Die Perle vom Roten Turm – Erzählung Teil 1

Bild(4)

Einleitung des
Märchenerzählers Alis

Allerbarmerin,
du tränenreiche Herrin.
Öffne mir die schmale Tür,
die zum Wohlgelingen führt.
Gib mir ein Herz,
das zur Gewissheit finden möge.
Gib mir einen Mund,
der deinen Ruhm verkünde!
Erleuchte meine Seele mit dem Licht
der Wahrheit.

Lehre meine Zunge,
deine Herrlichkeit zu loben.
Schenke mir einen Tropfen
aus der Quelle der Beredsamkeit!

Zieht nicht weiter, erschöpfte Reisende. Das Seil, das euch an die Last eures Tages fesselte, wurde von der kalten, schwarzen Klinge der Nacht zertrennt. Sie will euch Ruhe schenken. So lagert nun bei mir, breitet eure Teppiche beim Feuer aus, setze euch zu mir. Wärmt die Körper mit seidenen Decken und das Gemüt mit süßen Feigen und heiterem Trunk. Dann lauscht mir, bis die Müdigkeit die Lider senkt. Die Nacht ist die Hüterin der Geschichten und Märchen. Jetzt ist ihre Zeit.

Die Sage, die ich euch heute erzählen werde, hat sich wirklich zugetragen. Sie ist ein Diamant in Buch der Erinnerungen meiner Familie. Sie hat sich vor fünf mal fünf Generationen am Ende der Bingh-Dynastie zugetragen. Dieses Geschlecht war das erste, deren ›Namenlose Herrscher‹ über Karukora regierten, welche die herrlichste Stadt des Weltkreises ist. Lass uns nun auf den Flügeln meiner Worte zurück in das Jahr 3668 nach ›Mánis Fall‹ fliegen.

Nachdem der bleiche Mond auf die Erde gestürzt war, waren die alte Welt der Vorgänger und ihre technologisch hochstehende Kultur beinahe völlig zerstört. Doch noch gab es Hoffnung in den ›Überlebenden Landen‹, in denen sich die Zivilisation weiterentwickelte. Die ›Drei Reiche‹ von Lundersüt, Bridon und Nearoma hatten die Wissenschaft und die Kenntnisse der Vorgänger geerbt und weiterentwickelt. Es war eine goldene Ära, doch sie endete blutig. Nach einem verheerenden Krieg, der mit der ›Dreikönigsschlacht‹ endete, versank die Menschheit – und wie es schien endgültig – in einer finsteren Epoche voller kriegerischer Auseinandersetzungen, Kreuzzügen, Chaos, Seuchen, Tyranneien und grausamer Barbarei. Wissen, Weisheit, Menschlichkeit, Liebe – all dies ging für zweitausend Jahre in diesem finstersten Zeitalter der Geschichte verloren. Doch nach den ›Schwarzen Jahren‹ ist die Zivilisation langsam wieder in die ›Überlebenden Länder‹ zurückgekehrt. Überall wurden neue Reiche und Staaten gegründet, wurden Straßen, Klöster, Universitäten und Städte gebaut, in denen wieder Wissenschaft, Kultur, Kunst und Handel florieren.

Karukora, das ›Juwel der Wüste‹, befindet sich inmitten unwegsamer Einöden westlich der ›Ebenen des ewigen Krieges‹, wo sich seit zweitausend Jahren drei Roboter-Armeen Nacht für Nacht eine erbitterte und doch nie endende Schlacht liefern. Ihr Kampf kennt keinen Sieger und er beginnt immer wieder aufs Neue, wenn das Licht im Meer der Dunkelheit ertrinkt. Aber Karukora liegt auch im Mündungsdelta des viel befahrenen, gewaltigen Stromes Marat, der nach seiner langen Reise quer durch die Überlebenden Länder unweit der Stadt ins Südmeer mündet. Damit befindet sich Karukora am Kreuzungspunkt der wichtigsten Handelsrouten der Welt und lenkt viele neidische Blicke auf sich.

Wie ihr sicherlich wisst, wird die Stadt im Sommer des Jahres 3668 vom dreizehnten und letzten der ›Namenlosen Herrscher‹ der Bingh-Dynastie regiert. Man nennt ihn ›Sechzehn‹, denn so viele Tage saß er vor seinem Sturz auf dem Falkenthron. Seit Karukoras Gründung sind über drei Jahrhunderte vergangen. Die Sultane der Binghi sind allesamt direkte Nachfahren des legendären Erbauers der Stadt, dessen Name in den Annalen der historischen Gilde verloren gegangen oder absichtlich getilgt worden ist. Ach, wäre doch die lange Reihe seiner Thronfolger immer so weise und heiter wie ihr Ahnherr selbst geblieben! Hätte doch ein guter Blick ihr wohlwollendes Wirken an allen Tagen begleitet und der böse Blick in den Nächten keinen Weg zu ihnen gefunden! Wären sie bis zum Ende der Zeiten auf ihrem legendären Falkenthron sitzen geblieben und hätten sie von der Gnade der Tränenreichen beschenkt die Geschicke Karukoras und der umliegenden kargen Wüsten- und Oasenlandschaften bis hinauf zum Helmgebirge, den ›Bruch‹ und den ›Großen Südwall‹ gelenkt. Diese Welt wäre eine bessere gewesen!

Doch vor einigen Wochen ist Karukora gefallen und Blutlachen und Kadaver beflecken die Straßen. In einem Handstreich wurde die Stadt von barbarischen Kriegerhorden aus dem Westen unter der Führung von Sefredo Sud erobert. Er hat sich selbst unter dem Namen ›Bluthand‹ zum neuen Herrscher gemacht und hat seinen Vorgänger ›Sechzehn‹ und fast alle noch lebenden Binghi und ihre Angehörigen hinrichten lassen. Allein der ältere Bruder von ›Sechzehn‹, der Selin da Binghi hieß, und aus Liebe auf den Thron verzichtet hatte, entkam knapp dem Gemetzel. Dabei standen ihm die junge Meisterdiebin Isene-Mis bi Kabala und sein Kammerdiener Deris zur Seite. Der junge Mann war wie Isene ein Mitglied der Diebesgilde ›Gild’obschura‹. Prinz Selin ist Isene zuerst bei einem ihrer Raubzüge im Palast seines Vaters ›Seidenschal‹ begegnet und hat sich sterblich in sie verliebt. (Karukora, »Der Weg, der in den Tag führt«, Buch Eins.)

