Die Perle vom Roten Turm – Erzählung Teil 1

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Einleitung des
Märchenerzählers Alis

Allerbarmerin,
du tränenreiche Herrin.
Öffne mir die schmale Tür,
die zum Wohlgelingen führt.
Gib mir ein Herz,
das zur Gewissheit finden möge.
Gib mir einen Mund,
der deinen Ruhm verkünde!
Erleuchte meine Seele mit dem Licht
der Wahrheit.

Lehre meine Zunge,
deine Herrlichkeit zu loben.
Schenke mir einen Tropfen
aus der Quelle der Beredsamkeit!

Zieht nicht weiter, erschöpfte Reisende! Das Seil, das euch an die Last eures Tages fesselte, wurde von der kalten, schwarzen Klinge der Nacht zertrennt. Sie will euch Ruhe schenken. So lagert nun bei mir, breitet eure Teppiche beim Feuer aus, setzt euch zu mir. Wärmt die Körper mit seidenen Decken und das Gemüt mit süßen Feigen und heiterem Trunk. Dann lauscht mir, bis die Müdigkeit die Lider senkt. Die Nacht ist die Hüterin der Geschichten und Märchen. Jetzt ist ihre Zeit.

Die Sage, die ich euch heute erzählen werde, hat sich wirklich zugetragen. Sie ist ein Diamant im Buch der Erinnerungen meiner Familie. Sie hat sich vor fünf mal fünf Generationen am Ende der Bingh-Dynastie zugetragen. Dieses Geschlecht war das erste, deren ›Namenlose Herrscher‹ über Karukora regierten, welche die herrlichste Stadt des Weltkreises ist. Lass uns nun auf den Flügeln meiner Worte zurück in das Jahr 3668 nach ›Mánis Fall‹ fliegen.

Nachdem der bleiche Mond auf die Erde gestürzt war, waren die alte Welt der Vorgänger und ihre technologisch hochstehende Kultur beinahe völlig zerstört. Doch noch gab es Hoffnung in den ›Überlebenden Landen‹, in denen die Zivilisation weiter voranschritt. Die ›Drei Reiche‹ von Lundersüt, Bridon und Nearoma hatten die Wissenschaft und die Kenntnisse der Vorgänger geerbt und Neues entdeckt. Es war eine goldene, glückliche Ära, doch sie endete blutig. Nach einem verheerenden Krieg, der mit der gewaltigen ›Dreikönigsschlacht‹ endete, versank die Menschheit – und wie es schien, diesmal endgültig – in einer finsteren Epoche voller kriegerischer Auseinandersetzungen, Kreuzzügen, Chaos, Seuchen, Tyranneien und grausamer Barbarei. Wissen, Weisheit, Menschlichkeit, Liebe – all dies ging für zweitausend Jahre in dem finstersten Zeitalter der Geschichte verloren. Doch nach den ›Schwarzen Jahren‹ ist die Zivilisation langsam wieder in die ›Überlebenden Länder‹ zurückgekehrt. Überall wurden neue Reiche und Staaten gegründet, wurden Straßen, Klöster, Universitäten und Städte gebaut, in denen wieder Wissenschaft, Kultur, Kunst und Handel florieren.

Karukora, das ›Juwel der Wüste‹, befindet sich inmitten unwegsamer Einöden westlich der ›Ebenen des ewigen Krieges‹, wo sich seit zweitausend Jahren drei übrig gebliebene Roboter-Armeen Nacht für Nacht eine erbitterte und doch nie endende Schlacht liefern. Ihr Kampf kennt keinen Sieger und er beginnt immer wieder aufs Neue, wenn das Licht im Meer der Dunkelheit ertrinkt. Aber Karukora liegt auch im Mündungsdelta des viel befahrenen, gewaltigen Stromes Marat, der nach seiner langen Reise quer durch die Überlebenden Länder unweit der Stadt ins Südmeer mündet. Damit befindet sich Karukora am Kreuzungspunkt der wichtigsten Handelsrouten der Welt und lenkt viele neidische Blicke auf sich.

Wie ihr sicherlich wisst, wird die Stadt im Sommer des Jahres 3668 vom dreizehnten und letzten der ›Namenlosen Herrscher‹ der Bingh-Dynastie regiert. Man nennt ihn ›Sechzehn‹, denn so viele Tage saß er vor seinem Sturz auf dem Falkenthron. Seit Karukoras Gründung sind über drei Jahrhunderte vergangen. Die Sultane der Binghi sind allesamt direkte Nachfahren des legendären Erbauers der Stadt, dessen Name in den Annalen der historischen Gilde verloren gegangen oder absichtlich getilgt worden ist. Ach, wäre doch die lange Reihe seiner Thronfolger immer so weise und heiter wie ihr Ahnherr selbst geblieben! Hätte doch ein guter Blick ihr wohlwollendes Wirken an allen Tagen begleitet und der böse Blick in den Nächten keinen Weg zu ihnen gefunden! Wären sie bis zum Ende der Zeiten auf ihrem legendären Falkenthron sitzen geblieben und hätten sie von der Gnade der Tränenreichen beschenkt die Geschicke Karukoras und der umliegenden kargen Wüsten- und Oasenlandschaften bis hinauf zum Helmgebirge, den ›Bruch‹ und den ›Großen Südwall‹ gelenkt. Diese Welt wäre eine bessere gewesen!

Doch vor einigen Wochen ist Karukora gefallen und Blutlachen und Kadaver beflecken die Straßen. In einem Handstreich wurde die Stadt von barbarischen Kriegerhorden aus dem Westen unter der Führung von Sefredo Sud erobert. Er hat sich selbst unter dem Namen ›Bluthand‹ zum neuen Herrscher gemacht und hat seinen Vorgänger ›Sechzehn‹ und fast alle noch lebenden Binghi und ihre Angehörigen hinrichten lassen. Allein der ältere Bruder von ›Sechzehn‹, der Selin da Binghi heißt, und aus Liebe auf den Thron verzichtet hat, ist knapp dem Gemetzel entkommen. Dabei standen ihm die junge Meisterdiebin Isene-Mis bi Kabala und sein Kammerdiener Deris zur Seite. Der junge Mann war wie Isene ein Mitglied der Diebesgilde ›Gild’obschura‹. Prinz Selin ist Isene zuerst bei einem ihrer Raubzüge im Palast seines Vaters ›Seidenschal‹ begegnet und hat sich sterblich in sie verliebt.

Verfolgt von den Häschern von »Bluthand« ist Selin nun gemeinsam mit Isene und Deris auf der Flucht. Abseits aller Karawanenwege und Oasen durchqueren unsere Helden die Gluthölle der ›Toten Wüste‹ nördlich von Karukora. Ihr Ziel sind die menschenleeren Gebiete jenseits des Großen Walls. In diesen herrschaftslosen Regionen, die die Geschichtsschreiber erst in über eintausend Jahren die ›Lamargue‹ nennen werden, glauben sie sich vor dem Zugriff des neuen Namenlosen sicher. Viele Abenteuer und Entbehrungen mussten die drei bereits bestehen. Ungezählte Gefahren haben sie überwunden.

Doch nun lauscht, denn ihr größtes Abenteuer liegt noch vor ihnen:

Perle illu

I.
Eine Klettertour

isenehörte einen erstickten Aufschrei tief unter sich. Sie hatte gerade noch die Zeit, die rostige Metallstange zu packen, die über ihr schräg aus dem Mauerwerk ragte. Schon zog das volle Gewicht des Prinzen an dem festen Seil, das sie sich um die Hüften geschlungen hatte. Der jungen Frau blieb kurz die Luft weg. Sie hatte das Gefühl, sie würde gleich in zwei Hälften gerissen.

»Hoi! Tränenreiche, hilf!«, knirschte sie mit den Zähnen. Die Stange, an der sie mit ihren Armen hing, bog sich etwas weiter durch, aber sie blieb stabil.

Wütend sah Isene hinab. Mehrere Mannslängen unter ihr mühte sich der wie ein Sandsack am anderen Ende des Seils hängende Selin ab. Panisch zappelte er mit seinen Beinen in der Luft und versuchte, Halt am bröckligen Mauerwerk zu finden. Nach zwei vergeblichen Anläufen gelang es ihm endlich, mit seinen Füßen eine schmale, rund um den Turm laufende Brüstung zu erreichen, die ihn trug. Der Druck auf Isene ließ nach. Sie schüttelte den Kopf.

»Jad-al-voi baàl!«, fluchte die Diebin und atmete erleichtert aus. Sie suchte sich ebenfalls einen Halt für ihre Füße.

»Geht es?«, fragte sie dann nach unten. Selin winkte zuversichtlich herauf. Er wäre dabei fast wieder aus dem Gleichgewicht geraten, fing sich aber im letzten Moment.

»Alles bestens«, rief er. »Von mir aus können wir weiter.«

Ihr Prinz stellte sich mal wieder ziemlich tollpatschig an, fand Isene. Sie hätte lieber Deris mit auf die Diebestour nehmen sollen. Der kaum dem Knabenalter entwachsene ehemalige Palastdiener hatte Erfahrung mit solchen Situationen und war ein beinahe ebenso guter Fassadenkletterer wie Isene selbst. Aber Deris war wie ausgemacht unten bei den Kamelen verblieben. Er hatte die mit den Vorräten beladenen Reittiere hinter eine etwa zwei Meilen entfernte Düne geführt. Dort verbarg er sich außer Sichtweite des Turms, falls überraschend Verfolger auftauchten. Damit rechnete zwar keiner von ihnen, aber die junge Diebin hielt sich an die Worte ihres Meisters Nefset bei der ›Gild‘ obschura‹:

›Lieber einmal zu oft vorsichtig sein, als einmal zu selten!‹

Niemals hätte sie Selin erlauben dürfen, mit ihr gemeinsam an der Außenseite des Turms emporzuklettern. Warum hatte sie sich nur von ihm überreden lassen? Ein Sturz aus dieser Höhe – sie schätzte sie auf sicherlich 175 Fuß –, hätte für beide den sicheren Tod bedeutet!

[Zum 2. Teil —>]

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Die Perle vom Roten Turm – Erzählung Teil 2

[Zum 1. Teil —>]

turm

initialdie Mauern des Turmes waren aus wenig vertrauenserweckendem und vom Wüstenwind verwittertem Sandstein. Sie stellten für eine geübte und schwindelfreie Kletterin, wie sie es selbst war, keine weitere Schwierigkeit dar, denn das Bauwerk verjüngte sich zu seiner Spitze hin und die geriffelte Musterung und die in regelmäßigen Abständen aus dem Mauerwerk ragenden Eisenstangen boten sicheren Halt. Wäre Isene allein gewesen, wäre sie auch lange vor Sonnenaufgang oben an der Spitze des uralten Gebäudes gewesen. Doch mit dem ungeschickten Prinzen im Schlepptau lagen noch nicht einmal zwei Drittel der Kletterei unter und noch achtzig oder neunzig Fuß über ihnen. Der weitere Weg würde zudem schwieriger werden. Dort war im Verlauf der Jahrhunderte, denen der Turm schon der Wüste trotzte, die meisten Zierrate abgeschliffen, die rötlichen Mauerwürfel glatt und die Eisenstangen rar.

Isene warf einen Blick über die Schulter, bevor sie weiter stieg. Hinter den niedrigen, grauen Dünen am östlichen Horizont verfärbte sich der wolkige Himmel bereits zitronengelb. Es würde nicht nicht mehr lange dauern: Dann würde die Sonne aufgehen und ihre zornige Hitze über der Toten Wüste auskippen. Ihr Prinz und sie stiegen zwar an der noch beinahe vollständig im Schatten liegenden Westfront empor, aber bereits jetzt wurde es spürbar von Minute zu Minute wärmer. Der Frost der Nacht war gebrochen. Ein Abstieg kam jedoch nicht mehr infrage. Es war längst zu spät, um umzukehren. Isene schwang sich empor und balancierte auf der Metallstange, um die sie vorsichtshalber das Sicherungsseil knotete. Sie holte aus ihrem Schultergurt einen weiteren ihrer handtellergroßen Wurfdolche. Mit Wucht trieb sie die spitze, scharfen Waffe bis zum Heft in eine mörtellose Fuge zwischen dem Mauerwerk. Dann wartete sie, bis der Prinz keuchend zu ihr aufgeschlossen hatte.

»Stehe uns die Allerbarmerin bei«, murmelte sie und ließ ihren Blick weiter über die menschenleere Einöde schweifen. »Was suchen wir eigentlich noch einmal hier oben?«, fragte sie sich selbst.

