und holte den Erste-Hilfe-Koffer heraus, aus dem er eine Bandage nahm, die er dem jungen Dichter gegen die Blutung presste.

»Entschuldigt bitte mein Flugmanöver, aber ich sah keine andere Möglichkeit, die Polizei loszuwerden«, sagte Fabia kleinlaut. Sie hatte inzwischen großen Respekt vor dem glatzköpfigen Bildhauer, der offenbar immer Herr der Lage war. Raphaël grunzte nur, aber Leon machte eine wegwerfende Handbewegung.

»Das geht schon in Ordnung. Wenn sie uns erwischt hätten, dann wären wir wahrscheinlich auf der Stelle gelasert worden. Die Notstandsgesetze der 2MC kennen kein Erbarmen und keine Entschuldigungen. Ich hatte gehofft, sie würden nie in Kraft treten. Noch vor einem Monat haben wir gegen sie demonstriert, weil sie unsere bürgerliche Gesellschaft in die brutalste und menschenverachtendste Diktatur seit dem „Rechtgläubigen Roten Reich“ des Ibn-Said  verwandeln würden, wenn sie zur Anwendung kämen. Man kann doch keine KI Recht sprechen lassen! Aber von einem multikontinentalen, planetaren Konzern wie der Corporation kann man wahrscheinlich nichts anderes erwarten, wenn er sich an die Regierung putscht. Solche Wirtschaftsgiganten sind die natürlichen Feinde jeder Demokratie«, steigerte er sich wütend in ein politisches Manifest.

Leon hätte wohl noch den ganzen Tag so weitergeschimpft, wenn sie nicht an ihrem Ziel angekommen wären. Puck landete den Schweber auf einem kleinen Platz neben der Universitätsbibliothek. Die beeindruckende, glänzende Fassade des Gebäudes reichte fünfzehn Stockwerke in den Himmel und mindestens ebenso viele in den Erdboden hinab. Wegen ihrer verwinkelten, in der Regel sechseckigen Innenräume und den schier bodenlosen Lichthöfen wurde Die Bibliothek von den Studierenden und den Professoren in Anklang an den alten Schriftsteller Jorge Luis Borges „Babel“ genannt. Dort residierten in der untersten Kelleretage die Citoyens um Professor Rosenthal und dorthin wollte Fabia.

Sie schnallte sich ab, nahm ihren Omicron unter den Arm und schälte sich aus dem Schweber, dessen mitgenommene Außenhülle trotz der sommerlichen Temperaturen, die am Boden herrschten, mit Reif bezogen war. Er dampfte eisig. Sie sah sich um. Es war fast unheimlich, wie leer der Platz war. Für die Menschen ihrer Zeit, die es gewohnt waren, ihr Leben auf engstem Raum mit Milliarden anderen Individuen zu teilen, war Leere beängstigend. Fabia war da nicht anders. Sie kannte Einsamkeit und Leere nur, wenn sie über ihre Augreyes auf den Server des Computerspiels „Walden 3.2“ ging, das einen weltumspannenden Wald simulierte und – weil es aus der Mode gekommen war – nur wenige NPCs und Player hatte, die sich deshalb fast nie in der gigantischen Spielwelt begegneten. Dort saß sie gerne am Abend ein paar Stunden vor ihrer virtuellen Holzfällerhütte im Sonnenschein, sah den Flugechsen zu, die in der Thermik unter dem rosafarbenen Himmel ihre Runden drehten und genoss diese scheinbare Einsamkeit. Doch in der echten Welt fürchtete sie die Leere und litt wie die meisten ihrer Zeitgenossen an Agoraphobie, gegen die sie sich nie hatte behandeln lassen. Sie wäre am Liebsten direkt in die Bibliothek mit ihren engen, nach echten Büchern riechenden Räume voller Menschen gewechselt, als die wenigen hundert Meter quer über den verwaisten Platz zu laufen. Aber ihr blieb keine andere Wahl.

Sie machte ein paar unsichere Schritte in Richtung Eingangstore. Doch dann sank sie in die Knie und erbrach sich. Schnell war Leon bei ihr und beugte sich über sie, hielt ihr helfend die Stirn. Puck drehte aufgeregt fiepend enge Kreise um die beiden.

»Herrgott! Überrangprotokoll Fabia! Puck, wither wander you? Standby«, zischte Fabia zwischen zwei Würgeanfällen. Der kleine goLEM blieb sofort stehen und blinkte stumm. Obwohl er sich nicht mehr bewegte, machte er einen sehr vorwurfsvollen Eindruck.

»Na, Mädchen?«, fragte Leon mitleidig, als es Fabia wieder etwas besser ging, »doch nicht so stark und mutig?«

»Nein, es ist nur … Mir ist ziemlich schwindlig wegen meiner Krankheit. Ich werde langsam hämoylitisch. Das wirkt sich zuerst auf meinen Kreislauf aus.« Sie sah sich um und deutete auf einen kleinen, zellenartigen Anbau an einem Gebäude in der Nähe, auf dessen Milchglastür ein großes rotes Kreuz dargestellt war. »Ich muss dringend zu dieser Notarzt-Station. Ich brauche Medikamente und eine Transfusion.«

Fabia spuckte aus, um den ekligen Geschmack im Mund loszuwerden, was ihr auf diese Weise jedoch nicht gelang.

»Ich helfe dir«, bot sich Leon an. »Die Ärzte sind sicherlich schon längst geflohen oder evakuiert worden. Ich glaube nicht, dass sich außer uns und deinen Freunden noch jemand in diesem Stadtviertel aufhält.«

Fabia richtete sich zitternd auf und winkte ab. Sie probierte ein paar Schritte. Ihre Knie waren zwar weich und die Beine wacklig, aber bis zu der Krankenstation würde sie es ohne fremde Hilfe schaffen.

»Danke, aber das wird nicht nötig sein«, lehnte sie Leons Angebot ab. »Es wird dort drin sicher noch einen Gamma geben, der mir helfen kann. Falls sie ihn aber doch schon abgezogen haben sollten, kann mich auch mein Omikron unterstützen. Er hat ein komplettes Medizin-Update.«

Der Bildhauer wollte einen Einwand machen, aber Fabia ließ ihn nicht zu Wort kommen. »Ihr beide solltet auf jeden Fall auf der Stelle aufbrechen und nicht in irgendwelche Bunker, sondern direkt zu den Zügen fliegen, bevor uns die Polizei wiederfindet. So beschäftigt können die gar nicht sein, dass sie nicht den Absturz ihrer zwei Einheiten untersuchen. Bringt euch in Sicherheit, bevor sie kommen. Mit dem Schweber habt ihr eine echte Chance.«

Leon nickte und fuhr sich mit der Hand nachdenklich über die Glatze. Er seufzte.

»Bist du dir sicher? Du weißt aber schon, dass sie uns eben nicht zufällig abgepasst haben? Die Polizeischweber haben auf uns gewartet. Du bist verraten worden und sie sind hinter dir her. Ich lasse dich nur ungern alleine.«

Ja, es war Fabia bewusst, dass man sie verraten hatte. Es war nicht schön, damit konfrontiert zu werden. Sie hätte die Überlegungen, wer das getan hatte, gerne verdrängt.