Verfolgt von den Häschern von »Bluthand« ist Selin nun gemeinsam mit Isene und Deris auf der Flucht. Abseits aller Karawanenwege und Oasen durchqueren unsere Helden die Gluthölle der ›Toten Wüste‹ nördlich von Karukora. Ihr Ziel sind die sicheren schwarzen Wälder der ›Lamargue‹ jenseits der Großen Walls. Viele Abenteuer und Entbehrungen mussten die drei bereits bestehen. Ungezählte Gefahren haben sie überwunden.

Doch nun lauscht, denn ihr größtes Abenteuer liegt noch vor ihnen:

Perle illu

I.
Eine Klettertour

isenehörte einen erstickten Aufschrei tief unter sich. Sie hatte gerade noch die Zeit, die rostige Metallstange zu packen, die über ihr schräg aus dem Mauerwerk ragte. Schon zog das volle Gewicht des Prinzen an dem festen Seil, das sie sich um die Hüften geschlungen hatte. Der jungen Frau blieb kurz die Luft weg. Sie hatte das Gefühl, sie würde gleich in zwei Hälften gerissen.

»Hoi! Tränenreiche, hilf!«, knirschte sie mit den Zähnen. Die Stange, an der sie mit ihren Armen hing, bog sich etwas weiter durch, aber sie blieb stabil.

Wütend sah Isene hinab. Mehrere Mannslängen unter ihr mühte sich der wie ein Sandsack am anderen Ende des Seils hängende Selin ab. Panisch zappelte er mit seinen Beinen in der Luft und versuchte, Halt am bröckligen Mauerwerk zu finden. Nach zwei vergeblichen Anläufen gelang es ihm endlich, mit seinen Füßen eine schmale, rund um den Turm laufende Brüstung zu erreichen, die ihn trug. Der Druck auf Isene ließ nach. Sie schüttelte den Kopf.

»Jad-al-voi baàl!«, fluchte die Diebin und atmete erleichtert aus. Auch sie suchte sich einen Halt für ihre Füße »Geht es?«

Selin winkte zuversichtlich nach oben. Er wäre dabei fast wieder aus dem Gleichgewicht geraten, fing sich aber im letzten Moment. »Alles bestens«, rief er. »Von mir aus können wir weiter.«

Ihr Prinz stellte sich mal wieder ziemlich tollpatschig an, fand Isene. Sie hätte lieber Deris mit auf die Diebestour nehmen sollen. Der kaum dem Knabenalter entwachsene ehemalige Palastdiener hatte Erfahrung mit solchen Situationen und war ein beinahe ebenso guter Fassadenkletterer wie Isene selbst. Aber Deris war wie ausgemacht unten bei den Kamelen verblieben. Er hatte die mit den Vorräten beladenen Reittiere hinter eine etwa zwei Meilen entfernte Düne geführt. Dort verbarg er sich außer Sichtweite des Turms, falls überraschend Verfolger auftauchten. Damit rechnete zwar keiner von ihnen, aber die junge Diebin hielt sich an die Worte ihres Meisters Nefset bei der ›Gild‘ obschura‹:

›Lieber einmal zu oft vorsichtig sein, als einmal zu selten!‹

Niemals hätte sie Selin erlauben dürfen, mit ihr gemeinsam an der Außenseite des Turms emporzuklettern. Warum hatte sie sich nur von ihm überreden lassen? Ein Sturz aus dieser Höhe – sie schätzte sie auf sicherlich 175 Fuß –, hätte für beide den sicheren Tod bedeutet!

[Zum 2. Teil —>]

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Die Perle vom Roten Turm – Erzählung Teil 2

[Zum 1. Teil —>]

turm

initialdie Mauern des Turmes waren aus wenig vertrauenserweckendem und vom Wüstenwind verwittertem Sandstein. Sie stellten für eine geübte und schwindelfreie Kletterin, wie sie es selbst war, keine weitere Schwierigkeit dar, denn das Bauwerk verjüngte sich zu seiner Spitze hin und die geriffelte Musterung und die in regelmäßigen Abständen aus dem Mauerwerk ragenden Eisenstangen boten sicheren Halt. Wäre Isene allein gewesen, wäre sie auch lange vor Sonnenaufgang oben an der Spitze des uralten Gebäudes gewesen. Doch mit dem ungeschickten Prinzen im Schlepptau lagen erst zwei Drittel der Kletterei unter und noch achtzig oder neunzig Fuß über ihnen. Der weitere Weg würde zudem schwieriger werden. Dort war im Verlauf der Jahrhunderte, denen der Turm schon der Wüste trotzte, die meisten Zierrate abgeschliffen, die rötlichen Mauerwürfel glatt und die Eisenstangen rar.

Isene warf einen Blick über die Schulter, bevor sie weiter stieg. Hinter den niedrigen, grauen Dünen am östlichen Horizont verfärbte sich der wolkige Himmel bereits zitronengelb. Es würde nicht nicht mehr lange dauern: Dann würde die Sonne aufgehen und ihre zornige Hitze über der Toten Wüste auskippen. Ihr Prinz und sie stiegen zwar an der noch beinahe vollständig im Schatten liegenden Westfront empor, aber bereits jetzt wurde es spürbar von Minute zu Minute wärmer. Der Frost der Nacht war gebrochen. Ein Abstieg kam jedoch nicht mehr infrage. Es war längst zu spät, um umzukehren. Isene schwang sich empor und balancierte auf der Metallstange, um die sie vorsichtshalber das Sicherungsseil knotete. Sie holte aus ihrem Schultergurt einen weiteren ihrer handtellergroßen Wurfdolche. Mit Wucht trieb sie die spitze, scharfen Waffe bis zum Heft in eine mörtellose Fuge zwischen dem Mauerwerk. Dann wartete sie, bis der Prinz keuchend zu ihr aufgeschlossen hatte.

»Stehe uns die Allerbarmerin bei«, murmelte sie und ließ ihren Blick weiter über die menschenleere Einöde schweifen. »Was suchen wir eigentlich noch einmal hier oben?«, fragte sie sich selbst.

