Die Perle vom Roten Turm – Erzählung Teil 1

Bild(4)

Einleitung des
Märchenerzählers Alis

Allerbarmerin,
du tränenreiche Herrin.
Öffne mir die schmale Tür,
die zum Wohlgelingen führt.
Gib mir ein Herz,
das zur Gewissheit finden möge.
Gib mir einen Mund,
der deinen Ruhm verkünde!
Erleuchte meine Seele mit dem Licht
der Wahrheit.

Lehre meine Zunge,
deine Herrlichkeit zu loben.
Schenke mir einen Tropfen
aus der Quelle der Beredsamkeit!

Zieht nicht weiter, erschöpfte Reisende. Das Seil, das euch an die Last eures Tages fesselte, wurde von der kalten, schwarzen Klinge der Nacht zertrennt. Sie will euch Ruhe schenken. So lagert nun bei mir, breitet eure Teppiche beim Feuer aus, setze euch zu mir. Wärmt die Körper mit seidenen Decken und das Gemüt mit süßen Feigen und heiterem Trunk. Dann lauscht mir, bis die Müdigkeit die Lider senkt. Die Nacht ist die Hüterin der Geschichten und Märchen. Jetzt ist ihre Zeit.

Die Sage, die ich euch heute erzählen werde, hat sich wirklich zugetragen. Sie ist ein Diamant in Buch der Erinnerungen meiner Familie. Sie hat sich vor fünf mal fünf Generationen am Ende der Bingh-Dynastie zugetragen. Dieses Geschlecht war das erste, deren ›Namenlose Herrscher‹ über Karukora regierten, welche die herrlichste Stadt des Weltkreises ist. Lass uns nun auf den Flügeln meiner Worte zurück in das Jahr 3668 nach ›Mánis Fall‹ fliegen.

Nachdem der bleiche Mond auf die Erde gestürzt war, waren die alte Welt der Vorgänger und ihre technologisch hochstehende Kultur beinahe völlig zerstört. Doch noch gab es Hoffnung in den ›Überlebenden Landen‹, in denen sich die Zivilisation weiterentwickelte. Die ›Drei Reiche‹ von Lundersüt, Bridon und Nearoma hatten die Wissenschaft und die Kenntnisse der Vorgänger geerbt und weiterentwickelt. Es war eine goldene Ära, doch sie endete blutig. Nach einem verheerenden Krieg, der mit der ›Dreikönigsschlacht‹ endete, versank die Menschheit – und wie es schien endgültig – in einer finsteren Epoche voller kriegerischer Auseinandersetzungen, Kreuzzügen, Chaos, Seuchen, Tyranneien und grausamer Barbarei. Wissen, Weisheit, Menschlichkeit, Liebe – all dies ging für zweitausend Jahre in diesem finstersten Zeitalter der Geschichte verloren. Doch nach den ›Schwarzen Jahren‹ ist die Zivilisation langsam wieder in die ›Überlebenden Länder‹ zurückgekehrt. Überall wurden neue Reiche und Staaten gegründet, wurden Straßen, Klöster, Universitäten und Städte gebaut, in denen wieder Wissenschaft, Kultur, Kunst und Handel florieren.

Karukora, das ›Juwel der Wüste‹, befindet sich inmitten unwegsamer Einöden westlich der ›Ebenen des ewigen Krieges‹, wo sich seit zweitausend Jahren drei Roboter-Armeen Nacht für Nacht eine erbitterte und doch nie endende Schlacht liefern. Ihr Kampf kennt keinen Sieger und er beginnt immer wieder aufs Neue, wenn das Licht im Meer der Dunkelheit ertrinkt. Aber Karukora liegt auch im Mündungsdelta des viel befahrenen, gewaltigen Stromes Marat, der nach seiner langen Reise quer durch die Überlebenden Länder unweit der Stadt ins Südmeer mündet. Damit befindet sich Karukora am Kreuzungspunkt der wichtigsten Handelsrouten der Welt und lenkt viele neidische Blicke auf sich.

Wie ihr sicherlich wisst, wird die Stadt im Sommer des Jahres 3668 vom dreizehnten und letzten der ›Namenlosen Herrscher‹ der Bingh-Dynastie regiert. Man nennt ihn ›Sechzehn‹, denn so viele Tage saß er vor seinem Sturz auf dem Falkenthron. Seit Karukoras Gründung sind über drei Jahrhunderte vergangen. Die Sultane der Binghi sind allesamt direkte Nachfahren des legendären Erbauers der Stadt, dessen Name in den Annalen der historischen Gilde verloren gegangen oder absichtlich getilgt worden ist. Ach, wäre doch die lange Reihe seiner Thronfolger immer so weise und heiter wie ihr Ahnherr selbst geblieben! Hätte doch ein guter Blick ihr wohlwollendes Wirken an allen Tagen begleitet und der böse Blick in den Nächten keinen Weg zu ihnen gefunden! Wären sie bis zum Ende der Zeiten auf ihrem legendären Falkenthron sitzen geblieben und hätten sie von der Gnade der Tränenreichen beschenkt die Geschicke Karukoras und der umliegenden kargen Wüsten- und Oasenlandschaften bis hinauf zum Helmgebirge, den ›Bruch‹ und den ›Großen Südwall‹ gelenkt. Diese Welt wäre eine bessere gewesen!

Doch vor einigen Wochen ist Karukora gefallen und Blutlachen und Kadaver beflecken die Straßen. In einem Handstreich wurde die Stadt von barbarischen Kriegerhorden aus dem Westen unter der Führung von Sefredo Sud erobert. Er hat sich selbst unter dem Namen ›Bluthand‹ zum neuen Herrscher gemacht und hat seinen Vorgänger ›Sechzehn‹ und fast alle noch lebenden Binghi und ihre Angehörigen hinrichten lassen. Allein der ältere Bruder von ›Sechzehn‹, der Selin da Binghi hieß, und aus Liebe auf den Thron verzichtet hatte, entkam knapp dem Gemetzel. Dabei standen ihm die junge Meisterdiebin Isene-Mis bi Kabala und sein Kammerdiener Deris zur Seite. Der junge Mann war wie Isene ein Mitglied der Diebesgilde ›Gild’obschura‹. Prinz Selin ist Isene zuerst bei einem ihrer Raubzüge im Palast seines Vaters ›Seidenschal‹ begegnet und hat sich sterblich in sie verliebt. (Karukora, »Der Weg, der in den Tag führt«, Buch Eins.)

Verfolgt von den Häschern von »Bluthand« ist Selin nun gemeinsam mit Isene und Deris auf der Flucht. Abseits aller Karawanenwege und Oasen durchqueren unsere Helden die Gluthölle der ›Toten Wüste‹ nördlich von Karukora. Ihr Ziel sind die sicheren schwarzen Wälder der ›Lamargue‹ jenseits der Großen Walls. Viele Abenteuer und Entbehrungen mussten die drei bereits bestehen. Ungezählte Gefahren haben sie überwunden.

Doch nun lauscht, denn ihr größtes Abenteuer liegt noch vor ihnen:

Perle illu

I.
Eine Klettertour

isenehörte einen erstickten Aufschrei tief unter sich. Sie hatte gerade noch die Zeit, die rostige Metallstange zu packen, die über ihr schräg aus dem Mauerwerk ragte. Schon zog das volle Gewicht des Prinzen an dem festen Seil, das sie sich um die Hüften geschlungen hatte. Der jungen Frau blieb kurz die Luft weg. Sie hatte das Gefühl, sie würde gleich in zwei Hälften gerissen.

»Hoi! Tränenreiche, hilf!«, knirschte sie mit den Zähnen. Die Stange, an der sie mit ihren Armen hing, bog sich etwas weiter durch, aber sie blieb stabil.

Wütend sah Isene hinab. Mehrere Mannslängen unter ihr mühte sich der wie ein Sandsack am anderen Ende des Seils hängende Selin ab. Panisch zappelte er mit seinen Beinen in der Luft und versuchte, Halt am bröckligen Mauerwerk zu finden. Nach zwei vergeblichen Anläufen gelang es ihm endlich, mit seinen Füßen eine schmale, rund um den Turm laufende Brüstung zu erreichen, die ihn trug. Der Druck auf Isene ließ nach. Sie schüttelte den Kopf.

»Jad-al-voi baàl!«, fluchte die Diebin und atmete erleichtert aus. Auch sie suchte sich einen Halt für ihre Füße »Geht es?«

Selin winkte zuversichtlich nach oben. Er wäre dabei fast wieder aus dem Gleichgewicht geraten, fing sich aber im letzten Moment. »Alles bestens«, rief er. »Von mir aus können wir weiter.«

Ihr Prinz stellte sich mal wieder ziemlich tollpatschig an, fand Isene. Sie hätte lieber Deris mit auf die Diebestour nehmen sollen. Der kaum dem Knabenalter entwachsene ehemalige Palastdiener hatte Erfahrung mit solchen Situationen und war ein beinahe ebenso guter Fassadenkletterer wie Isene selbst. Aber Deris war wie ausgemacht unten bei den Kamelen verblieben. Er hatte die mit den Vorräten beladenen Reittiere hinter eine etwa zwei Meilen entfernte Düne geführt. Dort verbarg er sich außer Sichtweite des Turms, falls überraschend Verfolger auftauchten. Damit rechnete zwar keiner von ihnen, aber die junge Diebin hielt sich an die Worte ihres Meisters Nefset bei der ›Gild‘ obschura‹:

›Lieber einmal zu oft vorsichtig sein, als einmal zu selten!‹

Niemals hätte sie Selin erlauben dürfen, mit ihr gemeinsam an der Außenseite des Turms emporzuklettern. Warum hatte sie sich nur von ihm überreden lassen? Ein Sturz aus dieser Höhe – sie schätzte sie auf sicherlich 175 Fuß –, hätte für beide den sicheren Tod bedeutet!

[Zum 2. Teil —>]

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Die Perle vom Roten Turm – Erzählung Teil 2

[Zum 1. Teil —>]

turm

initialdie Mauern des Turmes waren aus wenig vertrauenserweckendem und vom Wüstenwind verwittertem Sandstein. Sie stellten für eine geübte und schwindelfreie Kletterin, wie sie es selbst war, keine weitere Schwierigkeit dar, denn das Bauwerk verjüngte sich zu seiner Spitze hin und die geriffelte Musterung und die in regelmäßigen Abständen aus dem Mauerwerk ragenden Eisenstangen boten sicheren Halt. Wäre Isene allein gewesen, wäre sie auch lange vor Sonnenaufgang oben an der Spitze des uralten Gebäudes gewesen. Doch mit dem ungeschickten Prinzen im Schlepptau lagen erst zwei Drittel der Kletterei unter und noch achtzig oder neunzig Fuß über ihnen. Der weitere Weg würde zudem schwieriger werden. Dort war im Verlauf der Jahrhunderte, denen der Turm schon der Wüste trotzte, die meisten Zierrate abgeschliffen, die rötlichen Mauerwürfel glatt und die Eisenstangen rar.

Isene warf einen Blick über die Schulter, bevor sie weiter stieg. Hinter den niedrigen, grauen Dünen am östlichen Horizont verfärbte sich der wolkige Himmel bereits zitronengelb. Es würde nicht nicht mehr lange dauern: Dann würde die Sonne aufgehen und ihre zornige Hitze über der Toten Wüste auskippen. Ihr Prinz und sie stiegen zwar an der noch beinahe vollständig im Schatten liegenden Westfront empor, aber bereits jetzt wurde es spürbar von Minute zu Minute wärmer. Der Frost der Nacht war gebrochen. Ein Abstieg kam jedoch nicht mehr infrage. Es war längst zu spät, um umzukehren. Isene schwang sich empor und balancierte auf der Metallstange, um die sie vorsichtshalber das Sicherungsseil knotete. Sie holte aus ihrem Schultergurt einen weiteren ihrer handtellergroßen Wurfdolche. Mit Wucht trieb sie die spitze, scharfen Waffe bis zum Heft in eine mörtellose Fuge zwischen dem Mauerwerk. Dann wartete sie, bis der Prinz keuchend zu ihr aufgeschlossen hatte.

»Stehe uns die Allerbarmerin bei«, murmelte sie und ließ ihren Blick weiter über die menschenleere Einöde schweifen. »Was suchen wir eigentlich noch einmal hier oben?«, fragte sie sich selbst.

Die Tote Wüste trug ihren Namen zurecht: Hier gab es in allen Himmelsrichtungen über Hunderte von Meilen kein Leben, nur Ödnis, niedrige Dünen, graue Steine und groben, löchrigen Sand. Außer an den seltenen Wasserlöchern und Oasen existierten nicht einmal Flechten oder Pflanzen. Alle Karawanenwege umgingen weiträumig das Zentrum dieses trostlosen Backofens, in den die drei jungen Leute aus dem südlichen Karukora vor den Häschern der ›Bluthand‹ geflohen waren. Hier hätte es überhaupt keine Überreste von Ansiedlungen und auch keine Türme geben dürfen.

