Mánis Fall – Der Prolog zu Brautschau 1

Ein langweiliger Abend

elbst das größte aller Abenteuer hält für seine Helden viele fade Momente, Stunden und Tage bereit. Wären die Barden, Liedersänger, Märchenerzähler und Chronisten ihrer Erlebnisse ehrlich mit ihren Zuhörern oder Lesern, so müssten sie es kleinlaut eingestehen: Die Zeiten, von denen während einer Aventüre nichts Erregendes oder Spannendes, Interessantes oder Wissenswertes berichtet werden kann und die deshalb von ihnen mit wenigen Worten vernachlässigt und oft übersprungen werden, diese Zeiten sind Legion.

Lasst uns trotzdem solch einen langweiligen Moment betrachten, den uns die Dichter so gerne vorenthalten und ihn auslassen, um schnell zum ›spannenden Teil‹ zu kommen. Gerade diese Augenblicke der Ruhe zeigen das wahre Gesicht unserer Helden und wir erfahren Dinge über sie, die sie uns näherbringen. Der Feuerschein einer stillen, bewegungslosen Nacht, um den sich sechs Menschen an einem einsamen Ort versammelt haben, fördert manches zutage, manchmal sogar ein ganzes Leben.

Die Abenddämmerung über den weiten, schier endlosen Bittermarschen der Jenseitigen Lande senkte sich eilig auf eine kleine Gruppe von Abenteuern herab. Diese stapfte schon den ganzen Tag schwerfällig durch den aufgeweichten Schlamm gen Osten und war am Ende ihrer Kräfte angelangt. Ihr Ziel war der Wald von Ygdras, wo sie bei den Albyhn von Usgârt Schutz und Verbündete finden wollten. Noch waren die fünf Abenteurer viele Meilen und etliche Tagesmärsche von dem vermeintlich sicheren Ort entfernt, dessen gewaltige Baumriesen sich bereits am Horizont wie ein schwarzer, unüberwindbarer Festungswall emporstreckten. Auch der große Baum Ygdras selbst stieg bereits in der Mitte des Waldes wie ein einsamer Berg weit in den Himmel weit hinauf. Seine zu jeder Jahreszeit belaubte Spitze verschmolz mit dem Grau der niedrig hängenden Wolken. Aus ihnen regnete es schon seit fast einer Woche ohne Pause auf Ebene und die Wandernden herab. Die kalte Nässe weichte nicht nur den Boden, sondern auch die Kräfte und den Willen der Flüchtenden auf, von denen keiner mehr ein trockenes Kleidungsstück am Leib trug. Sie stemmten sich, vom Gewicht ihrer vollgesogenen Felleisen niedergedrückt, gegen den Wind, der die Regenwut wie einen Vorhang in ihre Gesichter peitschte.

Der Kaufmann und Meisterdieb Juel, der den Trupp zusammen mit der ortskundigen, jungen Labelle anführte, blieb am Rand eines schwarzen Teichs stehen und nahm den schweren Rucksack von den Schultern. Er drückte seinen verspannten Rücken durch, bis er knackte und wischte sich erschöpft den Regen von Gesicht und Glatze. Anschließend hob er die Hand und wartete, bis die inzwischen weit auseinandergezogene Gruppe langsam zu ihm aufschloss. Währenddessen sah er sich zweifelnd um. Die vollkommene Stille seiner Umgebung, die nur von den Geräuschen der fünf Personen hinter ihm und dem Plätschern der Regentropfen unterbrochen wurde, gefiel ihm nicht. Er wusste, dass niemand diesen Landstrich bewohnte. Aber es waren nicht die Menschen, die er fürchtete. Doch so sehr er auch in die nahende Finsternis lauschte und in seine Umgebung spähte: Er spürte keine Gefahr.

Der dicke und geschwätzige ältere Mann hatte längst viel von seinem eigentlich unverwüstlichen und berüchtigten Humor verloren. Wie auch seine Zuversicht war er ihm irgendwann an diesem Tag im Matsch auf dem Weg hinter ihnen abhandengekommen. Auf der Suche nach dem dritten Stab war Juel zusammen mit seinem Freund Adelf von Süderbal schon einmal in dem Schwemmland jenseits des ›Großen Waldes‹ gewesen, aber das war nun bald zehn Jahre her und er war unsicher. Er hoffte, im Wald würde es leichter werden, doch hier draußen in der durchtränkten Ebene ohne markante Landmarken hatte sich in der Zwischenzeit vieles verändert. Die Karte, die er damals in seinem Kopf angefertigt hatte, stimmte nicht mehr. Durch die ununterbrochenen Regengüsse waren die meisten der Wege, die er früher gekannt hatte, ungangbar geworden. Die Sintflut vom Himmel hatte kleine Bäche in reißende, unpassierbare Flüsse und die Wiesen in tückische Sümpfe verwandelt, deren Erdreich unsicher war und grundlose Schlammlöcher und Treibsand verbarg. So hatten sie auch an diesem Tag immer wieder größere Umwege in Kauf nehmen müssen. Mittags war die Gruppe wegen einer Halbinsel, die sich als Sackgasse entpuppte, sogar zur Umkehr gezwungen und hatte dabei viel Zeit verloren. Obwohl sie heute ohne größere Pausen seit nun geschlagene neun Stunden unterwegs waren, waren sie deshalb nur wenige Meilen näher ihr Ziel herangekommen.

Solch einen nicht enden wollenden Regensturm mitten im Sommer hatte der fünfzigjährige Juel in seinem Leben noch nicht erlebt. Der ehemalige Erzabbas Jac hatte ihm erzählt, dass der schwarze Mond, der in gut drei Monaten vom Himmel stürzen würde, durch seine langsame Annäherung an die Erde seit geraumer Zeit das Wetter beeinflusste. Das würde die Hitzewellen des letzten Sommers, den ungewöhnlich harten und langen Winter, den abrupten Frühlingsbeginn am Ende des Ventôse und die massiven, salzigen Regenfronten erklären, die seit dem Messidor vom Ödwasser her in endloser Reihe über die Jenseitigen Lande zogen. Nun, wenn es Juel und seinen Gefährten nicht gelang, ihn zu verhindern, dann waren es heute noch exakt 158 Tage bis zum Weltuntergang! Da durfte das Wetter ruhig ein paar Kapriolen schlagen.

Inzwischen hatten sich Juels Begleiter zu ihm gesellt. Mit ihm selbst waren sie zu sechst: Der gebrechliche Mönch Jac, der Ordensritter Rüder, die Brautwandererin Hetha, die unheimliche Fabia und Lâbelle von den Parsern – drei Frauen übrigens, die man sich kaum unterschiedlicher vorstellen konnte. Ihre alte Gruppe hatte sich vor zehn Tagen nach den Abenteuern in der Ruinenstadt Pars und der dramatischen Fahrt über den Fluss Seyn auftrennen müssen. Sahars Truppe ritt auf den merkwürdigen Pferden der Parser weiter nach Südwesten in Richtung Hindersaat und hinterließ dabei absichtlich überdeutliche Spuren, damit der grausame General Windart und seine Mönchssoldaten ihnen und nicht den zu Fuß Fliehenden folgten. Währenddessen wollten sich die sechs Anderen durch die wandernden Sande und die überschwemmten Bittermarschen in Richtung Ygdras-Wald schleichen. Es war vereinbart, sich nach etwa dreißig Tagen in dem elenden Dorf Ende an der Grenze zu den Überlebenden Landen wiederzutreffen. Dies war notwendig geworden, damit die Schwächeren und Gebrechlicheren unter ihnen die Jenseitigen Lande auf einem sichereren Weg als über die südliche Route toxique verlassen konnten.

Juel kamen immer häufiger Zweifel, ob diese Aufteilung klug gewesen war. Auch wenn der Plan funktioniert hatte und der General tatsächlich auf ihren Trick hereinfiel und den anfälligeren Teil der Gruppe nicht mehr verfolgte, fragte er sich, ob es nicht eine bessere Alternative gegeben hätte. Ihre einzigen Kämpfer waren die dunkle, wieselflinke Lâbelle und der kleine Albyhn-Zwerg Rüder, dessen Bart fast bis zum Boden reichte. Beide waren zweifelsohne tapfer, aber nicht allzu stark. Und bei dem Marschtempo, das sie im Moment vorlegten, würden sie niemals rechtzeitig die kleine Siedlung am Ausgang des Weltengrates erreichen, die so passend ›Ende‹ hieß. Der Dicke vermisste zudem schmerzlich seine Gefährtin Sakket, die mit den anderen geritten war. Er hatte sie gerade eben erst nach zwanzig Jahren wiedergefunden, aber jetzt erneut verloren.

›Gut‹, dachte er, ›ich habe so lange auf sie gewartet, da werde ich wohl auch noch ein paar weitere Wochen ausharren können.‹

Juel seufzte selbstmitleidig und deutete nach vorne. Zu seiner Erleichterung hatten seine scharfen Augen einen Ort entdeckt, an dem seine Gruppe für diesen Abend und die hereinbrechende Nacht einen einigermaßen trockenen Rastplatz finden würde. Es war die Ruine eines Vorgängergebäudes auf der anderen Seite des Teichs. Sie wirkte trotz ihrer löchrigen und teilweise eingestürzten Mauern noch immer beeindruckend. Drei Stockwerke hoch erhob sich das uralte, dachlose Gebäude, von dem er sich erhoffen konnte, dass nicht alle Decken innerhalb der Außenwände eingestürzt waren. Schließlich hatten die Vorgänger massiv und für die Ewigkeit gebaut. Die teils imposanten Überreste ihrer stolzen Architektur prägten auch 6000 Jahre nach ihrem Untergang noch immer die Lande. Juel hatte längst aufgehört, zu zählen, in wie vielen von ihnen er in seinem Leben bereits auf Schatzsuche gewesen war.

[Zum 2. Teil —>]

Mánis Fall – Der Prolog zu Brautschau 2

uel sah zu Lâbelle hinüber, die sich neben ihn gestellt hatte. Die hübsche Parsin kannte sich gut in den Jenseitigen Landen aus, die ja ihre Heimat waren. Ihre Gabe war es, hinter den Spiegel der Realität sehen und das Geflecht begreifen zu können, aus dem sie bestand. So richtig konnte sich Juel diese Art von zweitem Blick nicht erklären. Aber wenn etwas nicht stimmte, dann würde das Mädchen es wahrnehmen können. Lâbelle kniff die Augen zusammen, sah sich aufmerksam um. Dann schüttelte sie langsam den Kopf.