Die Tote Wüste trug ihren Namen zurecht: Hier gab es in allen Himmelsrichtungen über Hunderte von Meilen kein Leben, nur Ödnis, niedrige Dünen, graue Steine und groben, löchrigen Sand. Außer an den seltenen Wasserlöchern und Oasen existierten nicht einmal Flechten oder Pflanzen. Alle Karawanenwege umgingen weiträumig das Zentrum dieses trostlosen Backofens, in den die drei jungen Leute aus dem südlichen Karukora vor den Häschern der ›Bluthand‹ geflohen waren. Hier hätte es überhaupt keine Überreste von Ansiedlungen und auch keine Türme geben dürfen.

Aber die Wüste barg mehr Geheimnisse als die unergründlichen Taschen eines Falschspielers. Gestern hatten sie den am späten Nachmittag blutigrot leuchtenden Turm entdeckt. Er ragte weit über die gesichtslose Geröllebene hinaus und war schon aus vielen Meilen Entfernung sichtbar. Der Turm hatte ihnen gestern als willkommene Landmarke gedient und sie lenkten ihre drei erschöpften Kamele hoffnungsvoll auf ihn zu. Vielleicht gab es dort ja eine Wasserquelle oder ein Lager der Bendâh-Nomaden, wo sich Mensch und Reittier ein wenig erholen konnten. Ihre Wasservorräte waren inzwischen bedenklich geschrumpft und auch der restliche Proviant wurde langsam knapp. Aber die drei waren Kinder der unbarmherzigen Wüsten rund um Karukora und zumindest Isene und Deris hatten bereits mit der Muttermilch das Wissen aufgesogen, wie man in ihnen überlebt.

Das erste Ziel ihrer Flucht, die sie seit gut einer Woche quer durch die Tote Wüste führte, war das ›Eiserne Tor‹. An dieser Stelle quälte sich der Marat durch die engen Felsenschluchten des Helmgebirges. Gemeinsam wollten sie anschließend versuchen, sich an den uralten Grenzbefestigungen an dem reißenden Flussdurchbruch vorbeischleichen und das Reich von Karukora hinter sich zu lassen. Dieser Ort lag jedoch hoch im Norden und war noch mehrere Reisewochen von ihnen entfernt. Sie hatten keine Ahnung, wohin sie sich wenden würden, wenn sie das Eiserne Tor überwunden hatten. Aber Isene und ihr Prinz waren zusammen und hatten einander. Dies war ihnen Zukunft genug.

Am frühen Abend hatten Isene, Selin und Deris dann den Fuß des roten Turms erreichten. Früher schien er noch viel höher gewesen zu sein, denn mindestens ein Stockwerk lag unter einer Sandwehe begraben und es fehlte das Dachgeschoss. Es war wahrscheinlich schon vor langer Zeit eingestürzt. Freilich konnte man den Turm nicht mit den sechs ›Zinnen‹ vergleichen, jenen himmelhohen Vorgängerbauwerken in der Nähe des Dorfes Begrad, die sich wie die Finger einer Riesenhand in schwindelerregende Höhen streckten. Doch auch dieses schlanke Gebäude, das aus viel jüngerer Zeit stammte, war imposant. Im Umkreis des Turms konnten sie nur wenig von einer weiteren ehemaligen Bebauung zu entdecken. Hier hatte die Wüste ganze Arbeit geleistet. Nur die kümmerlichen Reste einer niedrigen Ziegelwand, in deren Schutz sie ihr Lager aufschlugen, und ein paar halb im Sand versunkene Pfeiler eines alten Aquädukts gab es noch zu entdecken. Was war der Zweck dieser einsamen Aussicht gewesen? Wer hatte sie bewohnt? Isene und der Prinz konnten keinen Eingang finden. Sicherlich lag er verschüttet unter der Erde und war ohne passendes Werkzeug für sie unerreichbar. Aber wenn es schon kein Wasser gab, so doch den Schlagschatten des Turms und der war in dem Glutofen der offenen Wüste fast ebenso wertvoll.

Als sie dann müßig im Schatten unter der Ziegelmauer rasteten und auf den Sonnenuntergang und die damit verbundene Abkühlung warteten, bemerkte Selin, dass seine Diebin immer wieder aufmerksam das fensterlose Mauerwerk begutachtete.

»Woran denkst du?«, fragte er. »Juckt es dich in den Fingern?«

Isene wandte sich ein wenig ertappt zu ihm: »Was meinst du? Wie alt ist das Gebäude und welchen Zweck hatte es? War das ein Faulturm? Du kennst dich doch da besser aus als ich.«

Architektur war in der Tat eine von Selins Fachgebieten. Er wusste wenig über Einbrüche, Diebstahl und Hehlerei, dafür umso mehr von der Geschichte des Reiches. Sie war ein wenig geschätztes Pflichtfach in seinem Prinzenunterricht gewesen. Er hatte zwar meist gedöst oder heimlich mit seiner Lektüre Jagd auf Fliegen gemacht, aber ein paar Dinge waren ihm doch aus den Lehrstunden seines alten Erziehers Benaqir in der Erinnerung verblieben. Besonders diese spannende Geschichte:

»Ein Gefängnisturm? Mitten in der Wüste? Sicher nicht. Ich glaube, dass dieses rote Gebäude einmal ein Teil der Befestigungsanlage war, mit der ›Salzige Meeresgischt‹, der vierte der Binghi, das Reich vor den Ungeheuern schützen wollte, die nach einem Erdbeben aus dem Bruch quollen. Die gewaltige Schlucht beginnt nicht weit entfernt nordwestlich von hier. Von der Turmspitze aus müsste man sie eigentlich sehen können. Ich weiß, dass man damals Meldetürme und befestigte Forts in der Toten und auch in der Gelben Wüste errichtete, um die Karawanen und die Ortschaften zu warnen und zu schützen. Doch die meisten dieser Anlagen waren aus Holz und sind längst geschliffen. Weil dieser Turm aus rotem Sandstein ist, den man nur an den Klippen des Südmeers findet, hat er den Wüstenstürmen getrotzt. Ich vermute, dass er ein Befehlsstand der alten Generalität war.«

»Ganz bestimmt gab es hier mal eine Wasserquelle«, mischte sich Deris ein. »Die Reste des Aquädukts weisen darauf hin. Vielleicht gibt es im Inneren des Turms noch immer einen Brunnen, der Wasser hat.«

Isene erschauderte. »Glaubt ihr, dass es diese Ungeheuer der Tiefe wirklich gegeben hat?«

Deris zog skeptisch einen Mundwinkel in die Höhe. »Das sind Monster aus Märchen, wie sie mir meine Anéh erzählt hat. Was sollen das denn für Tiere gewesen sein? Murlane? Echsen oder Drachen?«, wandte er sich an Selin.