Die Tote Wüste trug ihren Namen zurecht: Hier gab es in allen Himmelsrichtungen über Hunderte von Meilen kein Leben, nur Ödnis, niedrige Dünen, graue Steine und groben, löchrigen Sand. Außer an den seltenen Wasserlöchern und Oasen existierten nicht einmal Flechten oder Pflanzen. Alle Karawanenwege umgingen weiträumig das Zentrum dieses trostlosen Backofens, in den die drei jungen Leute aus dem südlichen Karukora vor den Häschern der ›Bluthand‹ geflohen waren. Hier hätte es überhaupt keine Überreste von Ansiedlungen und auch keine Türme geben dürfen.

Aber die Wüste barg mehr Geheimnisse als die unergründlichen Taschen eines Falschspielers. Gestern hatte Selin den am späten Nachmittag blutigrot leuchtenden Turm entdeckt, an dem die kleine Gruppe beinahe achtlos vorübergeritten wäre. Das markante Bauwerk ragte weit über die gesichtslose Geröllebene hinaus und war schon aus vielen Meilen Entfernung sichtbar. Es hatte ihnen gestern als willkommene Landmarke gedient und sie lenkten ihre drei erschöpften Kamele hoffnungsvoll in seine Richtung. Vielleicht gab es dort ja eine Wasserquelle oder ein Lager der Bendâh-Nomaden, wo sich Mensch und Reittier ein wenig erholen konnten. Ihre Wasservorräte waren inzwischen bedenklich geschrumpft und auch der restliche Proviant wurde langsam knapp. Aber die drei waren Kinder der unbarmherzigen Wüsten rund um Karukora und zumindest Isene und Deris hatten bereits mit der Muttermilch das Wissen aufgesogen, wie man in ihnen überlebt.

Das erste Ziel ihrer Flucht, die sie seit gut einer Woche quer durch die Tote Wüste führte, war das ›Eiserne Tor‹. An dieser Stelle quälte sich der Marat durch die engen Felsenschluchten des Helmgebirges. Gemeinsam wollten sie anschließend versuchen, sich an den uralten Grenzbefestigungen an dem reißenden Flussdurchbruch vorbeizuschleichen und das Reich von Karukora hinter sich zu lassen. Dieser Ort lag jedoch hoch im Norden und war noch mehrere Reisewochen von ihnen entfernt. Sie hatten keine Ahnung, wohin sie sich wenden würden, wenn sie das Eiserne Tor überwunden hatten. Aber Isene und ihr Prinz waren zusammen und hatten einander. Dies war ihnen Zukunft genug.

Am frühen Abend hatten Isene, Selin und Deris dann den Fuß des roten Turms erreicht. Früher schien er noch viel höher gewesen zu sein, denn mindestens ein Stockwerk lag unter einer Sandwehe begraben und es fehlte das Dachgeschoss. Es hatte den Sandstürmen nicht standgehalten und war wahrscheinlich schon vor langer Zeit in sich zusammengestürzt. Freilich konnte man den Turm nicht mit den sechs ›Zinnen‹ vergleichen, jenen himmelhohen Vorgängerbauwerken in der Nähe des Dorfes Begrad, die sich wie die Finger einer Riesenhand in schwindelerregende Höhen streckten. Doch auch dieses massive Gebäude, das aus viel jüngerer Zeit stammte, war imposant. Im Umkreis des Turms konnten die drei nur wenig von einer weiteren ehemaligen Bebauung zu entdecken. Hier hatte die Wüste ganze Arbeit geleistet. Nur die kümmerlichen Reste einer niedrigen Ziegelwand, in deren Schutz Deris ihr Lager aufschlug, und ein paar halb im Sand versunkene Pfeiler eines alten Aquädukts gab es noch zu entdecken. Den Rest hatte sich längst die Wüste geholt. Was war der Zweck dieser einsamen Aussicht gewesen? Wer hatte sie einst errichtet und wer in ihr gewohnt? Isene und der Prinz konnten keinen Eingang finden. Sicherlich lag er verschüttet unter der Erde und war ohne passendes Werkzeug für sie unerreichbar. Aber wenn es schon kein Wasser gab, so doch den Schlagschatten des Turms und der war in dem Glutofen der offenen Wüste fast ebenso wertvoll.

Als sie dann müßig im Schatten unter der Ziegelmauer rasteten und auf den Sonnenuntergang und die damit verbundene Abkühlung warteten, bemerkte Selin, dass seine Diebin immer wieder aufmerksam das fensterlose Mauerwerk begutachtete.

»Woran denkst du?«, fragte er. »Juckt es dich in den Fingern?«

Isene wandte sich ein wenig ertappt zu ihm: »Was meinst du? Wie alt ist das Gebäude und welchen Zweck hatte es? War das ein Faulturm? Du kennst dich doch da besser aus als ich.«

AArchitektur war in der Tat eine von Selins Fachgebieten. Er wusste wenig über Einbrüche, Diebstahl und Hehlerei, dafür umso mehr von der Geschichte des Reiches. Sie war ein wenig geschätztes Pflichtfach in seinem Prinzenunterricht gewesen. Er hatte zwar meist gedöst oder heimlich mit seiner Lektüre Jagd auf Fliegen gemacht, aber ein paar Dinge waren ihm doch aus den Lehrstunden seines alten Erziehers Benaqir in der Erinnerung verblieben. Besonders diese spannende Geschichte:

»Ein Gefängnisturm? Mitten in der Wüste? Sicher nicht. Ich glaube, dass dieses rote Gebäude einmal ein Teil der Befestigungsanlage war, mit der ›Salzige Meeresgischt‹, der vierte der Binghi, das Reich vor den Ungeheuern schützen wollte, die nach einem Erdbeben aus dem Bruch quollen. Die gewaltige Schlucht beginnt nicht weit entfernt nordwestlich von hier. Von der Turmspitze aus müsste man sie eigentlich sehen können. Ich weiß, dass man damals Meldetürme und befestigte Forts in der Toten und auch in der Gelben Wüste errichtete, um die Karawanen und die Ortschaften zu warnen und zu schützen. Doch die meisten dieser Anlagen waren aus Holz und sind längst geschliffen. Weil dieser Turm aus rotem Sandstein ist, den man nur an den Klippen des Südmeers findet, hat er den Wüstenstürmen getrotzt. Ich vermute, dass er ein Befehlsstand der alten Generalität war.«

»Ganz bestimmt gab es hier mal eine Wasserquelle«, mischte sich Deris ein. »Die Reste des Aquädukts weisen darauf hin. Vielleicht befindet sich im Inneren des Turms noch immer ein Brunnen, der Wasser hat.«

Isene erschauderte. »Glaubt ihr, dass es diese Ungeheuer der Tiefe wirklich gegeben hat?«

Deris zog skeptisch einen Mundwinkel in die Höhe. »Das sind Monster aus Märchen, wie sie mir meine Anéh erzählt hat. Was sollen das denn für Tiere gewesen sein? Murlane? Echsen oder Drachen?«, wandte er sich an Selin.

»Eher große Mistkäfer, wenn man den Aufzeichnungen Glauben schenkt. Es gab sie wirklich. Das steht außer Frage. Ihr Auftreten und ihr Aussehen sind in den alten Büchern gut belegt. Es gibt viele Zeichnungen und Beschreibungen aus alter Zeit. Danach sahen sie wirklich ein wenig wie Skarabäen aus – schwarzglänzend und dabei ungefähr so groß wie eine Ziege. Sie hatten wie Krebse starke Zangenarme und waren sehr flink auf ihren acht Beinchen unterwegs, konnten aber nicht fliegen. Ein einzelnes Ungeheuer aus der Tiefe war nicht weiter gefährlich und konnte auch von einem Bauern oder gar einem Kind leicht besiegt werden. Denn die Käfer hatten Angst vor dem Tageslicht und vor Feuer. Sie waren Geschöpfe der Finsternis und der Nacht. Oft genügte es, das geblendete Tier geschwinde mit einem Speer auf den Rücken zu drehen und ihm in seine weiche Bauchseite zu stechen. Doch häufig tauchten die Insekten in schier unüberschaubaren Massen auf, in Herden wie die Termiten, die nach Tausenden zählten. Sie überfielen die Dörfer und machten gefräßig alles nieder, was ihnen in den Weg kam. Der Krieg gegen die Bruch-Ungeheuer war ein zähes Ringen, das sich über Jahre hinwegzog. Aber schon zur Lebenszeit von Lakmi-âs-Sekr, meiner großen Vorfahrin, – also nur etwa einhundert Jahre später – waren die Käfer so vollkommen vom Erdboden verschwunden, als hätte es sie nie gegeben. Die große Forscherin hat übrigens den Bruch erkundet und in seinen Tiefen nicht einmal mehr Überreste dieser Insekten gefunden.«

[Zum 3. Teil —>]

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Die Perle vom Roten Turm – Erzählung Teil 3

[Zum 2. Teil —>]

prinzselin

anfGibt es eigentlich einen Ort auf dieser Welt, an dem deine Ahnin nicht war?«, fragte Isene und dachte an Lakmis ›Weg, der in den Tag führt‹, den sie zu ihrem Bedauern im Thronsaal des Namenlosen zurückgelassen hatten und wahrscheinlich beim Brand des Gebäudes zerstört worden war. Dies bildete einen ständigen Streitpunkt zwischen Selin und ihr. Er küsste seine Diebin rasch auf die Wange und wechselte das Thema:

»Über diesen Turm hat sie jedenfalls nie geschrieben. Was meint ihr, was sich im Inneren alles verbirgt? Vielleicht etwas, das wir brauchen können?«, fragte er harmlos, denn es war deutlich, wohin ihre Gedanken Isene führten. Sie schnalzte abschätzend mit der Zunge.

»Wohl kaum. Außer Unrat und den Dreck der Jahrhunderte werden wir bestimmt nicht viel finden. Der Turm ist schon vor langer, langer Zeit aufgegeben worden.« Sie zögerte. »Allerdings hat Deris recht. Das Gebäude könnte über einer Zisterne errichtet worden sein. Es ist eine vage Hoffnung. Denn selbst wenn es einmal einen Brunnen gab, dann ist er wahrscheinlich längst ausgetrocknet.«

»Wollen wir nicht nachsehen?«, fragte Deris listig in die Runde. Selin nickte zustimmend.

»Wir brauchen auf jeden Fall schon bald neue Wasservorräte und ich kenne keine Oase, die wir erreichen können, bevor sie versiegen. Außerdem weiß ich, dass es dich reizt, mein Augenstern, dem Turm aufs Dach zu steigen. Bestimmt entdecken wir einen Schatz.«

»Bei den Tränen der Großen Mutter«, lachte Isene. »Schön wäre es. Ein wenig mehr Gold könnte uns auf unserer Flucht durchaus von Nutzen sein. Allerdings wir sind bestimmt nicht die Ersten, die auf diesen geheimnisvollen Turm stoßen und neugierig werden, was er in sich verbirgt. Wenn in dem Turm etwas Wertvolles liegen blieb, nachdem er geräumt wurde, dann wurde es schon vor langer Zeit geplündert.« Sie zögerte und runzelte die Stirn. »Allerdings ist es nicht schwer, hinaufzusteigen und vom oberen Stockwerk, dessen Dach fehlt, ins Innere zu gelangen. Ich denke, wenn wir kurz nach Mitternacht aufbrechen, sind wir bei Sonnenaufgang an der Spitze.«

Deris klatschte in die Hände. »Endlich wieder ein Abenteuer!«

»Können wir uns das leisten? Die Erkundung des Turms wird doch sicherlich einen Tag oder zwei in Anspruch nehmen. Was ist mit unseren Verfolgern?«, bremste Selin die Begeisterung von Isene und Deris.
»Ich glaube nicht, dass sie uns einholen werden … falls sie uns überhaupt noch auf der Fährte sind und sie nicht längst verloren haben. Die Wüstenwinde und der Chamsin vor drei Tagen haben alle Spuren verwischt. Niemand vermutet uns so weit im Osten. ›Bluthands‹ Schergen werden uns wohl eher auf den belebten Karawanenwegen der Grauen Wüste und an den grünen Uferstreifen des Marat nach uns fahnden.« Isene machte eine vorbereitende Pause und Selin und Deris wussten genau, was nun folgte:

»Auf der anderen Seite sagte mein Meister Nefset: ›Die Vorsicht ist die Weisheit der Diebe.‹«