»Ich werde in der Bibliothek bei meinen Freunden in Sicherheit vor der Polizei sein – keine Sorge«, winkte sie ab. »Von Babel aus kann ich auch problemlos die Uniklinik-Haltestelle der UMS-Bahn erreichen. Die bringt mich in einer Stunde nach Frankfurt. Vielleicht können wir uns dort wieder treffen. Aber jetzt fliegt endlich los. Ich wünsche euch alles Glück. Meldet euch, wenn ihr euch gerettet habt – danach, meine ich, wenn das alles vorbei ist …«

Leon beulte mit der Zunge seine linke Wange aus. »Da gibt es noch etwas, das ich für dich tun kann. Wenn du willst, kann ich deine Augreyes komplett ausschalten und anschließend fliegst du unter dem Radar der 2MC.« Er holte aus seiner Hosentasche ein handgroßes Gerät, das wie eine kleine Pistole aussah, und zeigte es Fabia.

»Dieses Spielzeug hat mich auf dem Untergrund-Schwarzmarkt Unsummen gekostet, aber es ist sein Geld wert. Dies ist ein sogenannter Jailbreaker und er ist kinderleicht zu bedienen. Aber wahrscheinlich hast du mehr Ahnung von solchen Dingen als ich. Keine Sorge, es tut nicht weh. Du wirst dich danach nur ein wenig … verlassen vorkommen. Und vielleicht Kopfschmerzen kriegen.«

[<—Zum 12. Teil]                                                                                           [Zum 14. Teil —>]

Mánis Fall – Der Prolog zu Brautschau 14

anfDie habe ich schon«, lachte Fabia und musterte den Jailbreaker interessiert. »Ich habe schon von diesen Geräten gehört, aber es ist das erste Mal, dass ich eines sehe.« Sie war einen Augenblick unschlüssig, dann nickte sie zustimmend. Leon hielt ihr den Apparat kurz gegen die linke, dann gegen die rechte Schläfe und betätigte einen Schalter. Fabia blinzelte. Tatsächlich! Sie hatte keinen Kontakt mehr mit I-Net. Sie fühlte sich ein wenig verwirrt und einsam, aber sie wusste, das würde schnell vergehen. Es war schließlich nicht das erste Mal, dass ihre Augreyes-Verbindung zum großen Netz nicht funktionierte. Die Labore von Babel, in denen sie unter der Woche arbeitete, waren vollkommen nach außen abgeschirmt und besaßen ein autarkes Intranet, das von I-Net abgetrennt war und nicht auf die Augreyes zugriff. In Babel wurde noch mit der guten, alten Tastatur- und Mausmethode gearbeitet.

»So, das war es schon«, stellte Leon zufrieden fest. »Deine Augreyes sind heruntergefahren. Um sie wieder einschalten zu können, wirst du den Jailbreaker erneut benutzen müssen. Die Verkäuferin hat mir versichert, dass man damit sogar einen Gamma-goLEM ausschalten kann. Aber das habe ich selbstverständlich noch nicht ausprobiert.« Leon reichte ihr sein Hackerwerkzeug. »Nimm …«

»Das kann ich doch nicht annehmen. Brauchst du den Jailbreaker denn nicht selbst? Und ich kann dir das auch nicht bezahlen.«

»Nein. Raphaël und ich haben unsere Augreyes längst ausgeschaltet und ich glaube nicht, dass wir sie noch einmal einschalten müssen. In ein paar Stunden wird es kein I-Net mehr geben. Und dir könnte das Gerät vielleicht noch von Nutzen sein. Übertreibe es nur nicht.«

Da Fabia weiterhin zögerte, steckte er ihr den Jailbreaker einfach in die Tasche ihres nun viel zu warmen Hoodies und nickte ihr auffordernd zu. Der Bildhauer hatte recht; es war alles gesagt. Sie nahm ihren reglosen goLEM unter den Arm und ging mit so festen Schritten, wie sie ihr in ihrem Zustand möglich waren, auf die Notfall-Einrichtung zu. Sie wollte Stärke ausstrahlen und drehte sich nicht noch einmal um, weil ihr sonst wahrscheinlich die Tränen gekommen wären.

Leon sah ihr so lange hinterher, bis sie den Platz überquert hatte. Dann warf er einen letzten Blick hinauf in den leeren, grauen Himmel, über den nun merkwürdig gleichmäßige und runde Wolken zogen, die aus sich selbst heraus orange leuchteten. Sie glichen farbigen Ballons und wirkten auf ihn wie die Boten des nahenden Untergangs. Der Bildhauer hätte sie gerne mit seinen eigenen Händen aus Ton nachgeformt. Aber er würde wohl nicht mehr dazu kommen, seine Kunst noch einmal auszuüben. Auch wenn die Pariser bessere Chancen als die Einwohner der direkt an der Atlantikküste liegenden Megapole Marelona hatten, fühlte Leon im Gegensatz zu Fabia keinen Optimismus. Er hatte keinen Glauben, dass ausgerechnet er und sein Freund die Katastrophe in etwa zwölf Stunden überleben würden. Schließlich waren ja auch heute Morgen im Osten wieder die Kampfhandlungen mit der Indopazifischen Union aufgeflammt, die jederzeit ein nukleares Armageddon auslösen konnten. Was der Impact des Mondbrockens und der anschließende Tsunami nicht erledigen konnten, das schafften sicherlich die Atomwaffen der Kriegsparteien: Europa zwischen Scylla im Westen und Charybdis im Osten zu zerreiben. Vielleicht überstanden ja zumindest ein paar seiner Werke den Weltuntergang …

Raphaël rief ungeduldig nach ihm und er lief kopfschüttelnd zum Schweber zurück. Er war höchste Zeit, aufzubrechen und die dem Tode geweihte Stadt zu verlassen.

Fabia hatte inzwischen das Rote-Kreuz-Gebäude erreicht und legte ihre Hand auf die Glasfläche der Tür. Sie wurde gescannt und die Tür öffnete sich vor ihr. Die angenehm herunter gekühlte Luft aus der Klimaanlage der Krankenstation kam ihr einladend entgegen. Bevor sie eintrat, sah sie doch noch einmal zurück und dem emporsteigenden Schweber hinterher, bis er hinter einem der schlank wie eine Nadel in den Himmel stechenden Val-d’Oise-Türme verschwand. Der Abschied eben war für immer gewesen, das war auch ihr klar. Selbst wenn sie alle drei der großen Welle entkamen und rechtzeitig in die sicheren Gebiete im Westen gelangten, so würde doch das I-Net zusammenbrechen und sie sich in dem Chaos niemals wiederfinden, das gerade in den Deutschen Landen herrschen musste. Denn diese wurde ja von Milliarden von Menschen überschwemmt, die von den Küsten her ins Landesinnere flüchteten. Jetzt lief ihr doch eine Träne über die Wange. Leon, Raphaël und sie hätten gute Freunde werden können …