»Eher große Mistkäfer, wenn man den Aufzeichnungen Glauben schenkt. Es gab sie wirklich. Das steht außer Frage. Ihr Auftreten und ihr Aussehen sind in den alten Büchern gut belegt. Es gibt viele Zeichnungen und Beschreibungen aus alter Zeit. Danach sahen sie wirklich ein wenig wie Skarabäen aus – schwarzglänzend und dabei ungefähr so groß wie eine Ziege. Sie hatten wie Krebse starke Zangenarme und waren sehr flink auf ihren acht Beinchen unterwegs. Ein einzelnes Ungeheuer aus der Tiefe war nicht weiter gefährlich und konnte auch von einem Bauern oder gar einem Kind leicht besiegt werden. Denn die Käfer hatte Angst vor dem Tageslicht und vor Feuer. Oft genügte es, das geblendete Tier geschwinde mit einem Speer auf den Rücken zu drehen und ihm in seine weiche Bauchseite zu stechen. Doch häufig tauchten die Insekten in schier unüberschaubaren Massen auf, in Herden wie die Termiten, die nach Tausenden zählten. Sie überfielen die Dörfer und machten gefräßig alles nieder, was ihnen in den Weg kam. Der Krieg gegen die Bruch-Ungeheuer war ein zähes Ringen, das sich über Jahre hinwegzog. Aber schon zur Lebenszeit von Lakmi-âs-Sekr, meiner großen Vorfahrin, – also nur etwa einhundert Jahre später – waren die Käfer so vollkommen vom Erdboden verschwunden, als hätte es sie nie gegeben. Die große Forscherin hat übrigens den Bruch erkundet und in seinen Tiefen nicht einmal mehr Überreste dieser Insekten gefunden.«

[Zum 3. Teil —>]

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Die Perle vom Roten Turm – Erzählung Teil 3

[Zum 2. Teil —>]

prinzselin

anfGibt es eigentlich einen Ort auf dieser Welt, an dem deine Ahnin nicht war?«, fragte Isene und dachte an Lakmis ›Weg, der in den Tag führt‹, den sie zu ihrem Bedauern im Thronsaal des Namenlosen zurückgelassen hatten – was ein ständiger Streitpunkt zwischen Selin und ihr war. Er küsste seine Diebin rasch auf die Wange und wechselte das Thema:

»Über diesen Turm hat sie jedenfalls nie geschrieben. Was meint ihr, was sich im Inneren alles verbirgt? Vielleicht etwas, das wir brauchen können?«, fragte er harmlos, denn es war deutlich, wohin ihre Gedanken Isene führten. Sie schnalzte abschätzend mit der Zunge.

»Wohl kaum. Außer Unrat und den Dreck der Jahrhunderte werden wir bestimmt nicht viel finden. Der Turm ist schon langer, langer Zeit aufgegeben worden.« Sie zögerte. »Allerdings hat Deris recht. Das Gebäude könnte über einer Zisterne errichtet worden sein. Es ist eine vage Hoffnung. Denn selbst wenn es einmal einen Brunnen gab, dann ist er wahrscheinlich längst ausgetrocknet.«

»Wollen wir nicht nachsehen?«, fragte Deris listig in die Runde. Selin nickte zustimmend.

»Wir brauchen wir schon bald neue Wasservorräte. Ich weiß, dass es dich reizt, mein Augenstern, dem Turm aufs Dach zu steigen. Bestimmt entdecken wir einen Schatz.«

»Bei den Tränen der Großen Mutter«, lachte Isene. »Schön wäre es. Aber wir sind bestimmt nicht die Ersten, die auf diesen geheimnisvollen Turm stoßen und neugierig wurden, was er in sich verbirgt. Wenn in ihm etwas Wertvolles liegen blieb, dann wurde es schon vor langer Zeit geplündert.« Sie zögerte und runzelte die Stirn. »Allerdings ist es nicht schwer, hinaufzusteigen und vom oberen Stockwerk, dessen Dach fehlt, ins Innere zu gelangen. Ich denke, wenn wir kurz nach Mitternacht aufbrechen, sind wir bei Sonnenaufgang oben.«

Deris klatschte in die Hände. »Endlich wieder ein Abenteuer!«

»Können wir uns das leisten? Die Erkundung des Turms wird doch sicherlich einen Tag oder zwei in Anspruch nehmen. Was ist mit unseren Verfolgern?«, bremste Selin die Begeisterung von Isene und Deris.
»Ich glaube nicht, dass sie uns einholen werden … falls sie uns überhaupt noch auf der Fährte sind und sie nicht längst verloren haben. Die Wüstenwinde und der Chamsin vor drei Tagen haben alle Spuren verwischt. Niemand vermutet uns so weit im Osten. ›Bluthands‹ Schergen werden uns wohl eher auf den belebten Karawanenwegen der Grauen Wüste und an den grünen Uferstreifen des Marat nach uns fahnden.« Isene machte eine vorbereitende Pause und Selin und Deris wussten genau, was jetzt folgte:

»Auf der anderen Seite sagte mein meister Nefset: ›Die Vorsicht ist die Weisheit der Diebe.‹«