»Gut. Lasst uns dort übernachten«, entschied Juel kurzangebunden und wartete vergeblich auf eine Antwort der anderen. Offenbar waren sie inzwischen sogar zum Reden zu müde. Selbst Jac, der sonst grundsätzlich die Entscheidungen des Dicken in Zweifel zog, hielt den Mund. Juel nahm seinen vom Regen durchtränkten und schweren Rucksack achselzuckend wieder auf und stapfte durch den Matsch des Teichufers auf das bedrohlich wirkende Gebäude zu. Die anderen folgten schweigend seinen Fußabdrücken, die sich rasch mit Wasser füllten.

*

Eine Stunde später hatte sich die Lage für die müden Wanderer merklich verbessert. Juel und Lâbelle hatten sich nicht geirrt. Ein Großteil der Decke eines hohen, fensterlosen Raumes, der gut die Hälfte des Untergeschosses des alten Gemäuers bildete, war noch vorhanden. Darunter waren auch die rechteckigen, hellgrauen Fliesen des gut erhaltenen Fußbodens trocken geblieben. Die Wände waren dick und stabil. Hier konnte sich die Gruppe gut vor dem erbarmungslosen Regen und dem eisigen Nordwind schützen. Zwar hatte die mit Säulen abgestützte Decke im hinteren Teil einen größeren Durchbruch, der durch alle Stockwerke ging und unter dem sich durch das herabfallende Wasser eine ordentliche Pfütze gebildet hatte, aber diese Öffnung nützten sie nun als Abzug für das Feuer, das sie eilig entzündet hatten. Offenbar diente dieser Ort nicht zum ersten Mal als sichere Unterkunft für müde Wanderer. Zu aller Freude und Überraschung hatten sie in einer Ecke des Saals zu ihrer Überraschung einen großen Stapel trockener Holzscheite und daneben eine Holztruhe mit warmen Wolldecken und geflochtenen Schlafmatten darin vorgefunden. Jemand musste diesen Vorrat vom noch viele Meilen entfernten Ygdras-Wald hierher gebracht haben, denn in den Sümpfen um sie herum gab es nur wenige vermodernde Bäume, niedriges, von Feuchtigkeit durchtränktes Buschwerk und strohige Pflanzen. Aber mit dem gut abgelagerten Holz gelang es ihnen rasch, die sorgfältig von größeren Steinen eingefasste, kreisrunde Feuerstelle mitten in dem Saal in Gang setzen. Bald schon erwärmte sich ihre Zuflucht.

Dann hockten sie endlich schweigend im orangen Licht ihres Feuers und starrten müde in die Flammen, die tapfer knackten und qualmten. Nicht einmal Fabia hatte mehr die Kraft, einen ihrer endlosen Jammermonologe zu halten. Sie hatten ihre klamme Kleidung zum Trocknen aufgehängt und sich selbst in die wärmenden Decken gehüllt, die die freundliche Seele für sie hinterlassen hatte. Da die eigentlich geschickte Jägerin Lâbelle auch am heutigen Tag kein Wild hatte aufstöbern können, musste man sich mit dem Proviant begnügen, den jeder bei sich trug: Gepökeltes Trockenfleisch, krümliger Käse und Zwieback, die noch aus den Vorräten der Lord Glenarvan stammten, dazu ein paar Trockenbeeren. Das einzige Getränk, das ihnen unbegrenzt zur Verfügung stand, war abgekochtes, merkwürdig schales Wasser aus der Regenpfütze hinten im Raum. Aber dennoch war alles besser als der gestrige Übernachtungsplatz unter dem undichten Luftwurzelgeflecht eines abgestorbenen Bolabaums. Dort waren sie fast ungeschützt der Witterung ausgesetzt gewesen und hatten nicht einmal ein kleines Feuer machen können.

Doch selbst gestern hatte es sich einer der zusammengewürfelten Schicksalsgemeinschaft nicht nehmen lassen, den anderen eine Geschichte zu erzählen, damit sie nicht in Selbstmitleid zerflossen. Rüder Rast berichtete ihnen in seiner blumigen und ausschweifenden Art von seinen Erlebnissen aus der Zeit, als er noch als blutjunger Knappe des fahrenden Ritters Gundson von Diedorf in der tiefsten Provinz unterwegs gewesen war. Den beiden war es bei ihrer Queste sogar gelungen, bis zum entlegenen Schendrach-Kloster auf dem Gipfel des Einsteins vorzudringen. Ihre haarsträubenden Erlebnisse auf der Flucht vor den männermordenden Titania-Nonnen hatte alle zum Lachen gebracht und von ihrer deprimierenden Lage abgelenkt. Aber an diesem Abend schien niemand die Lust zu verspüren, die anderen mit einer Geschichte aufzuheitern.

Fabias Blicke glitten langsam über die zusammengesunkenen Erscheinungen ihrer Gefährten. Sie waren ihr merkwürdig fremd und fern. Woran dachten sie? Ließen sie die ungeheuerlichen Erlebnisse der letzten Wochen Revue passieren oder versuchten sie, mit ihren glasigen, müden Augen die Nebelbänke der Zukunft zu durchdringen? Sie fand in den Gesichtern keine Antwort. Seufzend erhob sie sich, weil ihr Bein eingeschlafen war. Sie war es nicht gewöhnt, einfach auf dem Boden zu sitzen. Langsam ging sie in dem Saal umher. Da entdeckte sie in der Nähe der großen Pfütze an der Rückseite ein rechteckiges Schild an der Wand, das dort eigentlich nicht hingehörte. War es der Versuch eines Wanderers vor ihnen gewesen, diese Notunterkunft in den traurigen Bittermarschen ein wenig wohnlicher zu machen? Fabia trat näher heran. Sie spürte einen schmerzhaften Stich in ihrer Brust. Denn das blaue, weißumrandete Hinweisschild, dessen Schrifzug zwar teilweise abgeblättert, aber immer noch lesbar war, stammte aus ihrer eigenen Zeit oder war sogar noch älter. Sie konnte kaum glauben, was sie da las:

›A4 Paris – Strasbourg‹

Doch es war nicht das Schild selbst, das sie fassungslos machte. Es war ein fast vollkommen ausgeblichenes und verwischtes Graffiti an der linken Seite, das sie selbst vor fast 6000 Jahren dort angebracht hatte. Tränen schossen in ihre Augen. Wenn dieses Schild nicht von irgendwo hergeschleppt worden war, dann befand sie sich tatsächlich in der Nähe der Route de l’Est und wenn sie die Kilometer abschätzte, die sie sich inzwischen von der Ruinenstadt entfernt hatten, dann waren die Bittermarschen ein Teil des ehemaligen Arrondissements Verdun. Dieses Haus, in dem sie stand, war vielleicht das letzte Überbleibsel einer Stadt, in der in ihren Tagen 8 Millionen Menschen gelebt hatten und in der sie zum letzten Mal ihren Freund Xaver und dessen Schwester Sadie gesehen hatte.

Sie begann zu zittern und zog die Decke enger um ihren Oberkörper. Beim Sturz des Mondes waren dessen gewaltige Brocken auf der ganzen Nordhalbkugel eingeschlagen und hatte ganze Kontinente von den Landkarten radiert und andere waren dadurch erschaffen worden. Die Heutigen nannten diese Katastrophe die ›Große Welle‹. In den anschließenden kriegerischen Auseinandersetzungen waren über die wenigen Überlebenden noch mehr Tod, Vernichtung, Seuchen und schließlich auch noch ein atomarer Völkermord gekommen, der die Reste der Menschheit direkt in die Steinzeit zurückschleuderte. Anschließend, so hatte es vor einigen Abenden jedenfalls der ihr unheimliche Jac erzählt, waren eintausend dunkle, barbarische Jahre gekommen, bis sich die ›Drei Reiche‹ bildeten, die sich ebenfalls in einem Krieg gegenseitig zerstörten. Über dieses grausame Zeitalter, aus dem die heutigen Nationen der Überlebenden Lande nur langsam und zögernd herausgetreten waren, gab es offenbar keine Aufzeichnungen und kaum Erinnerungen. Vieles hatte sich der alte Mönch aus Sagen, Mythen und mündlichen Überlieferungen zusammenreimen müssen. Die Menschen hatten aber ihre Geschichte neu begonnen. Inzwischen waren noch einmal beinahe 5000 Jahre ins Land gegangen, in denen langsam wieder eine Zivilisation entstanden war. Und Fabia hatte während der ganzen Zeit in ihrem Glassarg geschlafen! Sie fühlte sich so einsam wie noch nie seit ihrem Erwachen.

Hetha, deren kupferrote, vom Feuer beschienene, Haarpracht wie ein Licht leuchtete, musste bemerkt haben, dass mit Fabia etwas nicht stimmte. Während die Vorgängerin stumm in sich hineingeweint hatte, war sie nähergetreten und nun umarmte sie sie. Fabia zuckte zuerst zusammen und wollte unwillig zurückweichen. Doch dann ließ sie sich die mitfühlende Berührung gefallen. Sie legte ihren Kopf auf die Schultern des Mädchens, das sie – zog sie einmal die Jahrtausende ab, die sie wie Dornröschen verschlafen hatte -, in etwa auf ihr eigenes Alter schätzte.

[<—Zum 1. Teil]          [Zum 3. Teil —>]

Mánis Fall – Der Prolog zu Brautschau 3

omm, Faiaba«, flüsterte Hetha nach einer Weile, »wir wollen uns wieder zu den anderen ans Feuer setzen. Hier ist es kalt und klamm und wir holen uns nur eine Krankheit.« Fabia, die zum ersten Mal nicht über die seltsame Verballhornung ihres Namens aus dem Mund ihrer Reisegefährtin protestierte, schniefte einmal kurz.

»Danke«, sagte sie und ließ sich widerstandslos zurückführen. Die anderen sahen kaum auf, als die beiden Frauen wieder in den Lichtkreis des Lagerfeuers traten.