Meister Nefset – schon wieder! Selin war dem greisen Diebesmeister einmal während seiner Flucht aus Karukora begegnet und er hatte ihn nicht besonders beeindruckt. Hätte er jedoch jedes Mal einen Soles bekommen, wenn Isene ihren alten Lehrer bei der Gilde zitierte, wäre er inzwischen reicher als ›Goldener Finger‹ gewesen, sein wegen seines Vermögens sprichwörtlich gewordener Urgroßvater. Der zittrige Nefset, der ›goldener Finger‹ wahrscheinlich noch gekannt hatte, war eine Legende unter den Dieben des Südens, die sich zur ›Gild’obschura‹ zusammengeschlossen hatten. Hatte er doch einst die gut bewachten Katakomben unter dem erloschenen Vulkan Uccelonido geplündert, wo die Nomaden der ›Macciaverda‹ die Tempelschätze ihrer barbarischen Gottheiten aufbewahrten. Nefset hatte auch ein viel gelesenes Buch über diesen abenteuerlichen Raubzug geschrieben und dazu noch ein zweites, in dem er in Paragrafen mit Erläuterungen die Regeln des Diebstahls erläuterte – eine langweiliger und konventioneller als die andere und alle in der Praxis untauglich. Das fand zumindest Selin. Die Maxime mit der ›Vorsicht‹ war die sechsundzwanzigste im Buch, das unter dem blumigen Titel ›Die 99 geheimen Schlingen des blütenreichen Gift-Efeus‹ bekannt war und auf dem Index der Maraia-Priesterinnen stand. Es wurde trotzdem fleißig gelesen. Isene kannte alle diese Sprüche auswendig und zitierte sie bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit. Wäre Nefset nicht ein so alter Tattergreis, wäre Selin eifersüchtig gewesen.
»Ich denke, wir können eine kleine Besichtigung des Turms wagen«, beendete Isene die Diskussion. »Aber es kann nicht schaden, wenn wir uns gut vorbereiten.«

Scarab

Nach etwa einer halben Stunde weiterer Kletterei zog sich Isene über einen letzten, weit aus dem Mauerwerk herausragenden Holzbalken empor. Er ächzte zwar unter ihrem Gewicht, hielt aber stand. Hier oben war die Mauerkrone aufgebrochen und wie nach einem Angriff beschädigt. Einige Steine fehlten. Isene würde durch eine schmale Lücke in der Wand vor ihr, die wie eine gezackte Narbe aussah, mühelos ins Innere des Turms steigen können. Endlich hatte sie ihr Ziel erreicht und hätte eigentlich zufrieden sein sollen. Aber sie fühlte sich unbehaglich und unsicher. Die Diebin in ihr glaubte, zu spüren, dass sie jemand beobachtete. Das war nur eine ganz unbestimmte Empfindung, die sie nicht näher greifen oder gar beschreiben konnte. Aber sie war vorhanden. Und sie war bislang immer gut gefahren, wenn sie diesem Bauchgefühl gefolgt war. Eine Gefahr näherte sich; auch wenn sie Quelle und Richtung noch nicht einschätzen konnte. Ging diese Bedrohung vom Turm aus oder von der trostlosen Wüstenei, in deren wegloser Mitte er sich erhob? Dieser Kletterausflug jedenfalls war ein Fehler, da war Isene sich inzwischen sicher.

Eine der wichtigsten Regeln, die ihr der Meister Nefset von der Diebesgilde auch mithilfe eines Rohrstocks nachdrücklich eingebläut hatte, war jene, sich immer wieder ihres Fluchtwegs zu versichern. Dieser Grundsatz war ihr in Fleisch und Blut übergegangen. Deshalb sah sie sich abschließend und absichernd um, bevor sie den Turm betrat. Zuerst warf sie einen prüfenden Blick zu ihrem Prinzen hinunter, der nun knapp unter ihr schweißtriefend am Griff eines Messers hing, das sie in eine Fuge des Mauerwerks getrieben hatte. Er nickte ihr zuversichtlich zu. Tief unter Selin war alles, wie es sein sollte: Am Fuß des Turms des Turms war nichts zu entdecken. Deris hatte ihre Spuren vor seinem Aufbruch zu der Düne, hinter der er sich und die Kamele verbarg, sorgfältig verwischt und die Feuerstelle im Sand vergraben. Falls einer ihrer Verfolger zufällig vorbeikam, würde er nichts Verdächtiges bemerken. Aber solange die beiden nicht im Inneren des Turms waren, konnte er sie mit einem Gewehr wie fette Tauben von der Mauer schießen.

Isene blinzelte in die bleiche Sonnenscheibe, die wie das aufgedunsene, fahle Antlitz eines toten Gottes knapp über dem Dunst des Horizonts schwebte und ihre milchigen Strahlen über der Wüste vergoss.

›Die Freundin des Diebes ist die Nacht und der Morgen sein größter Feind‹, hatte Meister Nefset immer betont. Die Erinnerung an den alten Meister, dem sie wahrscheinlich in diesem Leben nicht mehr begegnen würde, tat weh. Er war eine niemals versiegende Fundgrube an Sinnsprüchen und brauchbaren Merksätzen für den Diebesalltag gewesen. Doch es würde bestimmt niemand vorbeikommen, hier in dieser Einöde. Dies war ein Abenteuer, mehr nicht. Zudem würde sie die Annäherung von Verfolgern von ihrem hohen Aussichtspunkt aus sofort entdecken. Gleichgültig, in welche Richtung sie blickte: Nirgendwo regte sich etwas. Ihr Bauchgefühl musste sie diesmal trügen. Oder gab es in dem Turm etwas, das sie fürchten musste? Sie lauschte in sich hinein, doch im Moment schwieg die Stimme, die sie am Abend gerufen hatte.

Isene zuckte mit den Schultern und quetschte sich durch die Lücke im Mauerwerk des halbzerstörten obersten Stockwerks. Obwohl sich der Turm nach oben verjüngt hatte, war seine Krone ein einziger kreisrunder Mauerring von immerhin noch etwa fünfundsechzig Fuß. Er hatte längst kein Dach mehr, wenn er je eines besessen hatte. Da die Wand allerdings sehr hoch war, fand jetzt am frühen Morgen nur ein dämmriger Lichtschein von oben und durch wenige Lücken ins Innere. An der Nordseite klaffte ein leeres, ausgebrochenes Fensterloch, das einen Ausblick auf weitere graue Dünen bot. Dort hinten musste der gewaltige ›Bruch‹ liegen, die schier bodenlose, viele Hundert Meilen lange Schlucht, die sie noch nie gesehen hatte.

Isene öffnete wieder die Blende ihrer Laterne, die sie am Gürtel trug und schwenkte ihr Licht über den unebenen Boden. Verwitterte Bohlen und der Dreck von Jahrhunderten lagen auf den rohen, pockennarbigen Fliesen – und alles war fingerdick von Wüstensand und Staub überzuckert. Hier gab es nichts Wertvolles zu entdecken. Sie sah genauer hin und bemerkte unter einigen Brettern in der Mitte eine rechteckige Öffnung im Boden, wo wahrscheinlich eine Treppe oder eher eine Leiter hinabführte. Bevor Isene die Dachluke näher untersuchen konnte, quetschte sich auch Selin durch den Spalt herein. Er rang nach Atem. Dann stellte er sich neben sie und leuchtete ebenfalls neugierig mit seiner eigenen Laterne herum.

[Zum 4. Teil —>]

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Die Perle vom Roten Turm – Erzählung Teil 4

[Zum 3. Teil —>]

anfHier könnte mal wieder jemand sauber machen«, stellte er fest. In seiner Stimme schwang Enttäuschung. Doch dann blieb sein Lichtkegel zitternd auf einer großen Steinplatte liegen, die neben dem Fenster stand. Isene hatte sie zuerst für einen Rest der Wandverkleidung gehalten.

»Das ist ja interessant«, murmelte Selin und trat näher an seine Entdeckung heran. »Ist das altwendische Schrift?«

Nun sah Isene es auch. In die Platte war eine noch immer gut lesbare Inschrift gemeißelt. Sie beherrschte die alte Sprache des Wendlands nicht und deren schlichte Runen sahen ihr nach der Kritzelei eines Geometers aus, der sich an der Quadratur eines Kreises versucht. Sie hatten nicht einmal eine entfernte Ähnlichkeit mit den elegant geschwungenen Glyphen, mit denen man im Reich schrieb. Für den belesenen und in der Geschichte des Reiches gut unterrichteten Prinzen stellte der Text jedoch keine große Herausforderung dar. Mit den Fingern folgte er den Schriftzeichen, während er sie übersetzte:

runen1»Is bad’ne sa tiQe, we da rabu ti … hm, also … ›Die Zeit ist wie Wüstensand in meiner Faust, je fester ich sie fassen will, umso schneller rinnt sie mir zwischen den Fingern hindurch.‹ Weise Worte. War dies ursprünglich ein Philosophenturm wie der ›Prygos‹ des Mison auf Lindmar?«, wandte sich Selin zu Isene.

»Das glaube ich nicht. Lies weiter.«

»Gut. Jetzt wird es sachlicher. Dies ist eine Art Bauurkunde oder Grundstein des Turms, wenn ich das richtig übersetze: ›Gewährt in seiner endlosen Weisheit durch die gnädige Huld von ›Salzige Meeresgischt‹ und fertiggestellt im 4. Jahr seiner glorreichen Herrschaft, die niemals enden möge. Diese Tafel wurde errichtet im Jahr 3122 nach Mánis Fall. Das ist das heilige Jahr 77 nach der Gründung Karukoras, der von Maraias Tränen gesegneten Stadt. Geschrieben im 2. Jahr der schrecklichen Kriege gegen die … Chêprr und Hâmidi aus der Unterwelt …‹« Der Prinz zögerte. »Chêprr, Hâmidi. Das sind Wörter, die ich nicht kenne. Aber es sind wohl Bezeichnungen für die Ungeheuer, die das Reich überfielen. Wir hatten recht, was den Ursprung des Turms betrifft. Interessant sind hier auch die genauen Jahreszahlen, die genannt werden. Mancher von der Historikergilde würde seinen linken Arm geben, um diese Inschrift lesen zu können«, begeisterte er sich. Doch Isene, der immer unwohler wurde, trieb ihn zur Eile an:

»War das alles?« Sie sah den Prinzen nicht direkt an, sondern spähte aus dem leeren Fensterquadrat in die Wüste hinaus. War da nicht eben etwas gewesen? Ihr war, als hätte sie etwas übersehen.

»Nein, da steht noch mehr. Und jetzt wird es wirklich interessant: ›Gegeben dem edlen Siebling Lames Heisenberg für seine Verdienste als Vezir des Falkenthrons. Möge der treue … As’Teorfan – das ist wieder ein Wort, das mir unbekannt ist, vielleicht ein Generalsrang – hier die Ruhe finden, die ihm sein Schicksal bisher verwehrt hat.‹ Das ist alles.«

»Ist das ein Grabmal?«, fragte Isene nachdenklich. Die Chance, auf einen Schatz zu stoßen, war gestiegen.
»Nein, ich glaube nicht. Weißt du, wer Heisenberg war?«

»Selbstverständlich! Wer denn nicht? Auch wir Armen haben die Schule besucht. Lames Heisenberg war einer der Sieblinge; ein Gefährte des Namenlosen, der mit ihm über den Marat gefahren kam, um Karukora zu gründen …«
»Derer sieben waren am Anfang mit dem Bingh, drei Männer, vier Frauen: Asgëir, Betane, Heisenberg, Lines, Rhoda, Serdan und Zycla. Und Maraia war mitten unter ihnen. So wird es uns in den Tempeln gelehrt. Aber das kann nicht sein. Heisenberg muss zur Regierungszeit von ›Salzige Meeresgischt‹ schon viele hundert Jahre alt gewesen sein. Wahrscheinlich war dieser hier, den die Schrift erwähnt, ein Nachfahre des Gefährten des ersten Namenlosen. Merkwürdig ist nur, dass er im Text explizit als einer der ›Sieben‹ bezeichnet wird. Aber es kann sein, dass es wie der ›Namenlose‹ ein Ehrentitel war, der vom Vater auf den Sohn weitergegeben wurde. Ich habe allerdings nie etwas über einen Vezir mit diesem Namen gelesen. Und As’Teorfan, das heißt übersetzt so viel wie ›Der Gottgleiche‹ oder ›Der Ewige‹. Merkwürdig!«

Isenes Augen weiteten sich. Doch es waren nicht die gelehrten Ausführungen ihres Prinzen, die sie erschreckten. Ihre scharfen Augen hatten draußen in der Wüste eine Bewegung gesehen. Selin stoppte verunsichert seinen Redefluss.