Meister Nefset – schon wieder! Selin war dem greisen Diebesmeister einmal während seiner Flucht aus Karukora begegnet und er hatte ihn nicht besonders beeindruckt. Hätte er jedoch jedes Mal einen Soles bekommen, wenn Isene ihren alten Lehrer bei der Gilde zitierte, wäre er inzwischen reicher als ›Goldener Finger‹ gewesen, sein wegen seines Vermögens sprichwörtlich gewordener Urgroßvater. Der zittrige Nefset, der ›goldener Finger‹ wahrscheinlich noch gekannt hatte, war eine Legende unter den Dieben des Südens, die sich zur ›Gild’obschura‹ zusammengeschlossen hatten. Hatte er doch einst die gut bewachten Katakomben unter dem erloschenen Vulkan Uccelonido geplündert, wo die Nomaden der ›Macciaverda‹ die Tempelschätze ihrer barbarischen Gottheiten aufbewahrten. Nefset hatte auch ein viel gelesenes Buch über diesen abenteuerlichen Raubzug geschrieben und dazu noch ein zweites, in dem er die Maximen des Diebstahls erläuterte – eine langweiliger und konventioneller als die andere und alle in der Praxis untauglich. Die Regel mit der ›Vorsicht‹ war die sechsundzwanzigste im Buch, das ›Die 99 geheimen Schlingen des blütenreichen Gift-Efeus‹ hieß‹ und auf dem Index stand. Isene jedoch kannte alle diese Sprüche auswendig und zitierte sie bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit. Wäre Nefset nicht ein so alter Tattergreis, wäre Selin eifersüchtig gewesen.

»Ich denke, wir können eine kleine Besichtigung des Turms wagen«, beendete Isene die Diskussion. »Aber es kann nicht schaden, wenn wir uns gut vorbereiten.«

Scarab

Nach etwa einer halben Stunde weiterer Kletterei zog sich Isene über einen letzten, weit aus dem Mauerwerk herausragenden Holzbalken empor. Er ächzte zwar unter ihrem Gewicht, hielt aber stand. Hier oben war die Mauerkrone aufgebrochen und wie nach einem Angriff beschädigt. Einige Steine fehlten. Isene würde durch eine schmale Lücke in der Wand vor ihr, die wie eine gezackte Narbe aussah, mühelos ins Innere des Turms steigen können. Endlich hatte sie ihr Ziel erreicht und hätte eigentlich zufrieden sein sollen. Aber sie fühlte sich unbehaglich und unsicher. Die Diebin in ihr glaubte, zu spüren, dass sie jemand beobachtete. Das war nur eine ganz unbestimmte Empfindung, die sie nicht näher greifen oder gar beschreiben konnte. Aber sie war vorhanden. Und sie war bislang immer gut gefahren, wenn sie diesem Bauchgefühl gefolgt war. Eine Gefahr näherte sich; auch wenn sie Quelle und Richtung noch nicht einschätzen konnte. Ging diese Bedrohung vom Turm aus oder von der trostlosen Wüstenei, in deren wegloser Mitte er sich erhob? Dieser Kletterausflug jedenfalls war ein Fehler, da war Isene sich sicher.

Eine der wichtigsten Regeln, die ihr der Meister Nefset von der Diebesgilde auch mithilfe eines Rohrstocks nachdrücklich eingebläut hatte, war jene, sich immer wieder ihres Fluchtwegs zu versichern. Dieser Grundsatz war ihr in Fleisch und Blut übergegangen. Deshalb sah sie sich abschließend und absichernd um, bevor sie den Turm betrat. Zuerst warf sie einen prüfenden Blick zu ihrem Prinzen hinunter, der nun knapp unter ihr schweißtriefend am Griff eines ihrer Messer hing, das sie wie einen Karabiner in eine Fuge getrieben hatte. Er nickte ihr zuversichtlich zu. Tief unter Selin war alles, wie es sein sollte: Am Fuß des Turms des Turms war nichts zu entdecken. Deris hatte ihre Spuren vor seinem Aufbruch zu der Düne, hinter der er sich und die Kamele verbarg, sorgfältig verwischt und die Feuerstelle im Sand vergraben. Falls einer ihrer Verfolger zufällig vorbeikam, würde er nichts Verdächtiges bemerken. Aber solange die beiden nicht im Inneren des Turms waren, konnte er sie mit einem Gewehr wie fette Tauben von der Mauer schießen.

Isene blinzelte in die bleiche Sonnenscheibe, die wie das aufgedunsene, fahle Antlitz eines toten Gottes knapp über dem Dunst des Horizonts schwebte und ihre milchigen Strahlen über der Wüste vergoss.

›Die Freundin des Diebes ist die Nacht und der Morgen sein größter Feind‹, hatte Meister Nefset immer betont. Er war eine niemals versiegende Fundgrube an Sinnsprüchen und Merksätzen für den Diebesalltag gewesen. Doch es würde bestimmt niemand vorbeikommen. Dies war ein Abenteuer, mehr nicht. Zudem würde sie die Annäherung von Verfolgern von ihrem hohen Aussichtspunkt aus sofort entdecken. Gleichgültig, in welche Richtung sie blickte: Nirgendwo regte sich etwas. Ihr Bauchgefühl musste sie diesmal trügen. Oder gab es in dem Turm etwas, das sie fürchten musste?

Isene zuckte mit den Schultern und quetschte sich durch die Lücke im Mauerwerk des halbzerstörten obersten Stockwerks. Obwohl sich der Turm nach oben verjüngt hatte, war seine Krone ein einziger kreisrunder Mauerring von immerhin noch etwa fünfundsechzig Fuß. Er hatte längst kein Dach mehr, wenn er je eines besessen hatte. Da die Wand allerdings sehr hoch war, drang jetzt am frühen Morgen nur dämmriger Lichtschein von oben und durchwenige Lücken ins Innere. An der Nordseite klaffte ein leeres Fensterloch, das einen Ausblick auf weitere graue Dünen bot, hinter denen der Bruch liegen musste.

Isene öffnete wieder die Blende ihrer Laterne, die sie am Gürtel trug und schwenkte ihr Licht über den unebenen Boden. Verwitterte Bohlen und der Dreck von Jahrhunderten lagen auf den rohen, pockennarbigen Fliesen – und alles war fingerdick von Wüstensand und Staub überzuckert. Hier gab es nichts Wertvolles zu entdecken. Sie sah genauer hin und bemerkte unter einigen Brettern in der Mitte eine rechteckige Öffnung im Boden, wo wahrscheinlich eine Treppe oder eher eine Leiter hinabführte. Bevor Isene die Dachluke näher untersuchen konnte, quetschte sich auch Selin durch den Spalt herein. Er rang nach Atem. Dann stellte er sich neben sie und leuchte ebenfalls neugierig mit seiner eigenen Laterne herum.