Aber die Wüste barg mehr Geheimnisse als die unergründlichen Taschen eines Falschspielers. Gestern hatten sie den am späten Nachmittag blutigrot leuchtenden Turm entdeckt. Er ragte weit über die gesichtslose Geröllebene hinaus und war schon aus vielen Meilen Entfernung sichtbar. Der Turm hatte ihnen gestern als willkommene Landmarke gedient und sie lenkten ihre drei erschöpften Kamele hoffnungsvoll auf ihn zu. Vielleicht gab es dort ja eine Wasserquelle oder ein Lager der Bendâh-Nomaden, wo sich Mensch und Reittier ein wenig erholen konnten. Ihre Wasservorräte waren inzwischen bedenklich geschrumpft und auch der restliche Proviant wurde langsam knapp. Aber die drei waren Kinder der unbarmherzigen Wüsten rund um Karukora und zumindest Isene und Deris hatten bereits mit der Muttermilch das Wissen aufgesogen, wie man in ihnen überlebt.

Das erste Ziel ihrer Flucht, die sie seit gut einer Woche quer durch die Tote Wüste führte, war das ›Eiserne Tor‹. An dieser Stelle quälte sich der Marat durch die engen Felsenschluchten des Helmgebirges. Gemeinsam wollten sie anschließend versuchen, sich an den uralten Grenzbefestigungen an dem reißenden Flussdurchbruch vorbeischleichen und das Reich von Karukora hinter sich zu lassen. Dieser Ort lag jedoch hoch im Norden und war noch mehrere Reisewochen von ihnen entfernt. Sie hatten keine Ahnung, wohin sie sich wenden würden, wenn sie das Eiserne Tor überwunden hatten. Aber Isene und ihr Prinz waren zusammen und hatten einander. Dies war ihnen Zukunft genug.

Am frühen Abend hatten Isene, Selin und Deris dann den Fuß des roten Turms erreichten. Früher schien er noch viel höher gewesen zu sein, denn mindestens ein Stockwerk lag unter einer Sandwehe begraben und es fehlte das Dachgeschoss. Es war wahrscheinlich schon vor langer Zeit eingestürzt. Freilich konnte man den Turm nicht mit den sechs ›Zinnen‹ vergleichen, jenen himmelhohen Vorgängerbauwerken in der Nähe des Dorfes Begrad, die sich wie die Finger einer Riesenhand in schwindelerregende Höhen streckten. Doch auch dieses schlanke Gebäude, das aus viel jüngerer Zeit stammte, war imposant. Im Umkreis des Turms konnten sie nur wenig von einer weiteren ehemaligen Bebauung zu entdecken. Hier hatte die Wüste ganze Arbeit geleistet. Nur die kümmerlichen Reste einer niedrigen Ziegelwand, in deren Schutz sie ihr Lager aufschlugen, und ein paar halb im Sand versunkene Pfeiler eines alten Aquädukts gab es noch zu entdecken. Was war der Zweck dieser einsamen Aussicht gewesen? Wer hatte sie bewohnt? Isene und der Prinz konnten keinen Eingang finden. Sicherlich lag er verschüttet unter der Erde und war ohne passendes Werkzeug für sie unerreichbar. Aber wenn es schon kein Wasser gab, so doch den Schlagschatten des Turms und der war in dem Glutofen der offenen Wüste fast ebenso wertvoll.

Als sie dann müßig im Schatten unter der Ziegelmauer rasteten und auf den Sonnenuntergang und die damit verbundene Abkühlung warteten, bemerkte Selin, dass seine Diebin immer wieder aufmerksam das fensterlose Mauerwerk begutachtete.

»Woran denkst du?«, fragte er. »Juckt es dich in den Fingern?«

Isene wandte sich ein wenig ertappt zu ihm: »Was meinst du? Wie alt ist das Gebäude und welchen Zweck hatte es? War das ein Faulturm? Du kennst dich doch da besser aus als ich.«

Architektur war in der Tat eine von Selins Fachgebieten. Er wusste wenig über Einbrüche, Diebstahl und Hehlerei, dafür umso mehr von der Geschichte des Reiches. Sie war ein wenig geschätztes Pflichtfach in seinem Prinzenunterricht gewesen. Er hatte zwar meist gedöst oder heimlich mit seiner Lektüre Jagd auf Fliegen gemacht, aber ein paar Dinge waren ihm doch aus den Lehrstunden seines alten Erziehers Benaqir in der Erinnerung verblieben. Besonders diese spannende Geschichte:

»Ein Gefängnisturm? Mitten in der Wüste? Sicher nicht. Ich glaube, dass dieses rote Gebäude einmal ein Teil der Befestigungsanlage war, mit der ›Salzige Meeresgischt‹, der vierte der Binghi, das Reich vor den Ungeheuern schützen wollte, die nach einem Erdbeben aus dem Bruch quollen. Die gewaltige Schlucht beginnt nicht weit entfernt nordwestlich von hier. Von der Turmspitze aus müsste man sie eigentlich sehen können. Ich weiß, dass man damals Meldetürme und befestigte Forts in der Toten und auch in der Gelben Wüste errichtete, um die Karawanen und die Ortschaften zu warnen und zu schützen. Doch die meisten dieser Anlagen waren aus Holz und sind längst geschliffen. Weil dieser Turm aus rotem Sandstein ist, den man nur an den Klippen des Südmeers findet, hat er den Wüstenstürmen getrotzt. Ich vermute, dass er ein Befehlsstand der alten Generalität war.«

»Ganz bestimmt gab es hier mal eine Wasserquelle«, mischte sich Deris ein. »Die Reste des Aquädukts weisen darauf hin. Vielleicht gibt es im Inneren des Turms noch immer einen Brunnen, der Wasser hat.«

Isene erschauderte. »Glaubt ihr, dass es diese Ungeheuer der Tiefe wirklich gegeben hat?«

Deris zog skeptisch einen Mundwinkel in die Höhe. »Das sind Monster aus Märchen, wie sie mir meine Anéh erzählt hat. Was sollen das denn für Tiere gewesen sein? Murlane? Echsen oder Drachen?«, wandte er sich an Selin.

»Eher große Mistkäfer, wenn man den Aufzeichnungen Glauben schenkt. Es gab sie wirklich. Das steht außer Frage. Ihr Auftreten und ihr Aussehen sind in den alten Büchern gut belegt. Es gibt viele Zeichnungen und Beschreibungen aus alter Zeit. Danach sahen sie wirklich ein wenig wie Skarabäen aus – schwarzglänzend und dabei ungefähr so groß wie eine Ziege. Sie hatten wie Krebse starke Zangenarme und waren sehr flink auf ihren acht Beinchen unterwegs. Ein einzelnes Ungeheuer aus der Tiefe war nicht weiter gefährlich und konnte auch von einem Bauern oder gar einem Kind leicht besiegt werden. Denn die Käfer hatte Angst vor dem Tageslicht und vor Feuer. Oft genügte es, das geblendete Tier geschwinde mit einem Speer auf den Rücken zu drehen und ihm in seine weiche Bauchseite zu stechen. Doch häufig tauchten die Insekten in schier unüberschaubaren Massen auf, in Herden wie die Termiten, die nach Tausenden zählten. Sie überfielen die Dörfer und machten gefräßig alles nieder, was ihnen in den Weg kam. Der Krieg gegen die Bruch-Ungeheuer war ein zähes Ringen, das sich über Jahre hinwegzog. Aber schon zur Lebenszeit von Lakmi-âs-Sekr, meiner großen Vorfahrin, – also nur etwa einhundert Jahre später – waren die Käfer so vollkommen vom Erdboden verschwunden, als hätte es sie nie gegeben. Die große Forscherin hat übrigens den Bruch erkundet und in seinen Tiefen nicht einmal mehr Überreste dieser Insekten gefunden.«

[Zum 3. Teil —>]

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Die Perle vom Roten Turm – Erzählung Teil 3

[Zum 2. Teil —>]

prinzselin

anfGibt es eigentlich einen Ort auf dieser Welt, an dem deine Ahnin nicht war?«, fragte Isene und dachte an Lakmis ›Weg, der in den Tag führt‹, den sie zu ihrem Bedauern im Thronsaal des Namenlosen zurückgelassen hatten – was ein ständiger Streitpunkt zwischen Selin und ihr war. Er küsste seine Diebin rasch auf die Wange und wechselte das Thema:

»Über diesen Turm hat sie jedenfalls nie geschrieben. Was meint ihr, was sich im Inneren alles verbirgt? Vielleicht etwas, das wir brauchen können?«, fragte er harmlos, denn es war deutlich, wohin ihre Gedanken Isene führten. Sie schnalzte abschätzend mit der Zunge.

»Wohl kaum. Außer Unrat und den Dreck der Jahrhunderte werden wir bestimmt nicht viel finden. Der Turm ist schon langer, langer Zeit aufgegeben worden.« Sie zögerte. »Allerdings hat Deris recht. Das Gebäude könnte über einer Zisterne errichtet worden sein. Es ist eine vage Hoffnung. Denn selbst wenn es einmal einen Brunnen gab, dann ist er wahrscheinlich längst ausgetrocknet.«

»Wollen wir nicht nachsehen?«, fragte Deris listig in die Runde. Selin nickte zustimmend.

»Wir brauchen wir schon bald neue Wasservorräte. Ich weiß, dass es dich reizt, mein Augenstern, dem Turm aufs Dach zu steigen. Bestimmt entdecken wir einen Schatz.«

»Bei den Tränen der Großen Mutter«, lachte Isene. »Schön wäre es. Aber wir sind bestimmt nicht die Ersten, die auf diesen geheimnisvollen Turm stoßen und neugierig wurden, was er in sich verbirgt. Wenn in ihm etwas Wertvolles liegen blieb, dann wurde es schon vor langer Zeit geplündert.« Sie zögerte und runzelte die Stirn. »Allerdings ist es nicht schwer, hinaufzusteigen und vom oberen Stockwerk, dessen Dach fehlt, ins Innere zu gelangen. Ich denke, wenn wir kurz nach Mitternacht aufbrechen, sind wir bei Sonnenaufgang oben.«

Deris klatschte in die Hände. »Endlich wieder ein Abenteuer!«

»Können wir uns das leisten? Die Erkundung des Turms wird doch sicherlich einen Tag oder zwei in Anspruch nehmen. Was ist mit unseren Verfolgern?«, bremste Selin die Begeisterung von Isene und Deris.
»Ich glaube nicht, dass sie uns einholen werden … falls sie uns überhaupt noch auf der Fährte sind und sie nicht längst verloren haben. Die Wüstenwinde und der Chamsin vor drei Tagen haben alle Spuren verwischt. Niemand vermutet uns so weit im Osten. ›Bluthands‹ Schergen werden uns wohl eher auf den belebten Karawanenwegen der Grauen Wüste und an den grünen Uferstreifen des Marat nach uns fahnden.« Isene machte eine vorbereitende Pause und Selin und Deris wussten genau, was jetzt folgte:

»Auf der anderen Seite sagte mein meister Nefset: ›Die Vorsicht ist die Weisheit der Diebe.‹«

Meister Nefset – schon wieder! Selin war dem greisen Diebesmeister einmal während seiner Flucht aus Karukora begegnet und er hatte ihn nicht besonders beeindruckt. Hätte er jedoch jedes Mal einen Soles bekommen, wenn Isene ihren alten Lehrer bei der Gilde zitierte, wäre er inzwischen reicher als ›Goldener Finger‹ gewesen, sein wegen seines Vermögens sprichwörtlich gewordener Urgroßvater. Der zittrige Nefset, der ›goldener Finger‹ wahrscheinlich noch gekannt hatte, war eine Legende unter den Dieben des Südens, die sich zur ›Gild’obschura‹ zusammengeschlossen hatten. Hatte er doch einst die gut bewachten Katakomben unter dem erloschenen Vulkan Uccelonido geplündert, wo die Nomaden der ›Macciaverda‹ die Tempelschätze ihrer barbarischen Gottheiten aufbewahrten. Nefset hatte auch ein viel gelesenes Buch über diesen abenteuerlichen Raubzug geschrieben und dazu noch ein zweites, in dem er die Maximen des Diebstahls erläuterte – eine langweiliger und konventioneller als die andere und alle in der Praxis untauglich. Die Regel mit der ›Vorsicht‹ war die sechsundzwanzigste im Buch, das ›Die 99 geheimen Schlingen des blütenreichen Gift-Efeus‹ hieß‹ und auf dem Index stand. Isene jedoch kannte alle diese Sprüche auswendig und zitierte sie bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit. Wäre Nefset nicht ein so alter Tattergreis, wäre Selin eifersüchtig gewesen.

»Ich denke, wir können eine kleine Besichtigung des Turms wagen«, beendete Isene die Diskussion. »Aber es kann nicht schaden, wenn wir uns gut vorbereiten.«

Scarab

Nach etwa einer halben Stunde weiterer Kletterei zog sich Isene über einen letzten, weit aus dem Mauerwerk herausragenden Holzbalken empor. Er ächzte zwar unter ihrem Gewicht, hielt aber stand. Hier oben war die Mauerkrone aufgebrochen und wie nach einem Angriff beschädigt. Einige Steine fehlten. Isene würde durch eine schmale Lücke in der Wand vor ihr, die wie eine gezackte Narbe aussah, mühelos ins Innere des Turms steigen können. Endlich hatte sie ihr Ziel erreicht und hätte eigentlich zufrieden sein sollen. Aber sie fühlte sich unbehaglich und unsicher. Die Diebin in ihr glaubte, zu spüren, dass sie jemand beobachtete. Das war nur eine ganz unbestimmte Empfindung, die sie nicht näher greifen oder gar beschreiben konnte. Aber sie war vorhanden. Und sie war bislang immer gut gefahren, wenn sie diesem Bauchgefühl gefolgt war. Eine Gefahr näherte sich; auch wenn sie Quelle und Richtung noch nicht einschätzen konnte. Ging diese Bedrohung vom Turm aus oder von der trostlosen Wüstenei, in deren wegloser Mitte er sich erhob? Dieser Kletterausflug jedenfalls war ein Fehler, da war Isene sich sicher.