»Was ist?«

Isene deutete auf das Fensterloch: »Wir sind nicht mehr allein!«

Sie hatte eine dünne Staubfahne erspäht, die knapp unter dem Horizont emporstieg. Außer dem Flimmern der Luft über der Wüste war es die einzige Bewegung, die sie erkennen konnte. Es war keine Sarab Morgana, die ihre Augen täuschte. Dort draußen war eine nicht bestimmbare Anzahl an Reitern unterwegs und sie bewegten sich auf den Turm zu. Sie waren noch fern, kamen aber schnell näher. Selin kniff die Augen zusammen und nickte.

»Das musste ja mal geschehen«, stellte er resigniert fest. »Wir waren in den letzten Wochen einfach zu sorglos. Unsere Hoffnungen, die verfluchte ›Bluthand‹ hätte aufgegeben, waren zu früh!«

»Die Verfolgten sind immer zu sorglos, hat mein Meister gesagt. Hast du wirklich geglaubt, dieses Ungeheuer auf dem Falkenthron würde den Letzten der Binghi einfach so ziehen lassen? So lange noch ein einziger aus deiner Familie lebt, ist seine Herrschaft gefährdet.« Sie runzelte die Stirn, dachte nach. »Aber ich bin mir nicht sicher, ob das dort in der Ferne die Häscher der ›Bluthand‹ sind, die er hinter uns hergeschickt hat. Karukora liegt im Südwesten und diese Reiter kommen aus nördlicher Richtung. Vielleicht sind sie harmlose Reisende wie wir. Schade, dass ich das Fernglas Deris gegeben habe, damit er uns im Auge behalten kann. Auf der anderen Seite wird er es jetzt mehr brauchen als wir.«

»Ich kann nicht abschätzen, wie viele Reiter das sind. Aber anhand der Staubwolke, die sie hinter sich herziehen, würde ich fast eine halbe Hundertschaft vermuten. Ist das eine versprengte Militäreinheit, die wie wir vor den Barbaren in die Wüste geflohen ist?«

»Das ist denkbar. Dann könnten wir uns ihnen anschließen. Sie würden uns sicher helfen, wenn sie erfahren, dass der letzte Prinz der Binghi noch lebt. Aber wenn es Karawanenräuber sind? Oder doch Assassinen, die ›Bluthand‹ angeheuert hat? Das Mördergesindel der Druşba es-Sakr, der ›Kalten Hand‹, ist sicher sofort zu ihm übergelaufen. Sie ist immer auf der Seite der Sieger und der prall gefüllten Geldkatzen.«

Selin warf sehnsüchtig einen Blick auf die Luke zu seinen Füßen, deren unter ihr verborgene Schätze er gerne erkundet hätte.

»Sollen wir wieder hinuntersteigen und versuchen, zu fliehen? Oder hast du eine andere Idee?«, fragte er unschlüssig.

Isene seufzte unhörbar. Wieder einmal blieb die Entscheidung an ihr hängen. Der Prinz hatte viele gute Eigenschaften. Er war tapfer, warmherzig und humorvoll, sanft und belesen – und sie liebte ihn von ganzem Herzen. Er war der eine, besondere Mensch, auf den sie ihr Leben lang gewartet hatte; ihr Seelenpartner, von dem sie sich niemals trennen wollte. Aber er war durch sein Aufwachsen im behüteten Serail seines Vaters ›Seidenschal‹ nachgiebig, manchmal naiv und oft vollkommen entschlusslos. Er hätte einen schlechten Namenlosen abgegeben und wäre wie formbares Wachs in den Händen eines gewieften Vezirs oder Generals gewesen, der ihn beriet. Er unterwarf sich bei vielen Gelegenheiten vollkommen Isenes Entscheidungen und ihrem Willen. Das empfand sie meistens als richtig. Im Gegensatz zu ihm war sie es schon seit ihrer frühen Kindheit gewohnt, Entschlüsse zu treffen und schwierige, oft lebensbedrohliche Situationen zu bewältigen. Der Aufstieg auf den Turm war wie ein Sinnbild für ihre Beziehung gewesen. Doch ab und an wünschte sie sich, sich so schwach und verletzlich zeigen zu können, wie sie sich in manchen Stunden fühlte.

[Zum 5. Teil —>]

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Die Perle vom Roten Turm – Erzählung Teil 5

[Zum 4. Teil —>]

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anfNein«, entschied sie, »wir würden zwar mit meinem Seil sehr schnell absteigen können, aber bis wir Deris gefunden haben, der die Reiter bestimmt ebenfalls entdeckt hat und sich gut verborgen hält, sind wir Freiwild. Außerdem sind unsere Kamele erschöpft und langsam. Wir kämen nicht weit auf ihnen. Ich schätze, die Reiter sind im Moment etwa fünfundzwanzig Meilen entfernt. Bei der Geschwindigkeit, die sie vorlegen, haben sie schnelle Kamele. Also müssten sie in einer knappen Stunde hier sein. Vielleicht bemerken sie uns ja nicht, wenn wir uns hier oben verstecken und sie ziehen vorbei. Lass uns frühstücken und uns von der Kletterei erholen. Wir werden einfach abwarten, wer da kommt und was er tut.«

Damit war der Entschluss gefasst. Isene setzte sich unter den Ausguck und lehnte sich gelassen gegen die Mauer. ›Geduld ist die größte Tugend des Diebs‹, kam ihr einmal mehr ein Sprichwort von Nefset in den Sinn. Sie kramte in dem Beutel, den sie an der Hüfte trug und zog eine Handvoll getrocknete und kandierte Datteln heraus, eine Spezialität aus der Mahala-Oase, die in Karukora unter dem Namen Halvá Tavariq verkauft wurde. Sie schien einen schier unerschöpflichen Vorrat dieser klebrigen Süßigkeit in ihren Taschen mit sich zu führen. Selin setzte sich zu ihr in den Dreck und pflückte eine der Früchte aus ihrer Hand. Er wünschte sich, es würde ihm gelingen, so gelassen wie Isene zu sein. Sie schien sich nie große Sorgen um ihre gemeinsame Zukunft zu machen.

›Wahrscheinlich wird man so, wenn jeder Tag ungewiss ist und man immer mit einem Fuß im Gefängnis steht‹, dachte er. Sie hatte ihm nur wenig von ihrer Kindheit und ihrer Jugend, von dem gewalttätigen Vater – dem versoffenen Puppenmacher Hâmet – und ihrem Leben als Adeptin der Diebesgilde erzählt. Aber es musste ein zäher Kampf ums Überleben gewesen sein, der manche Bitternis und den beißenden Sarkasmus erklärte, die sie oft an den Tag legte. Doch der Prinz hatte auch ihre andere Seite kennengelernt, die voller Liebe, Zärtlichkeit und Hoffnung war. Er spuckte den Dattelkern aus und wickelte seinen Turban ab. Er legte das weiße Tuch in ihren Schoß und legte seinen Kopf darauf. So war es einigermaßen bequem. Abwesend streichelte Isene seinen blanken Schädel und sang nachdenklich und leise eine Melodie, die Selin nicht kannte:

»Finsternis, alter Freund. Ich besuch dich, um zu reden …«

Da er nur in der ersten Hälfte der Nacht geschlafen hatte, wurde er schnell müde. Er schloss die Augen. Mit den Gedanken an die Geheimnisse, die der Turm unter ihnen barg, schlief der Prinz tief ein.

Scarab

Er öffnete er seine Augen. Es fiel ihm erstaunlich schwer. Um ihn herum regierte die absolute Dunkelheit. Er lag auf dem Bauch und schwamm in ihr. Sie schien ihm ölig und schwerflüssig zu sein und er hatte das Gefühl, sie würde an ihm ziehen und zerren. Die Dunkelheit lastete wie ein warmer, dicker Teppich auf ihm, presste ihn in einen schlammigen Untergrund. Das Atmen war in dieser Atmosphäre eine Qual und es gelang ihm kaum, seine Arme und Beine zu bewegen. Er überlegte, wie er in diese Lage geraten war, aber seine Vergangenheit war ebenso finster wie die Nacht um ihn herum. Er wusste nicht einmal, wie er hieß und wer er war.

Doch da, vor ihm – in schier unendlicher Entfernung: Da war ein winziger Lichtpunkt. Auch wenn er nur schwach und unsicher funkelte, war er kein Trugbild. Er existierte tatsächlich in diesem vollkommenen Nichts. Dort in der Ferne flüsterte auch eine fast lautlose Stimme. Ein ruhiger, tiefer Klang drang an sein Ohr. Es wurde ein ewig gleicher, ein einziger Satz wiederholt. Ein Befehl? Doch er verstand ihn nicht, denn der Sprecher war ebenso weit entfernt wie das Licht.

Er rang lange mit sich und der Lethargie, die ihn komplett beherrschte. Er war noch nie in seinem Leben so müde gewesen wie in diesem Moment des Erwachens. Dann, nach vielen Jahren der Entschlusslosigkeit, machte er sich doch auf den Weg und er begann, auf das Licht und die Stimme zuzukriechen. Es erschien ihm plötzlich sehr wichtig, den Satz zu verstehen, in die ferne Helle zu treten. Sie lockte ihn wie eine verführerische Dijnnya. Der Widerstand der Flüssigkeit war enorm. Jede Handbreit, die er ihr abrang und ihn im teerigen Schlamm ein paar Millimeter vorwärtsbrachte, kostete ihn unbeschreibliche Qual und Anstrengung. Aber er gab nicht auf. Es ging nur langsam, gut, aber wenn er etwas außer seinem nackten Dasein besaß, dann war es Zeit. Er schien sogar einen ewigen Vorrat an Zeit zu besitzen. Er fühlte die Ewigkeit, die seine Seele durchtränkte, als wäre er selbst Waqt Al’Ab, die ›Mutter der Zeit‹. Sein Herz schlug kräftig und gleichmäßig wie der Maschinentakt des Prozessors. Dieser Pulsschlag und das unverständliche Murmeln waren die einzigen Laute, die er hörte. Und so kroch er unverdrossen weiter.

Nach einhundert Jahren ließ der Druck ein wenig nach, unmerklich zuerst, dann immer schneller. Er wand sich jetzt nicht mehr wie eine Schlange durch die gelierte, festgefrorene Schwärze, sondern krabbelte auf allen vieren. Weitere einhundert Jahre vergingen und er fühlte sich stark genug, sich aufzurichten und erste, tastende Schritte zu wagen. Seine Füße versanken bis zu den Knöcheln im zähen Untergrund. Sie schmatzen bei jedem Heben. Keuchend schlurfte er weiter. Manchmal glaubte er schon beinahe, ein paar der Sprachfetzen aus der Ferne verstehen zu können, auch wenn sie keinen Sinn machten.

Ein weiteres Centennium lag hinter ihm. Aus seinem mühsamen Vorwärtsstolpern war inzwischen ein kräftiger, aufrechter Gang geworden. Er ging weiterhin unverdrossen auf das ursprünglich winzige Licht zu. Es hatte sich allmählich zu einem Rechteck vergrößert, einer geöffneten Tür. Diese wirkte auf ihn, als hätte ein Gott sie mit einem Lichtmesser aus dem Nichts herausgeschnitten. Nun war die Männerstimme, die zu ihm sprach, kräftig und laut. Doch noch immer konnte er sich keinen Reim aus den Worten machen, die an sein Ohr drangen. Ihr Rhythmus glich immer mehr den Verszeilen eines Gedichts. War das überhaupt eine Sprache, die er verstehen konnte, oder nur das Brabbeln eines Geisteskranken, eines Idioten? Doch wenn ihm der richtige Gedanke kam – da war er sicher -, dann würde er alles Gesprochene sofort verstehen – würde die Welt wieder von Neuem für ihn starten.

Zuversichtlich ging er weiter. Auch ein Weg, der achtzehn mal achtzehn Generationen dauerte, musste ihn einmal an sein Ende führen. Wie er die unbegreifliche Zeitspanne überdachte, die sein Leben nun schon währte – es hatte so viel länger gewährt als die paar Jahrhunderte, die er nun schon in der Dunkelheit unterwegs war -, kam ihm eine Erinnerung in den Sinn. Wie ein Blitz fuhr sie durch ihn. Sie leuchtete für den Hauch eines Augenblicks die schwarzen Regale in der von ihm selbst verschlossenen Bibliothek seiner Erinnerungen aus. Er hatte das Archiv seiner selbst seit seinem Erwachen im Nichts nicht mehr betreten.