Kaum hatte sich Fabia wieder zwischen Juel und Lâbelle gesetzt, geschah etwas mit ihr. Es brach etwas auf, was sie tief in sich verschlossen und versiegelt hatte. Sie sammelte sich. Dann begann sie unvermittelt zu erzählen; zuerst mit unsicherer und leiser Stimme. Trotz ihrer Müdigkeit lauschten die anderen bald atemlos der unerhörten Geschichte aus einem fernen Zeitalter, die für sie wie eines von Sahars Märchen klang. Jeder Satz des Berichts über die letzten Tage von Paris erleichterte Fabia, als würde ihr ein großer Felsen von der Seele genommen …

5880 Jahre vorher …

1. Kapitel
Flucht in die Sorbonne

In den Marskolonien der Indopazifischen Union herrschten Chaos und Zerstörung. Aber ihr Angriff erfolgte auch an diesem Morgen pünktlich und präzise. Auf die Kolonisten war Verlass. Wie an jedem Morgen schlugen auch am 24. Juni des Jahres 2534 die ersten Gravitationswellen aus ihren im Voltaire-Krater auf Daimos stationierten Kanonen um 06:45 Uhr auf der Rückseite des irdischen Mondes ein. Zehn Sekunden später begannen die Sirenen auf den fast in die Stratosphäre ragenden Wohntürmen und öffentlichen Gebäuden der Megapole Paris zu heulen.

Ihr Omicron „Puck“, der kleine, private Mehrzweck-goLEM der Studentin Fabia Winterfeld, schaltete ebenso prompt in den Notfallmodus. Aufgeregt rollte er schwankend durch ihre vollgestellte Einzimmerwohnung und gab fiepende und panische Geräusche von sich. Offenbar kam dabei auch sein Orientierungssinn ein wenig durcheinander, denn der Robot donnerte mit blechernem Hallen zuerst gegen die Küchenzeile und suchte dann protestierend Schutz unter dem niedrigen Esstisch.

»Überrangprotokoll Fabia!«, rief die junge blonde Frau eilig. »Puck! Whither wander you? Standby.«

Etwas klickte und rasselte im Inneren des Robots, dann froren seine hektischen Bewegungen ein und nur noch ein rotes Licht leuchtete an seiner Außenhülle. Fabia seufzte. Jeden Morgen veranstaltete Omicron, den sie nach dem Kobold im Midsummer night‘s dream von Shakespeare „Puck“ getauft hatte, das gleiche Theater. Denn jedes Mal vergaß sie am Abend vorher, ihn vorsorglich in den Ruhemodus zu versetzen. Sie hatte schon mehrmals mit dem Wartungsservice der Universität gesprochen, ob man den goLEM nicht etwas weniger empfindlich einstellen konnte und es war ihr auch von dem netten Mitarbeiter immer wieder versprochen worden, man würde einen Delta vorbeischicken. Aber bislang hatte sie immer vergeblich auf eine der wieselflinken Technikdrohnen gewartet, die sie an glattrasierte Vogelspinnen erinnerten. Der Wartungsservice hatte wahrscheinlich in diesen Zeiten Wichtigeres zu tun, als sich um die kleine Haushalts- und Medizinmaschine einer Studentin zu kümmern. Fabia konnte Puck aber auch nicht einfach ausgeschaltet lassen, weil unter Umständen ihr Leben von seinen Sensoren und Funktionen abhing. Trotzdem genoss Fabia den kurzen Moment der Ruhe. Sie wartete, bis auch die Sirenen endlich schwiegen, dann kletterte sie aus ihrem Bett, das automatisch von der elektronischen Raumkontrolle mit einem unangenehmen Quietschen in die Wand zurückgezogen wurde.

»Vielleicht sollte ich die Kugellager mal wieder ölen lassen«, dachte sie und vergaß ihren Gedanken sofort wieder, denn der jungen Frau wurde gleichzeitig schwindlig. Ihre Umgebung geriet für sie heftig ins Schwanken und sie musste sich am kleinen Bücherbord festhalten, um nicht zu stürzen. Fabia wusste nicht, ob der Eindruck durch ihre morgendlichen Kreislaufprobleme entstanden war oder etwa doch durch eine der Gravitationswellen, die ihr Angriffsziel verfehlt und zufällig das Studentenwohnheim getroffen hatte. Sie schloss für ein paar Sekunden die Augen und atmete tief ein. Das Gefühl, auf den Planken eines schwankenden Schiffs zu stehen, verschwand so schnell, wie es gekommen war. Erleichtert stieß sie die Luft aus.

Fabias erster Weg führte sie zu dem veralteten Lebensmittel-Dehydrator und -Zubereiter, dem der Vorbesitzer der Wohnung scherzhaft ein prähistorisches Windows-10X-Betriebssystem unterstellt hatte. Sein Ratschlag hatte gelautet, fest mit einem Hammer von oben auf die Außenhülle zu schlagen, wenn das Gerät ein Croissant und einem Milchkaffee produzieren sollte. So verbeult, wie das Ding aussah, hatte er das offenbar auch einige Male ausprobiert. Leider funktionierte der unförmige Kasten dadurch selten so, wie er sollte und erschuf statt einem französischen Frühstück die seltsamsten und ungenießbarsten Nahrungsmittelkombinationen.

Tagsüber aß Fabia in der Mensa, aber morgens war sie auf den Thermix angewiesen. Auch heute versuchte sie vergeblich, das altersschwache Gerät durch Rütteln zu bereden, ihr einen starken Morgenkaffee zuzubereiten. Stattdessen füllte es eine durchsichtige Brühe in die bereitgestellte Tasse, die wie eine Mischung aus Earl-Grey-Tee und Kohlsuppe schmeckte. Aber sie war wenigstens warm und mit ein wenig Süßstoff gewürzt, war sie trinkbar. Auch ihr Koffeingehalt schien zu passen.

Fabia verzichtete auf einen weiteren selbstmitleidigen Seufzer und stellte sich an das einzige, wegen der Klimaanlage und der dünnen Luft hier oben nicht zu öffnende Fenster ihres billigen Studentenappartements im 123. Stockwerk des etwas heruntergekommenen Henri-Gouraud-Buildings im Weichbild der Innenstadt von Paris. Eigentlich war der Blick aus den etwas trüben Scheiben auf die französische Megapole von hier oben atemberaubend – man konnte bei klarem Wetter sogar die Kunststoffkopie des Eiffelturms in der Ferne erkennen, die im letzten Jahrhundert nach dem entsetzlichen pazifischen Krieg errichtet worden war, der praktisch ganz Südostasien radioaktiv verseucht hatte – aber gerade schob sich wieder mal eine der vielen gewaltigen Nachrichten- und Werbetafeln, die wie eine Besatzungsarmee über der Stadt schwebten, an dem Hochhaus vorbei und verdeckte die Aussicht, wegen der allein Fabia die schmuddelige, kleine Bude in dieser luftigen Höhe gemietet hatte.

»Der Mond braucht Männer!«, las Fabia zornig und stirnrunzelnd, während sie an ihrem scheußlichen Getränk nippte und sich dabei die Lippen verbrannte. »Der Mond braucht SIE! Bewerben Sie sich noch heute, denn morgen, Männer, kann es bereits zu spät sein.« Die Second-Moon-Corp., kurz 2MC, der mächtigste und größte Industrie- und Wirtschafts-Trust der Welt, machte mal wieder Werbung für ihr gigantisches Weltraumprojekt, im Wettlauf gegen die Zeit oben im Orbit einen zweiten, künstlichen Trabanten zu errichten, bevor der natürliche Mond durch die Waffen der Kolonisten vernichtet werden würde. Die täglichen Angriffe mit ihren experimentellen Gravitationswellenkanonen hatten seine Struktur bereits existentiell angegriffen und er torkelte auf einer unsicheren Umlaufbahn um die Erde. Würde er tatsächlich zerbrechen und seine Einzelteile als glühende Meteore auf die Menschheit herabregnen, wäre der Weltuntergang gekommen. Aber noch hielt der Mond den steten Erschütterungen tapfer stand und Fabia hoffte, dass er das noch eine ganze Weile tat. Zumindest bis die 2MC ihr Projekt beendet und einen Ersatz geschaffen hatte, der die Erdrotation abbremsen würde, wenn sein natürliches Pendant irgendwann fehlte.

Aber welcher Marketing-Praktikant hatte denn diesen frauenfeindlichen Spruch verbrochen? Die Studentin, die an der Pariser Uni neben „Theoretischer Kybernetik“ und „Künstlicher Intelligenz“ im Nebenfach „Gender-Historik“ belegt hatte, ärgerte sich über die Werbeeinblendung der Moon Corp., die gerade – als ob sie sie verhöhnen wollte – auf der fliegenden Tafel muskelbepackte Testosteronbündel zeigte, die am Metallgerüst des künstlichen Trabanten arbeiteten und aus stahlblau funkelnden Augen heroische Blicke gen Sternenhimmel richteten. Seit den Anfängen der Frauenemanzipation waren nun beinahe fünfhundert Jahre vergangen und noch immer benötigte der Mond ausgerechnet „Männer“! Einfach widerlich. Fabia hatte Lust, sich auf der Stelle bei der Pressestelle der Gleichstellungsministerin zu beklagen.

Doch plötzlich unterbrach das zentrale I-Net die nachfolgende Hundefutterreklame auf der schwebenden Werbetafel und brachte eine Notfallmeldung. Alle Bürger von Paris wurden aufgefordert, unverzüglich ihre Augreyes einzuschalten, falls sie dies noch nicht getan hatten. Sie sollten auf eine wichtige Nachricht der Earth Defence zu warten. Wie alle Bewohner der Megapole trug auch Fabia ihre Augmented-Reality-Kontaktlinsen vierundzwanzig Stunden am Tag und aktivierte sie gehorsam durch ein bewusstes Nasenzucken.