Eine der wichtigsten Regeln, die ihr der Meister Nefset von der Diebesgilde auch mithilfe eines Rohrstocks nachdrücklich eingebläut hatte, war jene, sich immer wieder ihres Fluchtwegs zu versichern. Dieser Grundsatz war ihr in Fleisch und Blut übergegangen. Deshalb sah sie sich abschließend und absichernd um, bevor sie den Turm betrat. Zuerst warf sie einen prüfenden Blick zu ihrem Prinzen hinunter, der nun knapp unter ihr schweißtriefend am Griff eines ihrer Messer hing, das sie wie einen Karabiner in eine Fuge getrieben hatte. Er nickte ihr zuversichtlich zu. Tief unter Selin war alles, wie es sein sollte: Am Fuß des Turms des Turms war nichts zu entdecken. Deris hatte ihre Spuren vor seinem Aufbruch zu der Düne, hinter der er sich und die Kamele verbarg, sorgfältig verwischt und die Feuerstelle im Sand vergraben. Falls einer ihrer Verfolger zufällig vorbeikam, würde er nichts Verdächtiges bemerken. Aber solange die beiden nicht im Inneren des Turms waren, konnte er sie mit einem Gewehr wie fette Tauben von der Mauer schießen.

Isene blinzelte in die bleiche Sonnenscheibe, die wie das aufgedunsene, fahle Antlitz eines toten Gottes knapp über dem Dunst des Horizonts schwebte und ihre milchigen Strahlen über der Wüste vergoss.

›Die Freundin des Diebes ist die Nacht und der Morgen sein größter Feind‹, hatte Meister Nefset immer betont. Er war eine niemals versiegende Fundgrube an Sinnsprüchen und Merksätzen für den Diebesalltag gewesen. Doch es würde bestimmt niemand vorbeikommen. Dies war ein Abenteuer, mehr nicht. Zudem würde sie die Annäherung von Verfolgern von ihrem hohen Aussichtspunkt aus sofort entdecken. Gleichgültig, in welche Richtung sie blickte: Nirgendwo regte sich etwas. Ihr Bauchgefühl musste sie diesmal trügen. Oder gab es in dem Turm etwas, das sie fürchten musste?

Isene zuckte mit den Schultern und quetschte sich durch die Lücke im Mauerwerk des halbzerstörten obersten Stockwerks. Obwohl sich der Turm nach oben verjüngt hatte, war seine Krone ein einziger kreisrunder Mauerring von immerhin noch etwa fünfundsechzig Fuß. Er hatte längst kein Dach mehr, wenn er je eines besessen hatte. Da die Wand allerdings sehr hoch war, drang jetzt am frühen Morgen nur dämmriger Lichtschein von oben und durchwenige Lücken ins Innere. An der Nordseite klaffte ein leeres Fensterloch, das einen Ausblick auf weitere graue Dünen bot, hinter denen der Bruch liegen musste.

Isene öffnete wieder die Blende ihrer Laterne, die sie am Gürtel trug und schwenkte ihr Licht über den unebenen Boden. Verwitterte Bohlen und der Dreck von Jahrhunderten lagen auf den rohen, pockennarbigen Fliesen – und alles war fingerdick von Wüstensand und Staub überzuckert. Hier gab es nichts Wertvolles zu entdecken. Sie sah genauer hin und bemerkte unter einigen Brettern in der Mitte eine rechteckige Öffnung im Boden, wo wahrscheinlich eine Treppe oder eher eine Leiter hinabführte. Bevor Isene die Dachluke näher untersuchen konnte, quetschte sich auch Selin durch den Spalt herein. Er rang nach Atem. Dann stellte er sich neben sie und leuchte ebenfalls neugierig mit seiner eigenen Laterne herum.

[Zum 4. Teil —>]

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Die Perle vom Roten Turm – Erzählung Teil 4

[Zum 3. Teil —>]

anfHier könnte mal wieder jemand Saubermachen«, stellte er fest. In seiner Stimme schwang Enttäuschung. Doch dann blieb sein Lichtkegel zitternd auf einer großen Steinplatte liegen, die neben dem Fenster stand. Isene hatte sie zuerst für einen Rest der Wandverkleidung gehalten.

»Das ist ja interessant«, murmelte Selin und trat näher an seine Entdeckung heran. »Ist das altwendische Schrift?«

Nun sah Isene es auch. In die Platte war eine noch immer gut lesbare Inschrift gemeißelt. Sie beherrschte die alte Sprache des Wendlands nicht und deren schlichte Runen sahen ihr nach der Kritzelei eines Geometers aus, der sich an der Quadratur eines Kreises versucht. Sie hatten nicht einmal eine entfernte Ähnlichkeit mit den elegant geschwungenen Glyphen, mit denen man im Reich schrieb. Für den belesenen und in der Geschichte des Reiches gut unterrichteten Prinzen stellte der Text jedoch keine große Herausforderung dar. Mit den Fingern folgte er den Schriftzeichen, während er sie übersetzte:

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»Is bad’ne sa tiQe, we da rabu ti … hm, also … ›Die Zeit ist wie Wüstensand in meiner Faust, je fester ich sie fassen will, umso schneller rinnt sie mir zwischen den Fingern hindurch.‹ Weise Worte. War dies ursprünglich ein Philosophenturm wie der ›Prygos‹ des Mison auf Lindmar?«, wandte sich Selin zu Isene.

»Das glaube ich nicht. Lies weiter.«

»Gut. Jetzt wird es sachlicher. Dies ist eine Art Bauurkunde oder Grundstein des Turms, wenn ich das richtig übersetze: ›Gewährt in seiner endlosen Weisheit durch die gnädige Huld von ›Salzige Meeresgischt‹ und fertiggestellt im 4. Jahr seiner glorreichen Herrschaft, die niemals enden möge. Diese Tafel wurde errichtet im Jahr 3122 nach Mánis Fall. Das ist das heilige Jahr 77 nach der Gründung Karukoras, der von Maraias Tränen gesegneten Stadt. Geschrieben im 2. Jahr der schrecklichen Kriege gegen die … Chêprr und Hâmidi aus der Unterwelt …‹« Der Prinz zögerte. »Chêprr, Hâmidi. Das sind Wörter, die ich nicht kenne. Aber es sind wohl Bezeichnungen für die Ungeheuer, die das Reich überfielen. Wir hatten recht, was den Ursprung des Turms betrifft. Interessant sind hier auch die genauen Jahreszahlen, die genannt werden. Mancher von der Historikergilde würde seinen linken Arm geben, um diese Inschrift lesen zu können«, begeisterte er sich. Doch Isene, der immer unwohler wurde, trieb ihn zur Eile an:

»War das alles?« Sie sah den Prinzen nicht direkt an, sondern spähte aus dem leeren Fensterquadrat in die Wüste hinaus. War da nicht eben etwas gewesen? Ihr war, als hätte sie etwas übersehen.

»Nein, da steht noch mehr. Und jetzt wird es wirklich interessant: ›Gegeben dem edlen Siebling Lames Heisenberg für seine Verdienste als Vezir des Falkenthrons. Möge der treue … As’Teorfan – das ist wieder ein Wort, das mir unbekannt ist, vielleicht ein Generalsrang – hier die Ruhe finden, die ihm sein Schicksal bisher verwehrt hat.‹ Das ist alles.«

»Ist das ein Grabmal?«, fragte Isene nachdenklich. Die Chance, auf einen Schatz zu stoßen, war gestiegen.
»Nein, ich glaube nicht. Weißt du, wer Heisenberg war?«

»Selbstverständlich! Wer denn nicht? Auch wir Armen haben die Schule besucht. Lames Heisenberg war einer der Sieblinge; ein Gefährte des Namenlosen, der mit ihm über den Marat gefahren kam, um Karukora zu gründen …«

»Derer sieben waren am Anfang mit dem Bingh, drei Männer, vier Frauen: Asgëir, Betane, Heisenberg, Lines, Rhoda, Serdan und Zycla. Und Maraia war mitten unter ihnen. So wird es uns in den Tempeln gelehrt. Aber das kann nicht sein. Heisenberg muss zur Regierungszeit von ›Salzige Meeresgischt‹ schon viele hundert Jahre alt gewesen sein. Wahrscheinlich war dieser hier, den die Schrift erwähnt, ein Nachfahre des Gefährten des ersten Namenlosen. Merkwürdig ist nur, dass er im Text explizit als einer der ›Sieben‹ bezeichnet wird. Aber es kann sein, dass es wie der ›Namenlose‹ ein Ehrentitel war, der vom Vater auf den Sohn weitergegeben wurde. Ich habe allerdings nie etwas über einen Vezir mit diesem Namen gelesen. Und As’Teorfan, das heißt übersetzt so viel wie ›Der Gottgleiche‹ oder ›Der Ewige‹. Merkwürdig!«

Isenes Augen weiteten sich. Doch es waren nicht die gelehrten Ausführungen ihres Prinzen, die sie erschreckten. Ihre scharfen Augen hatten draußen in der Wüste eine Bewegung gesehen. Selin stoppte verunsichert seinen Redefluss.

»Was ist?«

Isene deutete auf das Fensterloch: »Wir sind nicht mehr allein!«

Sie hatte eine dünne Staubfahne erspäht, die knapp unter dem Horizont emporstieg. Außer dem Flimmern der Luft über der Wüste war es die einzige Bewegung, die sie erkennen konnte. Es war keine Sarab Morgana, die ihre Augen täuschte. Dort draußen war eine nicht bestimmbare Anzahl an Reitern unterwegs und sie bewegten sich auf den Turm zu. Sie waren noch fern, kamen aber schnell näher. Selin kniff die Augen zusammen und nickte.

»Das musste ja mal geschehen«, stellte er resigniert fest. »Wir waren in den letzten Wochen einfach zu sorglos. Unsere Hoffnungen, die verfluchte ›Bluthand‹ hätte aufgegeben, waren zu früh!«

»Die Verfolgten sind immer zu sorglos, hat mein Meister gesagt. Hast du wirklich geglaubt, dieses Ungeheuer auf dem Falkenthron würde den Letzten der Binghi einfach so ziehen lassen? So lange noch ein einziger aus deiner Familie lebt, ist seine Herrschaft gefährdet.« Sie runzelte die Stirn, dachte nach. »Aber ich bin mir nicht sicher, ob das dort in der Ferne die Häscher der ›Bluthand‹ sind, die er hinter uns hergeschickt hat. Karukora liegt im Südwesten und diese Reiter kommen aus nördlicher Richtung. Vielleicht sind sie harmlose Reisende wie wir. Schade, dass ich das Fernglas Deris gegeben habe, damit er uns im Auge behalten kann. Auf der anderen Seite wird er es jetzt mehr brauchen als wir.«

»Ich kann nicht abschätzen, wie viele Reiter das sind. Aber anhand der Staubwolke, die sie hinter sich herziehen, würde ich fast eine halbe Hundertschaft vermuten. Ist das eine versprengte Militäreinheit, die wie wir vor den Barbaren in die Wüste geflohen ist?«

»Das ist denkbar. Dann könnten wir uns ihnen anschließen. Sie würden uns sicher helfen, wenn sie erfahren, dass der letzte Prinz der Binghi noch lebt. Aber wenn es Karawanenräuber sind? Oder doch Assassinen, die ›Bluthand‹ angeheuert hat? Die ›Kalte Hand‹ ist sicher sofort zu ihm übergelaufen. Sie ist immer auf der Seite der Sieger.«

Selin warf bedauernd einen Blick auf die Luke zu seinen Füßen. »Sollen wir wieder hinuntersteigen und versuchen, zu fliehen? Oder hast du eine andere Idee«, fragte er unschlüssig.

Isene seufzte unhörbar. Der Prinz hatte viele gute Eigenschaften. Er war tapfer, warmherzig und humorvoll, sanft und belesen – und sie liebte ihn von ganzem Herzen. Er war der eine, besondere Mensch, auf den sie ihr Leben lang gewartet hatte; ihr Seelenpartner, von dem sie sich niemals trennen wollte. Aber er war durch sein Aufwachsen im behüteten Serail seines Vaters ›Seidenschal‹ nachgiebig, manchmal naiv und oft vollkommen entschlusslos. Er hätte einen schlechten Namenlosen abgegeben und wäre wie formbares Wachs in den Händen eines gewieften Vezirs oder Generals gewesen, der ihn beriet. Er unterwarf sich bei vielen Gelegenheiten vollkommen Isenes Entscheidungen und ihrem Willen. Das empfand sie meistens als richtig. Im Gegensatz zu ihm war sie es schon seit ihrer frühen Kindheit gewohnt, Entschlüsse zu treffen und schwierige, oft lebensbedrohliche Situationen zu bewältigen. Der Aufstieg auf den Turm war wie ein Sinnbild für ihre Beziehung gewesen. Doch ab und an wünschte sie sich, sich so schwach und verletzlich zeigen zu können, wie sie sich in manchen Stunden fühlte.