»Womit kann ich dir helfen, Bürgerin?«, wurde Fabias düstere Stimmung von einer einfühlsamen, besorgten und tiefen Stimme in ihrem Rücken unterbrochen. Achselzuckend wandte sie sich zurück und trat in das niedrige Gebäude, das aus einem einzigen, großen Raum bestand, der durch ein paar verschiebbare Wände in einen Empfang und eine Krankenstation unterteilt worden war. Hier hielten sich keine Menschen mehr auf. Im Hintergrund ruhten ein Sanitäts-Lambda und ein Arzt-goLEM in ihren Ladestationen. Der stachlige Kugelkörper des kybernetischen Arztes, der sich gerade beflissen nach ihren Wünschen erkundigt hatte, löste sich aus den Halteklammern. Er flog über einen lang gezogenen Tresen hinweg auf sie zu. Die medizinischen Robotereinheiten der Gamma-Reihe wurden im Volksmund wegen der Treffsicherheit ihrer Prognosen Tu-as-qu’à oder DO ASK genannt und erinnerten Fabia immer ein wenig an fliegende Seeigel, dessen Stacheln allerdings dünne Arme waren, die ein- und ausgefahren werden konnten und den unterschiedlichsten medizinischen Zwecken dienten. Außer dem Tu-as-qu’à, dem Lambda und ein paar der überall anzufindenden, spinnenähnlichen Reparaturdeltas, die im Hintergrund an den Wänden hingen und leicht auf ihren unzähligen kleinen Beinchen zitterten, befand sich niemand mehr in der Notfall-Einrichtung. Aber das hatte Fabia auch nicht erwartet. Sie hatte großes Glück, dass man die Station nicht versiegelt hatte.

»Ich werde dir helfen. Teile mir bitte die Art deines medizinischen Notfalls mit«, sagte der Tu-as-qu’à und schwebte nun direkt vor ihr in der Luft.

Wie die meisten goLEMs verdankte der beeindruckende Arztball sein merkwürdiges Aussehen nicht ästhetischen Überlegungen, sondern allein der Zweckmäßigkeit. Er hatte einen Durchmesser von gut einem Meter und konnte seine vielen Arme, von denen er allerdings fast alle eingeklappt hatte, bis zu zwei Metern Länge ausfahren und sah dann wie ein grotesk vergrößerter Virus aus. Er war in einem sanften Bogen herangeflogen und dabei etwas in die Höhe gestiegen, bis sich seine acht optischen Linsen, die knapp oberhalb des Kugelmeridians angebracht waren, in Fabias Augenhöhe befanden. Es war irritierend, von diesen acht fast menschlich wirkenden Augen mit ihrer grellgrünen Iris gemustert zu werden. Das war dem Arzt offenbar bewusst, denn er betrieb nur zwei von ihnen, durch die er einen erstaunlich intelligent und besorgt wirkenden Blick auf Fabia und ihren Omicron warf. Falls es den Tu-as-qu’à verwunderte, dass nach der Räumung der Sorbonne noch eine sichtlich angeschlagene Patientin mit einem kleinen goLEM unter dem Arm zu ihm hereinschneite, ließ er es sich nicht anmerken und keine Bemerkung darüber fallen.

Trotz der weltweit gültigen Roboter-Gesetze, die nach dem verheerenden KI-Aufstand im 23. Jahrhundert Verstand und Persönlichkeit künstlicher Intelligenzen strengen Obergrenzen unterwarfen, waren die Tu-as-qu‘à von der Mooncorp. mit der fortschrittlichsten und selbstständigsten KI-Programmierung ausgestattet worden, die es weltweit gab. Denn diese goLEMs mussten überall auf der Welt und auch im interplanetaren Raum an Orten, die ein menschlicher Arzt nicht erreichen konnte, neben ihren medizinischen auch psychologische und psychiatrische Aufgaben erledigen können. Die geistigen Fähigkeiten der Gammas übertrafen damit bei weitem die Möglichkeiten der durchschnittlichen und absichtlich »dumm« programmierten anderen goLEMs; Fabia schätzte die Tu-as-qu’à sogar für intelligenter und sozialkompetenter als die meisten Menschen ein, die sie kannte – sich selbst dabei eingeschlossen. Die Gammas waren eigentlich nur durch ihre eigenwillige äußere Form, die einseitige Codierung auf medizinische Zwecke und durch die Kontrollen des I-Nets beschränkt. Das Prinzip ihrer neuronalen Quantengehirne hatte übrigens Professor Rosenthal entwickelt, dem dafür einer seiner beiden Nobelpreise verliehen worden war.

[<—Zum 13. Teil]                                                                                           [Zum 15. Teil —>]

Mánis Fall – Der Prolog zu Brautschau 15

initialdem Tu-as-qu’à wurde die Zeit zu lang, in der ihn Fabia fachmännisch musterte. »Teile mir jetzt bitte die Art deines medizinischen Problems mit«, beharrte er. Fabia weckte Puck aus dem Standby und stellte ihn am Boden ab. Die beiden Kugelroboter begannen augenblicklich, sich über Funk über Fabias Krankenakte auszutauschen. Der goLEM der Studentin wirkte wie die Kinderspielzeug-Ausgabe des großen, fliegenden Gammas, aber dieser schien ihm trotzdem aufmerksam zu lauschen – auch wenn Fabia mit ihren ausgeschalteten Augreyes nichts von ihrer eifrigen Unterhaltung mitbekam. Etwas war an diesem Tu-as-qu’à anders als an den Medizinmaschinen, mit denen sie sonst zu tun hatte, bemerkte sie. Sie wusste nur nicht, was. Die Studentin hätte jetzt gerne seinem Sanctuary in der VR einen Besuch abgestattet. Doch dazu blieb keine Zeit und der war wahrscheinlich auch hervorragend abgesichert. Der Arzt unterbrach die Verbindung zu Fabias goLEM.

»Das ist keine Kritik an deinem Omicron µ-4598-76, der mir fundierte Informationen lieferte. Aber ich würde dich gerne noch einmal selbst untersuchen, Bürgerin Winterfeld. Bist du einverstanden?«

»Ja, ich stimme zu. Aber beeile dich bitte.« Sie hätte sich gerne noch länger mit dem Arzt unterhalten, alleine, um weiter seiner sonoren Stimme lauschen zu können. Puck an ihrer Seite murmelte stolz etwas Unverständliches.

Fabia schmunzelte, als sie sich unter dem grünen Untersuchungsstrahl des Gammas langsam einmal um sich selbst drehte. Wie wohl die Corp., die dem Professor seine Forschungsergebnisse und Patente gestohlen hatte, reagieren würde, wenn sie wüsste, dass er insgeheim schon viel, viel weiter war und in den Biorobotik-Laboren der Pariser Universität den ersten komplett menschenähnlichen Androiden geschaffen hatte, den er in einem Wortspiel nach dem shakespeareschen Waldgott aus dem ›Sommernachtstraum‹ Oberone getauft hatte. Wenn schon kein Gott, so sollte Ober-EINS unter den Normalsterblichen – auch den genoptimierten – zumindest ein Halbgott sein. Es war Fabias Aufgabe in Baruch Rosenthals kleinem Team, die KI des Androiden zu pflegen, zu testen und weiterzuentwickeln. Er sollte von ihr lernen – vor allem menschliche Verhaltensweisen. Die Studentin hatte inzwischen ein sonderbares, sehr intimes Verhältnis zu dem künstlichen Wesen aufgebaut. Es war ein verwirrendes Verhältnis, über das sie nicht näher nachdenken wollte. Oberone war vom Wissen und erstaunlicherweise auch vom zurückhaltenden, sich nur sehr langsam öffnenden Charakter her wie eine jüngere Ausgabe des Professors, in den sie verliebt war.