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Mánis Fall – Der Prolog zu Brautschau 4

ie Augreyes versuchten sofort, Verbindung mit dem Netz aufzunehmen und blendeten dazu in ihren Blick das Standby-Symbol von I-Net ein. Es stellte eine sich um sich selbst drehende, altertümliche Computerplatine dar und sah für Fabia so aus, als würde das Logo direkt vor der langsam vorbeiziehenden Werbetafel vor ihrem Fenster in der Luft schweben. Was frühere Generationen für Magie gehalten hätten, war für sie nur ein Teil ihres alltäglichen Lebens. Sie konnte sich nicht vorstellen, wie die Menschen früher gelebt hatten, als es die Möglichkeiten der virtuellen Realität noch nicht gab, durch die man buchstäblich mit einem Augenzwinkern Verbindung mit der ganzen Welt aufnehmen konnte. Wie hatte man zum Beispiel die Treffen mit seinen Freunden organisiert?

Die Studentin wartete ungeduldig auf das Online-Signal des weltweiten Computernetzes, dessen Serveranlagen in auf -250° C heruntergekühlten künstlichen Höhlen unter der iberischen Halbinsel und der nördlichen Atlantikküste standen. Doch die Verbindung nahm überraschend viel Zeit in Anspruch. Schließlich ging sie zu ihrer engen Nasszelle, schüttete den Rest ihres scheußlichen „Kaffees“ in die Toilette und machte ihre Morgenwäsche.

»Irgendetwas scheint nicht zu stimmen«, wunderte sie sich, denn solche Verzögerungen beim Einwählen ins Netz waren nicht normal. Aber dann, als sie sich gerade nackt im Spiegel begutachtete und überlegte, ob sie sich noch einen weiteren Eingriff leisten könnte, um ihr – kritisch und objektiv betrachtet – doch etwas zu ausladendes Gesäß in Form bringen zu lassen, funktionierte der Kontakt doch noch. Bevor sich allerdings I-Net melden konnte, erreichte sie ein Prioritätsanruf aus der Uni. Vor ihren Augen klappte die äußerst echt wirkende Gestalt ihres Doktorvaters auf, von Fabias Augreyes halb unter die tropfende Dusche gezaubert. Sie kicherte und war froh, dass ihm in diesem Augenblick nicht sie selbst, sondern ihr vollständig bekleidetes, geschminktes und nur leicht aufgehübschtes Profilbild vor den Augen stand.

»Bonjour, Fabia«, begrüßte sie Dr. Samuel Baruch Rosenthal, der führende Kybernetik- und Biorobotik-Wissenschaftler der westlichen Hemisphäre. »Wie ich sehe, sind Sie schon auf. Ich muss Sie unbedingt und sofort sprechen; es ist äußerst dringend. Kommen Sie so schnell wie möglich zu mir ins Babel. Es geht um Ober-1.«

»Guten Morgen, Herr Professor, ich werde mich gleich auf den Weg machen. Aber darf ich mich vorher noch anziehen? Sie sehen es nicht, aber ich bin unter der Dusche und ich stehe im Augenblick vollkommen nackt vor ihnen«, erwiderte die junge Studentin ruhig, obwohl sie sich ganz und gar nicht gelassen fühlte. Ihr Herz klopfte laut vor Aufregung. Der ältere Mann sah ihr überrascht in die Augen – das heißt, er sah ihrem, auf seine Pupillen projizierten, künstlichen Erscheinungsbild in die Augen, dessen dreidimensionale Umgebung nicht ihre Wohnung, sondern die Standardeinstellung war, nämlich eine grüne Wiese unter blauem Himmel. Denn obwohl es für Fabia so wirkte, als würde Rosenthal in ihrem Badezimmer direkt vor ihr stehen, hielt er sich doch etliche Kilometer von ihr entfernt auf der anderen Seineseite in seinem der Universitätsklinik angegliederten Labor auf, das alle dort nur als „das Babel“ kannten. Ach, es war kompliziert, aber die Täuschung perfekt. Fabia zwinkerte kokett und lächelte verführerisch. Sie wusste, dass die dreidimensionale Projektion von ihr diese Bewegungen in Echtzeit und getreu nachahmen würde – auch die merkwürdigen Verrenkungen, die sie machte, während sie sich geschwind abtrocknete und sich eilig ihre Freizeitklamotten anzog. Sie warf sich den ausgewaschenen, ihr viel zu weiten Hoodie über, den sie mal ihrem großen Bruder aus dessen Kleiderschrank gestohlen hatte. Er war das einzige Erinnerungsstück, das sie noch von ihm besaß. Dabei ärgerte sie sich ein wenig über sich selbst. Ihr kokettes Verhalten war einer emanzipierten Frau nicht würdig. Und doch … Der Professor räusperte sich und sah verlegen zu Boden, als würde er ihr tatsächlich dabei zusehen, wie sie sich ankleidete.

»Sie haben die Nachrichten noch nicht gehört, Fabia? Diesmal ist es ernst und Sie müssen sofort zu mir!«, flehte er. Die Studentin sah ihm an, dass er sich Sorgen machte. »Nehmen Sie nicht die Metro, sondern kommen Sie, wenn möglich, mit einem Schweber. Auch wenn es länger dauert, ist der Luftweg doch sicherer – zumindest bevor uns der Himmel auf den Kopf fällt. Ich warte hier auf Sie. Lassen Sie sich nicht zu viel Zeit.«

Der Professor beendete die Verbindung und sein Geisterbild in der Dusche klappte zusammen. Sofort schob sich eine Textmeldung von I-Net in den Vordergrund, die eine audiovisuelle Übertragung über den Regierungskanal ankündigte. In dem leicht durchsichtigen Rahmen, den ihr die Augreyes gegen die leere Wand warfen, auf die Fabia gewohnheitsmäßig sah, wenn sie mit einem Augenzwinkern durch die TV-Kanäle zappte, erschien nun der dunkelhäutige Pressesprecher der Earth Defense. Er war ein glatzköpfiger Mann undefinierbaren Alters, der jeder unter dem Spitznamen EDY kannte. Er wirkte besorgt, aber gefasst und vertrauenerweckend, strahlte Zuversicht und Entschlossenheit zugleich aus. Fabia wusste, dass auch er kein echter Mensch, sondern nur ein Hologramm war, dessen Physiognomie man nach ausgeklügelten psychologischen Gesichtspunkten zusammengestellt hatte. Niemand hatte eine Ahnung, wie der echte Sprecher hinter der Maske aussah – Fabia stellte ihn sich immer untersetzt und dick vor, mit einem Stiernacken und kleinen Schweinsäuglein. Was EDY zu sagen hatte, erschreckte sie allerdings und brachte sie dazu, sich so schnell wie möglich fertigzumachen.

»Bürger! Dies ist keine Übung. Der heutige Angriff der niederträchtigen Mars-Rebellen hatte zur Folge, dass ein Gesteinsbrocken mit etwa 2,5 Millionen Kubikkilometer Rauminhalt vom Mond abgesprengt wurde und sich nun in einer instabilen, enger werdenden Umlaufbahn um die Erde befindet. Der Mond selbst ist nicht in Gefahr, aber in exakt …«, die Stimme klang plötzlich metallen und künstlich, »16 Stunden und 24 Minuten …«, und kehrte zu ihrem normalen Tonfall zurück, »wird dieses kleine Teilstück über dem Atlantik ins Meer stürzen. Es ist trotzdem zu befürchten, dass der Impact sowohl auf dem panamerikanischen wie auch auf dem afrikanischen und dem europäischen Festland schwerste Erdbeben der Stärke 10,5 und höher und dadurch extreme Tsunami-Wellen auslösen wird. Diese bedrohen nicht nur die Inseln und Küsten, sondern alle Regionen der genannten Kontinente existenziell; insbesondere auch die unterseeischen Rechenzentren des I-Net unter Marelona. Sie werden aufgefordert, unverzüglich die Ihrem Wohnbereich nächsten Schutzräume aufzusuchen. Ihre Augreyes werden Sie führen. Bleiben Sie ruhig, Bürger, Sie haben ausreichend Zeit, in Kontakt mit Ihren Liebsten zu treten und in den Bunkeranlagen Schutz zu finden. Warten Sie auf weitere Instruktionen. Bürger! Dies ist keine Übung! Der heutige Angriff der Rebellen …« Der Pressesprecher begann damit, seine Katastrophenmeldung zu wiederholen. Gleichzeitig klappten weitere, sich teilweise überlappende Rahmen mit Fernsehprogrammen auf, die Livebilder aus aller Welt und hektische Reporter und Kommentatoren zeigten.

Fabia schaltete den Ton leiser und vergrößerte mit einem gezielten Blick eine Filmaufnahme vom Mond. Er sah ein wenig wie ein Apfel aus, von dem jemand ein kleines Stück abgebissen hatte. Ein paar Brocken schwebten durchs Bild, aber die Hauptmasse des von den Gravitationswellenkanonen abgetrennten Gesteins war längst auf dem Weg, in einer lang gezogenen Kurve auf die Erde zu stürzen. Erschüttert versuchte die junge Frau die Größe des wie ein Damoklesschwert über ihrem Haupt schwebenden Mondbrockens einzuschätzen und welche Schäden er verursachen würde, aber ihre Einbildungskraft reichte dazu nicht aus. Trotz der Bilder, die ihr die Kontaktlinsen zeigten, blieb die Gefahr noch abstrakt. Vielleicht war es auch der Schock, aber sie blieb ruhig und gefasst. Sie schaltete alle Fernsehkanäle aus, aber I-Net zeigte ihr weiterhin den Countdown bis zum Impact und blendete eine Fluchtroute zum nächsten Schutzraum ein.

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Mánis Fall – Der Prolog zu Brautschau 5

abia starrte auf die rot blinkende Infografik, ohne sie richtig wahrzunehmen. Jetzt schnürte doch eine nie gefühlte Panik wie ein dünner, messerscharfer Draht die Luft ab. Direkt über ihrem Kehlkopf saß er und strangulierte sie, machte jeden Atemzug zu einem erstickten Röcheln. Ihre Hände fuhren zum Hals, als könne sie sich von dem eingebildeten Draht befreien. Dann atmete sie krampfend ein, schnappte wie ein Fisch auf dem Trockenen nach Luft. Wenn sie daran dachte, dass sie eben noch überlegt hatte, ob sie wohl genug Geld für eine weitere Schönheits-OP aufbringen könnte, wurde ihr ganz schlecht. Wie schnell solche Dinge vollkommen unwichtig wurden …

»Jean-Paul, sie haben es wirklich getan«, flüsterte sie, nachdem sie ihre Stimme wieder gefunden hatte. Mit dem Vornamen des Philosophen aus einer längst vergangenen Epoche aktivierte Fabia ihren nach Jean-Paul Sartre benannten I-Net-Tagebuch-Kanal. Dessen von ihr selbst programmierte KI-Software begann sofort, ihre Worte für die Nachwelt und ihre Follower aufzuzeichnen, sie dabei in alle möglichen Sprachen übersetzte, um sie anschließend dem ausgefallenen Avatar, den die Studentin sich ausgesucht hatte, lippensynchron in den Mund zu legen.