Die Gestalt eines sehr jungen, schönen und schlanken Mannes erschien vor seinem geistigen Auge. Er trug wüstentaugliche Reisekleider und einen festgebunden weißen Turban auf dem Kopf. Für Augenblicke trat der Jüngling so real neben ihm, dass er erschrocken innehielt. Hatte er einen Begleiter gefunden? Nein, leider nicht! Die Erscheinung begann zu verblassen, löste sich auf wie Zucker in schwarzem Tee. Nach kürzester Zeit blieb nurmehr der Eindruck eines erstaunten Gesichts zurück, das ihn überrascht gemustert hatte. Er war sich plötzlich sicher, dass dies doch keine Erinnerung aus einem der unzähligen Bücher seiner Gedächtnisbibliothek war, sondern ein neuer Sinneseindruck, ein neuer Gedanke – vielleicht sogar ein Blick in die Zukunft hinter der Tür aus Licht.

Und nun fiel ihm auch der Name des Jünglings ein. Er sprang ihm auf die Zunge, über die Lippen. Er schrie ihn hinaus in die Finsternis. Und zum ersten Mal seit über 300 Jahren erklang die Stimme des As’Teorfan:

»Selin!«

[Zum 6. Teil —>]

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Die Perle vom Roten Turm – Erzählung Teil 6

[Zum 5. Teil —>]

Lakmi1

II.
Fallen, Treppen und Geheimnisse

selin»Selin!«, flüsterte Isene. Doch den schlafenden Prinzen weckte nicht ihre leise Stimme, sondern der Knall einer Büchse aus seiner komaähnlichen Bewusstlosigkeit, in die er gefallen war. Innerhalb von Augenblicken war er jedoch hellwach. Er sprang alarmiert auf die Füße und griff nach seinem kurzen Säbel, um sich und die Geliebte zu verteidigen.

Doch kein Angreifer war in seiner Nähe. Selin sah sich um und entspannte sich. Während seines Schlafs auf den staubigen Fliesen hatte sich wenig verändert. Er war noch immer mit seiner Diebin allein oben im Dachgeschoss des Roten Turms. Seine Ruhepause hatte länger gedauert, als er zuerst dachte. Doch an dem Sonnenstand sah er, dass es bald Mittag war. Das Tagesgestirn stand inzwischen fast senkrecht über dem Turm und brannte durch das zerstörte Dach zu ihnen herab. Die Hitze war mörderisch. Selin bemerkte, dass ihm der Schweiß aus allen Poren quoll und ihn seit dem Erwachen heftige, hämmernde Kopfschmerzen plagten. Isene hockte gebückt im Schatten neben der alten Fensteröffnung und bedeutete ihm mit einer Geste, ihrem Beispiel zu folgen. Er schlich sich heran und wollte hinunterspähen, doch sie packte ihn an seinem Hemd und zog ihn vom Fenster weg. Keine Sekunde zu spät! Ein weiterer Schuss fiel. Vom Balken des Fensterstocks spritzten Reste vom Verputz, als die Kugel in das Holz einschlug. Von der Tiefe waren Gelächter und Jubel zu hören.

»Sind das die Reiter?«, fragte Selin das Offensichtliche. »Haben sie uns entdeckt?«

Isene bewegte ihren Mund an Selins Ohr.

»Bisher noch nicht. Aber das kann sich schnell ändern, wenn du weiter so laut bist. Der Trupp ist etwa vor einer halben Stunde angekommen und hat ein Lager aufgeschlagen, Zelte errichtet. Offenbar wollen sie länger bleiben. Insgesamt sind es um die 40 Frauen und Männer und sie machen keinen vertrauenserweckenden Eindruck. Ich glaube, es sind Wüstenräuber. Ein paar Sintari scheinen auch dabei zu sein. Ihr Anführer ist jedenfalls ein wilder Kerl mit einem Bart, der ihm bis zum Bauch reicht. Ein Hüne wie ein Ejimlaq’Um aus den Märchen. Wenn ich die Gesprächsfetzen, die von unten bis zu uns heraufdringen, richtig verstanden habe, dann nennen sie ihn Abut

»Von einem Abut und seinen Räubern habe ich noch nie etwas gehört. Aber warum schießen sie denn auf uns?«, erwiderte Selin leiser. Gemeinsam traten die beiden zurück in die Mitte des Raums, wo sie vor Querschlägern sicher waren.

»Ich glaube, sie machen nur Schießübungen auf die Turmspitze. Sie warten auf Befehle und ihnen scheint langweilig zu sein«, vermutete Isene.

»Das heißt, wir sind hier gefangen.«

»Ist das zu begreifen?« Die Diebin schüttelte ungläubig den Kopf. »Dieser verfluchte Turm ist seit Jahrhunderten vergessen und dann treffen wir beinahe zeitgleich mit 40 Räubern hier ein, als wäre dies der Platz der ›Allbarmherzigen Eintracht‹ mitten in Karukora. Wenn es ein Ränkespiel der Göttin war, das uns alle zum Turm lockte, dann begreife ich nicht den Sinn dahinter.«

»Die Göttin betreibt keine Kabalen. Das Einzige, was die Allerbarmerin tut, ist es, aus ihren Augenwinkeln heiße Kummertränen über unser Schicksal zu weinen. Sie ist nicht wie die Götzen der Barbaren, für die die Menschen ein Spielzeug sind«, belehrte sie Selin. Er war ein wenig über ihren immer wieder zutage tretenden Unglauben indigniert.

»Brav kaust du die Worte der Priesterinnen wieder, mein frommer Held«, antwortete Isene bissig und hob die Hand, um diese sinnlose Diskussion zu beschließen. »Dann stecken eben eine Dijnnya, ein Ifrit oder Inet höchstpersönlich dahinter, die uns hierher gelockt haben, um uns zu verderben. Wer auch immer …«

Selin nickte nachdenklich. Ihre Worte weckten eine Erinnerung in ihm:

»Ob es der T‘Şeijtan Inet in seiner Eishöhle selbst war, weiß ich nicht. Aber dass wir hierher gelockt wurden, steht für mich fest. Als ich gestern den Turm in der Ferne entdeckte, war mir, als würde mich jemand bei meinem Namen rufen.« Von seinem Traum, aus dem er eben erwacht war und an den er sich nur bruchstückhaft erinnern konnte, wollte er lieber nichts erzählen. Er kannte Isenes Haltung und hörte sie bereits Nefset zitieren:

Ein träumender Dieb heute, ein toter Dieb morgen.

Doch Isene überraschte ihn:

»Das ist seltsam, denn mir ging es ebenso. Ich hörte einen Ruf, der mich lockte. Wenn ich jetzt darüber nachdenke, bin ich mir nicht einmal sicher, ob es mein eigener Einfall war, das Innere des Turms zu untersuchen. Irgendjemand hat uns das eingeflüstert. Wahrscheinlich hat die Stimme auch Abut und seinen Trupp zum Turm geführt. Ich kann nicht behaupten, dass mir das gefällt. Es riecht nach einer Falle. Das macht mir Angst.«

»Ein Wispern in der Dunkelheit, eine Stimme in der Nacht, ein Schrei in der Finsternis …«, kam Selin in den Sinn. Diese Zeilen mussten aus einer alten Schrift stammen, doch er hatte vergessen, in welcher sie ihm begegnet waren. »Das kommt mir bekannt vor. Ich weiß nur nicht, ob ich das gelesen oder gehört habe … Es ist auf jeden Fall schon sehr lange her.«

Er kam nicht dazu, weiter darüber nachzugrübeln, denn eine erneute Gewehrsalve traf den Turm und ein paar Kugeln pfiffen über ihre Köpfe hinweg. Wie auf einen Befehl knieten sich Isene und Selin eilig auf den Boden. Eine barsche, befehlsgewohnte Stimme erreichte ihre Ohren:

»Chadij! Jad-al-woida woi!«, donnerte sie wie das Grollen eines Gewitters vom Erdboden empor. »Es ist genug! Staijh! Meine Sintari zu mir. Ich brauche Freiwillige, die mit mir den Turm besteigen! Ein Seil! Bringt mir ein Seil.«

Der Prinz und die Diebin sahen sich erschrocken in die Augen.

»Ich kann es kaum glauben. Sie kommen hoch«, flüsterte Selin. »Wie lang werden sie brauchen?«

»Sicher nicht so lange wie wir.« Den Prinzen traf ein strafender Blick. »Vielleicht eine Stunde, wenn überhaupt, dann sind sie hier. Sintari sind die besten Kletterer, die es gibt. Ihre Winterquartiere sind die Plattformen auf den schier unüberwindlichen Mauern des Großen Walls.«

»Und was machen wir jetzt?«

»Es gibt nur eine Möglichkeit.« Isene nickte in Richtung der mit Holzbrettern abgedeckten Öffnung im Boden. »Wir müssen in den Turm hinein. Dort können wir uns vielleicht vor ihnen verstecken.«

Scarab

In das ein Stockwerk tiefer liegende Turmgeschoss zu gelangen, war erstaunlich einfach: Von der ursprünglichen hölzernen Dachluke hingen nur noch die eisernen Angeln in ihrer Verankerung im Rahmen. Das Holz der Luke mussten die Zeit oder eine besonders fleißige Sorte Holzkäfer schon vor vielen Jahren in Staub verwandelt haben. Die wenigen morschen Bretter, die über dem gähnenden schwarzen Rechteck im Boden gelegt worden waren, waren offenbar in großer Eile und unordentlich darüber geschoben. Isene und Sahar hatten keine Schwierigkeiten, die Bohlen zu entfernen, die durch die trockene Wüstenhitze leicht wie das Holz des Ochroma-Baums geworden waren. Es gab keine Treppe, die hinab führte – vielleicht hatte es nie eine gegeben. Als Selin jedoch mit seiner Laterne die Luke näher untersuchte, entdeckte er eine Strickleiter. Sie war durch einen Karabiner am Mauerring befestigt.

Der Prinz kratzte sich am Kopf.

»Ist das eine weitere Einladung?«, fragte er sich selbst und belastete versuchsweise die erste Sprosse mit seinem Gewicht. Sie schien ihm fest genug, ihr zu vertrauen. Er warf einen fragenden Blick auf Isene.

»Ich glaube eher, dass wir bei Weitem nicht die Ersten sind, die den Turm erforschen wollen. Diese Strickleiter scheint eine Gruppe vor uns hinterlassen zu haben«, sagte sie und ihre Lippen wurden schmal. Der Prinz kannte diesen Gesichtsausdruck.

»Und das gefällt dir nicht?«

[Zum 7. Teil —>]

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Die Perle vom Roten Turm – Erzählung Teil 7

[Zum 6. Teil —>]

Isenefalle

»… und das gefällt mir nicht. Überlege doch mal: Wenn die Schatzjäger, die hier vor uns abgestiegen sind, wieder zurückgekommen wären, dann hätten sie bestimmt ihre wertvolle Leiter wieder mitgenommen.«

»Du glaubst also, dass sie noch immer dort unten im Turm sind?«

»Ich glaube, wir sollten sehr, sehr vorsichtig sein.« Isene zögerte. »Manchmal ist das Fehlen einer Gefahr bedrohlicher als ihr Vorhandensein«, ergänzte sie nachdenklich.

Selin war sich sicher, dass auch diese Maxime erneut von Meister Nefset stammte, aber er ließ die Bemerkung unkommentiert. Er beugte sich herab und hob seine Laterne über die Öffnung. In ihrem kurzen Lichtradius konnte er nur die ersten Sprossen der Leiter sehen, der Raum darunter wurde von der Finsternis verschluckt, die im fensterlosen Inneren des Turms herrschte. Für einen Augenblick vermeinte er, ein Geräusch zu vernehmen, ein gleichmäßiges, tiefes Brummen, das er mehr in der Bauchgrube spürte, als hörte. Doch als er sich darauf konzentrierte, konnte er nichts mehr ausmachen. Er richtete sich ein wenig auf, hängte seine Lampe an seinen Gürtel zurück und stellte den zweiten Fuß auf die Leitersprosse.