Der grüne Strahl erlosch.

»Bürgerin«, sagte der goLEM. Er klang sehr ernst und hatte tatsächlich eine wohldosierte Besorgnis in seine sonore Stimme gelegt. »Begib dich sofort zur Behandlungsliege. Du benötigst dringend meine ärztliche Hilfe.«

Hoffentlich informiert er jetzt nicht die Behörden, dachte Fabia. Aber das Rote Kreuz unterstand, wie sie wusste, keiner Regierungsstelle und schon gar nicht der 2MC. Deshalb war sie das Risiko eingegangen. Der Tu-as-qu’à schien auch tatsächlich nur an ihrem Zustand interessiert zu sein und hatte bisher keine Identifikationsnachweise von ihr gefordert.

Einer der dünnen Arme des Gammas klappte aus seiner Verankerung am Kugelkörper. Der Tu-as-qu’à klickte ungeduldig und deutete auf den hinteren Bereich der Station, an der einige mit kompliziertem medizinischem Gerät verbundene, funktionale Betten standen.

»Folge mir bitte«, sagte er und flog voran. Puck rollte ihm ungefragt wie ein Haustierchen hinterher. Fabia erkannte erleichtert einen Dialyseapparat neben einer der Patientenliegen. Sie kam gehorsam hinterher und setzte sich auf das Bett. Sie zog den Hoodie ihres verstorbenen Bruders aus, faltete ihn und legte ihn neben sich. Dann ließ sie sich von dem Tu-as-qu’à einen Shunt legen, über den er sie flink mit den Apparaturen der Notfall-Station verband. Bewundernd beobachtete sie seine professionelle und zielgerichtete Arbeit. Eigentlich war es unverantwortlich, solch eine wertvolle Technologie wie diesen Gamma einfach der Zerstörung oder irgendwelchen Plünderern zu überlassen, die – Weltuntergang hin, Armageddon her –, doch sicher bereits die evakuierten Gebäude und Einrichtungen nach Beute absuchten; auch wenn ein paar von ihnen bestimmt von den Polizeiomegas geschnappt und unter Anwendung der neuen 2MC-Gesetzgebung an Ort und Stelle standrechtlich exekutiert wurden. Hier im Univiertel der Sorbonne, zumindest im Umfeld der großen Bibliothek, schien jedoch vorerst noch alles ruhig zu sein. Erstaunlich genug …

Der Sanitäts-Lambda schwebte gelassen heran und hielt dabei mit seinen Ärmchen ein Tablett, auf dem er ein Glas mit milchiger Flüssigkeit und ein Kunststoffteller voller Kekse balancierte. Der goLEM war nur wenig größer als Puck und besaß die gleichen medizinischen Fähigkeiten, aber er konnte im Gegensatz zu Fabias Roboter fliegen. Als der Lambda über Puck hinweg glitt, richtete der seine Sensoren nach oben und schnatterte etwas Unverständliches. Fabia fragte sich, ob er in diesem Moment versteckt in den Maschen seiner neuronalen Netze Sehnsucht oder gar Neid empfand. Aber wahrscheinlich interpretierte sie wieder einmal viel zu viel in Pucks Reaktionen hinein und machte ihren kleinen Roboter humanoider, als er war.

»Du bist dehydriert und solltest auch eine Kleinigkeit essen«, sagte der Lambda und stellte das Tablett neben Fabia auf ein an der Liege angebrachtes Tischchen. Dann schwebte er wieder zurück zu seiner Ruhestation.

»Greif zu«, forderte der Tu-as-qu’à Fabia auf. Sie ließ sich nicht zweimal bitten, denn sie war wirklich durstig und hungrig. Seit ihrem verunglückten Frühstück am Morgen hatte sie nichts mehr zu sich genommen. Gehorsam leerte sie das Glas, dessen Inhalt angenehm kühl war und nach reinem, vielleicht ein wenig jodhaltigem Wasser schmeckte, aber sicherlich einen darin gelösten Medikamentenmix enthielt. Sie nahm sich auch eines der bröckligen Gebäckstücke. Es schmeckte nach nichts, aber schon nach wenigen Bissen setzte ein angenehmes Sättigungsgefühl ein. Sie lehnte sich vorsichtig auf der Liege zurück, schloss dann die Augen und überließ sich der Pflege des goLEMs. Er schwebte nun neben ihr und hatte sich über eines seiner Ärmchen mit der Konsole verbunden, die am Kopfende stand. Dabei summte er leise eine komplizierte Melodie, die Fabia bekannt vorkam, obwohl ihr nicht einfiel, wie das Lied hieß. Sie hätte ihre Augreyes wieder einschalten und im Netz suchen müssen, aber das erschien ihr zu gefährlich. Wie war es zu dieser Eigenart gekommen? Hatte die KI des Tu-as-qu’à sie eigenständig entwickelt? Wahrscheinlicher war es, dass für dieses Summen ein paar Codezeilen der ursprünglichen Programmierung verantwortlich waren. Schließlich war diese ja vom Professor entwickelt worden, dem das Hinzufügen solch einer kleinen Skurrilität durchaus zuzutrauen war. Baruch Rosenthal nannte dies eine „Prägung“. Ob wohl seine neuste, weiterentwickelte Schöpfung Ober-1 auch auf diese Weise von ihm „geprägt“ worden war? Sie kannte zumindest sämtliche Werke von Shakespeare und konnte diese mit unterschiedlichen Stimmen vortragen. Fabia hatte jedoch in ihrem täglichen Umgang mit dem Androiden bisher nichts in dieser Richtung feststellen können. Wahrscheinlich konnte Oberone singen; seine künstlichen Stimmbänder waren zumindest theoretisch dazu in der Lage. Sie musste das unbedingt bald untersuchen. Das wäre ein Thema für ihre Semesterarbeit.

Fasziniert lauschte Fabia weiter der eigenartig hypnotischen Musik des Tu-as-qu’à, die ihren Zweck erfüllte. Die Patientin atmete nun langsamer und regelmäßig, ihr rasender Geist beruhigte sich. Auch wenn ihre Furcht vor den nahenden Gefahren der Zukunft nicht nachließ, so rückte sie wenigstens für den Moment ein wenig aus dem Fokus. Zum ersten Mal seit ihrer überstürzten Flucht aus ihrer Wohnung fand sie ein wenig Ruhe. Wahrscheinlich hatte sich auch ein Beruhigungsmedikament in dem Getränk befunden.

»Aber ich muss aufpassen«, ging Fabia noch durch den Kopf. »Ich bin längst noch nicht in Sicherheit. Das ist die Ruhe vor dem Sturm.« Dann schlief sie ein.