»Gerade eben hielt ich es noch für vollkommen ausgeschlossen, dass mir so etwas passieren würde. Nicht heute, nicht morgen, nicht in zwanzig Jahren, nicht während meiner Lebenszeit. Das war undenkbar, also existierte es nicht. Heißt es nicht schon immer: ‚Nach mir die Sintflut‘? Der Weltuntergang ist doch etwas für die nächste oder die übernächste Generation, nicht für die eigene. Sollen unsere Enkel die Verantwortung für unsere Taten übernehmen, so wie wir die zerstörte Umwelt und den radioaktiven Müll unserer Vorfahren übernommen haben.«

Fabias Augreyes zeigten ihr die Statistik für ihr Online-Tagebuch, das sie auf den Namen „Jean-Pauls kleine Existenz“ getauft hatte. Sie vermochte es sich kaum vorzustellen, aber sie hatte Publikum auf der ganzen Welt. Laut dem eingeblendeten Zähler waren es 5734 Personen, die trotz der gefährlichen Situation in diesem Moment einem älteren, schielenden Mann mit dicker Hornbrille, schütterem Haarwuchs, schlechten Zähnen und einer altertümlichen Pfeife zwischen den dicken Lippen dabei zuhörten, wie er in ihrer eigenen Sprache die Sätze formulierte, die Fabia im gleichen Moment in ihrer Wohnung flüsterte.

Eigentlich hätte ihr I-Net-Double Simone de Beauvoir heißen und wie diese aussehen sollen. Sie bewunderte die unnahbare, stolze Frau, die ihre schwarzen Haare in einen todschicken Turban eingewickelt trug, mehr als ihren Lebensgefährten Sartre, der doch eher wie ein schmuddliger Briefkastenonkel wirkte. Aber die Avatara der legendären Schriftstellerin und Feministin war nach Elisabeth Bennet die beliebteste und bereits allzu oft an Studierende der Genderwissenschaften vergeben. Deshalb hatte sich Fabia für Beauvoirs eher unbedeutenden Philosophenfreund entschieden, als sie wegen einer von Professor Rosenthal gestellten Semesteraufgabe aus einer Laune des Augenblicks heraus diesen typischen Studentenblog eröffnet hatte. Sartre war außerhalb von spezialisierten, den klassischen Existenzialismus erforschenden Fachkreisen kaum bekannt und niemand außer ihr benutzte ihn als Avatar.

Über „Jean Pauls kleine Existenz“ teilte Fabia seit ein paar Jahren sehr unregelmäßig ihre Gedanken und Empfindungen, ihre politischen Meinungen – so weit sie nicht der oft allzu besorgten und akribischen Zensur des I-Net anheimfielen – aber auch Gedichte und allerlei Berichte und Anekdoten aus ihrem Alltag an der Sorbonne mit. Sie hatte sich nicht vorstellen können, wen ihr Geplapper außer ihren Freuden und Bekannten noch interessieren könnte, aber der bescheidene Erfolg hatte sie doch ein wenig stolz gemacht. Gut, zehntausend Zuschauer auf ihrem sporadischen, recht exzentrischen Jean-Paul-Sartre-Augreye-Kanal waren bei einer Weltbevölkerung von ungefähr achtunddreißig Milliarden Menschen wirklich nicht viele, aber es waren ihre Zuschauer und sie fühlte sich vor ihnen in der Verantwortung. Deshalb wollte sie sich auch von ihnen verabschieden, bevor sie ihre Wohnung verließ und deren Tür zum vielleicht letzten Mal hinter sich schloss. Sie bezweifelte, dass das altersschwache Henri-Gouraud-Building den zu erwartenden Tsunami heil überstehen würde. Als hätte er ihre Gedanken gelesen, sagte Sartre plötzlich:

»Ich fühle mich in die Welt geworfen, in dem Sinn, dass ich mich plötzlich allein und ohne Hilfe finde, engagiert in eine Welt, für die ich die gesamte Verantwortung trage, ohne mich, was ich auch tue, dieser Verantwortung entziehen zu können, und sei es für einen Augenblick, denn selbst für mein Verlangen, die Verantwortlichkeiten zu fliehen, bin ich verantwortlich«, stellte er kryptisch und ein wenig rechthaberisch fest. Weil Fabia zu lange geschwiegen hatte, übernahm automatisch die künstliche Intelligenz ihres Kanals für sie und ließ den Avatar aus dem Aphorismenspeicher des echten Philosophen diesen endlosen Satz zitieren, damit keine Pause entstand und sich die Follower langweilten. Obwohl die KI dabei vollkommen zufällig vorging, erschien Fabia das Gesagte doch erstaunlich passend.

»Ich bin in eine Welt geworfen, die ich mir nicht ausgesucht habe«, nahm sie den Ball auf, den ihr der Franzose über den Abstand von vielen Jahrhunderten hinweg zugeworfen hatte, »und ich habe lange in dieser Welt gelebt, als wäre sie eine Selbstverständlichkeit, als gäbe es nur diese eine. Doch nun wird sie mir genommen – oder besser gesagt, kaputtgemacht. Das größte Verbrechen ist es nicht, jemanden etwas zu nehmen, sondern es ihm kaputt wiederzugeben. Und dabei bin ich …« Sie zögerte.

Während Fabia nach den richtigen Worten suchte, mit denen sie ihre verworrenen Gedanken deutlicher formulieren konnte, sah sie, wie die Anzahl ihrer Zuschauer rapide kleiner wurde und dann plötzlich auf 0 fiel. Sie verstummte erstaunt mitten im Satz. Das war ihr noch nie passiert. Selbst wenn sie angetrunken den größten Mist von sich gab, hielten ihr ein paar dort draußen in der weiten Welt standhaft die Treue. Sie fühlte sich ein wenig beleidigt.

»AUSKUNFT!«, wandte sie sich deshalb direkt an die zentrale Informationsplattform und Suchmaschine des internationalen Computerdienstes I-Net. Erneut musste sie einige Zeit warten und der kreisenden, anachronistischen Platine zusehen, bis eine Verbindung zustande kam. Aber das hatte sie bei der Aufregung, die im Moment herrschte, erwartet. I-Net schuftete gerade sicherlich am äußersten Rand seiner Leistungsfähigkeit und alle LAN-Kabel, Router, Server und Knotenrechner auf der Erde liefen heiß. Endlich erschien eine plastische, aber vollkommen geschlechtslose, in eine schlicht, weiße Mönchskutte gehüllte Gestalt auf der Bildschirmfolie von Fabias Augreyes, die wie eine Kontaktlinse auf ihrer Iris klebte. Die Figur sollte zuverlässig und ehrlich wirken, hatte aber auf die Studentin, die der Augenwischerei der heutzutage beliebig gestaltbaren äußeren Form bei Mensch und Maschine misstraute, eher die gegenteilige Wirkung. AUSKUNFT trug einen faltenlosen und entrückten, fast gelangweilt zu nennenden, dabei allen menschlichen Regungen vollkommen gleichgültig gegenüberstehenden Gesichtsausdruck zur Schau. Fabia kannte diese Miene von den unzähligen kleinen steinernen Engeln und Heiligen, die über den drei großen Portalen der mehrmals niedergebrannten und erst kürzlich rekonstruierten Notre-Dame-Kathedrale in der Innenstadt standen und hochmütig und sophisticated auf die wenigen eintretenden Gläubigen herabsahen. Auch die Kleidung des Avatars war der jener Skulpturen aus der Hochgotik ganz ähnlich. Der Studentin wäre es lieber gewesen, wenn AUSKUNFT wie die Wasserspeier auf dem Dach der nach dem antiken Vorbild wieder aufgebauten Kirche ausgesehen hätte. Die spöttischen Fratzen der Gargoyles hätten viel eher zu der KI gepasst, von der Verschwörungstheoretiker munkelten, sie wäre die wahre Macht hinter allen Erd- und Kolonie-Regierungen. Nun, das wusste Fabia besser:

I-Net und seine Personifizierungen, EDY, AUSKUNFT, GOTTSCHALK, ASK ME und wie sie alle hießen, waren nur Facetten einer zwar gewaltigen und höchst entwickelten Rechnerintelligenz. I-Net selbst führte jedoch keine eigenbestimmte, unabhängige Existenz. Sie tanzte wie alle KI nach der Pfeife ihrer Programmierer und Admins. Sartre hätte I-Net wahrscheinlich eine Existenz im Sinne seiner Philosophie zugestanden und die Wissenschaftler stritten sich seit Jahrzehnten, ob der Quanten-Großrechner zwischen seinen elektronischen Schaltkreisen und neuronal-biologischen Netzstrukturen eine Persönlichkeit und ein Ich-Bewusstsein besaß oder diese nur perfekt simulierte. Der gute alte Turingtest funktionierte bei der modernen KI längst nicht mehr. Aber damit war aber noch kein abschließendes Urteil gefällt, ob der gigantische Rechnerverbund auch intelligent war. Für Fabia lag der Fall einfach: I-Net war bloß ein Werkzeug wie ein Hammer oder ein Schraubenschlüssel, hochkomplex zwar, aber eben doch nur ein Werkzeug, das allerdings gleichzeitig Milliarden von Dingen und Anfragen erledigen konnte und Millionen öffentlicher und privater goLEMs, Industrieanlagen und Haushalte steuerte. Sie mochte sich gar nicht vorstellen, was geschehen würde, wenn die vor unter der spanischen Atlantikküste bis weit ins Meer hinein errichtete, unterseeische Rechneranlage ausfiel, weil ein Stück vom Mond auf sie und die 4-Milliarden-Einwohner-Megapole Marelona herabstürzte.