»Es gibt nur einen Weg, das herauszufinden. Bleibe erst einmal hier, bis ich den Boden erreicht habe. Ich weiß nicht, ob die alte Strickleiter uns beide aushält. Sie scheint hier ja schon eine ganze Weile zu hängen.«

Isene nickte. Selin blickte noch einmal hinauf zur Sonne, die er nun wohl für eine ganze Weile nicht mehr würde sehen können. Dann stieg er langsam Sprosse für Sprosse in die Dunkelheit hinab. Die Seilzüge der Leiter knirschten und ächzten besorgniserregend und er drehte sich mit ihnen langsam um seine eigene Achse. Aber sie hielt.

Mit jeder Sprosse wurde die Luft stickiger und und ein scharfer, pilziger Geruch machte das Atmen schwerer. Während der Prinz in die Tiefe tauchte, gewöhnten sich seine Augen an die Finsternis und er konnte im unsicher flackernden Schein seiner Laterne immer mehr von seiner Umgebung erkennen. Sie machte einen beinahe ebenso desolaten Eindruck wie das Dachgeschoss. Auch dieses Turmgemach war bis auf einen im Augenblick nicht näher identifizierbaren Müllhaufen vollkommen leer geräumt. Am schwarz-weiß gefliesten Boden, der teilweise von einem grauen, schimmligen Teppichrest bedeckt war, war diesmal keine Luke zu finden. Der Raum unter ihm war nicht ganz kreisrund, sondern hatte den Grundriss eines großen D’s. An der flachen Seite entdeckte Selin eine eiserne Tür, die vielleicht in ein Treppenhaus führte, über das man zu den tiefer liegenden Geschossen gelangen konnte. Direkt vor der Tür lag der Haufen Unrat, der wie ein aufgeplatzter Wäschesack voller Lumpentücher aussah. Flüchtig nahm er wahr, dass die Wand rund um die Tür schwarz verbrannt war, als hätte es dort ein Feuer mit starker Rauchentwicklung gegeben.

Dann war Selin endlich unten und stand auf dem Teppich, in den sich große Brandlöcher gefressen hatten. Neben ihm lag sauber aufgerollt der Rest der Strickleiter. Das Gemach lag etwa 18 Fuß unter der Deckenluke, durch die Isene zu ihm hinunter spähte.

»Und?«, flüsterte sie. Ihre Frage drang durch die hallende Akustik des leeren Raums erstaunlich laut an die Ohren von Selin. Er winkte, was Isene vermutlich nicht sehen konnte.

»Die Tränenreiche ist noch bei uns. Alles in Ordnung«, rief er und musste im nächsten Augenblick erschrocken zur Seite springen. Mit lautem Gepolter fiel die Strickleiter knapp neben ihm herab. Die obere Schlaufe war mit einem scharfen Messer durchschnitten. Eisige Angst griff Selin ans Herz und er hielt vor Schreck den Atem an. Fassungslos starrte er nach oben. Wollte ihn seine geliebte Diebin hier aussetzen und verhungern lassen? Steckte sie mit Abut und seinen Räubern unter einer Decke? Konnte er sich so in ihr getäuscht haben!

Doch schon wurden die zwei Enden von Isenes Seil zu ihm herunter gelassen. Bevor er noch erleichtert ausatmen konnte, kam die geschickte Kletterin auch schon an dem Seil herab gerutscht. Mit einem kleinen Sprung landete sie sicher neben ihrem Prinzen.

»Das wird die Sintari-Räuber kaum aufhalten, wenn sie das Dach erreichen. Aber warum sollen wir es ihnen einfach machen?«

Sie zog lässig an einem Ende ihres Seils, das dadurch zu ihr herabfiel. Geschwind rollte sie es auf und hängte es sich wieder an ihren Gürtel. Selin wischte sich den kalten Schweiß von der Stirn und leuchtete erleichtert im Kreis herum. Isene sollte nicht bemerken, dass er kurz an ihr gezweifelt hatte. Er vergaß immer wider, wie haushoch ihre Erfahrung der seinen in solchen ›Diebesangelegenheiten‹ war.

So weit das Selin erkennen konnte, war das Turmgemach tatsächlich bis auf das Bündel alter, angekokelter Lumpen vor der eisernen, mit schweren Beschlägen befestigten Tür unmöbliert und die gekalkten Wände kahl. Hier gab es auch keine Steine mit Inschriften zu entdecken. Wenn das so weiterging, dann war der Turm eine einzige Enttäuschung. Was er merkwürdig fand: Wie ihm vorher schon bei seinem Abstieg aufgefallen war, lag nur wenig Staub auf dem Boden oder wirbelte durch die Lichtkegel der Lampen. Allein direkt unter der Dachluke hatte sich im Lauf der Zeit ein Sandhaufen gebildet. Ob es Isene gelingen würde, das Türschloss zu knacken, oder waren sie bereits jetzt mit 40 Räubern im Nacken in einer Sackgasse gefangen?

Selin wollte näher an die Tür herantreten, da stellte Isene erneut eine Probe ihres Könnens unter Beweis: Sie zischte eine Warnung, packte ihn mal wieder von hinten am Gürtel und zog ihn zurück. Das wurde langsam eine schlechte Angewohnheit von ihr! Wütend drehte er sich zu ihr.

»Was ist denn schon wieder?«, fragte er unfreundlich.

»Erkennst du denn nicht das Brandmuster? Das Feuer hier drin scheint sich direkt von der Tür aus ausgebreitet zu haben und das explosionsartig.«

Der Prinz erbleichte. »Du glaubst, da ist eine Sprengfalle an der Tür angebracht?«

»Ja. Und wahrscheinlich ist sie noch immer aktiv. Wir sollten nichts riskieren. Sonst geht es uns wie dem da.« Sie ließ den scharfgebündelten Lichtstrahl ihrer Blende auf das Wäschebündel fallen. »Ich nehme an, das war mal der Besitzer der Strickleiter oder einer seiner Begleiter.«

»»Du meinst …« Selin wurde schwindlig, denn jetzt erkannte er es auch. Was er für irgendeinen Unrat gehalten hatte, waren die sterblichen Überreste eines Menschen. Isene leuchtete direkt in die verzerrten Gesichtszüge der ausgedörrten Mumie, deren rechte, dem Feuer abgewandte Seite noch erkennen ließ, dass es das menschliche Antlitz eines bartlosen, jungen Mannes gewesen war. Während hier noch eine pergamentfarbene Haut über dem Knochen spannte, grinste auf der linken Seite ein schwarz verbrannter Totenschädel.

»Braqa! Bei Inets Feuerschwanz! Das ist ja grauenvoll. Was für ein grausamer Tod.« Der Prinz schluckte. Dieses Abenteuer entwickelte sich immer weniger nach seinem Geschmack. Anders Isene; die Diebin in ihr lebte auf. Das war ihre Welt. Hier fühlte sie sich zu Hause. Sie lächelte halb und zuckte mit den Schultern.
»Berufsrisiko. Ich erspare dir mal den passenden Spruch von meinem Meister. Du bleibst auf jeden Fall hier stehen, bis ich es dir sage. Ich werde mir das Ganze mal genauer ansehen. Ich nehme an, es handelt sich um eine Trittfalle.«

Isene ging in die Hocke und begutachtete aufmerksam das schwarze Fliesenquadrat, das etwa eineinhalb Fuß Seitenlänge hatte. Sie kam offenbar zu einem befriedigenden Ergebnis. Dann griff sie in ihre Tasche und förderte eine Handvoll von ihrem schier unerschöpflichen Vorrat an kleinen kandierten Datteln zutage. Eine schob sie sich zwischen die Zähne, eine Weitere legte sie in die Mitte der Fliese.

»Die ist ungefährlich.«

Anschließend rutschte sie nach vorne und untersuchte minutiös die nächste Fliese – diesmal war es eine weiße – nach einem verborgenen Kontakt, der die Brandfalle auslösen konnte. Wenn sie in dieser Geschwindigkeit weitermachte, würde es eine halbe Stunde dauern, bis sie sich zur Tür vorgearbeitet hatte.

[Zum 8. Teil —>]

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Die Perle vom Roten Turm – Erzählung Teil 8

[Zum 7. Teil —>]

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Während er wartete, blickte Selin immer wieder sorgenvoll zur Luke hinauf. Weil die Sonne weiterwanderte, lag das Dachgeschoss inzwischen im Schatten. Niemand von Abuts Räubertrupp ließ sich oben blicken und streckte neugierig seinen Kopf durch die Öffnung. Der Prinz hätte gerne ein Gewehr oder zumindest Pfeil und Bogen dabeigehabt, um solch einen Leichtsinn zu bestrafen. Auf diese Entfernung konnte er gar nicht daneben treffen. Aber noch war alles erstaunlich ruhig. Der Aufstieg an der bröckligen Außenmauer des Turms stellte offenbar auch für die Sintari-Bande ein schwieriges Unterfangen dar. Umso besser! Hoffentlich stürzten ein paar der Räuber ab und sie brachen sich den Hals! Alles, was sie aufhielt, war gut. Denn Zeit brauchten Isene und er am allernötigsten. Sie rann ihnen förmlich wie dünner Wüstensand zwischen den Fingern hindurch. Hier standen sie auf dem Präsentierteller; sie mussten unbedingt weiter und tiefer in den Turm eindringen.

Selin bewunderte zwar die Sorgfalt, mit der Isene auf den Boden gekauert zu Werke ging … was auch immer sie da machte. Doch es war eine Qual, ihr dabei zuzusehen, wie langsam sie es tat. Ein Ohr lag auf einer verrußten Fliese, mit einem ausgestreckten Finger kratzte sie behutsam an ihr und stupste sie vorsichtig an, blies sanft den Staub aus den Fugen, den sie mit dem langen Nagel ihres Zeigefingers vorher gelockert hatte. Es dauerte gefühlte Stunden, bis sie dann endlich in der Mitte als Entwarnung eine ihrer Datteln platzierte und das nächste Fliesenquadrat in Angriff nahm. Selin fühlte sich dabei so nutzlos wie selten in seinem Leben und vollkommen fehl am Platz. Isene sah das bestimmt ähnlich und bedauerte wahrscheinlich mal wieder, dass sie sich gestern Abend durch sein Bitten und Betteln hatte erweichen lassen und ihn und nicht Deris auf die Erkundungstour mitgenommen hatte. Der gewandte ehemalige Diener des Prinzen war in den seltsamen Diebesangelegenheiten beinahe ebenso geschickt wie Isene. Deris wäre ihr im Gegenteil eine Hilfe und kein Klotz am Bein gewesen. Ein Klotz, den sie zudem dauernd am Gürtel packen und aus einer tödlichen Gefahr ziehen musste.

Selins umfangreiches Geschichtswissen- und seine profunden Rechtskunde-Kenntnisse, die tausend Lektionen in Kriegstaktik und Schlachtenführung, seine Ausbildung als Schwert- und Pferdkämpfer, seine galanten höfischen Sitten – sie waren hier im roten Turm ebenso nutzlos wie seine Fähigkeit, aus dem Stegreif Liebeslyrik im klassischen Mudara-Versmaß zu schmieden und diese mit seiner herrlichen, klaren Gesangsstimme zum Besten zu geben. Er konnte mit seinem Tenor Eisklötze und die ebenso tiefgefrorenen Herzen der Hofschranzen zum Schmelzen bringen. Alles nutzlos!

Nach einer Weile des gelangweilten Herumstehens ertappte sich Selin dabei, wie er eines seiner Lieder vor sich hin sang und im Rhythmus mit dem Fuß auf den Boden tappte. Es war eine der kleinen Melodien, die er noch in Karukora für Isene auf der klassischen Sitarij komponiert hatte:

»Die Liebe ist das Licht der Welt,
durch sie nur wird mein Leben heller,
die Liebe ist das Zuckerwerk
und das andere nur ein Teller.
Weht der Glückswind unsrer Liebe,
was kümmern uns da all
die finsteren Nächte, die Sturmwolken,
Inets Feuer und Mánis Fall.«

Isene summte leise mit, wie er erfreut bemerkte. Sie war bei Weitem nicht so empfänglich für seine gesungene Liebeslyrik wie die Nebenfrauen und Beschnittenen des Namenlosen. Aber sie war auch selten abgeneigt, sich von ihrem Prinzen bewundern und anhimmeln zu lassen. Seine Geliebte schien zu bemerken, was in ihm vorging. Als sie nur noch zwei Fliesenreihen von der Tür entfernt war, richtete sie ihren Oberkörper auf und warf ihm einen schmunzelnden Blick zu.