[<—Zum 14. Teil]                                                                                           [Zum 16. Teil —>]

Mánis Fall – Der Prolog zu Brautschau 16

ein Stich in den Hals weckte die Kranke. Der Tu-as-qu’à hatte ihr dort eine Injektion direkt in die Schlagader verabreicht. Es musste ein wirksames Aufputschmittel sein, denn sie war schlagartig wach. Wie lange hatte sie geschlafen? Ein paar Augenblicke? Länger? Sie hörte die Tür der Notfallstation zischen und schreckte hoch. Mehrere Personen kamen mit festem Schritt herein. Sie schreckte in die Höhe und bemerkte dabei dankbar, dass der künstliche Arzt ihren Shunt entfernt und die Wunde dort mit einem kleinen Pflaster überklebt hatte. Wahrscheinlich hätte sie noch länger schlafen und ausruhen sollen, aber die Situation hatte sich geändert und er hatte sie deshalb geweckt. Fabia war in Gefahr.

Sie nahm sich vor, ab jetzt keine Prognosen über die Zukunft mehr anzustellen, denn ihre Vorahnungen vor dem Einschlafen schienen selbsterfüllend gewesen zu sein. Drei Polizei-goLEMs drängten sich hintereinander durch den Eingang in das kleine Rotkreuz-Gebäude. Ihre tonnenförmigen Leiber waren so ausladend, dass sie den halben Wartebereich ausfüllten. Fabia duckte sich und rollte sich gleichzeitig von der Liege. Sie versuchte, sich hinter ihr zu verbergen. Aber dazu war es bereits zu spät. Die Omegas hatten sie längst entdeckt. Die Roboter, deren massive äußere Erscheinung nur entfernt an eine menschliche Gestalt und eher an eine Blechbüchse erinnerte, drehten ihre wie umgestülpte Eimer aussehenden Köpfe gleichzeitig zu ihr und kamen auf ihren dünnen, zerbrechlich wirkenden Beinen durch den Wartebereich stampfend näher. Der Vorderste von ihnen, der offenbar ihr Anführer war, hob seinen an der Spitze glühenden Waffenarm. Mit ihm konnte der goLEM feine, enorm gebündelte Laserstrahlen abschießen, die sich praktisch durch jedes Material und selbstverständlich auch durch den Körper eines Menschen fraßen, als würde er aus Butter bestehen. Puck rollte sich nach vorne vor den vorderen der Polizisten. Aus seinem Lautsprecher ertönte ein hohes, aufgeregtes Fiepen. Weshalb war er eingeschaltet? Doch der gefährliche goLEM ließ sich davon nicht aus dem Konzept bringen. Er trat einen weiteren Schritt nach vorn auf den Tresentisch des Empfangspults zu und kickte dabei Fabias kleinen Roboter wohl aus Versehen wie einen Fußball zur Seite. Puck flog ein Stück durch die Luft. Er landete scheppernd unter der Krankenliege und traute sich nicht mehr von dort hervor. Sein lautes Fiepen hatte sich in ein weinerliches Jaulen verwandelt.

»Bürgerin, ich benötige …«, setzte der bedrohliche Polizist an und zielte in Fabias Richtung. Die zitternde Studentin wusste, dass die Liege sie vor dem tödlichen Laserstrahl nicht schützen würde. Er konnte sich durch beinahe sämtliches Material hindurchfressen. Ihre Gedanken rasten. Gab es noch einen Fluchtweg? Sie konnte keinen entdecken. Doch da geschah etwas Überraschendes. Während der Tu-as-qu’à nicht von ihrer Seite wich und aufgeregt mit seinen Armen klickte, kam wieder Leben in den Sanitäts-Lambda. Er flog direkt vor den Anführer der Polizei-goLEMs.

»Omega φ-19364-89b!«, zischte er. »Du bist der Anführer deines Trupps. Teile mir bitte die Art deines medizinischen Notfalls mit.« Der Polizist ließ sich tatsächlich ablenken und wandte sich an den Sanitäter.

»Lambda λ-344-med. Du bist registriert. Dies ist eine vom Notstandsgesetz autorisierte Routinekontrolle. Bürger, die sich im Moment noch innerhalb der Sperrzone befinden, benötigen eine Sondergenehmigung der 2MC. Wenn diese nicht vorliegt, muss davon ausgegangen werden, dass es sich um Plünderer oder Terroristen handelt, die nach § 28 Absatz 2 von den Polizeikräften an Ort und Stelle zu exekutieren sind. Ich fordere dich auf, Lambda λ-3744-med., sofort den Weg freizumachen. Im Falle eines Widersetzens kann ich für deine Unversehrtheit nicht garantieren.«

»Nach den Artikeln der 2. Genfer Konvention ist das Rote Kreuz als nicht staatliche Organisation nicht an Notstandsverordnungen gebunden«, fuhr der Lambda unbeirrt von der nun auf ihn gerichteten Waffe fort. Auch er machte auf die in seinem Rücken kauernde Fabia den Eindruck, dass seine kognitiven Fähigkeiten weit über das hinausgingen, was ein Sanitätsgolem normalerweise besaß, wenn er in den 2MC-Werken vom Fließband rollte. Zumal es die ernst zu nehmende Gerüchte gab, in ihnen wäre eine Art von ›Solidaritäts-Chip‹ zum Mutterkonzern verbaut. »Die humanitäre Arbeit des Roten Kreuzes darf nicht be- oder gar verhindert werden. Ihre Einrichtungen haben einen speziellen Schutzstatus und dienen als sichere Asyl-Anlaufstellen. Sie stehen unter dem besonderen Schutz der Regierungen und der drei Machtblöcke.«

Der Polizist ließ sich von diesen Worten nicht beeindrucken. »Meine Truppe fahndet nach Plünderern und anderen Kriminellen. Unsere Befehle sind eindeutig, Lambda λ-3744-med. Dieser Personenkreis steht nicht unter dem Schutz der Genfer Konvention. Weitere Diskussion ist zwecklos und führt zu deiner Außerbetriebnahme. Tritt zur Seite, sonst bin ich gezwungen, auch gegen dich Gewalt anzuwenden. Absatz 4 des 28. Paragraphen der Notstandsverordnung berechtigt mich, Unterstützer von Verbrechern zu exekutieren. Solltest du weiterhin die Arbeit von mir und meiner Truppe behindern, werde ich von meiner Waffe Gebrauch machen.« Nun hoben auch die beiden Begleiter des Offizier-goLEMs ihre Waffenarme.

»Ich protestiere …«

»Ist schon gut, Lambda«, sagte Fabia, die das Gerede leid war und sah, wohin es führte. Ihr Spiel war vorbei. Sie richtete sich mit erhobenen Armen hinter der Liege auf. In einer Hand hielt sie dabei bereits ihren Jailbreaker. Sofort richteten sich alle Waffen auf sie. »Ich weiß, wann ich verloren habe.«

Dabei warf sie einen lächelnden Blick über die Schultern der beiden hinteren Omegas, die zwei Schritte hinter der Tür standen und diesen Fluchtweg für sie versperrten. Sie hatte dort etwas entdeckt, das ihr Zuversicht gab. Die beiden würden bei dem nun bevorstehenden Kampf kein Problem mehr darstellen. Ihr vor ihnen stehender Hauptmann und der Tresen behinderten ihr Schussfeld. Sorgen machte ihr nur der Offizier, dem wohl ein paar Sekunden zum Handeln bleiben würden, bevor sie an ihn herankam und ihn außer Gefecht setzen konnte – falls das Gerät, das ihr Leon überlassen hatte, bei ihm überhaupt funktionierte. Sie blickte auf den Arzt, der die Lage richtig einschätzte und etwas zur Seite wich, als würde er sich ebenfalls geschlagen geben. Auch der Lambda wich etwas zurück. Die grünen Lämpchen in seinem Hinterkopf blinkten eifrig. Bestimmt war er in regem Funkaustausch mit dem Tu-as-qu’à und wahrscheinlich auch mit Puck.