[Zum 4. Teil —>]

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Die Perle vom Roten Turm – Erzählung Teil 4

[Zum 3. Teil —>]

anfHier könnte mal wieder jemand Saubermachen«, stellte er fest. In seiner Stimme schwang Enttäuschung. Doch dann blieb sein Lichtkegel zitternd auf einer großen Steinplatte liegen, die neben dem Fenster stand. Isene hatte sie zuerst für einen Rest der Wandverkleidung gehalten.

»Das ist ja interessant«, murmelte Selin und trat näher an seine Entdeckung heran. »Ist das altwendische Schrift?«

Nun sah Isene es auch. In die Platte war eine noch immer gut lesbare Inschrift gemeißelt. Sie beherrschte die alte Sprache des Wendlands nicht und deren schlichte Runen sahen ihr nach der Kritzelei eines Geometers aus, der sich an der Quadratur eines Kreises versucht. Sie hatten nicht einmal eine entfernte Ähnlichkeit mit den elegant geschwungenen Glyphen, mit denen man im Reich schrieb. Für den belesenen und in der Geschichte des Reiches gut unterrichteten Prinzen stellte der Text jedoch keine große Herausforderung dar. Mit den Fingern folgte er den Schriftzeichen, während er sie übersetzte:

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»Is bad’ne sa tiQe, we da rabu ti … hm, also … ›Die Zeit ist wie Wüstensand in meiner Faust, je fester ich sie fassen will, umso schneller rinnt sie mir zwischen den Fingern hindurch.‹ Weise Worte. War dies ursprünglich ein Philosophenturm wie der ›Prygos‹ des Mison auf Lindmar?«, wandte sich Selin zu Isene.

»Das glaube ich nicht. Lies weiter.«

»Gut. Jetzt wird es sachlicher. Dies ist eine Art Bauurkunde oder Grundstein des Turms, wenn ich das richtig übersetze: ›Gewährt in seiner endlosen Weisheit durch die gnädige Huld von ›Salzige Meeresgischt‹ und fertiggestellt im 4. Jahr seiner glorreichen Herrschaft, die niemals enden möge. Diese Tafel wurde errichtet im Jahr 3122 nach Mánis Fall. Das ist das heilige Jahr 77 nach der Gründung Karukoras, der von Maraias Tränen gesegneten Stadt. Geschrieben im 2. Jahr der schrecklichen Kriege gegen die … Chêprr und Hâmidi aus der Unterwelt …‹« Der Prinz zögerte. »Chêprr, Hâmidi. Das sind Wörter, die ich nicht kenne. Aber es sind wohl Bezeichnungen für die Ungeheuer, die das Reich überfielen. Wir hatten recht, was den Ursprung des Turms betrifft. Interessant sind hier auch die genauen Jahreszahlen, die genannt werden. Mancher von der Historikergilde würde seinen linken Arm geben, um diese Inschrift lesen zu können«, begeisterte er sich. Doch Isene, der immer unwohler wurde, trieb ihn zur Eile an:

»War das alles?« Sie sah den Prinzen nicht direkt an, sondern spähte aus dem leeren Fensterquadrat in die Wüste hinaus. War da nicht eben etwas gewesen? Ihr war, als hätte sie etwas übersehen.

»Nein, da steht noch mehr. Und jetzt wird es wirklich interessant: ›Gegeben dem edlen Siebling Lames Heisenberg für seine Verdienste als Vezir des Falkenthrons. Möge der treue … As’Teorfan – das ist wieder ein Wort, das mir unbekannt ist, vielleicht ein Generalsrang – hier die Ruhe finden, die ihm sein Schicksal bisher verwehrt hat.‹ Das ist alles.«

»Ist das ein Grabmal?«, fragte Isene nachdenklich. Die Chance, auf einen Schatz zu stoßen, war gestiegen.
»Nein, ich glaube nicht. Weißt du, wer Heisenberg war?«

»Selbstverständlich! Wer denn nicht? Auch wir Armen haben die Schule besucht. Lames Heisenberg war einer der Sieblinge; ein Gefährte des Namenlosen, der mit ihm über den Marat gefahren kam, um Karukora zu gründen …«

»Derer sieben waren am Anfang mit dem Bingh, drei Männer, vier Frauen: Asgëir, Betane, Heisenberg, Lines, Rhoda, Serdan und Zycla. Und Maraia war mitten unter ihnen. So wird es uns in den Tempeln gelehrt. Aber das kann nicht sein. Heisenberg muss zur Regierungszeit von ›Salzige Meeresgischt‹ schon viele hundert Jahre alt gewesen sein. Wahrscheinlich war dieser hier, den die Schrift erwähnt, ein Nachfahre des Gefährten des ersten Namenlosen. Merkwürdig ist nur, dass er im Text explizit als einer der ›Sieben‹ bezeichnet wird. Aber es kann sein, dass es wie der ›Namenlose‹ ein Ehrentitel war, der vom Vater auf den Sohn weitergegeben wurde. Ich habe allerdings nie etwas über einen Vezir mit diesem Namen gelesen. Und As’Teorfan, das heißt übersetzt so viel wie ›Der Gottgleiche‹ oder ›Der Ewige‹. Merkwürdig!«

Isenes Augen weiteten sich. Doch es waren nicht die gelehrten Ausführungen ihres Prinzen, die sie erschreckten. Ihre scharfen Augen hatten draußen in der Wüste eine Bewegung gesehen. Selin stoppte verunsichert seinen Redefluss.

»Was ist?«

Isene deutete auf das Fensterloch: »Wir sind nicht mehr allein!«

Sie hatte eine dünne Staubfahne erspäht, die knapp unter dem Horizont emporstieg. Außer dem Flimmern der Luft über der Wüste war es die einzige Bewegung, die sie erkennen konnte. Es war keine Sarab Morgana, die ihre Augen täuschte. Dort draußen war eine nicht bestimmbare Anzahl an Reitern unterwegs und sie bewegten sich auf den Turm zu. Sie waren noch fern, kamen aber schnell näher. Selin kniff die Augen zusammen und nickte.