[Zum 5. Teil —>]

CoverPerle4

Die Perle vom Roten Turm – Erzählung Teil 5

[Zum 4. Teil —>]

traum1

anfNein«, entschied sie, »wir würden zwar mit meinem Seil sehr schnell absteigen können, aber bis wir Deris gefunden haben, der die Reiter bestimmt ebenfalls entdeckt hat und sich gut verborgen hält, sind wir Freiwild. Außerdem sind unsere Kamele erschöpft und langsam. Wir kämen nicht weit auf ihnen. Ich schätze, die Reiter sind im Moment etwa fünfundzwanzig Meilen entfernt. Bei der Geschwindigkeit, die sie vorlegen, haben sie schnelle Kamele. Also müssten sie in einer knappen Stunde hier sein. Vielleicht bemerken sie uns ja nicht, wenn wir uns hier oben verstecken und sie ziehen vorbei. Lass uns frühstücken und uns von der Kletterei erholen. Wir werden einfach abwarten, wer da kommt und was er tut.«

Damit war ihre Entscheidung gefallen. Isene setzte sich unter den Ausguck und lehnte sich gelassen gegen die Mauer. ›Geduld ist die größte Tugend des Diebs‹, kam ihr einmal wieder ein Sprichwort von Nefset in den Sinn. Sie kramte in dem Beutel, den sie an der Hüfte trug und zog eine Handvoll getrocknete und kandierte Datteln heraus, eine Spezialität aus der Mahala-Oase, die in Karukora unter dem Namen Halvá Tavariq verkauft wurde. Sie schien einen schier unerschöpflichen Vorrat dieser klebrigen Süßigkeit in ihren Taschen mit sich zu führen. Selin setzte sich zu ihr in den Dreck und pflückte eine der Früchte aus ihrer Hand. Er wünschte sich, es würde ihm gelingen, so gelassen wie Isene zu sein. Sie schien sich nie große Sorgen um ihre gemeinsame Zukunft zu machen.

›Wahrscheinlich wird man so, wenn jeder Tag ungewiss ist und man immer mit einem Fuß im Gefängnis steht‹, dachte er. Sie hatte ihm nur wenig von ihrer Kindheit und ihrer Jugend, von dem gewalttätigen Vater und dem Leben als Adeptin der Diebesgilde erzählt. Aber es musste ein zäher Kampf ums Überleben gewesen sein, der manche Bitternis und den beißenden Sarkasmus erklärte, die sie oft zeigte. Doch der Prinz hatte auch ihre andere Seite kennengelernt, die voller Liebe, Zärtlichkeit und Hoffnung war. Er spuckte den Dattelkern aus und wickelte seinen Turban ab. Er legte das weiße Tuch in ihren Schoß und legte seinen Kopf darauf. So war es einigermaßen bequem. Abwesend streichelte Isene seinen blanken Schädel und summte nachdenklich eine Melodie, die Selin nicht kannte. Da er nur in der ersten Hälfte der Nacht geschlafen hatte, wurde er schnell müde. Er schloss die Augen. Mit den Gedanken an die Geheimnisse, die der Turm unter ihnen barg, schlief der Prinz ein.

Scarab

Er öffnete er seine Augen. Es fiel ihm erstaunlich schwer. Um ihn herum regierte absolute Dunkelheit. Er lag auf dem Bauch und schwamm in ihr. Sie schien ihm ölig und schwerflüssig zu sein und er hatte das Gefühl, sie würde an ihm ziehen und zerren. Die Dunkelheit lastete wie ein warmer, dicker Teppich auf ihm, presste ihn in einen schlammigen Untergrund. Das Atmen war in dieser Atmosphäre eine Qual und es gelang ihm kaum, seine Arme und Beine zu bewegen. Er überlegte, wie er in diese Lage geraten war, aber seine Vergangenheit war ebenso finster wie die Nacht um ihn herum. Er wusste nicht einmal, wie er hieß und wer er war.

Doch da, vor ihm – in schier unendlicher Entfernung: Da war ein winziger Lichtpunkt. Auch wenn er nur schwach und unsicher funkelte, war er kein Trugbild. Er existierte tatsächlich in diesem vollkommenen Nichts. Dort in der Ferne flüsterte auch eine fast lautlose Stimme. Ein ruhiger, tiefer Klang drang an sein Ohr. Es wurde ein ewig gleicher, ein einziger Satz wiederholt. Ein Befehl? Doch er verstand ihn nicht, denn der Sprecher war ebenso weit entfernt wie das Licht.

Er rang lange mit sich und der Lethargie, die ihn komplett beherrschte. Er war noch nie in seinem Leben so müde gewesen wie in diesem Moment des Erwachens. Dann, nach vielen Jahren der Entschlusslosigkeit, machte er sich doch auf den Weg und er begann, auf das Licht und die Stimme zuzukriechen. Es erschien im plötzlich sehr wichtig, den Satz zu verstehen, in die ferne Helle zu treten. Der Widerstand der Flüssigkeit war enorm. Jede Handbreit, die er ihr abrang und ihn im teerigen Schlamm ein paar Millimeter vorwärtsbrachte, kostete ihn unbeschreibliche Qual und Anstrengung. Aber er gab nicht auf. Es ging nur langsam, gut, aber wenn er etwas außer seinem nackten Dasein besaß, dann war es Zeit. Er schien sogar einen ewigen Vorrat an Zeit zu besitzen. Er fühlte die Ewigkeit, die seine Seele durchtränkte, als wäre er selbst Waqt Al’Ab, die ›Mutter der Zeit‹. Sein Herz schlug kräftig und gleichmäßig wie der Maschinentakt des Prozessors. Dieser Pulsschlag und das unverständliche Murmeln waren die einzigen Laute, die er hörte. Und so kroch er unverdrossen weiter.

Nach einhundert Jahren ließ der Druck ein wenig nach, unmerklich zuerst, dann immer schneller. Er wand sich jetzt nicht mehr wie eine Schlange durch die gelierte, festgefrorene Schwärze, sondern krabbelte auf allen vieren. Weitere einhundert Jahre vergingen und er fühlte sich stark genug, sich aufzurichten und erste, tastende Schritte zu wagen. Seine Füße versanken bis zu den Knöcheln im zähen Untergrund. Sie schmatzen bei jedem Heben. Keuchend schlurfte er weiter. Manchmal glaubte er schon beinahe, ein paar der Sprachfetzen aus der Ferne verstehen zu können, auch wenn sie keinen Sinn machten.

Ein weiteres Centennium lag hinter ihm. Aus seinem mühsamen Vorwärtsstolpern war inzwischen ein kräftiger, aufrechter Gang geworden. Er ging weiterhin unverdrossen auf das ursprünglich winzige Licht. Es hatte sich allmählich zu einem Rechteck vergrößert, einer geöffneten Tür. Diese wirkte auf ihn, als hätte ein Gott sie mit einem Lichtmesser aus dem Nichts herausgeschnitten. Nun war die Männerstimme, die zu ihm sprach, kräftig und laut. Doch noch immer konnte er sich keinen Reim aus den Worten machen, die an sein Ohr drangen. Ihr Rhythmus glich immer mehr den Verszeilen eines Gedichts. War das überhaupt eine Sprache, die er verstehen konnte, oder nur das Brabbeln eines Geisteskranken, eines Idioten? Doch wenn ihm der richtige Gedanke kam – da war er sicher -, dann würde er alles Gesprochene sofort verstehen – würde die Welt wieder von Neuem für ihn starten.

Zuversichtlich ging er weiter. Auch ein Weg, der achtzehn mal achtzehn Generationen dauerte, musste ihn einmal an sein Ende führen. Wie er die unbegreifliche Zeitspanne überdachte, die sein Leben nun schon währte – es hatte so viel länger gewährt als die paar Jahrhunderte, die er nun schon in der Dunkelheit unterwegs war, kam ihm eine Erinnerung in den Sinn. Wie ein Blitz fuhr sie durch ihn. Sie leuchtete für den Hauch eines Augenblicks die schwarzen Regale in der von ihm selbst verschlossenen Bibliothek seiner Erinnerungen aus. Er hatte das Archiv seiner selbst seit seinem Erwachen im Nichts nicht mehr betreten.

Die Gestalt eines sehr jungen, schönen und schlanken Mannes erschien vor seinem geistigen Auge. Sie trug wüstentaugliche Reisekleider und einen festgebunden weißen Turban auf dem Kopf. Für Augenblicke trat sie so real neben ihm, dass er erschrocken innehielt. Hatte er einen Begleiter gefunden? Nein, leider nicht! Die Erscheinung begann zu verblassen, löste sich auf wie Zucker in schwarzem Tee. Nach kürzester Zeit blieb nurmehr der Eindruck eines erstaunten Gesichts zurück, das ihn überrascht gemustert hatte. Er war sich plötzlich sicher, dass dies doch keine Erinnerung aus einem der unzähligen Bücher seiner Gedächtnisbibliothek war, sondern ein neuer Sinneseindruck, ein neuer Gedanke – vielleicht sogar ein Blick in die Zukunft hinter der Tür aus Licht.

Und nun fiel ihm auch der Name des Jünglings ein. Er sprang ihm auf die Zunge, über die Lippen. Er schrie ihn hinaus in die Finsternis. Und zum ersten Mal seit über 300 Jahren erklang die Stimme des As’Teorfan:

»Selin!«

[Zum 6. Teil —>]

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Die Verliese des elfenbeinernen Palastes
Fantasy/SF-Roman
(Die Buchausgabe hat 400 Seiten)

Der Weg, der in den Tag führt – Band 2
Das Prequel zur Brautschau-Saga

»Herrin der Nacht, du allessehende und Allerbarmende. Höre mich. Sechs Männer waren es, die meine Schwester töteten. Heute Nacht werden sie für die Untat büßen, die sie vor 20 Jahren begangen haben. Keiner von ihnen wird seinem Schicksal entkommen!«

Der Regno der Lamargue wurde auf dem Gastmahl des Großvezirs der Wüstenstadt Karukora vergiftet. Während sich das fröhliche Fest in eine blutige Schlacht verwandelt, nutzen ein paar Diebe die Gunst der Stunde. Sie wollen aus dem Thronsaal des Namenlosen Herrschers der von Karukora eine Landkarte stehlen. Sie soll einen Weg aufzeigen, der durch die »Ebenen des Ewigen Krieges« hinein das sagenhafte Pardais führt.

Der Diebstahl gelingt, aber die Häscher des »Unterwerfers« sind ihnen auf der Spur. Es beginnt ein verzweifelter Wettlauf mit der Zeit. Selin, Juel und ihre Gefährten müssen durch die Verliese des elfenbeinernen Palastes in die Tote Wüste flüchten und überall lauern tödliche Fallen und Gefahren auf sie.

Weitere spannende Abenteuer und Märchen wie aus 1001 Nacht.

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Karukora
Fantasy/SF-Roman
(Die Buchausgabe hat 380 Seiten)

Der Weg, der in den Tag führt – Band 1
Das Prequel zur Brautschau-Saga

Sechstausend Jahre sind vergangen, seit sich die hochentwickelte Kultur der Vorgänger in ihrer Hybris selbst vernichtet hat. Obwohl viele Länder der Welt dabei vollkommen zerstört wurden und die heute unbetretbaren Jenseitigen Lande im Westen bilden, sind die Vorgänger für die heutigen Völker nur mehr eine vage Erinnerung und ihr enormes technisches Wissen ist fast vollkommen vergessen. Allein Märchen und Sagen erzählen von ihnen und ihren Geheimnissen.

Doch noch immer kämpfen uralte Roboterarmeen und Kriegsmaschinen östlich der großen Wüstenstadt Karukora in einer gewaltigen Schlacht, die nicht enden will.

Gibt es eine alte Landkarte, die durch diese Ebenen des Ewigen Krieges nach Pardais, der Stadt des Friedens, führt? Der alte Märchenerzähler Alis ist davon überzeugt. Er gerät auf der Suche nach ihr zusammen mit seinem Enkel Selin, dem Kaufmann Juel und dem jungen Mönch Sahar am Hof des Namenlosen, des grausamen Herrschers von Karukora, in ein Kesseltreiben aus Intrigen, Verschwörungen und finsteren Mordplänen.

Und welches dunkle Geheimnis verbirgt sich wirklich hinter dem Weg, der in den Tag führt?

Spannende Abenteuer und Märchen wie aus 1001 Nacht.

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MSGwerb99-1

Meister Siebenhardts Geheimnis
Fantasy/SF-Roman
(Die Buchausgabe hat 600 Seiten)

Buch I der „Brautschau-Trilogie“

Sechstausend Jahre sind vergangen, seit sich die hochentwickelte Kultur der Vorgänger in ihrer Hybris selbst vernichtet hat. Obwohl viele Länder der Welt dabei vollkommen zerstört wurden und die heute unbetretbaren „Jenseitigen Lande“ im Westen bilden, sind die Vorgänger für die heutigen Völker nur mehr eine vage Erinnerung. Ihr enormes technisches Wissen ist fast vollkommen vergessen. Allein Märchen und Sagen erzählen von ihnen.

Doch eine gewaltige Waffe hat den entsetzlichen Untergang der Vorgänger überlebt und bedroht aufs Neue alles Leben auf der Erde.