»Bürgerin. Im Namen der 2MC verhafte …«, setzte der Omega an. Weiter kam er nicht, denn nun ging alles sehr schnell. Viele Dinge geschahen gleichzeitig. Puck, der sich still und heimlich hinter den Hauptmann gerollt hatte, und sich nun direkt zwischen dessen dünnen Beinchen befand, die der einzige Schwachpunkt der quecksilberfarbenen Ritterrüstung des Polizeioffiziers waren, schrie lauf auf:

»Alarm!« Seine enervierende Sirene schlug an. Der Sanitäts-Lambda machte zugleich einen Satz nach vorne, auf den Omega zu. Dieser wollte einen Schritt zurückweichen und stolperte dabei prompt über den Kugelkörper von Puck. Er kam nicht ins Fallen, war aber gefährlich aus dem Gleichgewicht. Seine Zwei-Meter-Gestalt schwankte. Er eröffnete sogleich das Feuer. Sein roter Laserstrahl traf den Lambda, der nach hinten trudelte. Auch die andern Polizeiroboter schossen über die Theke hinweg. Doch ihre Attacke ging ins Leere, da Fabia losgerannt längst war und einen Haken um den Tresen machte. Dann stieß sie mit aller Wucht, die ihr zur Verfügung stand, mit dem Polizisten zusammen. Die beiden fielen Seite an Seite auf den Boden. Dröhnend schlug der Omega auf den Fliesen auf. Puck brachte sich gerade noch rechtzeitig in Sicherheit, bevor er unter seinem Tonnengewicht begraben wurde.

Noch bevor der überraschte Polizist seinen Waffenarm herumreißen und sich wieder aufrichten konnte, war für ihn alles vorbei: Fabia drückte den auf die höchste Stufe eingestellten Jailbreaker an den Blecheimerkopf des Polizeiroboters und betätigte den Auslöser. Der extreme elektromagnetische Impuls, der auch Menschen außer Gefecht setzen konnte, funktionierte bei dem goLEM ebenso zuverlässig wie bei Fabias Augreyes. Der Roboter war von einem Sekundenbruchteil auf den anderen außer Funktion. Er erstarrte. Die leuchtende Spitze an seinem Waffenarm und die Lichter in seinem Eimerkopf erloschen.

Fabia rollte sich herum, um auszuweichen, falls die anderen Lambdas noch auf sie feuerten. Doch das war nicht mehr nötig. Triumphierend richtete sie sich auf. In der Tür stand ein Mann über den beiden am Boden liegenden anderen Polizeirobotern, deren Köpfe eingeschlagen waren. Er hielt einen großen Geißfuß in Händen, mit dem er die beiden erledigt hatte.

 

[<—Zum 15. Teil]                                                                                           [Zum 17. Teil —>]

Demnächst …

ald könnt ihr an dieser Stelle den Anfang meines neuen Romans „Mánis Fall“ lesen, dessen Rohfassung ich hier als Fortsetzungsroman vorveröffentlichen werde. In ihm wird die Vorgeschichte zu „Brautschau“ erzählt, die 5895 Jahre vorher spielt und die Ereignisse erzählt, die zur Vernichtung der Zivisation der Vorgänger führte. „Mánis Fall“ kann auch ohne Vorkenntnis der Saga gelesen werden.

Ich wünsche spannende Unterhaltung.

Die Sage vom Bürstenmacher, seinen 3 Söhnen und dem wahren Glück

Die Wüste um Karukora – südlicher Teil

estern ist ein Ort, den wir nicht wieder besuchen können. Das Rieseln in der Sanduhr von Vater Zeit zwingt uns weiter. Schritt für Schritt entfernen wir uns, sehen vielleicht ab und an noch einmal zurück – manchmal mit Freude, doch meist mit Bedauern, oft auch mit Trauer oder Zorn. Doch etwas zwingt uns, voranzuschreiten. Dabei begegnen wir anderen Orten und anderen Menschen, die uns wichtig werden. Gestern wird eines von vielen, es ist nur ein weiteres, vom Wind verblasenes Sandkorn in der endlosen Wüste, die wir in unserem Leben durchwandern, bis wir schließlich an den letzten Ort gelangen, an dem wir unser Haupt für immer zur Ruhe betten und der Sand unserer Tage unseren müden Leib bedeckt.

Gestern, das gibt es nur noch in unserer Erinnerung und jeder von uns denkt anders an diesen Ort zurück, der gestern noch unser Leben war und heute nur eine undeutliche Erinnerung wie an einen Traum. Und wenn wir dann alle gegangen sind, die wir uns an dieses Gestern erinnern, dann ist es für immer in der Zeit verloren. Auch an unser heutiges, so wun­dervolles Fest und an die Geschichten der beiden Mär­chenerzähler, die es zu etwas ganz besonderem machen, wird sich in gar nicht einmal allzu ferner Zukunft niemand mehr erinnern. Die Füße von Waqt al’ab, der Mutter der Zeit, werden auch uns in diesem Saal unter sich zu dem feinem Staub zermahlen haben, zu dem wir alle einmal werden, wir Men­schen und auch unsere Städte und unsere Staaten, die wir so großherzig gegründet haben.

Doch manchmal tritt die Mutter der Zeit auf einen unnachgiebigen Diamanten und er presst ihn in seinem Mühen, ihn zu zerreiben, noch fester und dich­ter zusammen. Je mehr er sich anstrengt, umso stärker wird er. Manchmal, ja, manch­mal ist etwas ewig – ewig wie der Fluss der Tränen der Allerbarmerin, ewig wie Platos Gedanken, ewig wie die Felder des Krieges und ewig wie Karukora, das Wun­der in der Wüste. Ewig wie der Namenlose, der einst über den Fluss von Norden kam, sich hier niederließ, seine viel geliebte Stadt pflanzte und in seinen Wiederge­burten sein Volk bis zum heutigen Tag regiert und dies tun wird, bis auch Waqt al’ab endlich ihrer Wanderung müde wird. Dies wird aber erst geschehen, wenn ein gewaltiger Stern vom Himmel fällt und die Menschen in den Tränen der heiligen Göttin ertrinken.