»Das musste ja mal geschehen«, stellte er resigniert fest. »Wir waren in den letzten Wochen einfach zu sorglos. Unsere Hoffnungen, die verfluchte ›Bluthand‹ hätte aufgegeben, waren zu früh!«

»Die Verfolgten sind immer zu sorglos, hat mein Meister gesagt. Hast du wirklich geglaubt, dieses Ungeheuer auf dem Falkenthron würde den Letzten der Binghi einfach so ziehen lassen? So lange noch ein einziger aus deiner Familie lebt, ist seine Herrschaft gefährdet.« Sie runzelte die Stirn, dachte nach. »Aber ich bin mir nicht sicher, ob das dort in der Ferne die Häscher der ›Bluthand‹ sind, die er hinter uns hergeschickt hat. Karukora liegt im Südwesten und diese Reiter kommen aus nördlicher Richtung. Vielleicht sind sie harmlose Reisende wie wir. Schade, dass ich das Fernglas Deris gegeben habe, damit er uns im Auge behalten kann. Auf der anderen Seite wird er es jetzt mehr brauchen als wir.«

»Ich kann nicht abschätzen, wie viele Reiter das sind. Aber anhand der Staubwolke, die sie hinter sich herziehen, würde ich fast eine halbe Hundertschaft vermuten. Ist das eine versprengte Militäreinheit, die wie wir vor den Barbaren in die Wüste geflohen ist?«

»Das ist denkbar. Dann könnten wir uns ihnen anschließen. Sie würden uns sicher helfen, wenn sie erfahren, dass der letzte Prinz der Binghi noch lebt. Aber wenn es Karawanenräuber sind? Oder doch Assassinen, die ›Bluthand‹ angeheuert hat? Die ›Kalte Hand‹ ist sicher sofort zu ihm übergelaufen. Sie ist immer auf der Seite der Sieger.«

Selin warf bedauernd einen Blick auf die Luke zu seinen Füßen. »Sollen wir wieder hinuntersteigen und versuchen, zu fliehen? Oder hast du eine andere Idee«, fragte er unschlüssig.

Isene seufzte unhörbar. Der Prinz hatte viele gute Eigenschaften. Er war tapfer, warmherzig und humorvoll, sanft und belesen – und sie liebte ihn von ganzem Herzen. Er war der eine, besondere Mensch, auf den sie ihr Leben lang gewartet hatte; ihr Seelenpartner, von dem sie sich niemals trennen wollte. Aber er war durch sein Aufwachsen im behüteten Serail seines Vaters ›Seidenschal‹ nachgiebig, manchmal naiv und oft vollkommen entschlusslos. Er hätte einen schlechten Namenlosen abgegeben und wäre wie formbares Wachs in den Händen eines gewieften Vezirs oder Generals gewesen, der ihn beriet. Er unterwarf sich bei vielen Gelegenheiten vollkommen Isenes Entscheidungen und ihrem Willen. Das empfand sie meistens als richtig. Im Gegensatz zu ihm war sie es schon seit ihrer frühen Kindheit gewohnt, Entschlüsse zu treffen und schwierige, oft lebensbedrohliche Situationen zu bewältigen. Der Aufstieg auf den Turm war wie ein Sinnbild für ihre Beziehung gewesen. Doch ab und an wünschte sie sich, sich so schwach und verletzlich zeigen zu können, wie sie sich in manchen Stunden fühlte.

[Zum 5. Teil —>]

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Die Perle vom Roten Turm – Erzählung Teil 5

[Zum 4. Teil —>]

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anfNein«, entschied sie, »wir würden zwar mit meinem Seil sehr schnell absteigen können, aber bis wir Deris gefunden haben, der die Reiter bestimmt ebenfalls entdeckt hat und sich gut verborgen hält, sind wir Freiwild. Außerdem sind unsere Kamele erschöpft und langsam. Wir kämen nicht weit auf ihnen. Ich schätze, die Reiter sind im Moment etwa fünfundzwanzig Meilen entfernt. Bei der Geschwindigkeit, die sie vorlegen, haben sie schnelle Kamele. Also müssten sie in einer knappen Stunde hier sein. Vielleicht bemerken sie uns ja nicht, wenn wir uns hier oben verstecken und sie ziehen vorbei. Lass uns frühstücken und uns von der Kletterei erholen. Wir werden einfach abwarten, wer da kommt und was er tut.«

Damit war ihre Entscheidung gefallen. Isene setzte sich unter den Ausguck und lehnte sich gelassen gegen die Mauer. ›Geduld ist die größte Tugend des Diebs‹, kam ihr einmal wieder ein Sprichwort von Nefset in den Sinn. Sie kramte in dem Beutel, den sie an der Hüfte trug und zog eine Handvoll getrocknete und kandierte Datteln heraus, eine Spezialität aus der Mahala-Oase, die in Karukora unter dem Namen Halvá Tavariq verkauft wurde. Sie schien einen schier unerschöpflichen Vorrat dieser klebrigen Süßigkeit in ihren Taschen mit sich zu führen. Selin setzte sich zu ihr in den Dreck und pflückte eine der Früchte aus ihrer Hand. Er wünschte sich, es würde ihm gelingen, so gelassen wie Isene zu sein. Sie schien sich nie große Sorgen um ihre gemeinsame Zukunft zu machen.

›Wahrscheinlich wird man so, wenn jeder Tag ungewiss ist und man immer mit einem Fuß im Gefängnis steht‹, dachte er. Sie hatte ihm nur wenig von ihrer Kindheit und ihrer Jugend, von dem gewalttätigen Vater und dem Leben als Adeptin der Diebesgilde erzählt. Aber es musste ein zäher Kampf ums Überleben gewesen sein, der manche Bitternis und den beißenden Sarkasmus erklärte, die sie oft zeigte. Doch der Prinz hatte auch ihre andere Seite kennengelernt, die voller Liebe, Zärtlichkeit und Hoffnung war. Er spuckte den Dattelkern aus und wickelte seinen Turban ab. Er legte das weiße Tuch in ihren Schoß und legte seinen Kopf darauf. So war es einigermaßen bequem. Abwesend streichelte Isene seinen blanken Schädel und summte nachdenklich eine Melodie, die Selin nicht kannte. Da er nur in der ersten Hälfte der Nacht geschlafen hatte, wurde er schnell müde. Er schloss die Augen. Mit den Gedanken an die Geheimnisse, die der Turm unter ihnen barg, schlief der Prinz ein.