Dies ist die Geschichte des jungen Half, eines Brautwanderers, der sein heimatliches Bauerndorf in der Provinz verlassen hat, um draußen in der großen Welt nach einer blonden Frau zu suchen, die er als Gattin nach Hause führen will. Dabei stolpert er zufällig in eine düstere Verschwörung um den von der Inquisition gejagten Meister Siebenhardt. Der abtrünnige Mönch aus dem Kirchenstaat von Italmar ist im Besitz eines Geheimnisses, das das Schicksal der Menschheit entscheiden könnte …

Mánis Fall – Der Prolog zu Brautschau 1

Ein langweiliger Abend

elbst das größte aller Abenteuer hält für seine Helden viele fade Momente, Stunden und Tage bereit. Wären die Barden, Liedersänger, Märchenerzähler und Chronisten ihrer Erlebnisse ehrlich mit ihren Zuhörern oder Lesern, so müssten sie es kleinlaut eingestehen: Die Zeiten, von denen während einer Aventüre nichts Erregendes oder Spannendes, Interessantes oder Wissenswertes berichtet werden kann und die deshalb von ihnen mit wenigen Worten vernachlässigt und oft übersprungen werden, diese Zeiten sind Legion.

Lasst uns trotzdem solch einen langweiligen Moment betrachten, den uns die Dichter so gerne vorenthalten und ihn auslassen, um schnell zum ›spannenden Teil‹ zu kommen. Gerade diese Augenblicke der Ruhe zeigen das wahre Gesicht unserer Helden und wir erfahren Dinge über sie, die sie uns näherbringen. Der Feuerschein einer stillen, bewegungslosen Nacht, um den sich sechs Menschen an einem einsamen Ort versammelt haben, fördert manches zutage, manchmal sogar ein ganzes Leben.

Die Abenddämmerung über den weiten, schier endlosen Bittermarschen der Jenseitigen Lande senkte sich eilig auf eine kleine Gruppe von Abenteuern herab. Diese stapfte schon den ganzen Tag schwerfällig durch den aufgeweichten Schlamm gen Osten und war am Ende ihrer Kräfte angelangt. Ihr Ziel war der Wald von Ygdras, wo sie bei den Albyhn von Usgârt Schutz und Verbündete finden wollten. Noch waren die fünf Abenteurer viele Meilen und etliche Tagesmärsche von dem vermeintlich sicheren Ort entfernt, dessen gewaltige Baumriesen sich bereits am Horizont wie ein schwarzer, unüberwindbarer Festungswall emporstreckten. Auch der große Baum Ygdras selbst stieg bereits in der Mitte des Waldes wie ein einsamer Berg weit in den Himmel weit hinauf. Seine zu jeder Jahreszeit belaubte Spitze verschmolz mit dem Grau der niedrig hängenden Wolken. Aus ihnen regnete es schon seit fast einer Woche ohne Pause auf Ebene und die Wandernden herab. Die kalte Nässe weichte nicht nur den Boden, sondern auch die Kräfte und den Willen der Flüchtenden auf, von denen keiner mehr ein trockenes Kleidungsstück am Leib trug. Sie stemmten sich, vom Gewicht ihrer vollgesogenen Felleisen niedergedrückt, gegen den Wind, der die Regenwut wie einen Vorhang in ihre Gesichter peitschte.

Der Kaufmann und Meisterdieb Juel, der den Trupp zusammen mit der ortskundigen, jungen Labelle anführte, blieb am Rand eines schwarzen Teichs stehen und nahm den schweren Rucksack von den Schultern. Er drückte seinen verspannten Rücken durch, bis er knackte und wischte sich erschöpft den Regen von Gesicht und Glatze. Anschließend hob er die Hand und wartete, bis die inzwischen weit auseinandergezogene Gruppe langsam zu ihm aufschloss. Währenddessen sah er sich zweifelnd um. Die vollkommene Stille seiner Umgebung, die nur von den Geräuschen der fünf Personen hinter ihm und dem Plätschern der Regentropfen unterbrochen wurde, gefiel ihm nicht. Er wusste, dass niemand diesen Landstrich bewohnte. Aber es waren nicht die Menschen, die er fürchtete. Doch so sehr er auch in die nahende Finsternis lauschte und in seine Umgebung spähte: Er spürte keine Gefahr.

Der dicke und geschwätzige ältere Mann hatte längst viel von seinem eigentlich unverwüstlichen und berüchtigten Humor verloren. Wie auch seine Zuversicht war er ihm irgendwann an diesem Tag im Matsch auf dem Weg hinter ihnen abhandengekommen. Auf der Suche nach dem dritten Stab war Juel zusammen mit seinem Freund Adelf von Süderbal schon einmal in dem Schwemmland jenseits des ›Großen Waldes‹ gewesen, aber das war nun bald zehn Jahre her und er war unsicher. Er hoffte, im Wald würde es leichter werden, doch hier draußen in der durchtränkten Ebene ohne markante Landmarken hatte sich in der Zwischenzeit vieles verändert. Die Karte, die er damals in seinem Kopf angefertigt hatte, stimmte nicht mehr. Durch die ununterbrochenen Regengüsse waren die meisten der Wege, die er früher gekannt hatte, ungangbar geworden. Die Sintflut vom Himmel hatte kleine Bäche in reißende, unpassierbare Flüsse und die Wiesen in tückische Sümpfe verwandelt, deren Erdreich unsicher war und grundlose Schlammlöcher und Treibsand verbarg. So hatten sie auch an diesem Tag immer wieder größere Umwege in Kauf nehmen müssen. Mittags war die Gruppe wegen einer Halbinsel, die sich als Sackgasse entpuppte, sogar zur Umkehr gezwungen und hatte dabei viel Zeit verloren. Obwohl sie heute ohne größere Pausen seit nun geschlagene neun Stunden unterwegs waren, waren sie deshalb nur wenige Meilen näher ihr Ziel herangekommen.

Solch einen nicht enden wollenden Regensturm mitten im Sommer hatte der fünfzigjährige Juel in seinem Leben noch nicht erlebt. Der ehemalige Erzabbas Jac hatte ihm erzählt, dass der schwarze Mond, der in gut drei Monaten vom Himmel stürzen würde, durch seine langsame Annäherung an die Erde seit geraumer Zeit das Wetter beeinflusste. Das würde die Hitzewellen des letzten Sommers, den ungewöhnlich harten und langen Winter, den abrupten Frühlingsbeginn am Ende des Ventôse und die massiven, salzigen Regenfronten erklären, die seit dem Messidor vom Ödwasser her in endloser Reihe über die Jenseitigen Lande zogen. Nun, wenn es Juel und seinen Gefährten nicht gelang, ihn zu verhindern, dann waren es heute noch exakt 158 Tage bis zum Weltuntergang! Da durfte das Wetter ruhig ein paar Kapriolen schlagen.

Inzwischen hatten sich Juels Begleiter zu ihm gesellt. Mit ihm selbst waren sie zu sechst: Der gebrechliche Mönch Jac, der Ordensritter Rüder, die Brautwandererin Hetha, die unheimliche Fabia und Lâbelle von den Parsern – drei Frauen übrigens, die man sich kaum unterschiedlicher vorstellen konnte. Ihre alte Gruppe hatte sich vor zehn Tagen nach den Abenteuern in der Ruinenstadt Pars und der dramatischen Fahrt über den Fluss Seyn auftrennen müssen. Sahars Truppe ritt auf den merkwürdigen Pferden der Parser weiter nach Südwesten in Richtung Hindersaat und hinterließ dabei absichtlich überdeutliche Spuren, damit der grausame General Windart und seine Mönchssoldaten ihnen und nicht den zu Fuß Fliehenden folgten. Währenddessen wollten sich die sechs Anderen durch die wandernden Sande und die überschwemmten Bittermarschen in Richtung Ygdras-Wald schleichen. Es war vereinbart, sich nach etwa dreißig Tagen in dem elenden Dorf Ende an der Grenze zu den Überlebenden Landen wiederzutreffen. Dies war notwendig geworden, damit die Schwächeren und Gebrechlicheren unter ihnen die Jenseitigen Lande auf einem sichereren Weg als über die südliche Route toxique verlassen konnten.

Juel kamen immer häufiger Zweifel, ob diese Aufteilung klug gewesen war. Auch wenn der Plan funktioniert hatte und der General tatsächlich auf ihren Trick hereinfiel und den anfälligeren Teil der Gruppe nicht mehr verfolgte, fragte er sich, ob es nicht eine bessere Alternative gegeben hätte. Ihre einzigen Kämpfer waren die dunkle, wieselflinke Lâbelle und der kleine Albyhn-Zwerg Rüder, dessen Bart fast bis zum Boden reichte. Beide waren zweifelsohne tapfer, aber nicht allzu stark. Und bei dem Marschtempo, das sie im Moment vorlegten, würden sie niemals rechtzeitig die kleine Siedlung am Ausgang des Weltengrates erreichen, die so passend ›Ende‹ hieß. Der Dicke vermisste zudem schmerzlich seine Gefährtin Sakket, die mit den anderen geritten war. Er hatte sie gerade eben erst nach zwanzig Jahren wiedergefunden, aber jetzt erneut verloren.

›Gut‹, dachte er, ›ich habe so lange auf sie gewartet, da werde ich wohl auch noch ein paar weitere Wochen ausharren können.‹

Juel seufzte selbstmitleidig und deutete nach vorne. Zu seiner Erleichterung hatten seine scharfen Augen einen Ort entdeckt, an dem seine Gruppe für diesen Abend und die hereinbrechende Nacht einen einigermaßen trockenen Rastplatz finden würde. Es war die Ruine eines Vorgängergebäudes auf der anderen Seite des Teichs. Sie wirkte trotz ihrer löchrigen und teilweise eingestürzten Mauern noch immer beeindruckend. Drei Stockwerke hoch erhob sich das uralte, dachlose Gebäude, von dem er sich erhoffen konnte, dass nicht alle Decken innerhalb der Außenwände eingestürzt waren. Schließlich hatten die Vorgänger massiv und für die Ewigkeit gebaut. Die teils imposanten Überreste ihrer stolzen Architektur prägten auch 6000 Jahre nach ihrem Untergang noch immer die Lande. Juel hatte längst aufgehört, zu zählen, in wie vielen von ihnen er in seinem Leben bereits auf Schatzsuche gewesen war.

[Zum 2. Teil —>]

Mánis Fall – Der Prolog zu Brautschau 2

uel sah zu Lâbelle hinüber, die sich neben ihn gestellt hatte. Die hübsche Parsin kannte sich gut in den Jenseitigen Landen aus, die ja ihre Heimat waren. Ihre Gabe war es, hinter den Spiegel der Realität sehen und das Geflecht begreifen zu können, aus dem sie bestand. So richtig konnte sich Juel diese Art von zweitem Blick nicht erklären. Aber wenn etwas nicht stimmte, dann würde das Mädchen es wahrnehmen können. Lâbelle kniff die Augen zusammen, sah sich aufmerksam um. Dann schüttelte sie langsam den Kopf.

»Gut. Lasst uns dort übernachten«, entschied Juel kurzangebunden und wartete vergeblich auf eine Antwort der anderen. Offenbar waren sie inzwischen sogar zum Reden zu müde. Selbst Jac, der sonst grundsätzlich die Entscheidungen des Dicken in Zweifel zog, hielt den Mund. Juel nahm seinen vom Regen durchtränkten und schweren Rucksack achselzuckend wieder auf und stapfte durch den Matsch des Teichufers auf das bedrohlich wirkende Gebäude zu. Die anderen folgten schweigend seinen Fußabdrücken, die sich rasch mit Wasser füllten.

*

Eine Stunde später hatte sich die Lage für die müden Wanderer merklich verbessert. Juel und Lâbelle hatten sich nicht geirrt. Ein Großteil der Decke eines hohen, fensterlosen Raumes, der gut die Hälfte des Untergeschosses des alten Gemäuers bildete, war noch vorhanden. Darunter waren auch die rechteckigen, hellgrauen Fliesen des gut erhaltenen Fußbodens trocken geblieben. Die Wände waren dick und stabil. Hier konnte sich die Gruppe gut vor dem erbarmungslosen Regen und dem eisigen Nordwind schützen. Zwar hatte die mit Säulen abgestützte Decke im hinteren Teil einen größeren Durchbruch, der durch alle Stockwerke ging und unter dem sich durch das herabfallende Wasser eine ordentliche Pfütze gebildet hatte, aber diese Öffnung nützten sie nun als Abzug für das Feuer, das sie eilig entzündet hatten. Offenbar diente dieser Ort nicht zum ersten Mal als sichere Unterkunft für müde Wanderer. Zu aller Freude und Überraschung hatten sie in einer Ecke des Saals zu ihrer Überraschung einen großen Stapel trockener Holzscheite und daneben eine Holztruhe mit warmen Wolldecken und geflochtenen Schlafmatten darin vorgefunden. Jemand musste diesen Vorrat vom noch viele Meilen entfernten Ygdras-Wald hierher gebracht haben, denn in den Sümpfen um sie herum gab es nur wenige vermodernde Bäume, niedriges, von Feuchtigkeit durchtränktes Buschwerk und strohige Pflanzen. Aber mit dem gut abgelagerten Holz gelang es ihnen rasch, die sorgfältig von größeren Steinen eingefasste, kreisrunde Feuerstelle mitten in dem Saal in Gang setzen. Bald schon erwärmte sich ihre Zuflucht.