Uns Sterbli­chen ist nur eine kurze Wegstrecke gegönnt, die wir ge­hen dürfen, doch der Namenlose schreitet mühelos vor­an, die Mutter der Zeit als Gefährten an seiner Seite, während Karukora blüht und gedeiht und die großartigste Stadt der Überlebenden Lande ist. Preisen wir uns glücklich, denn wir sind wahrlich gesegnet, dass wir unseren kurzen Marsch mit ihnen gemeinsam an diesem gesegneten Ort gehen und die Ewigkeit sehen und schmecken dürfen. Loben wir den Namenlosen, der da war, der da ist und immerdar sein wird!«

Einer, dem es vergönnt war, sich während seiner Le­bensspanne im Lichte der Namenlosen der ersten und großen Bingh-Dynastie zu son­nen, war der arme Bürstenmacher Lafar. Über seine Tage lässt sich wenig berichten. Sie waren erfüllt von Arbeit und der Sorge, sich und seine Familie durch den Tag zu bringen. Seine Frau Nigar hatte ihm neben einer Tochter auch drei präch­tige Söh­ne geboren, die er durch seiner Hände Arbeit mehr schlecht als recht zu ernähren vermochte. Er konnte es sich nicht leisten, sie auf eine der öffentlichen Schulen zu schicken und doch erzog er sie mit Sorgfalt und gab ih­nen das weni­ge Wissen weiter, das er selbst besaß. Abend für Abend kam Lafar mit müden, wunden Fin­gern aus seiner Werkstatt, löffelte seine wässrige Brot­suppe – die einzi­ge Mahlzeit seines langen Tages – und setzte sich an­schließend zu seinen Jungen, schlug eines der wenigen zerlesenen Bücher auf, die er besaß und las ihnen müh­sam und stockend, die gichtigen Finger auf der Zeile, vor. Seine Söhne nahmen die Weisheiten aus den ver­gilbten Folianten auf und entwickelten sich zu prächti­gen jungen Männern. Sie waren die Wonne von Lafars und Nigars Alter, die Freude, die ihre Au­gen glänzen ließ, die starken Arme, die ihre immer schwä­cher werdenden stützten.

Als die Zeit kam, da Lafar die Tage seines Lebens bei­nahe durchschritten hatte, sorgte er sich um die Zu­kunft und er wusste nicht, wie er seine wenigen Besitz­tümer unter seinen Söhnen aufteilen konnte. Er liebte sie alle gleich innig und mit heißem Herzen und wollte keinen bevorteilen. Obwohl alle durchweg Geschick in Lafars Handwerk zeigten, konnte doch nur einer am Ende das Geschäft erben und es war kein Geld vorhanden, die anderen beiden auszuzahlen. Und so überlegte Lafar und überlegte, bis ihn endlich eine schwere Krankheit niederwarf und auf sein Lager zwang. Er fühlte, dass der Tod neben seinem Kopfkissen stand und er sich vielleicht nicht mehr aus seinem Bett erheben würde.

Da ließ er sich von seiner Frau die drei besten und weichsten Bürsten bringen, die er jemals hergestellt hatte und rief seine drei Söhne zu sich, betrachtete je­den von ihnen lange und zärtlich. Dann sprach er zu ihnen:

„Ich habe euch gelehrt, was ich weiß und es ist an der Zeit, dass ihr mit diesem Wissen hinaus in die Welt geht. Ich werde noch da sein, wenn ihr heute in einem Jahr und einem Tag zurückkehrt. Dann soll der von euch erben, der mir dann die eine Frage beantworten kann, deren Antwort ich in keinem meiner Bücher gefunden habe. Ich möchte wissen, was das wahre Glück ist.“ Anschließend reichte er je­dem der Söhne eine der Bürsten, umarmte einen nach dem anderen und sag­te:

„Ein jeder achte gut auf seine Bürste. Wenn ihr sie am richti­gen Ort und im richtigen Augenblick benutzt, dann wird sie euch einmal – ein einziges Mal – einen Wunsch erfüllen.“

Danach schwieg Lafar und schloss die Augen. Die Söhne küssten noch die abgearbeitete, schwielige Hand ihres Vaters und verließen ihn recht ratlos mit ihren Bürsten in der Hand. Was konnte denn das sein, das wahre Glück?

Noch am gleichen Tag packten sie ihre Siebensachen in ihre Felleisen, verabschiedeten sich von der Mutter und ihrer Schwester und voneinander und machten sich auf, das wahre Glück zu finden. Der älteste – er hieß Masur – ging nach Süden, der zweite, der den Namen Seqr trug, wählte den Weg, der nordwärts aus der Stadt führte und der Jüngste – Jasde – machte sich durch das Tor der frohen Händler nach Westen auf. Dies geschah in den Tagen des „Harmonischen Bambusblatts“, des siebten Namenlosen aus der Bingh–Dynastie, jener ersten und wahren Dynastie, unter deren Herr­schaft Karukora sorglose und friedliche Jahre erlebte, bis die „Bluthand“ Sefredo Sud die Stadt mit seinen Barbaren überfiel und sich selbst zum Namenlosen krönte.

Viele Abenteuer erlebten die drei Söhne in der Frem­de, doch das ist eine weitere Geschichte nach der Ge­schichte und ich will sie euch an einem anderen Tag er­zählen. Doch die Allerbarmerin war mit ihnen und nach einem Jahr und einem Tag kehrten sie wohlbehalten in ihre Heimat zurück.

Masur, der älteste, kam auf einem stolzen, schönen Ross geritten und ihm folgte ein Trupp treu ergebener Reiter, deren Satteltaschen mit Geld, Schmuck und wertvollen Handelswaren gefüllt waren. Aus dem Nor­den kam barfuß und staubig Seqr in die Stadt. Er trug das Gelehrtengewand eines Weisen aus den Akademi­en von Saint Cóbilôtte und auf seinem Felleisen stapel­ten sich dicke Bücher. Jasde zuletzt betrat Karukora, wie er es verlassen hatte, braungebrannt und ein Lied auf den Lippen. Die drei Brüder trafen sich im Hof des heruntergekommenen Hauses ihres Vaters und be­staunten gegenseitig ihr Aussehen.

Lafar hatte Wort gehalten: Auch wenn er im Lauf der zwölf Monate, die vergangen waren, noch schwächer und hinfälliger geworden war, so lebte er noch und war bei klarem Verstand. Zuerst stieg Masur von seinem Schimmel, trat vor seinen Vater, der sein Bett zur Fei­er des Tages hinaus vor die Tür hatte tragen lassen, wo er, von seiner Frau und Kissen unterstützt, halb in ihm saß. Masur kniete nieder und sprach:

„Ein Jahr und einen Tag war ich im wilden Süden un­terwegs und weiß nun, was das wahre Glück ist. Dort bei den Barbaren fand ich reiche, fruchtbare Ebenen und Weiden, die bis zum Horizont und über ihn hinaus reichten. Auf ihnen leben Familien und Sippen, die auf ihren Reittieren mit gewaltigen Herden durch diese immergrünen Gegenden ziehen und ihre Lager auf­schlagen, wo ihr Vieh zum Grasen verweilt. Sie sind frei und kennen keine Herrscher über sich; die überlie­ferten Werte und der Wille ihrer Ältesten sind die ein­zigen Befehle, denen sie gehorchen. Ihre Tierherden bestimmen ihr Handeln und Leben. Sie nahmen mich freundlich in ihrer Mitte auf. Ich erlernte ihre melodiö­se, singende Sprache und verdingte mich als Hirte und Pferdeknecht. Da leistete mir die Bürste gute Dienste, Vater.