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Mánis Fall – Der Prolog zu Brautschau 6

Ich entschuldige die Verzögerung und bin nun bereit. Stelle deine Frage, Bürgerin … Fabia Winterfeld,« sagte AUSKUNFT in ihrer sonoren, aber gleichmütigen Stimme, die jeder der achtunddreißig Milliarden Menschen auf der Erde kannte. Die asketische Mönchsgestalt sah der Studentin dabei direkt in die Augen, als hätte sie allein ihre Aufmerksamkeit. Die Farbe ihrer Iris schillerte wie Bernstein.

»Warum habe ich auf meinem Kanal plötzlich kein Publikum mehr?«

»Aufgrund Paragraph 4, Abschnitt 2 der Notstandsverordnung der Second-Moon-Corporation, die die Regierungsgeschäfte übernommen hat, und die im Weiteren von mir 2MC genannt wird, ist mit sofortiger Wirkung jegliche private Nutzung des I-Netzes verboten und deaktiviert. Dies gilt für Blogs ebenso wie auch für sämtliche Meinungs- und Nachrichtenkanäle. Allein dringende familiäre Kontakte sind in eng begrenztem zeitlichem Rahmen erlaubt, unterliegen aber den Zensurbestimmungen nach Paragraf 4, Abschnitt 7 der Verordnung und müssen einzeln angemeldet werden. Bitte zeige für diese sinnvolle Maßnahme der 2MC Verständnis, Bürgerin Winterfeld«, erklärte AUSKUNFT so gelassen, als würde sie nur den Wetterbericht vortragen. Dass in dieser prekären Lage der Notstand ausgerufen wurde, verwunderte Fabia nicht. Aber weshalb in Dreiteufelsnamen regierte mit einem Mal die 2MC? Ihr blieb die Luft weg und sie verstand plötzlich, warum Professor Rosenthal es so eilig hatte, sie zu sehen. Die schlimmsten Befürchtungen des alten Verschwörungstheoretikers waren in Erfüllung gegangen.

»Hast du noch weitere Fragen? Auch der Informationskanal unterliegt wegen der Notstandsverordnung und der momentanen Situation gewissen Einschränkungen und muss sich auf die nötigsten Grundfunktionen begrenzen. Ich empfehle dir nun dringend, Bürgerin, augenblicklich die für dein Stadtviertel vorgesehenen Schutzräume aufzusuchen.«

»Und ob ich noch Fragen habe!«, rief Fabia eilig, bevor AUSKUNFT die Verbindung einseitig trennte. »Seit wann gilt diese Notstandsverordnung? Und was ist mit dem Eurasischen Parlament geschehen?« Sie konnte es nicht fassen. Erlebte ihr Land gerade einen Putsch? Der 2MC-Trust war der mächtigste Wirtschaftsverband der Welt. Er unterhielt I-Net, besaß das Patent auf die gorgeous Living Electronical Machines-Serie – die sogenannten goLEMs -, regelte die weltweiten Klimastruktur-Maßnahmen, hielt das Transportmonopol, rüstete die Roboterarmeen  aller Nationen aus, organisierte die Ernährung der noch immer dramatisch anwachsenden Erdbevölkerung und diktierte über seine Lobbyisten die Weltpolitik nach seinem Gutdünken. Aber das Konsortium, das doch im Moment alle seine Kräfte dafür bündelte, der Erde einen zweiten Mond zu schenken, hatte noch nie so offen eingegriffen oder gar direkt die Regierungsgewalt eines Landes übernommen.

»Das Parlament der Eurasischen Republik und seine geschäftsführenden Minister haben heute Morgen um 07:00 Uhr EPST abgedankt und die Regierungsgeschäfte vertrauensvoll in die Hände des Aufsichtsrates der 2MC gelegt, die aufgrund der Weltlage den sofortigen Notstand ausgerufen und die Armeen in Bereitschaft gesetzt hat. Seit 07:05 Uhr EPST kommt es südöstlich des Schwarzen Meeres zu ersten Kampfhandlungen mit den Verrätern von der Indopazifischen Union. Die Raumflotte ist gestartet und auf dem Weg zu einer Strafexpedition zum Mars. Bürgerin Winterfeld, suche nun auf der Stelle die Schutzräume auf. Nur dort bist du sicher. AUSKUNFT – Ende.«

Der Mönchsavatar von I-Net verschwand und Fabias Augreyes zeigten erneut den Fluchtweg aus ihrer Wohnung an. Sie schluckte und hatte das Gefühl, das Zimmer würde um sie kreisen. Sie hatte nicht geglaubt, dass sie nach den Horrormeldungen von eben noch von irgendeiner Nachricht schockiert werden konnte, aber dass zusätzlich zu dem in sechzehn Stunden herabstürzenden Mondbrocken auch noch der befürchtete Krieg mit den östlichen Nachbarn der Republik ausgebrochen war, ließ ihren Verstand wie einen Boxer nach einem unfairen Tiefschlag taumeln. Aber dann bemerkte sie, dass sie wirklich schwankte! Sie begriff: Ein Erdbeben erschütterte die Stadt und ließ den Wohnturm in seinen Grundfesten wanken. Der Küchenschrank öffnete sich. Teller und Tassen polterten heraus und zerschellten klirrend auf dem Boden. Der inaktive Omicron rollte unter dem Tisch hervor. Fabia war der Naturgewalt hilflos ausgeliefert. Sie suchte vergeblich Halt und stürzte schwer auf ihre Knie. Sie schrie schmerzerfüllt auf. Gleichzeitig fielen der Strom und auch der Augreye-Kontakt zu I-Net aus.

Dann war das Beben so schnell vorbei, wie es gekommen war. Es hatte nur zwei, drei Sekunden gedauert und sich doch wie eine Ewigkeit angefühlt. Die Klimaanlage sprang surrend an, Fabias Augreyes funktionierten wieder und der Thermix entschied sich, eine Portion Gulasch auszuspucken, die mangels Teller unter der Nahrungsmittelausgabe des verflixten Geräts wie Katzenfutter auf den Boden klatschte und merkwürdigerweise einen ähnlich fauligen und fischigen Geruch verbreitete.

»Puck … Status«, keuchte Fabia und holte auf diese Weise ihren kleinen goLEM aus dem Ruhemodus, in den sie ihn vorhin selbst verbannt hatte. Er erwachte, fiepte wie beleidigt und rollte sich einmal um sich selbst, damit sein Antennenhaupt wieder nach oben zeigte.

»Alle Systemprozesse laufen fehlerlos. Ich warte auf deine Befehle, Citoyen«, schnarrte er prompt mit seiner blechernen, hohlen Stimme. Sie wurde von einem sündhaft teuren Sprachmodul in seinem Kugelbauch gebildet, das Fabia erst hatte erwerben müssen, da die Omicron-Reihe serienmäßig nicht mit einer Sprachausgabe ausgestattet war. Die Studentin, die mehr um sich selbst als um die Funktionen ihres privaten goLEMs besorgt war, musste trotzdem über die anachronistische Anrede schmunzeln, die Samuel Rosenthal dem Kleinen wie einem Papagei beigebracht hatte. Citoyen, der im Gegensatz zum Bourgeois politisch interessierte und im Geist der Aufklärung aktive Bürger – das wusste Fabia aus dem Geschichtsunterricht -, war die respektvolle Anrede, mit der sich die französischen Revolutionäre vor achthundert Jahren angesprochen hatten. Sie diente nun auch als Erkennungszeichen und Losung für den Geheimbund des Professors. Citoyen, wie passend war das für eine Einwohnerin der 3-Milliarden-Seelen-Megapole Paris, deren Wohngebiete ein Viertel des ehemaligen Frankreichs überdeckten!

Fabia wollte sich aufrichten, aber ein dünner, feiner Schmerz stach ihr von innen durch die Lenden und hielt sie am Boden fest.

»Puck – medizinischer Bericht«, stöhnte sie und sofort tastete sie ein scharfer, grüner Lichtstrahl ab, der aus einem der vielen Okulare des langsam heranrollenden goLEMs strahlte. Fabia hielt sich die schmerzende Seite und wusste noch vor der Analyse des Roboters, welches Organ den Schmerz ausgelöst hatte. Puck beendete seine optische Untersuchung. Er bildete aus seinem wie Quecksilber glänzenden Kugelbauch einen dünnen Tentakelarm aus. Über dessen nadelfeinen Kanülenfinger entnahm er vom ihm entgegengestreckten Oberarm der Studentin flink ein wenig Blut. Oberhalb seines Haupts tauchten Zahlenreihen und Diagramme auf, die durch eine Verbindung zu Fabias Augreyes dorthin gezaubert worden waren.

Der kleine goLEM verfügte bei Weitem nicht über die Möglichkeiten der großen Medizinroboter, der sogenannten Gamma-Reihe. Diese kybernetischen Wunderwerke schwebten durch energetische Gravitationsfelder frei in der Luft und konnten sich in ihr wie ein Schweber bewegen. Die Gammas erinnerten Fabia wegen des stachligen Aussehens ihrer unzähligen Ärmchen an vergrößerte Seeigel und konnten neben Diagnosen auch Notfallversorgungen bis hin zu komplizierten Operationen und aufgrund ihrer beeindruckenden künstlichen Intelligenz sogar psychiatrische Aufgaben übernehmen. Der Omicron der Studentin war allerdings weit mehr als ein Spielzeug, das man vor allem zur Aufsicht und als Haustierersatz bei Kindern einsetzte. Ihr goLEM war mit einem Medizinupgrade ausgerüstet und überwachte in ständigem Kontakt mit den Rechnern der Universitätsklinik die fragile Gesundheit von Fabia.