Dann hockten sie endlich schweigend im orangen Licht ihres Feuers und starrten müde in die Flammen, die tapfer knackten und qualmten. Nicht einmal Fabia hatte mehr die Kraft, einen ihrer endlosen Jammermonologe zu halten. Sie hatten ihre klamme Kleidung zum Trocknen aufgehängt und sich selbst in die wärmenden Decken gehüllt, die die freundliche Seele für sie hinterlassen hatte. Da die eigentlich geschickte Jägerin Lâbelle auch am heutigen Tag kein Wild hatte aufstöbern können, musste man sich mit dem Proviant begnügen, den jeder bei sich trug: Gepökeltes Trockenfleisch, krümliger Käse und Zwieback, die noch aus den Vorräten der Lord Glenarvan stammten, dazu ein paar Trockenbeeren. Das einzige Getränk, das ihnen unbegrenzt zur Verfügung stand, war abgekochtes, merkwürdig schales Wasser aus der Regenpfütze hinten im Raum. Aber dennoch war alles besser als der gestrige Übernachtungsplatz unter dem undichten Luftwurzelgeflecht eines abgestorbenen Bolabaums. Dort waren sie fast ungeschützt der Witterung ausgesetzt gewesen und hatten nicht einmal ein kleines Feuer machen können.

Doch selbst gestern hatte es sich einer der zusammengewürfelten Schicksalsgemeinschaft nicht nehmen lassen, den anderen eine Geschichte zu erzählen, damit sie nicht in Selbstmitleid zerflossen. Rüder Rast berichtete ihnen in seiner blumigen und ausschweifenden Art von seinen Erlebnissen aus der Zeit, als er noch als blutjunger Knappe des fahrenden Ritters Gundson von Diedorf in der tiefsten Provinz unterwegs gewesen war. Den beiden war es bei ihrer Queste sogar gelungen, bis zum entlegenen Schendrach-Kloster auf dem Gipfel des Einsteins vorzudringen. Ihre haarsträubenden Erlebnisse auf der Flucht vor den männermordenden Titania-Nonnen hatte alle zum Lachen gebracht und von ihrer deprimierenden Lage abgelenkt. Aber an diesem Abend schien niemand die Lust zu verspüren, die anderen mit einer Geschichte aufzuheitern.

Fabias Blicke glitten langsam über die zusammengesunkenen Erscheinungen ihrer Gefährten. Sie waren ihr merkwürdig fremd und fern. Woran dachten sie? Ließen sie die ungeheuerlichen Erlebnisse der letzten Wochen Revue passieren oder versuchten sie, mit ihren glasigen, müden Augen die Nebelbänke der Zukunft zu durchdringen? Sie fand in den Gesichtern keine Antwort. Seufzend erhob sie sich, weil ihr Bein eingeschlafen war. Sie war es nicht gewöhnt, einfach auf dem Boden zu sitzen. Langsam ging sie in dem Saal umher. Da entdeckte sie in der Nähe der großen Pfütze an der Rückseite ein rechteckiges Schild an der Wand, das dort eigentlich nicht hingehörte. War es der Versuch eines Wanderers vor ihnen gewesen, diese Notunterkunft in den traurigen Bittermarschen ein wenig wohnlicher zu machen? Fabia trat näher heran. Sie spürte einen schmerzhaften Stich in ihrer Brust. Denn das blaue, weißumrandete Hinweisschild, dessen Schrifzug zwar teilweise abgeblättert, aber immer noch lesbar war, stammte aus ihrer eigenen Zeit oder war sogar noch älter. Sie konnte kaum glauben, was sie da las:

›A4 Paris – Strasbourg‹

Doch es war nicht das Schild selbst, das sie fassungslos machte. Es war ein fast vollkommen ausgeblichenes und verwischtes Graffiti an der linken Seite, das sie selbst vor fast 6000 Jahren dort angebracht hatte. Tränen schossen in ihre Augen. Wenn dieses Schild nicht von irgendwo hergeschleppt worden war, dann befand sie sich tatsächlich in der Nähe der Route de l’Est und wenn sie die Kilometer abschätzte, die sie sich inzwischen von der Ruinenstadt entfernt hatten, dann waren die Bittermarschen ein Teil des ehemaligen Arrondissements Verdun. Dieses Haus, in dem sie stand, war vielleicht das letzte Überbleibsel einer Stadt, in der in ihren Tagen 8 Millionen Menschen gelebt hatten und in der sie zum letzten Mal ihren Freund Xaver und dessen Schwester Sadie gesehen hatte.

Sie begann zu zittern und zog die Decke enger um ihren Oberkörper. Beim Sturz des Mondes waren dessen gewaltige Brocken auf der ganzen Nordhalbkugel eingeschlagen und hatte ganze Kontinente von den Landkarten radiert und andere waren dadurch erschaffen worden. Die Heutigen nannten diese Katastrophe die ›Große Welle‹. In den anschließenden kriegerischen Auseinandersetzungen waren über die wenigen Überlebenden noch mehr Tod, Vernichtung, Seuchen und schließlich auch noch ein atomarer Völkermord gekommen, der die Reste der Menschheit direkt in die Steinzeit zurückschleuderte. Anschließend, so hatte es vor einigen Abenden jedenfalls der ihr unheimliche Jac erzählt, waren eintausend dunkle, barbarische Jahre gekommen, bis sich die ›Drei Reiche‹ bildeten, die sich ebenfalls in einem Krieg gegenseitig zerstörten. Über dieses grausame Zeitalter, aus dem die heutigen Nationen der Überlebenden Lande nur langsam und zögernd herausgetreten waren, gab es offenbar keine Aufzeichnungen und kaum Erinnerungen. Vieles hatte sich der alte Mönch aus Sagen, Mythen und mündlichen Überlieferungen zusammenreimen müssen. Die Menschen hatten aber ihre Geschichte neu begonnen. Inzwischen waren noch einmal beinahe 5000 Jahre ins Land gegangen, in denen langsam wieder eine Zivilisation entstanden war. Und Fabia hatte während der ganzen Zeit in ihrem Glassarg geschlafen! Sie fühlte sich so einsam wie noch nie seit ihrem Erwachen.

Hetha, deren kupferrote, vom Feuer beschienene, Haarpracht wie ein Licht leuchtete, musste bemerkt haben, dass mit Fabia etwas nicht stimmte. Während die Vorgängerin stumm in sich hineingeweint hatte, war sie nähergetreten und nun umarmte sie sie. Fabia zuckte zuerst zusammen und wollte unwillig zurückweichen. Doch dann ließ sie sich die mitfühlende Berührung gefallen. Sie legte ihren Kopf auf die Schultern des Mädchens, das sie – zog sie einmal die Jahrtausende ab, die sie wie Dornröschen verschlafen hatte -, in etwa auf ihr eigenes Alter schätzte.

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Mánis Fall – Der Prolog zu Brautschau 3

omm, Faiaba«, flüsterte Hetha nach einer Weile, »wir wollen uns wieder zu den anderen ans Feuer setzen. Hier ist es kalt und klamm und wir holen uns nur eine Krankheit.« Fabia, die zum ersten Mal nicht über die seltsame Verballhornung ihres Namens aus dem Mund ihrer Reisegefährtin protestierte, schniefte einmal kurz.

»Danke«, sagte sie und ließ sich widerstandslos zurückführen. Die anderen sahen kaum auf, als die beiden Frauen wieder in den Lichtkreis des Lagerfeuers traten.

Kaum hatte sich Fabia wieder zwischen Juel und Lâbelle gesetzt, geschah etwas mit ihr. Es brach etwas auf, was sie tief in sich verschlossen und versiegelt hatte. Sie sammelte sich. Dann begann sie unvermittelt zu erzählen; zuerst mit unsicherer und leiser Stimme. Trotz ihrer Müdigkeit lauschten die anderen bald atemlos der unerhörten Geschichte aus einem fernen Zeitalter, die für sie wie eines von Sahars Märchen klang. Jeder Satz des Berichts über die letzten Tage von Paris erleichterte Fabia, als würde ihr ein großer Felsen von der Seele genommen …

5880 Jahre vorher …

1. Kapitel
Flucht in die Sorbonne

In den Marskolonien der Indopazifischen Union herrschten Chaos und Zerstörung. Aber ihr Angriff erfolgte auch an diesem Morgen pünktlich und präzise. Auf die Kolonisten war Verlass. Wie an jedem Morgen schlugen auch am 24. Juni des Jahres 2534 die ersten Gravitationswellen aus ihren im Voltaire-Krater auf Daimos stationierten Kanonen um 06:45 Uhr auf der Rückseite des irdischen Mondes ein. Zehn Sekunden später begannen die Sirenen auf den fast in die Stratosphäre ragenden Wohntürmen und öffentlichen Gebäuden der Megapole Paris zu heulen.

Ihr Omicron „Puck“, der kleine, private Mehrzweck-goLEM der Studentin Fabia Winterfeld, schaltete ebenso prompt in den Notfallmodus. Aufgeregt rollte er schwankend durch ihre vollgestellte Einzimmerwohnung und gab fiepende und panische Geräusche von sich. Offenbar kam dabei auch sein Orientierungssinn ein wenig durcheinander, denn der Robot donnerte mit blechernem Hallen zuerst gegen die Küchenzeile und suchte dann protestierend Schutz unter dem niedrigen Esstisch.

»Überrangprotokoll Fabia!«, rief die junge blonde Frau eilig. »Puck! Whither wander you? Standby.«

Etwas klickte und rasselte im Inneren des Robots, dann froren seine hektischen Bewegungen ein und nur noch ein rotes Licht leuchtete an seiner Außenhülle. Fabia seufzte. Jeden Morgen veranstaltete Omicron, den sie nach dem Kobold im Midsummer night‘s dream von Shakespeare „Puck“ getauft hatte, das gleiche Theater. Denn jedes Mal vergaß sie am Abend vorher, ihn vorsorglich in den Ruhemodus zu versetzen. Sie hatte schon mehrmals mit dem Wartungsservice der Universität gesprochen, ob man den goLEM nicht etwas weniger empfindlich einstellen konnte und es war ihr auch von dem netten Mitarbeiter immer wieder versprochen worden, man würde einen Delta vorbeischicken. Aber bislang hatte sie immer vergeblich auf eine der wieselflinken Technikdrohnen gewartet, die sie an glattrasierte Vogelspinnen erinnerten. Der Wartungsservice hatte wahrscheinlich in diesen Zeiten Wichtigeres zu tun, als sich um die kleine Haushalts- und Medizinmaschine einer Studentin zu kümmern. Fabia konnte Puck aber auch nicht einfach ausgeschaltet lassen, weil unter Umständen ihr Leben von seinen Sensoren und Funktionen abhing. Trotzdem genoss Fabia den kurzen Moment der Ruhe. Sie wartete, bis auch die Sirenen endlich schwiegen, dann kletterte sie aus ihrem Bett, das automatisch von der elektronischen Raumkontrolle mit einem unangenehmen Quietschen in die Wand zurückgezogen wurde.

»Vielleicht sollte ich die Kugellager mal wieder ölen lassen«, dachte sie und vergaß ihren Gedanken sofort wieder, denn der jungen Frau wurde gleichzeitig schwindlig. Ihre Umgebung geriet für sie heftig ins Schwanken und sie musste sich am kleinen Bücherbord festhalten, um nicht zu stürzen. Fabia wusste nicht, ob der Eindruck durch ihre morgendlichen Kreislaufprobleme entstanden war oder etwa doch durch eine der Gravitationswellen, die ihr Angriffsziel verfehlt und zufällig das Studentenwohnheim getroffen hatte. Sie schloss für ein paar Sekunden die Augen und atmete tief ein. Das Gefühl, auf den Planken eines schwankenden Schiffs zu stehen, verschwand so schnell, wie es gekommen war. Erleichtert stieß sie die Luft aus.

Fabias erster Weg führte sie zu dem veralteten Lebensmittel-Dehydrator und -Zubereiter, dem der Vorbesitzer der Wohnung scherzhaft ein prähistorisches Windows-10X-Betriebssystem unterstellt hatte. Sein Ratschlag hatte gelautet, fest mit einem Hammer von oben auf die Außenhülle zu schlagen, wenn das Gerät ein Croissant und einem Milchkaffee produzieren sollte. So verbeult, wie das Ding aussah, hatte er das offenbar auch einige Male ausprobiert. Leider funktionierte der unförmige Kasten dadurch selten so, wie er sollte und erschuf statt einem französischen Frühstück die seltsamsten und ungenießbarsten Nahrungsmittelkombinationen.

Tagsüber aß Fabia in der Mensa, aber morgens war sie auf den Thermix angewiesen. Auch heute versuchte sie vergeblich, das altersschwache Gerät durch Rütteln zu bereden, ihr einen starken Morgenkaffee zuzubereiten. Stattdessen füllte es eine durchsichtige Brühe in die bereitgestellte Tasse, die wie eine Mischung aus Earl-Grey-Tee und Kohlsuppe schmeckte. Aber sie war wenigstens warm und mit ein wenig Süßstoff gewürzt, war sie trinkbar. Auch ihr Koffeingehalt schien zu passen.

Fabia verzichtete auf einen weiteren selbstmitleidigen Seufzer und stellte sich an das einzige, wegen der Klimaanlage und der dünnen Luft hier oben nicht zu öffnende Fenster ihres billigen Studentenappartements im 123. Stockwerk des etwas heruntergekommenen Henri-Gouraud-Buildings im Weichbild der Innenstadt von Paris. Eigentlich war der Blick aus den etwas trüben Scheiben auf die französische Megapole von hier oben atemberaubend – man konnte bei klarem Wetter sogar die Kunststoffkopie des Eiffelturms in der Ferne erkennen, die im letzten Jahrhundert nach dem entsetzlichen pazifischen Krieg errichtet worden war, der praktisch ganz Südostasien radioaktiv verseucht hatte – aber gerade schob sich wieder mal eine der vielen gewaltigen Nachrichten- und Werbetafeln, die wie eine Besatzungsarmee über der Stadt schwebten, an dem Hochhaus vorbei und verdeckte die Aussicht, wegen der allein Fabia die schmuddelige, kleine Bude in dieser luftigen Höhe gemietet hatte.