Scarab

Er öffnete er seine Augen. Es fiel ihm erstaunlich schwer. Um ihn herum regierte absolute Dunkelheit. Er lag auf dem Bauch und schwamm in ihr. Sie schien ihm ölig und schwerflüssig zu sein und er hatte das Gefühl, sie würde an ihm ziehen und zerren. Die Dunkelheit lastete wie ein warmer, dicker Teppich auf ihm, presste ihn in einen schlammigen Untergrund. Das Atmen war in dieser Atmosphäre eine Qual und es gelang ihm kaum, seine Arme und Beine zu bewegen. Er überlegte, wie er in diese Lage geraten war, aber seine Vergangenheit war ebenso finster wie die Nacht um ihn herum. Er wusste nicht einmal, wie er hieß und wer er war.

Doch da, vor ihm – in schier unendlicher Entfernung: Da war ein winziger Lichtpunkt. Auch wenn er nur schwach und unsicher funkelte, war er kein Trugbild. Er existierte tatsächlich in diesem vollkommenen Nichts. Dort in der Ferne flüsterte auch eine fast lautlose Stimme. Ein ruhiger, tiefer Klang drang an sein Ohr. Es wurde ein ewig gleicher, ein einziger Satz wiederholt. Ein Befehl? Doch er verstand ihn nicht, denn der Sprecher war ebenso weit entfernt wie das Licht.

Er rang lange mit sich und der Lethargie, die ihn komplett beherrschte. Er war noch nie in seinem Leben so müde gewesen wie in diesem Moment des Erwachens. Dann, nach vielen Jahren der Entschlusslosigkeit, machte er sich doch auf den Weg und er begann, auf das Licht und die Stimme zuzukriechen. Es erschien im plötzlich sehr wichtig, den Satz zu verstehen, in die ferne Helle zu treten. Der Widerstand der Flüssigkeit war enorm. Jede Handbreit, die er ihr abrang und ihn im teerigen Schlamm ein paar Millimeter vorwärtsbrachte, kostete ihn unbeschreibliche Qual und Anstrengung. Aber er gab nicht auf. Es ging nur langsam, gut, aber wenn er etwas außer seinem nackten Dasein besaß, dann war es Zeit. Er schien sogar einen ewigen Vorrat an Zeit zu besitzen. Er fühlte die Ewigkeit, die seine Seele durchtränkte, als wäre er selbst Waqt Al’Ab, die ›Mutter der Zeit‹. Sein Herz schlug kräftig und gleichmäßig wie der Maschinentakt des Prozessors. Dieser Pulsschlag und das unverständliche Murmeln waren die einzigen Laute, die er hörte. Und so kroch er unverdrossen weiter.

Nach einhundert Jahren ließ der Druck ein wenig nach, unmerklich zuerst, dann immer schneller. Er wand sich jetzt nicht mehr wie eine Schlange durch die gelierte, festgefrorene Schwärze, sondern krabbelte auf allen vieren. Weitere einhundert Jahre vergingen und er fühlte sich stark genug, sich aufzurichten und erste, tastende Schritte zu wagen. Seine Füße versanken bis zu den Knöcheln im zähen Untergrund. Sie schmatzen bei jedem Heben. Keuchend schlurfte er weiter. Manchmal glaubte er schon beinahe, ein paar der Sprachfetzen aus der Ferne verstehen zu können, auch wenn sie keinen Sinn machten.

Ein weiteres Centennium lag hinter ihm. Aus seinem mühsamen Vorwärtsstolpern war inzwischen ein kräftiger, aufrechter Gang geworden. Er ging weiterhin unverdrossen auf das ursprünglich winzige Licht. Es hatte sich allmählich zu einem Rechteck vergrößert, einer geöffneten Tür. Diese wirkte auf ihn, als hätte ein Gott sie mit einem Lichtmesser aus dem Nichts herausgeschnitten. Nun war die Männerstimme, die zu ihm sprach, kräftig und laut. Doch noch immer konnte er sich keinen Reim aus den Worten machen, die an sein Ohr drangen. Ihr Rhythmus glich immer mehr den Verszeilen eines Gedichts. War das überhaupt eine Sprache, die er verstehen konnte, oder nur das Brabbeln eines Geisteskranken, eines Idioten? Doch wenn ihm der richtige Gedanke kam – da war er sicher -, dann würde er alles Gesprochene sofort verstehen – würde die Welt wieder von Neuem für ihn starten.

Zuversichtlich ging er weiter. Auch ein Weg, der achtzehn mal achtzehn Generationen dauerte, musste ihn einmal an sein Ende führen. Wie er die unbegreifliche Zeitspanne überdachte, die sein Leben nun schon währte – es hatte so viel länger gewährt als die paar Jahrhunderte, die er nun schon in der Dunkelheit unterwegs war, kam ihm eine Erinnerung in den Sinn. Wie ein Blitz fuhr sie durch ihn. Sie leuchtete für den Hauch eines Augenblicks die schwarzen Regale in der von ihm selbst verschlossenen Bibliothek seiner Erinnerungen aus. Er hatte das Archiv seiner selbst seit seinem Erwachen im Nichts nicht mehr betreten.

Die Gestalt eines sehr jungen, schönen und schlanken Mannes erschien vor seinem geistigen Auge. Sie trug wüstentaugliche Reisekleider und einen festgebunden weißen Turban auf dem Kopf. Für Augenblicke trat sie so real neben ihm, dass er erschrocken innehielt. Hatte er einen Begleiter gefunden? Nein, leider nicht! Die Erscheinung begann zu verblassen, löste sich auf wie Zucker in schwarzem Tee. Nach kürzester Zeit blieb nurmehr der Eindruck eines erstaunten Gesichts zurück, das ihn überrascht gemustert hatte. Er war sich plötzlich sicher, dass dies doch keine Erinnerung aus einem der unzähligen Bücher seiner Gedächtnisbibliothek war, sondern ein neuer Sinneseindruck, ein neuer Gedanke – vielleicht sogar ein Blick in die Zukunft hinter der Tür aus Licht.

Und nun fiel ihm auch der Name des Jünglings ein. Er sprang ihm auf die Zunge, über die Lippen. Er schrie ihn hinaus in die Finsternis. Und zum ersten Mal seit über 300 Jahren erklang die Stimme des As’Teorfan:

»Selin!«

[Zum 6. Teil —>]

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