»Der Bluttest ist nicht auffällig«, dozierte Puck, »auch wenn der Kreatininwert leicht erhöht und – wahrscheinlich wegen der Situation – auch dein Blutdruck nicht ideal ist. Aber das kann sich sehr schnell ändern. Ich habe dir daher eine schwache Mischung aus Schmerz- und Beruhigungsmitteln verabreicht, deren Wirkung zeitnah einsetzen sollte. Ich muss dich dringend daran erinnern, dass du innerhalb der nächsten 12 Stunden unbedingt eine Hämodialyse-Station aufsuchen solltest.«

Fabia nickte abwesend. Diese Diagnose hatte nichts Erschreckendes für sie. Schon in ihrer frühen Jugend war von Ärzten eine zwar langsame, aber stete Verschlechterung ihrer Nierenfunktionen festgestellt worden. Sie war deshalb daran gewöhnt, sich regelmäßig alle vier Tage einer schnellen Blutreinigung unterziehen zu müssen. Das war zwar eine lästige Prozedur, doch sie dauerte kaum eine Stunde und beeinträchtigte ihren Alltag nur wenig. Im Augenblick war es übrigens viel wahrscheinlicher, dass sie nicht durch eine Vergiftung ihres Blutes umgebracht wurde, sondern durch einen Mondbrocken, der ihr auf den Kopf fiel.

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Mánis Fall – Der Prolog zu Brautschau 7

n Fabias so weit in Wissenschaft und Technik fortgeschrittenen Jahrhundert schien alles möglich. Die Menschheit war in den interplanetaren Raum vorgedrungen und hatte den Mars und zwei Jupitermonde besiedelt, zentral gesteuerte Roboter erledigten alle niederen Arbeiten und die 2MC konstruierte einen neuen Erdtrabanten im Orbit. Eine gewaltige Dyson-Sphäre wurde dort oben gebaut, es sollte eine Hohlwelt für mehrere Milliarden Einwohner werden. möglich. Praktisch aus dem Nichts wurde genug Nahrung für die explodierende Weltbevölkerung geschaffen, ohne dass jemand hungern musste. Man konnte durch Fusion und Anzapfen der Erdwärme beliebige Mengen an billigster Energie erzeugen und Föten im Mutterleib so einfach genetisch optimieren, als würde ein Kind mit Bauklötzen und einer Taschenlampe spielen. Sogar der Tod war schon beinahe überwunden: Es gab seit kurzer Zeit die nach ihrem Erfinder benannte Thorfan-Therapie, die zumindest den wenigen Auserwählten Unsterblichkeit versprach, die sie sich leisten konnten. Dazu kam die ausgereifte, moderne Kryotechnik als eine Möglichkeit, ihn lange hinauszuzögern. Aber es existierten doch noch immer Krankheiten und Seuchen, bei denen die Mediziner machtlos waren.

Fabias Niereninsuffizienz, die durch einen extrem seltenen Defekt in ihren ererbten Chromosomenpaaren verursacht wurde, war so ein Fall, bei dem die Ärzte rat- und hilflos waren. Da der Körper der jungen Frau auf künstliche Nierenimplantate allergisch reagierte und sie abstieß, blieb ihr keine andere Wahl als die regelmäßige Dialyse. Es hätte sich unter den achtunddreißig Milliarden Menschen auf der Erde sicherlich auch ein Spender für eine echte Niere finden lassen, doch die Studentin stand weit unten auf der Empfängerliste. Zudem hätte sie sich den Eingriff auch nicht leisten können, nachdem ihre finanziellen Quellen durch den Unfalltod ihrer Eltern vor drei Jahren nahezu versiegt waren. Die Gelder von der Pflichtkrankenkasse für Studenten an der Sorbonne reichten gerade für die Medikamente und dafür aus, ihren Omicron medizinisch aufzurüsten.

Doch Fabia kannte kein Selbstmitleid wegen ihrer Krankheit. Die Dinge waren eben so und sie hätten wesentlich schlechter sein können. Schließlich genügte die kleine Erbschaft aus der Lebensversicherung ihrer Eltern, um an der bedeutendsten Universität Europas beim größten Gelehrten seit Einstein, Hawkins und Sandra Ellenstat zu studieren – bei dem weltberühmten Professor Samuel Baruch Rosenthal, der zudem auch noch die größte Kapazität des 26. Jahrhunderts auf dem Gebiet der Shakespeare-Forschung war. Selbst wenn ihre Einkünfte nur für diese kleine Studentenbude im 123. Stockwerk des schäbigen Henri-Gouraud-Wohnturms und für einen defekten Thermix ausreichten … Für Fabia hatte das immer genau so gepasst. Das Teufelsgerät von Thermix war übrigens gerade dabei, die Gulaschsauerei, die es angerichtet hatte, mit einem üppigen Sahnedessert zu krönen.

Sie sah auf die Bescherung auf dem Küchenboden und musste lachen. Dabei bemerkte sie, wie ihre Schmerzen nachließen. Die Injektionen von Puck zeigten Wirkung. Wahrscheinlich hatte er ihr, ohne sie zu informieren, auch einen Stimmungsaufheller verabreicht. Wie viel Zeit war vergangen, während der sie bewegungslos auf dem Boden gekauert war? Minuten – oder viel länger? Sie hatte ihr Zeitgefühl verloren. Sie rappelte sich auf und sah sich um. Die Erschütterungen der Grundfesten des himmelhohen Gebäudes hatten für den Moment aufgehört und waren vielleicht nur die letzten Auswirkungen des Beschusses aus den Mars-Gravitationskanonen gewesen, der inzwischen eingestellt sein musste oder aufgrund der Erddrehung weiter westlich einschlug.

Erblickte Fabia irgendetwas, von dem es sich lohnte, es bei ihrer Flucht aus ihrer Wohnung mitzunehmen? Ihr fiel nichts ein, auf das sie nicht verzichten konnte und wollte schon zur Tür gehen, als ihr doch noch etwas in den Sinn kam. Sie wurde rot und bekam ein schlechtes Gewissen. Eilig trat sie an ein Regal und nahm den einzigen persönlichen Gegenstand, den sie besaß, in die Hände. Es war eine dreidimensionale Fotografie ihrer Familie, die im Sommer vor dem Straifer-Unfall entstanden war. Sie allein hatte das entsetzliche Unglück überlebt, weil sie an diesem Tag eine Arbeit schreiben musste und die anderen bei ihrem Ausflug nicht begleiten konnte. Fabia erinnerte sich genau an den Moment, als der Professor in den Hörsaal getreten und an ihren Tisch gekommen war, um sie zu informieren. Seinen Gesichtsausdruck und die Fürsorglichkeit, mit er sich um sie gekümmert hatte, würde sie niemals vergessen; an diesem Tag hatte sie sich heimlich in Samuel Rosenthal verliebt, der – wie sie später frustriert feststellen musste – im Alltag mit seinen Robotern und Androiden verheiratet war und offenbar außer seiner Theatergruppe keinerlei Privatleben führte.

Sie verstaute das Bild von vier glücklichen Menschen zusammen mit ein paar Nahrungsriegeln, dem Studentenausweis und ihrer schmalen Elektronikwerkzeug-Schatulle in einer Umhängetasche, die sie sich über die Schulter warf. Dann rief sie ihren Omicron an ihre Seite und trat kurz entschlossen aus der Wohnungstür, die sie nicht hinter sich verschloss. Warum auch? Sie würde nie mehr zurückkehren. Draußen im lang gezogenen Hausflur flackerte die indirekte Beleuchtung. Fabias Appartement war eines von über fünfzig in diesem Flügel des Stockwerks, aber sie war mit ihrem goLEM völlig allein. Ein paar Wohnungstüren standen wie ihre offen, Abfall und ein aufgeplatzter Koffer voller Wäsche lagen auf dem Boden, erzählten von plötzlichen und übereilten Aufbrüchen. Offenbar war sie spät dran und die anderen schon längst auf dem Weg zu den Schutzräumen. Im Laufschritt lief Fabia in Richtung der Fahrstühle den Gang hinunter und Puck hatte piepsend und protestierend seine liebe Mühe, ihr auf den Fersen zu bleiben. Vor den vier großen Fahrstuhltüren blieb sie atemlos stehen und starrte ungläubig auf den auf ihnen allen aufleuchtenden Hinweis, dass sie außer Funktion waren.

»Was zum Teufel …?«, murmelte sie fassungslos.

»Citoyen, ich habe mich mit der AUSKUNFT des Gebäudes verbunden«, mischte sich ihr goLEM ein. »Aus Sicherheitsgründen sind sämtliche Aufzüge des Hauses gesperrt. Bei dem Stromausfall eben haben sich durch die Erschütterungen die Not-Halteklammern einiger Kabinen gelöst. Es sind mehrere von ihnen abgestürzt oder haben sich verkeilt. Es ist offenbar zu schweren Personenschäden und bedauerlicherweise auch zu einem Todesfall gekommen. Die AUSKUNFT empfiehlt, die Notfalltreppen zu benutzen, bis die Haussicherheit die Funktion der Aufzüge wieder hergestellt hat.«

»Wir sind im 123. Stockwerk, Puck! Weißt du, wie lange es dauert, von hier oben hinunter ins Erdgeschoss zu laufen?«

Der goLEM war nicht intelligent genug, um zu bemerken, wann eine Frage seiner Besitzerin rhetorisch gemeint war. Brav machte er sich an die Beantwortung der Rechenaufgabe:

»Wenn du deine momentane Laufgeschwindigkeit beibehältst, werden wir pro Etage etwa zwanzig Sekunden benötigen, wenn du mich trägst – sonst länger. Außerdem sind in den unteren Stockwerken die Treppen durch die vielen Hausbewohner, die diesen Fluchtweg gewählt haben, verstopft. Das erschwert das Weiterkommen erheblich. Alle drei Stockwerke befindet sich zudem eine codegesicherte Feuertür, die du persönlich öffnen musst, was noch einmal zehn Sekunden dauern wird. Regelmäßige Pausen zur Erholung eingerechnet, sind das …«

»Puck – Ruhe«, unterbrach Fabia die Kalkulation. »Ich muss so schnell wie möglich von hier weg. Kannst du die AUSKUNFT nicht überreden, wenigstens einen der Fahrstühle freizugeben?«

»Das ist ausgeschlossen. Sie sind alle nicht in Funktion.«

»Aber was machen wir denn jetzt? Können wir vielleicht in einen anderen Flügel wechseln?«

Ihr Omicron gab ihr nicht einmal eine Antwort. Hilflos sah Fabia zurück. Sollte sie ihr Glück vielleicht doch über die Treppen versuchen?