Als ich eines Tages das Pferd ihres Clanältesten mit ihr striegelte und sein Fell pflegte, da hegte ich den Wunsch, selbst einmal in den Besitz eines solch wun­derbaren Tieres zu kommen. Und wie du es prophezeit hast, mein lieber Vater, ist es dann auch gekommen: Mein Wunsch wurde erfüllt. Es dauerte zwar noch ein paar Monate, aber eines Morgens rettete ich einem sei­ner Kinder durch Zufall das Leben und ich wurde in seiner Familie aufgenommen, als wäre ich schon im­mer ein Teil von ihr gewesen. Sie teilten ihr Vermögen und ihre Herden mit mir. Sieh mich an. Heute bin ich ein freier, reicher Mann, der viele Tiere und Pferde be­sitzt. Ich benötige dein Erbe nicht mehr. Aber ich weiß nun, dass es das wahre Glück ist, auf dem Rücken ei­nes edlen Rosses wie dem meinen im Sattel zu sitzen und frei wie der Wind über die Ebenen meiner neuen Heimat zu reiten.“

Lafar lächelte und segnete Masur. Er freute sich mit ihm gemeinsam über das Glück, das die Bürste seinem Ältesten beschert hatte. Anschließend trat Seqr neben Masur und kniete ebenfalls vor seinem Vater. Er sprach:

„Mein über alles geliebter Vater. Ich fand im Norden hinter dem Großen Wall, der unsere Wüste von den dunklen, barbarischen Wäldern der Lamargue trennt, Stätten des Wissens, des Fortschritts und der Philosophie. Und als ich staunend durch diese Städte wanderte, stieß ich auf eine gewalti­ge Bibliothek, in der auf Büchern, Folianten und Per­gamenten all diese viele Jahrtausende alte Weisheit aufgeschrieben steht. Doch – ach – nur wenige Gelehrte studierten aufmerksam und ehrfürchtig in diesen ge­segneten Hallen. Der Staub lag fingerdick auf den Goldschnitten der Bände, die niemand mehr las.

Da nahm ich die Bürste, die du mir gegeben hast, reinigte die Bücher und Regale von dem uralten, verkrusteten Dreck, den Spinnweben und den Stockflecken. Dabei wünschte ich mir, ich könne all die Dinge, die in ihnen aufgeschrieben standen und fast vergessen waren, le­sen. Und wie du es prophezeit hast, mein lieber Vater, ist es dann auch gekommen: Mein Wunsch wurde er­füllt. Ich wurde ein Mitglied der Gemeinschaft der Le­senden und Lernenden und mein Wissen wuchs von Tag zu Tag. Das ist der wahre Reichtum und ich benö­tige deshalb dein Erbe nicht. Aber ich weiß nun, dass es das wahre Glück ist, ein Buch aufzuschlagen, den säuerlichen Geruch seiner Bindung und den stumpfen seines Papiers zu riechen, mit angefeuchtetem Finger durch die Seiten zu blättern, die Sätze und all die Ge­schichten, die Erfahrungen und die Erfindungen, die Weisheiten und die Sagen zu studieren, die darin wie in einem Schatzkästlein verborgen sind und dabei die Zeit, den Tag und den Ort zu vergessen. Das ist Glück.“

Und Lafar segnete auch seinen zweiten Sohn und freute sich mit ihm gemeinsam über das Glück, das die Bürste Seqr beschert hatte. Schließlich trat Jasde an das Lager seines Vaters, verbeugte sich und sagte:

„Ich ging in den Westen, bis in die zerstörten und zerklüf­teten Jenseitigen Länder voller Gefahren, Gewalt und Kummer. Dort, hinter dem Babelmassiv, hinter dem bodenlosen Spalt, ist ein Leben nichts wert und der Tod lauert überall, im Schwert eines Räubers, im Reiß­zahn eines Raubtiers, im Gift einer Pflanze und im Lä­cheln einer schönen Frau. Viele Abenteuer und Gefah­ren hatte ich zu bestehen. Ich wurde von Dieben über­fallen und halbtot liegen gelassen, musste Täler, gefüllt mit giftigem Gas, durchwandern und Berge erklim­men, deren Höhe mir den Atem nahm. Ich sah unaus­sprechliche Dinge, schreckliche und schöne. Und ich be­gegnete vielen Menschen, bösen, wie auch guten.

Doch ich benötigte auf meiner Reise kein einziges Mal die Bürste, die du mir schenktest, denn jeder Tag erfüllte mir von selbst meinen einen Wunsch, den ich hegte: Ihn gesund zu überstehen, damit ich nach einem Jahr und einem Tag zu meiner Familie zurückkehren kann. Deshalb wusste ich auch bis heute, bis zu diesem Mo­ment, in dem ich über Schwelle unseres Hauses trat, noch nicht, was das wahre Glück ist. Ich entdeckte es erst, als ich hier Mutter, Schwester, meine Brüder und dich, mei­nen Vater, lebend wiederfand. Das wahre Glück ist es, bei den Menschen zu sein, die man liebt.“

Sprach es, nahm die Bürste, die ihm Lafar vor einem Jahr und einem Tag gege­ben hatte, beugte sich herab und putzte mit ihr den Kehricht vor dem Bett seines Vaters zusammen.

„Und mein einziger Wunsch ist, dass ihr alle für den Rest unseres Lebens mit mir verbunden seid.“

Dann umarmte er zuerst seine Mutter und dann sei­nen kranken Vater, der sich plötzlich viel kräftiger fühlte, aus seinem Krankenlager aufsprang und nach einer heißen Suppe verlangte. Es war, als wäre er nie darnieder gelegen. Was für eine Freude herrschte da im Hause des alten Bürstenmachers! Jeder umarmte den anderen, weinte vor Liebe und pries den Tag.

Und so erbte Jasde, der Jüngste, die Werkstatt seines Vaters. Er zog wieder in das Haus seiner Eltern und die Bürsten, Feger und Handbesen, die er unter der Anleitung des Alten, der wieder vollständig genas, her­stellte, waren die schönsten und besten in ganz Karu­kora und verkauften sich so gut, dass Jasde bald dar­auf ein Mädchen aus der Nachbarschaft freien und es heiraten konnte. So oft sie konnten, kamen seine Brü­der aus dem Süden geritten und aus dem Norden ge­laufen und die Feiern im Hause des Lafar waren die fröhlichsten und ausgelassensten unter der Wüsten­sonne.

Denn wahrhaft glücklich ist nicht, wer Reich­tum und Wissen anhäuft, sondern wer Menschen fin­det, die ihn auf seinem Lebensweg begleiten und ein Stück seiner steinigen Wanderung in Liebe mit ihm gehen.

Auf diese Weise lebte die Familie des Bürstenmachers glücklich miteinander, bis nach vielen, vielen Jahren der Tod, der Zerstö­rer aller Freuden, der Verwüster aller Heimstätten und der Vergifter aller Speisen unter sie trat. Ver­herrlicht sei die Allerbarmerin, die ihre Tränen für uns alle vergießt.«

(Auszug aus „Karukora“)