»Der Mond braucht Männer!«, las Fabia zornig und stirnrunzelnd, während sie an ihrem scheußlichen Getränk nippte und sich dabei die Lippen verbrannte. »Der Mond braucht SIE! Bewerben Sie sich noch heute, denn morgen, Männer, kann es bereits zu spät sein.« Die Second-Moon-Corp., kurz 2MC, der mächtigste und größte Industrie- und Wirtschafts-Trust der Welt, machte mal wieder Werbung für ihr gigantisches Weltraumprojekt, im Wettlauf gegen die Zeit oben im Orbit einen zweiten, künstlichen Trabanten zu errichten, bevor der natürliche Mond durch die Waffen der Kolonisten vernichtet werden würde. Die täglichen Angriffe mit ihren experimentellen Gravitationswellenkanonen hatten seine Struktur bereits existentiell angegriffen und er torkelte auf einer unsicheren Umlaufbahn um die Erde. Würde er tatsächlich zerbrechen und seine Einzelteile als glühende Meteore auf die Menschheit herabregnen, wäre der Weltuntergang gekommen. Aber noch hielt der Mond den steten Erschütterungen tapfer stand und Fabia hoffte, dass er das noch eine ganze Weile tat. Zumindest bis die 2MC ihr Projekt beendet und einen Ersatz geschaffen hatte, der die Erdrotation abbremsen würde, wenn sein natürliches Pendant irgendwann fehlte.

Aber welcher Marketing-Praktikant hatte denn diesen frauenfeindlichen Spruch verbrochen? Die Studentin, die an der Pariser Uni neben „Theoretischer Kybernetik“ und „Künstlicher Intelligenz“ im Nebenfach „Gender-Historik“ belegt hatte, ärgerte sich über die Werbeeinblendung der Moon Corp., die gerade – als ob sie sie verhöhnen wollte – auf der fliegenden Tafel muskelbepackte Testosteronbündel zeigte, die am Metallgerüst des künstlichen Trabanten arbeiteten und aus stahlblau funkelnden Augen heroische Blicke gen Sternenhimmel richteten. Seit den Anfängen der Frauenemanzipation waren nun beinahe fünfhundert Jahre vergangen und noch immer benötigte der Mond ausgerechnet „Männer“! Einfach widerlich. Fabia hatte Lust, sich auf der Stelle bei der Pressestelle der Gleichstellungsministerin zu beklagen.

Doch plötzlich unterbrach das zentrale I-Net die nachfolgende Hundefutterreklame auf der schwebenden Werbetafel und brachte eine Notfallmeldung. Alle Bürger von Paris wurden aufgefordert, unverzüglich ihre Augreyes einzuschalten, falls sie dies noch nicht getan hatten. Sie sollten auf eine wichtige Nachricht der Earth Defence zu warten. Wie alle Bewohner der Megapole trug auch Fabia ihre Augmented-Reality-Kontaktlinsen vierundzwanzig Stunden am Tag und aktivierte sie gehorsam durch ein bewusstes Nasenzucken.

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Mánis Fall – Der Prolog zu Brautschau 4

ie Augreyes versuchten sofort, Verbindung mit dem Netz aufzunehmen und blendeten dazu in ihren Blick das Standby-Symbol von I-Net ein. Es stellte eine sich um sich selbst drehende, altertümliche Computerplatine dar und sah für Fabia so aus, als würde das Logo direkt vor der langsam vorbeiziehenden Werbetafel vor ihrem Fenster in der Luft schweben. Was frühere Generationen für Magie gehalten hätten, war für sie nur ein Teil ihres alltäglichen Lebens. Sie konnte sich nicht vorstellen, wie die Menschen früher gelebt hatten, als es die Möglichkeiten der virtuellen Realität noch nicht gab, durch die man buchstäblich mit einem Augenzwinkern Verbindung mit der ganzen Welt aufnehmen konnte. Wie hatte man zum Beispiel die Treffen mit seinen Freunden organisiert?

Die Studentin wartete ungeduldig auf das Online-Signal des weltweiten Computernetzes, dessen Serveranlagen in auf -250° C heruntergekühlten künstlichen Höhlen unter der iberischen Halbinsel und der nördlichen Atlantikküste standen. Doch die Verbindung nahm überraschend viel Zeit in Anspruch. Schließlich ging sie zu ihrer engen Nasszelle, schüttete den Rest ihres scheußlichen „Kaffees“ in die Toilette und machte ihre Morgenwäsche.

»Irgendetwas scheint nicht zu stimmen«, wunderte sie sich, denn solche Verzögerungen beim Einwählen ins Netz waren nicht normal. Aber dann, als sie sich gerade nackt im Spiegel begutachtete und überlegte, ob sie sich noch einen weiteren Eingriff leisten könnte, um ihr – kritisch und objektiv betrachtet – doch etwas zu ausladendes Gesäß in Form bringen zu lassen, funktionierte der Kontakt doch noch. Bevor sich allerdings I-Net melden konnte, erreichte sie ein Prioritätsanruf aus der Uni. Vor ihren Augen klappte die äußerst echt wirkende Gestalt ihres Doktorvaters auf, von Fabias Augreyes halb unter die tropfende Dusche gezaubert. Sie kicherte und war froh, dass ihm in diesem Augenblick nicht sie selbst, sondern ihr vollständig bekleidetes, geschminktes und nur leicht aufgehübschtes Profilbild vor den Augen stand.

»Bonjour, Fabia«, begrüßte sie Dr. Samuel Baruch Rosenthal, der führende Kybernetik- und Biorobotik-Wissenschaftler der westlichen Hemisphäre. »Wie ich sehe, sind Sie schon auf. Ich muss Sie unbedingt und sofort sprechen; es ist äußerst dringend. Kommen Sie so schnell wie möglich zu mir ins Babel. Es geht um Ober-1.«

»Guten Morgen, Herr Professor, ich werde mich gleich auf den Weg machen. Aber darf ich mich vorher noch anziehen? Sie sehen es nicht, aber ich bin unter der Dusche und ich stehe im Augenblick vollkommen nackt vor ihnen«, erwiderte die junge Studentin ruhig, obwohl sie sich ganz und gar nicht gelassen fühlte. Ihr Herz klopfte laut vor Aufregung. Der ältere Mann sah ihr überrascht in die Augen – das heißt, er sah ihrem, auf seine Pupillen projizierten, künstlichen Erscheinungsbild in die Augen, dessen dreidimensionale Umgebung nicht ihre Wohnung, sondern die Standardeinstellung war, nämlich eine grüne Wiese unter blauem Himmel. Denn obwohl es für Fabia so wirkte, als würde Rosenthal in ihrem Badezimmer direkt vor ihr stehen, hielt er sich doch etliche Kilometer von ihr entfernt auf der anderen Seineseite in seinem der Universitätsklinik angegliederten Labor auf, das alle dort nur als „das Babel“ kannten. Ach, es war kompliziert, aber die Täuschung perfekt. Fabia zwinkerte kokett und lächelte verführerisch. Sie wusste, dass die dreidimensionale Projektion von ihr diese Bewegungen in Echtzeit und getreu nachahmen würde – auch die merkwürdigen Verrenkungen, die sie machte, während sie sich geschwind abtrocknete und sich eilig ihre Freizeitklamotten anzog. Sie warf sich den ausgewaschenen, ihr viel zu weiten Hoodie über, den sie mal ihrem großen Bruder aus dessen Kleiderschrank gestohlen hatte. Er war das einzige Erinnerungsstück, das sie noch von ihm besaß. Dabei ärgerte sie sich ein wenig über sich selbst. Ihr kokettes Verhalten war einer emanzipierten Frau nicht würdig. Und doch … Der Professor räusperte sich und sah verlegen zu Boden, als würde er ihr tatsächlich dabei zusehen, wie sie sich ankleidete.

»Sie haben die Nachrichten noch nicht gehört, Fabia? Diesmal ist es ernst und Sie müssen sofort zu mir!«, flehte er. Die Studentin sah ihm an, dass er sich Sorgen machte. »Nehmen Sie nicht die Metro, sondern kommen Sie, wenn möglich, mit einem Schweber. Auch wenn es länger dauert, ist der Luftweg doch sicherer – zumindest bevor uns der Himmel auf den Kopf fällt. Ich warte hier auf Sie. Lassen Sie sich nicht zu viel Zeit.«

Der Professor beendete die Verbindung und sein Geisterbild in der Dusche klappte zusammen. Sofort schob sich eine Textmeldung von I-Net in den Vordergrund, die eine audiovisuelle Übertragung über den Regierungskanal ankündigte. In dem leicht durchsichtigen Rahmen, den ihr die Augreyes gegen die leere Wand warfen, auf die Fabia gewohnheitsmäßig sah, wenn sie mit einem Augenzwinkern durch die TV-Kanäle zappte, erschien nun der dunkelhäutige Pressesprecher der Earth Defense. Er war ein glatzköpfiger Mann undefinierbaren Alters, der jeder unter dem Spitznamen EDY kannte. Er wirkte besorgt, aber gefasst und vertrauenerweckend, strahlte Zuversicht und Entschlossenheit zugleich aus. Fabia wusste, dass auch er kein echter Mensch, sondern nur ein Hologramm war, dessen Physiognomie man nach ausgeklügelten psychologischen Gesichtspunkten zusammengestellt hatte. Niemand hatte eine Ahnung, wie der echte Sprecher hinter der Maske aussah – Fabia stellte ihn sich immer untersetzt und dick vor, mit einem Stiernacken und kleinen Schweinsäuglein. Was EDY zu sagen hatte, erschreckte sie allerdings und brachte sie dazu, sich so schnell wie möglich fertigzumachen.

»Bürger! Dies ist keine Übung. Der heutige Angriff der niederträchtigen Mars-Rebellen hatte zur Folge, dass ein Gesteinsbrocken mit etwa 2,5 Millionen Kubikkilometer Rauminhalt vom Mond abgesprengt wurde und sich nun in einer instabilen, enger werdenden Umlaufbahn um die Erde befindet. Der Mond selbst ist nicht in Gefahr, aber in exakt …«, die Stimme klang plötzlich metallen und künstlich, »16 Stunden und 24 Minuten …«, und kehrte zu ihrem normalen Tonfall zurück, »wird dieses kleine Teilstück über dem Atlantik ins Meer stürzen. Es ist trotzdem zu befürchten, dass der Impact sowohl auf dem panamerikanischen wie auch auf dem afrikanischen und dem europäischen Festland schwerste Erdbeben der Stärke 10,5 und höher und dadurch extreme Tsunami-Wellen auslösen wird. Diese bedrohen nicht nur die Inseln und Küsten, sondern alle Regionen der genannten Kontinente existenziell; insbesondere auch die unterseeischen Rechenzentren des I-Net unter Marelona. Sie werden aufgefordert, unverzüglich die Ihrem Wohnbereich nächsten Schutzräume aufzusuchen. Ihre Augreyes werden Sie führen. Bleiben Sie ruhig, Bürger, Sie haben ausreichend Zeit, in Kontakt mit Ihren Liebsten zu treten und in den Bunkeranlagen Schutz zu finden. Warten Sie auf weitere Instruktionen. Bürger! Dies ist keine Übung! Der heutige Angriff der Rebellen …« Der Pressesprecher begann damit, seine Katastrophenmeldung zu wiederholen. Gleichzeitig klappten weitere, sich teilweise überlappende Rahmen mit Fernsehprogrammen auf, die Livebilder aus aller Welt und hektische Reporter und Kommentatoren zeigten.

Fabia schaltete den Ton leiser und vergrößerte mit einem gezielten Blick eine Filmaufnahme vom Mond. Er sah ein wenig wie ein Apfel aus, von dem jemand ein kleines Stück abgebissen hatte. Ein paar Brocken schwebten durchs Bild, aber die Hauptmasse des von den Gravitationswellenkanonen abgetrennten Gesteins war längst auf dem Weg, in einer lang gezogenen Kurve auf die Erde zu stürzen. Erschüttert versuchte die junge Frau die Größe des wie ein Damoklesschwert über ihrem Haupt schwebenden Mondbrockens einzuschätzen und welche Schäden er verursachen würde, aber ihre Einbildungskraft reichte dazu nicht aus. Trotz der Bilder, die ihr die Kontaktlinsen zeigten, blieb die Gefahr noch abstrakt. Vielleicht war es auch der Schock, aber sie blieb ruhig und gefasst. Sie schaltete alle Fernsehkanäle aus, aber I-Net zeigte ihr weiterhin den Countdown bis zum Impact und blendete eine Fluchtroute zum nächsten Schutzraum ein.