»Die Brandrohre in der Wand neben der Tür werden nicht durch verborgene Schalter unter den Fliesen ausgelöst, wie ich zuerst glaubte. Wir können uns frei im Raum bewegen«, stellte sie fachmännisch fest. »Schade um meine Halvá Tavariq! Während ich mir jetzt mal die Tür vornehme, solltest du dir das Brandopfer näher ansehen. Es hat wohl die Gefahr kommen sehen und noch versucht, sich abzuwenden und zu fliehen. Dabei wurde es dann vom Feuerstrahl an der linken Körperseite getroffen. Vielleicht findest du in den verschont gebliebenen Taschen etwas, das uns weiterhilft. Ein Dietrich wäre nicht schlecht. Der Mann müsste eigentlich einen dabeigehabt haben.«

Selin ekelte sich davor, die vertrocknete und halbverkohlte Leiche zu berühren. Aber Isene hatte recht. Es machte Sinn, die Mumie noch etwas Brauchbarem abzuklopfen, während sie versuchte, die Tür zu öffnen, ohne die Falle erneut auszulösen.

›Jeder von uns macht, was er am besten kann‹, dachte er voller Sarkasmus und beugte sich über den Toten, ›mein Augenstern knackt die Schlösser und entschärft die Fallen. Ich fleddere eben die Leichen.‹

Selin trat auf die Fliesen, die mit den Dattelwürfeln markiert waren, und kniete sich dann neben die Überreste. Er sammelte sich. Dann sprach er eilig die erste Strophe des rituellen Totengesangs an die Allerbarmerin.

»Gewähre,
dass ich ein- und ausgehe in deinem Garten,
dass ich mich kühle im Schatten,
dass ich Wasser aus deiner Quelle trinke jeden Tag.
Dass ich lustwandle am Ufer deines Teichs,
dass meine Seele wie ein Schmetterling
zwischen den Blumen tanzt,
dass mein Körper unter deinen Palmen ruht.«

Zu mehr Respekt und den restlichen sechs Strophen fehlte im Moment die Zeit. Er würde später noch einmal beten und hoffte, die Worte genügten, um die Seele des Toten zu beruhigen. Er brauchte nicht auch noch einen rachsüchtigen Geist, der ihn wegen seines Frevels in seinen Albträumen heimsuchte.

Nachdem Selin symbolisch auch noch eine nichtvorhandene Träne zwischen seinem Mittelfinger und dem Daumen zerrieben hatte, hob er mit diesen Fingern vorsichtig den Umhang an, der den Körper der Mumie bedeckte. Die verkohlte Hälfte des Gewebes zerfiel und gab den Blick auf einen ausgemergelten Körper frei. Er trug beinahe unversehrte Kleidung, deren barbarischer Schnitt erkennen ließ, dass es wahrscheinlich kein Nomade oder Wüstenbewohner war, der hier den Tod gefunden hatte, sondern ein Fremder aus den Ländern des Nordens jenseits des Walls. Der Mann hatte eine Ledertasche mit einem Gurt um die Schulter getragen. Auch sie wirkte beinahe unbeschädigt. Wie lange lag der Körper hier schon? Ein paar Jahre? Jahrzehnte? Ein Jahrhundert gar? Das war schwer zu sagen, die trockene Hitze der Toten Wüste erledigte ihre Arbeit flink und konservierte Leichname eifrig zu Mumien. Bei Ausschachtungsarbeiten fand man in Karukora häufig welche im Sand. Manche von ihnen schienen noch aus der Vorgängerzeit und den Reichskriegen zu stammen. So alt war dieser Körper vor ihm nicht, denn schließlich war der Turm ja erst vor ein paar Hundert Jahren erbaut worden.

Selin schluckte sein Unwohlsein hinunter und öffnete zuerst die lederne Tasche. Daraus fischte er tatsächlich einen Bund mit messingfarbenen Schlüsseln und Dietrichen heraus, den er triumphierend Isene zeigte. Sie kauerte direkt an der Tür und sah abgelenkt zu ihm.

»Das ist gut,« nickte sie. »Stecke den Bund ein, wir werden ihn vielleicht noch brauchen können.«

»Woher wusstest du eigentlich, dass ich bei ihm fündig würde?«

»Ganz einfach. Ein Dieb hat immer ein paar Ersatzschlüssel bei sich. Das lernt man schon im ersten Monat der Ausbildung. Doch er hat sie hier nicht gebraucht. Die Tür ist nicht verschlossen und steht sogar eine Handbreite auf.«

»Tatsächlich? Dann können wir ja hindurch …« Selin wollte aufstehen.

»»Nein, nein«, widersprach Isene sofort. »Das ist zu gefährlich! Ich wage es noch nicht, die Tür weiter zu öffnen.«

Sie ging mit dem Kopf noch näher an den Türspalt. Dann setzte sie sich verstohlen ihre kreisrunde Brille auf die kecke Nasenspitze. Sie benutzte die Gläser manchmal zum Lesen und zum Betrachten kleiner Dinge – oder beim Öffnen von Schlössern und Tresoren. Sie schämte sich ein wenig für ihre Weitsichtigkeit und verbarg sie gerne vor Selin. Der fand jedoch, dass sie mit ihren Gläsern, die ihre wunderschönen braunen Augen vergrößerten, hübsch aussah. Isene wich seinem bewundernden Blick aus.

[Zum 9. Teil —>]

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Die Perle vom Roten Turm – Erzählung Teil 9

[Zum 8. Teil —>]

abut

»Ich erkenne hauchdünne Kupferdrähte, die aus den Rahmen ragen und irgendwelche Kontakte schließen. Sie lösen wahrscheinlich die Feuerfalle aus. Hier ist die Vorgängermagie der El’Ektra im Spiel. Unsere Denker lernen langsam, ihre Funktionsweise zu begreifen, auch wenn die Tamirshij diese Techné noch nicht nachbauen können. El’Ektra sorgt auch dafür, dass Goleme funktionieren, auch wenn wir keine Ahnung haben, was in ihrem Inneren den ›Strom‹ erzeugt und wie er fließt. Du weißt ja: Mein versoffener Vater hat sein Leben lang versucht, hinter die Geheimnisse dieser technischen Wunderwerke zu gelangen. Er hat alles gesammelt, was er an Vorgängermaschinen oder -teilen in die Finger bekam. Verzweifelt sagte immer, er würde seinen rechten Arm hergeben und auch seine Tochter, wenn es ihm gelänge, zu verstehen …«

Selin hob beunruhigt eine Augenbraue. Er kannte das schon von seiner Freundin. Wenn sie aufgeregt war, wurde sie immer gesprächiger. IIsene bemerkte seinen Blick und fuhr nüchterner fort:

»Du hast recht. Ich plappere mal wieder. Wie es auch ist, wir müssen davon ausgehen, dass die Türfalle noch funktionsfähig ist und sich aktiviert, wenn die Drähte getrennt werden. Ich muss zuerst einen Weg finden, wie ich das verhindern kann … oder wie ich die El’Ektra überliste.« Sie schob sich eine ihrer Süßigkeiten in den Mund und kaute nachdenklich auf ihr herum. »Zudem vermute ich …«

»Ja?«

»… dass unser Opfer hier nicht allein war. Du weißt, Diebe arbeiten selten ohne Partner. Bei der ›Gild’obschura‹ sind Alleingänge sogar verboten. ›Einer ist wie keiner, aber zwei sind wie drei‹«,zitierte sie eine Maxime Nefsets, die auf ein merkwürdiges Verhältnis des alten Meisterdiebs zur Mathematik schließen ließ.

»Aber meist sind drei einer zu viel«, ergänzte Selin und machte ein unschuldiges Gesicht. Isene warf ihm einen wütenden Blick zu, überging aber seine kleine Spitze.

»Der Tote stand einige Fuß von der Tür entfernt, als die Explosion ausgelöst wurde«, fuhr sie fort. »Wo ist also sein Partner hin, der die Falle auslöste? Er kam offenbar weiter. Vielleicht konnte er sich hinter die Tür retten – aber er ist nicht zurückgekehrt. Wer weiß, was uns noch alles erwartet. Jeder Schritt könnte hier unser letzter sein. Vielleicht findest du noch etwas in den Taschen des Toten. Etwas, das uns weiterhilft.«

Isene wandte sich wieder konzentriert ihrer gefährlichen Arbeit zu. Fast berührte ihre Nasenspitze mit den Augengläsern die Drahtenden. Ihre Kaumuskeln zermahlten die Süßigkeit zwischen ihren Zähnen. Selin langte erneut in die Umhängetasche des Brandopfers. Er war froh, dass es sie gab, denn allein bei der Vorstellung, unter die alte Kleidung zu langen und womöglich die pergamentene Haut des Toten zu berühren, sträubten sich ihm schon die Nackenhaare. Viel war nicht mehr in der Tasche. Er stieß auf ein paar Krümel, ein paar beschriebene Blätter, dazu eine metallene Büchse, in der sich zwei Dutzend Pistolenkugeln befanden und passend … eine kleine Schusswaffe! Seine anderen Funde schob er achtlos in seine eigene Tasche, aber die Pistole untersuchte er genauer. Was für ein Fund! Sie war kaum größer als seine Hand, aber sehr schwer. Man nannte solche Pistolen ›Terzerole‹. Sie stammten zumeist aus der Zeit der Vorgänger und wurden oft auf den Märkten Karukoras verkauft. Diese doppelläufigen, harmlosen Pistolen wurden auch als ›Haremswächter‹ bezeichnet. Auf größere Entfernungen bewirkten sie höchstens einen blauen Fleck. Aber sie konnten durchaus tödlich sein, wenn sie auf nahe Distanz abgefeuert wurden.

Die Vorgänger mussten wahre Waffennarren gewesen sein und hatten in rauen Mengen Gewehre, Revolver, Messer und anderes Tötungswerkzeug hergestellt. Diese Überbleibsel waren überall im Wüstensand und in der Erde zu finden, auch wenn sie nur selten funktionierten. Mit einem Terzerol wusste Selin umzugehen, aber er glaubte nicht, dass diese dunkel angelaufene Pistole nach all den Jahren noch schießen konnte. Selbst wenn sie geladen war, wie er feststellte, als er die Hähne spannte.

Isene winkte ihn zu sich heran. Er richtete sich auf.

Später machte Selin vor ihr einen Instinkt für seine Reaktion verantwortlich. Aber dem war nicht so. Er hatte die drohende Gefahr nicht bemerkt. Eine Stimme hatte ihn vor ihr gewarnt. Sie kam nicht aus seinem Inneren, das wusste er. Doch er war der Einzige der beiden, der die Warnung hören konnte. Und sie rettete ihm das Leben. Er fuhr wie von einem ›Hornissenpfeil‹ gestochen auf und sprang zur Seite, kippte neben der Mumie auf den Boden, rollte sich ab und kam sofort wieder auf die Beine. Zwei schnell hintereinander abgefeuerte Gewehrkugeln ließen die Fliese zersplittern, auf der er gerade noch neben der Mumie gekauert hatte. Der doppelte Knall schmerzte in seinen Ohren, aber sein kühner Sprung hatte ihn gerade noch so aus dem Gefahrenbereich gebracht. Er sah nach oben zur Luke, wo ein bärtiger Hüne aufgetaucht war und mit dem langen Lauf einer Flinte zu ihm hinab zielte. Selin riss im Reflex das Terzerol in die Höhe und betätigte den Abzug. Er konnte es kaum fassen: Tatsächlich ertönte ein Schuss, viel leiser als der von der Flinte des Räubers. Selbstverständlich gelangte die Kugel, die er abgefeuert hatte, nicht einmal in die Nähe der Luke und schlug in halber Höhe des Raums in der Wand ein. Aber der Mann zog sich eilig aus dem Gefahrenbereich zurück – wahrscheinlich, um sein Gewehr neu zu laden.

Die Räuber hatten sie eingeholt! Sie waren auf dem Dach angekommen und einer hatte sofort durch die Öffnung in der Decke das Feuer auf ihn eröffnet. Zum Glück schienen sie aber nur die eine altertümliche Flinte mit auf den Turm genommen zu haben. Das gab Isene und ihm ein kleines Zeitfenster! Er stolperte zu der Diebin, die sich völlig unbeeindruckt von dem überraschenden Angriff zeigte. Sie hatte gerade die Tür so weit geöffnet, dass man seitwärts hindurch in den nächsten Raum schlüpfen konnte. Dabei hielt sie mit den Händen irgendwelche Drähte herab, die weit aus dem Rahmen und der Tür selbst ragten. Ihre Enden hatte sie vorher in die kandierten Dattelstücke gepresst, auf denen sie vorhin herumgekaut hatte. Die Halvá war ganz offensichtlich ihre Geheimwaffe! Hätte der Schütze anstatt auf Selin auf die Diebin geschossen, wäre sie ein leichtes Ziel gewesen.