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Mánis Fall – Der Prolog zu Brautschau 8

n diesem Moment öffnete sich weiter hinten  überraschend eine Tür. Zwei junge Männer tappten zögernd in den Flur. Sie steckten in neonfarbenen Pyjamas und machten einen unausgeschlafenen und verwirrten Eindruck. Fabia kannte die beiden vom Sehen und von einer Einladung zu einer Stockwerksparty in ihrer weitläufigen Wohnung, die mit abstrakten Skulpturen vollgestopft war. Die ganze Sache war damals ziemlich aus dem Ruder gelaufen und hatte auch etwas peinlich für sie geendet. Sie dachte nicht gerne daran zurück. Die zwei Männer waren keine Studenten, sondern ein Künstlerpärchen, das das ziemlich teure Appartement angemietet hatte, da es das größte auf diesem Stockwerk war und als einziges einen Balkon mit einem eigenen, privaten Schweber-Landeplatz besaß. Fabia kannte von den beiden nur ihre Vornamen. Sie verwechselte sie immer wieder, obwohl sie sich äußerlich stark voneinander unterschieden. Der ältere von ihnen hieß Leon. Er war ein Bildhauer, der seine plastischen Werke am Computer entwarf und mit einem Drucker produzierte, der größer als Fabias Nasszelle war. Der andere, ein extrem begabter, extrem moderner und zugleich extrem erfolgloser I-Net-Poet, nannte sich Raphaël, was aber bestimmt ein Pseudonym war.

»Was ist denn los? Ein Erdbeben?«, fragte Raphaël – zumindest nahm Fabia an, dass er der Dichter war. Er rieb sich die Augen. Sie rannte zurück zu den beiden. Hatten sie tatsächlich gemeinsam den Weltuntergang verschlafen?

»Habt ihr denn die Nachrichten nicht gehört?«, fragte Fabia verwundert. Das Paar sah sich an.

»Nun, äh, gestern ist es etwas später geworden. Wir hatten eine, äh, kleine Familienfeier. Wir haben unsere Augreyes für die Nacht deaktiviert, damit wir ausschlafen können und nicht um sechs Uhr vom täglichen Alarm geweckt werden«, erläuterte Leon entschuldigend und auch ein wenig verlegen. Fabia hätte ihn jetzt gerne gefragt, wie es ihm so einfach gelungen war, seine Verbindung zum I-Net zu unterbrechen. Denn das war eigentlich fast unmöglich und auch strafbar. Für dieses kleine Kunststück hätten sich die Citoyens sehr interessiert, aber für eine Erklärung war im Augenblick keine Zeit.

»Dann würde ich an eurer Stelle die Reyes schnell mal wieder einschalten!«, rief sie. »EDY hat Katastrophenalarm ausgelöst, weil uns in Kürze ein Brocken vom Mond auf den Kopf fällt. Im Ernst! Wir sind in Lebensgefahr und müssen auf der Stelle das Gebäude verlassen und die Schutzräume aufsuchen. Wahrscheinlich sind wir die Letzten, die noch hier oben dumm herumstehen. Allerdings haben wir ein nicht unbedeutendes Problem: Die Aufzüge sind außer Betrieb.«

Leon und Raphaël starrten sie wie Denkmäler ihrer selbst an; ihr von Alkohol und diversen anderen Drogen umnebeltes Gehirn kam nur langsam in Bewegung. Raphaël kratzte sich in seinen üppigen, haselnussbraunen Haaren.

»Merde!«, fluchte er wenig poetenhaft. »Ich werde dann mal ein paar Sachen zusammenpacken.«

Er machte aber keine Anstalten, in das Loft zurückzugehen, sondern blieb weiterhin unschlüssig in der Tür stehen. Wahrscheinlich verfolgten jetzt beide die neuesten Nachrichten über ihre Kontaktlinsen, das würde ihren abwesenden Blick erklären. Fabia hatte keine Zeit, darauf zu warten, bis das Paar den Ernst der Lage begriffen hatte.

»Wenn ihr mich in eure Wohnung lasst, weiß noch eine andere Möglichkeit, wie wir schell hier wegkommen.« Sie drängte sich zwischen den beiden hindurch in das Appartement, das aussah, als hätten dort fünfzig Paviane eine Orgie gefeiert. Puck folgte ihr vorwurfsvoll piepsend auf dem Fuß, hatte aber Schwierigkeiten, auf dem vermüllten Teppich voranzukommen. Offenbar hatten die beiden auch ihre Putz-goLEMs ausgeschaltet. Die Skulpturen von Leon, die jeden freien Platz zwischen den Möbeln ausfüllten, glichen amorphen, dichten Rauchschwaden, aus denen an den überraschendsten Stellen hyperrealistische, dabei aber ins Groteske vergrößerte Gliedmaßen oder aufgeblähte männliche Geschlechtsorgane herausragten. Jetzt hingen an vielen von ihnen farbenfrohe Tücher, bunte Lampions und große, zu weiß-roten Spazierstöcken geformte Zuckerstangen.

Fabia fürchtete sich ein wenig vor der Kunst des glatzköpfigen Bildhauers. Sie war ihr zu düster und bedrohlich, erinnerte sie zudem an die blutrünstigen Idole eines Steinzeitstamms. Doch die Werke schienen sich gut zu verkaufen, wenn sich die beiden Männer dieses großzügige Loft ganz oben auf einem der Pariser Wohntürme leisten konnten – auch wenn dieser renovierungsbedürftig war und nicht im allerbesten Stadtviertel stand. Fabia hatte gewisse Vorurteile vor Männern mit Glatze. Obwohl sie nicht wusste, ob der Bildhauer von Natur her kahlköpfig war oder es erst durch eine genetische Optimierung geworden war, deren Nebeneffekt beim ›starken‹ Geschlecht in der Regel ein vollkommener Haarausfall bildete. Sie misstraute Menschen, die sich der äußerst aufwendigen Behandlung durch den volkstümlich als ›Grüner Strahl‹ bekannten radiologischen Eingriff in ihr Erbgut unterwarfen, um weiter sehen zu können, schneller zu laufen, besser zu denken, leichter abzunehmen und was es da noch für Möglichkeiten gab. Obwohl sie eigentlich nicht religiös war, kam es Fabia wie Betrug vor und wie eine ketzerische Anmaßung. Auf diese Weise in Gottes Werk zu pfuschen, konnte nicht richtig sein. Rein äußerlich war Leon nichts anzusehen. Ihm wuchsen keine Engels- oder Fledermausflügel, wie es gerade bei der Jeunesse dorée en vogue war. Auf den ersten Blick war es nicht erkennbar, ob er sich körperlich modifiziert hatte. Er trug nicht einmal eine Leuchttätowierung an seinem nackten Oberarm. Eigentlich ging das Fabia überhaupt nichts an und es war das Problem von Leon und seinem zierlichen Freund Raphaël, der übrigens seinem Namen alle Ehre machte und schulterlange, seidige Locken trug. Es war nur so, dass sie keine glatzköpfigen Männer mochte. Punkt.

Ohne auf die verlegenen Mienen und die erstaunten Ausrufe der beiden zu achten, bahnte sie sich einen Weg durch die Überreste einer durchzechten Nacht und die im Weg herumstehenden düsteren Skulpturen. Sie trat durch das blau flimmernde und damit als durchgängig markierte Türfeld hinaus auf den Balkon, der die Ausmaße einer kleinen Dachterrasse hatte, aber frei in dreieinhalb Kilometer Höhe über den Rand des Turms in die freie, hier oben bereits recht dünne Luft ragte. Der Sommermorgen war in dieser Höhe empfindlich kalt. Fabia war froh, dass sie sich vorhin den Hoodie ihres verstorbenen Bruders übers T-Shirt gezogen hatte und schob sich die Kapuze des Pullis über das blonde Haar. Der Ausblick war um einiges besser und beeindruckender als der aus dem schmalen und halb blinden Fenster in ihrer eigenen Wohnung, das man nicht öffnen konnte. Zuerst fiel ihr auf, dass die sonst so allgegenwärtigen Werbetafeln vom Himmel verschwunden waren. Die Ordnungskräfte hatten sie offenbar landen lassen, damit sie den Flüchtenden nicht im Weg waren.

Fabia trat an die Brüstung, lehnte sich über sie und spähte in die Tiefe. Jedermann war schwindelfrei; dies war eine genetische Modifikation, die bei jeder Schwangerschaft zum Standard gehörte, weil die Mehrzahl der Menschen in diesen himmelhohen Wohntürmen leben musste, nachdem der Platz in der Horizontalen zu eng geworden war. Diese Gebäude ragten in der Vertikalen nicht nur hoch empor, sondern gingen auch viele Stockwerke in die Tiefe. Das Henri-Gouraud-Building war nur einer von einem Dutzend eng beieinanderstehender Wolkenkratzer, die alle untereinander durch Brücken und Plattformen verbunden waren und doch nur einen Teil der unzähligen, in den Himmel deutenden Gebäudeinseln von Paris darstellten. Zwischen den Türmen brauste auf mehreren Ebenen der Verkehr durch die Luft, der Fabia kaum dichter als an einem gewöhnlichen Morgen zur rush hour erschien. Zigtausende von kleineren und größeren Flugmaschinen strömten wie glitzernde Gebirgsbäche durch die metallenen und gläsernen Schluchten. In weiter Ferne konnte Fabia einige dünne Rauchsäulen aufsteigen sehen, deren Ursprung sie jedoch nicht genau einschätzen konnte. Waren dort bereits einige Meteoritenbrocken vom Mond niedergegangen oder Gebäude durch die Erdbeben eingestürzt?

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Demnächst …

ald könnt ihr an dieser Stelle den Anfang meines neuen Romans „Mánis Fall“ lesen, dessen Rohfassung ich hier als Fortsetzungsroman vorveröffentlichen werde. In ihm wird die Vorgeschichte zu „Brautschau“ erzählt, die 5895 Jahre vorher spielt und die Ereignisse erzählt, die zur Vernichtung der Zivisation der Vorgänger führte. „Mánis Fall“ kann auch ohne Vorkenntnis der Saga gelesen werden.

Ich wünsche spannende Unterhaltung.