»Schnell! Hinter der Tür sind wir in Sicherheit.«

Isene machte sich am Boden klein, damit Selin über sie steigen konnte. Das musste Isene ihm nicht zweimal sagen. Mit zwei Sprüngen war er bei ihr und zwängte sich durch den Türspalt, den Isene offenhielt. Er fiel halb in den nächsten, viel kleineren Raum. Er warf einen kurzen Blick ins Halbrund der Kammer. Sie war erstaunlich kühl. An der Wandseite begann eine Wendeltreppe, die wahrscheinlich um den Turm herum in die Tiefe führte. Isene richtete sich neben ihm auf. Sie zog behutsam ihre Datteln von den Drähten und schloss dabei die Tür. Sie fiel ins Schloss. Ein merkwürdiges knisterndes Geräusch war zu hören, aber nichts weiter geschah. Die beiden atmeten aus. Die Diebin lehnte sich erleichtert gegen das Metall der Tür. Sie kicherte plötzlich.

»Was für ein Spaß!«, rief sie aus. »Oder?«

Bevor Selin antworten konnte, wurde er unterbrochen:

»Halt! – Quf! – Arrêter!«, ertönte plötzlich Abuts unverwechselbarer Bass durch die Tür, dessen Lautstärke von ihr kaum gedämpft wurde.

»Ich will mit euch reden …« Der Riese zögerte und wiederholte seine Worte zuerst auf Bendâh und dann in der melodiösen Sprache, die im fernen Nordosten der Überlebenden Lande gesprochen wurde und auch von Suds Barbaren, die Karukora überfallen hatten:

»Uridân atâhadat`H qiayk! Je … ah … veux te parler«, stammelte Abut unsicher. »Ich fordere Unterhandlungen! MufâW´ daq! Négociations!« Selin lächelte zynisch.

»Sieh an, ein Räuber, der die Ostsprache beherrscht.«

»Wir sollten verschwinden«, flüsterte Isene. »Das ist nur ein Trick, um uns aufzuhalten.«

[Zum 10. Teil —>]

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Die Perle vom Roten Turm – Erzählung Teil 10

[Zum 9. Teil —>]

Aladin2

»Ein Unterhandlungsangebot ist der Allerbarmerin heilig. Das darf ich nicht ignorieren.« Selin war auch in Diplomatie unterwiesen worden, deren Regeln der Namenlose Herrscher ›Faust des Gerichts‹ niedergeschrieben hatte. Er formte seine Hände zu einer Muschel, die er gegen den Mund hielt.

»Qu’est-ce que tu veux?«, brüllte er und hoffte, dass er oben auf dem Dach verstanden wurde. Im Gegensatz zu dem Räuber beherrschte er die Lingua franca der Kaufleute perfekt. Das flüssige Sprechen der wichtigsten Verkehrssprachen der Welt waren bedeutender Teil seines Unterrichts als Thronfolger gewesen. Selin erlaubte sich nicht nur einen kleinen Scherz, sondern verschleierte auf diese Weise vor dem Räuberhauptmann auch ihre Herkunft aus Karukora, wo mit Kars ein Pidgin aus Bendâh und Provinzial gesprochen wurde – jenes Zungenschlags, den der erste Namenlose und seine Begleiter aus ihrer alten Heimat von den Barbarenlanden nördlich des Marat mitgebracht hatten.

»Ihr könnt meinen Männern und mir nicht entkommen«, radebrechte Abut. »Früher oder später holen wir euch ein. Wohl eher früher. Ihr seid nicht ungeschickt. Ihr habt meinen Respekt. Es war sehr schlau von euch, die Feuertür hinter euch zu schließen. Die Diebin hat Talent. Deshalb habe ich einen Vorschlag für euch: Lasst uns zusammen arbeiten, den Turm erkunden und seine Schätze teilen. Une main lave l’autre.«

»Und wenn wir das nicht wollen? Schließlich hast du eben ohne Vorwarnung auf mich geschossen. Das nehme ich dir übel, Abut. Ich traue dir nicht über den Weg!«

»Je ne ferais pas ça non plus. Das würde ich auch nicht tun.« Abut lachte schallend. »Es ist mit dem T‘Şeijtan hergegangen, dass ich dich nicht traf. Die Kugeln sollten eigentlich in deinem Schädel stecken, kleiner Dieb! Nicht im Fußboden. Schade um die Munition.«

»Du bist selbst der T‘Şeijtan! Wer bist du und was willst du hier?«

»Das könnte ich euch ebenso fragen. Du und deine kleine Begleiterin, ihr habt hier nichts verloren. Der Ifrit des Turms hat mich gerufen. Seine Perle hat er mir versprochen. Ich halte sie noch nicht in den Händen, aber sie ist bereits mein Eigentum.«

»Du …«, Selin hätte sich beinahe verraten. Auch Abut hatte die lockende Stimme gehört. Was für eine Teufelei steckte nur dahinter? Perle? Wovon sprach der Räuber? Selin begriff. Der gefährliche Riese befand sich nicht zum ersten Mal an diesem Ort. Das hatte er den unzusammenhängenden Worten entnommen.

»Also gut«, Abut hatte sich entschieden und kehrte in seine Muttersprache zurück. »Einen Versuch war es wert. Denkt dran. Ich habe euch gewarnt. Doch rennt nur in euer Verderben. Weit werdet ihr nicht kommen. Der Ifrit kennt keine Gnade. Ich werde eure Leichen später finden – oder ich beende seine Arbeit. Das ist mir alles gleich.«

Selin wartete auf eine Fortsetzung der kurzen Unterhaltung, doch für seinen Gegner schien sie beendet zu sein. Er flüsterte mit seinen Männern und war nicht mehr zu verstehen. Diese Négociation war so völlig anders als im Serail seines ermordeten Vaters verlaufen, wo man bei Verhandlungen stundenlang über die Sitzordnung und die gereichten Getränke und Speisen stritt, bevor man sich mit tausend Umschreibungen und Schmeicheleien an die Kernpunkte herantastete. Diplomatischer Disput wurde als zivilisatorischer Fortschritt verstanden und es konnte Monate oder gar Jahre dauern, bis man einen Kompromiss fand. Der Räuberhauptmann war jedoch aus anderem Holz geschnitzt und kein Freund von langen Gesprächen. Der Prinz hatte schon bemerkt, dass er kein typischer geschwätziger Bewohner der Wüsten und seine Herkunft fern von Karukora war.

»Usmîn!«, rief Abut und wandte sich nun an einen seiner Gefolgsleute. »Klettere hinab. Sage Bassi, sie soll sich ein paar Männer schnappen und sich unten umsehen. Irgendwo in der Nähe muss das Lager dieser verdammten Abhali sein. Die sind bestimmt nicht allein und zu Fuß in der Toten Wüste unterwegs.«

Selin erschrak. Deris war in höchster Gefahr und er konnte ihn nicht warnen. Er wandte sich an Isene, die die Ostsprache nicht beherrschte und ungeduldig auf eine Erklärung wartete. Eilig brachte er sie auf den neuesten Stand.

»Um Deris müssen wir uns erst einmal keine Sorgen machen, glaube ich. Er hat die Räuber wahrscheinlich schon vor uns bemerkt, seine Spuren verwischt und die Kamele und sich selbst gut verborgen. Sie werden Tage brauchen, um ihn in den endlosen Dünen der Wüste aufzuspüren. Das ist sicher. Seine Ausbildung bei der Gilde war so gut wie meine. ›Ein guter Dieb lässt sich nicht fangen. Er lässt sich nicht einmal finden.‹«

»Mögen Nefsets weise Worte in den Ohren der Allerbarmerin Gnade finden! Wir müssen aber von hier verschwinden. Ich möchte nicht mehr da sein, wenn der erste der Räuber versucht, die Tür zu öffnen.«

Isene nickte zustimmend. Sie trat näher an die Sandsteinstufen der Wendeltreppe heran und leuchtete sie aufmerksam aus. Auf der Treppe konnten bequem zwei Menschen nebeneinander gehen. Ihre niedrigen Stufen wand sich in einem flachen Rechtsbogen an der Außenmauer entlang um das kreisrunde Zentrum des Turms, das hinter einer Ziegelsteinmauer verborgen war. Dort mochten sich Räumlichkeiten oder ein tiefer Schacht verbergen. Aber so weit Isene sehen konnte, gab es keine Luken oder Türen, die ins Innere führten. Sie untersuchte die Stufen genauer. Sie waren nicht ausgetreten oder abgenutzt, wie sie es in einem solch alten Gebäude erwartet hatte. Es schien keine Fallen, Stolperdrähte oder Ähnliches zu geben. Eine längst eingetrocknete Tropfenspur mochte eine verschüttete Flüssigkeit, konnte aber auch Blut sein. Weitere Vorsicht war auf jeden Fall von Nöten. Sie betrachtete die Wände. Keine Fackeln oder Öllichter waren angebracht. Die beiden waren also weiterhin auf ihre eigenen Laternen angewiesen, deren Brennvorrat langsam zur Neige ging. Isene erstickte die Flamme ihres Lichts.

»Wir müssen sparen. Deine Lampe genügt für den Abstieg. Ich gehe voran und du leuchtest die Stufen direkt vor meinen Füßen aus.«

Selins Lichtschein fiel auf die Wand neben Isene.

»Hast du gesehen?«, fragte er und deutete auf ein Symbol, das jemand in Augenhöhe aufgemalt hatte. Das mit wenigen gelben Pinselstrichen aufgetragene Warnsignal war zwar teilweise von den Ziegeln abgesplittert, aber noch immer gut erkennbar. Seine Form bestand aus drei Trichtern, die aus einem Kreis hervorstanden. Das sah ein wenig wie eine stilisierte Sonne mit drei Strahlenfächern aus. Selin erinnerte es ein wenig an die Ohrringe, die die Brautwanderer trugen, wenn sie nach heiratswilligen Mädchen Ausschau hielten.

»Was bedeutet das?«, fragte Isene, der dieses Symbol noch nie begegnet war. Es wies allerdings eine gewisse Ähnlichkeit mit einem ihr bekannten Gildenzeichen auf. Durch diese flüchtigen Kreidemarkierungen an den Wänden Karukoras kommunizierten die Diebe untereinander, warnten einander und tauschten Nachrichten aus. Das ähnliche Gildenzeichen bedeutete ›Achtung! Gift!‹.

»Wir sind in Gefahr, oder?«, hakte sie nach, als Selin betroffen schwieg.

»Ja. Ich kenne dieses Symbol. Wir sollten uns besser rasch von Abut töten lassen, als diese Treppe hinunterzusteigen. Dies ist das ›Mal des Todes‹.«

Scarab

Mit der Abenddämmerung hob sich achtern der Wind. Er blies vom inzwischen schon fernen Helmgebirge hinunter in die staubigen Ebenen. Das Großsegel blähte sich auf. Das dreieckige Vorsegel, unter dem der Flüchtling vorne am Bug stand, knatterte aufgeregt. Der Rumpf des Schiffs stampfte in den Wellen des Marat auf und ab. Sie trugen plötzlich Kronen aus Gischt. Nachdem der Segler den ganzen Nachmittag sanft dahingeglitten war, nahm er nun flotte Fahrt auf.

»Der Fock killt! An die Schoten!«, brüllte die Ruderwache und ein paar Seeleute kamen auf nackten Füßen aus der Luke zum Achterdeck an Bord gestolpert und begannen ihre merkwürdigen Verrichtungen, die er auch nach zwei Monaten auf dem breiten Strom nicht begriff. Aber jeder an Bord schien seinen Platz zu kennen und zu wissen, was er tat. Ausgenommen die acht Passagiere, die dauern irgendwo im Weg standen. Er ging nach Steuerbord an die Reling und sah in Richtung des Sonnenuntergangs. Durch den aufgewirbelten Wüstenstaub leuchtete er in beeindruckenden Rot- und Orangetönen. Es sah aus, als hätte die Höchste ihr bleiches Totenkleid in Blut getaucht. Aber er hatte kein Interesse für das Naturschauspiel. Er nahm es kaum wahr.

[Zum 11. Teil —>]

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