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Mánis Fall – Der Prolog zu Brautschau 5

abia starrte auf die rot blinkende Infografik, ohne sie richtig wahrzunehmen. Jetzt schnürte doch eine nie gefühlte Panik wie ein dünner, messerscharfer Draht die Luft ab. Direkt über ihrem Kehlkopf saß er und strangulierte sie, machte jeden Atemzug zu einem erstickten Röcheln. Ihre Hände fuhren zum Hals, als könne sie sich von dem eingebildeten Draht befreien. Dann atmete sie krampfend ein, schnappte wie ein Fisch auf dem Trockenen nach Luft. Wenn sie daran dachte, dass sie eben noch überlegt hatte, ob sie wohl genug Geld für eine weitere Schönheits-OP aufbringen könnte, wurde ihr ganz schlecht. Wie schnell solche Dinge vollkommen unwichtig wurden …

»Jean-Paul, sie haben es wirklich getan«, flüsterte sie, nachdem sie ihre Stimme wieder gefunden hatte. Mit dem Vornamen des Philosophen aus einer längst vergangenen Epoche aktivierte Fabia ihren nach Jean-Paul Sartre benannten I-Net-Tagebuch-Kanal. Dessen von ihr selbst programmierte KI-Software begann sofort, ihre Worte für die Nachwelt und ihre Follower aufzuzeichnen, sie dabei in alle möglichen Sprachen übersetzte, um sie anschließend dem ausgefallenen Avatar, den die Studentin sich ausgesucht hatte, lippensynchron in den Mund zu legen.

»Gerade eben hielt ich es noch für vollkommen ausgeschlossen, dass mir so etwas passieren würde. Nicht heute, nicht morgen, nicht in zwanzig Jahren, nicht während meiner Lebenszeit. Das war undenkbar, also existierte es nicht. Heißt es nicht schon immer: ‚Nach mir die Sintflut‘? Der Weltuntergang ist doch etwas für die nächste oder die übernächste Generation, nicht für die eigene. Sollen unsere Enkel die Verantwortung für unsere Taten übernehmen, so wie wir die zerstörte Umwelt und den radioaktiven Müll unserer Vorfahren übernommen haben.«

Fabias Augreyes zeigten ihr die Statistik für ihr Online-Tagebuch, das sie auf den Namen „Jean-Pauls kleine Existenz“ getauft hatte. Sie vermochte es sich kaum vorzustellen, aber sie hatte Publikum auf der ganzen Welt. Laut dem eingeblendeten Zähler waren es 5734 Personen, die trotz der gefährlichen Situation in diesem Moment einem älteren, schielenden Mann mit dicker Hornbrille, schütterem Haarwuchs, schlechten Zähnen und einer altertümlichen Pfeife zwischen den dicken Lippen dabei zuhörten, wie er in ihrer eigenen Sprache die Sätze formulierte, die Fabia im gleichen Moment in ihrer Wohnung flüsterte.

Eigentlich hätte ihr I-Net-Double Simone de Beauvoir heißen und wie diese aussehen sollen. Sie bewunderte die unnahbare, stolze Frau, die ihre schwarzen Haare in einen todschicken Turban eingewickelt trug, mehr als ihren Lebensgefährten Sartre, der doch eher wie ein schmuddliger Briefkastenonkel wirkte. Aber die Avatara der legendären Schriftstellerin und Feministin war nach Elisabeth Bennet die beliebteste und bereits allzu oft an Studierende der Genderwissenschaften vergeben. Deshalb hatte sich Fabia für Beauvoirs eher unbedeutenden Philosophenfreund entschieden, als sie wegen einer von Professor Rosenthal gestellten Semesteraufgabe aus einer Laune des Augenblicks heraus diesen typischen Studentenblog eröffnet hatte. Sartre war außerhalb von spezialisierten, den klassischen Existenzialismus erforschenden Fachkreisen kaum bekannt und niemand außer ihr benutzte ihn als Avatar.

Über „Jean Pauls kleine Existenz“ teilte Fabia seit ein paar Jahren sehr unregelmäßig ihre Gedanken und Empfindungen, ihre politischen Meinungen – so weit sie nicht der oft allzu besorgten und akribischen Zensur des I-Net anheimfielen – aber auch Gedichte und allerlei Berichte und Anekdoten aus ihrem Alltag an der Sorbonne mit. Sie hatte sich nicht vorstellen können, wen ihr Geplapper außer ihren Freuden und Bekannten noch interessieren könnte, aber der bescheidene Erfolg hatte sie doch ein wenig stolz gemacht. Gut, zehntausend Zuschauer auf ihrem sporadischen, recht exzentrischen Jean-Paul-Sartre-Augreye-Kanal waren bei einer Weltbevölkerung von ungefähr achtunddreißig Milliarden Menschen wirklich nicht viele, aber es waren ihre Zuschauer und sie fühlte sich vor ihnen in der Verantwortung. Deshalb wollte sie sich auch von ihnen verabschieden, bevor sie ihre Wohnung verließ und deren Tür zum vielleicht letzten Mal hinter sich schloss. Sie bezweifelte, dass das altersschwache Henri-Gouraud-Building den zu erwartenden Tsunami heil überstehen würde. Als hätte er ihre Gedanken gelesen, sagte Sartre plötzlich:

»Ich fühle mich in die Welt geworfen, in dem Sinn, dass ich mich plötzlich allein und ohne Hilfe finde, engagiert in eine Welt, für die ich die gesamte Verantwortung trage, ohne mich, was ich auch tue, dieser Verantwortung entziehen zu können, und sei es für einen Augenblick, denn selbst für mein Verlangen, die Verantwortlichkeiten zu fliehen, bin ich verantwortlich«, stellte er kryptisch und ein wenig rechthaberisch fest. Weil Fabia zu lange geschwiegen hatte, übernahm automatisch die künstliche Intelligenz ihres Kanals für sie und ließ den Avatar aus dem Aphorismenspeicher des echten Philosophen diesen endlosen Satz zitieren, damit keine Pause entstand und sich die Follower langweilten. Obwohl die KI dabei vollkommen zufällig vorging, erschien Fabia das Gesagte doch erstaunlich passend.

»Ich bin in eine Welt geworfen, die ich mir nicht ausgesucht habe«, nahm sie den Ball auf, den ihr der Franzose über den Abstand von vielen Jahrhunderten hinweg zugeworfen hatte, »und ich habe lange in dieser Welt gelebt, als wäre sie eine Selbstverständlichkeit, als gäbe es nur diese eine. Doch nun wird sie mir genommen – oder besser gesagt, kaputtgemacht. Das größte Verbrechen ist es nicht, jemanden etwas zu nehmen, sondern es ihm kaputt wiederzugeben. Und dabei bin ich …« Sie zögerte.

Während Fabia nach den richtigen Worten suchte, mit denen sie ihre verworrenen Gedanken deutlicher formulieren konnte, sah sie, wie die Anzahl ihrer Zuschauer rapide kleiner wurde und dann plötzlich auf 0 fiel. Sie verstummte erstaunt mitten im Satz. Das war ihr noch nie passiert. Selbst wenn sie angetrunken den größten Mist von sich gab, hielten ihr ein paar dort draußen in der weiten Welt standhaft die Treue. Sie fühlte sich ein wenig beleidigt.

»AUSKUNFT!«, wandte sie sich deshalb direkt an die zentrale Informationsplattform und Suchmaschine des internationalen Computerdienstes I-Net. Erneut musste sie einige Zeit warten und der kreisenden, anachronistischen Platine zusehen, bis eine Verbindung zustande kam. Aber das hatte sie bei der Aufregung, die im Moment herrschte, erwartet. I-Net schuftete gerade sicherlich am äußersten Rand seiner Leistungsfähigkeit und alle LAN-Kabel, Router, Server und Knotenrechner auf der Erde liefen heiß. Endlich erschien eine plastische, aber vollkommen geschlechtslose, in eine schlicht, weiße Mönchskutte gehüllte Gestalt auf der Bildschirmfolie von Fabias Augreyes, die wie eine Kontaktlinse auf ihrer Iris klebte. Die Figur sollte zuverlässig und ehrlich wirken, hatte aber auf die Studentin, die der Augenwischerei der heutzutage beliebig gestaltbaren äußeren Form bei Mensch und Maschine misstraute, eher die gegenteilige Wirkung. AUSKUNFT trug einen faltenlosen und entrückten, fast gelangweilt zu nennenden, dabei allen menschlichen Regungen vollkommen gleichgültig gegenüberstehenden Gesichtsausdruck zur Schau. Fabia kannte diese Miene von den unzähligen kleinen steinernen Engeln und Heiligen, die über den drei großen Portalen der mehrmals niedergebrannten und erst kürzlich rekonstruierten Notre-Dame-Kathedrale in der Innenstadt standen und hochmütig und sophisticated auf die wenigen eintretenden Gläubigen herabsahen. Auch die Kleidung des Avatars war der jener Skulpturen aus der Hochgotik ganz ähnlich. Der Studentin wäre es lieber gewesen, wenn AUSKUNFT wie die Wasserspeier auf dem Dach der nach dem antiken Vorbild wieder aufgebauten Kirche ausgesehen hätte. Die spöttischen Fratzen der Gargoyles hätten viel eher zu der KI gepasst, von der Verschwörungstheoretiker munkelten, sie wäre die wahre Macht hinter allen Erd- und Kolonie-Regierungen. Nun, das wusste Fabia besser:

I-Net und seine Personifizierungen, EDY, AUSKUNFT, GOTTSCHALK, ASK ME und wie sie alle hießen, waren nur Facetten einer zwar gewaltigen und höchst entwickelten Rechnerintelligenz. I-Net selbst führte jedoch keine eigenbestimmte, unabhängige Existenz. Sie tanzte wie alle KI nach der Pfeife ihrer Programmierer und Admins. Sartre hätte I-Net wahrscheinlich eine Existenz im Sinne seiner Philosophie zugestanden und die Wissenschaftler stritten sich seit Jahrzehnten, ob der Quanten-Großrechner zwischen seinen elektronischen Schaltkreisen und neuronal-biologischen Netzstrukturen eine Persönlichkeit und ein Ich-Bewusstsein besaß oder diese nur perfekt simulierte. Der gute alte Turingtest funktionierte bei der modernen KI längst nicht mehr. Aber damit war aber noch kein abschließendes Urteil gefällt, ob der gigantische Rechnerverbund auch intelligent war. Für Fabia lag der Fall einfach: I-Net war bloß ein Werkzeug wie ein Hammer oder ein Schraubenschlüssel, hochkomplex zwar, aber eben doch nur ein Werkzeug, das allerdings gleichzeitig Milliarden von Dingen und Anfragen erledigen konnte und Millionen öffentlicher und privater goLEMs, Industrieanlagen und Haushalte steuerte. Sie mochte sich gar nicht vorstellen, was geschehen würde, wenn die vor unter der spanischen Atlantikküste bis weit ins Meer hinein errichtete, unterseeische Rechneranlage ausfiel, weil ein Stück vom Mond auf sie und die 4-Milliarden-Einwohner-Megapole Marelona herabstürzte.

[<—Zum 4. Teil]                                                                                               [Zum 6. Teil —>]

Mánis Fall – Der Prolog zu Brautschau 6

Ich entschuldige die Verzögerung und bin nun bereit. Stelle deine Frage, Bürgerin … Fabia Winterfeld,« sagte AUSKUNFT in ihrer sonoren, aber gleichmütigen Stimme, die jeder der achtunddreißig Milliarden Menschen auf der Erde kannte. Die asketische Mönchsgestalt sah der Studentin dabei direkt in die Augen, als hätte sie allein ihre Aufmerksamkeit. Die Farbe ihrer Iris schillerte wie Bernstein.

»Warum habe ich auf meinem Kanal plötzlich kein Publikum mehr?«

»Aufgrund Paragraph 4, Abschnitt 2 der Notstandsverordnung der Second-Moon-Corporation, die die Regierungsgeschäfte übernommen hat, und die im Weiteren von mir 2MC genannt wird, ist mit sofortiger Wirkung jegliche private Nutzung des I-Netzes verboten und deaktiviert. Dies gilt für Blogs ebenso wie auch für sämtliche Meinungs- und Nachrichtenkanäle. Allein dringende familiäre Kontakte sind in eng begrenztem zeitlichem Rahmen erlaubt, unterliegen aber den Zensurbestimmungen nach Paragraf 4, Abschnitt 7 der Verordnung und müssen einzeln angemeldet werden. Bitte zeige für diese sinnvolle Maßnahme der 2MC Verständnis, Bürgerin Winterfeld«, erklärte AUSKUNFT so gelassen, als würde sie nur den Wetterbericht vortragen. Dass in dieser prekären Lage der Notstand ausgerufen wurde, verwunderte Fabia nicht. Aber weshalb in Dreiteufelsnamen regierte mit einem Mal die 2MC? Ihr blieb die Luft weg und sie verstand plötzlich, warum Professor Rosenthal es so eilig hatte, sie zu sehen. Die schlimmsten Befürchtungen des alten Verschwörungstheoretikers waren in Erfüllung gegangen.

»Hast du noch weitere Fragen? Auch der Informationskanal unterliegt wegen der Notstandsverordnung und der momentanen Situation gewissen Einschränkungen und muss sich auf die nötigsten Grundfunktionen begrenzen. Ich empfehle dir nun dringend, Bürgerin, augenblicklich die für dein Stadtviertel vorgesehenen Schutzräume aufzusuchen.«

»Und ob ich noch Fragen habe!«, rief Fabia eilig, bevor AUSKUNFT die Verbindung einseitig trennte. »Seit wann gilt diese Notstandsverordnung? Und was ist mit dem Eurasischen Parlament geschehen?« Sie konnte es nicht fassen. Erlebte ihr Land gerade einen Putsch? Der 2MC-Trust war der mächtigste Wirtschaftsverband der Welt. Er unterhielt I-Net, besaß das Patent auf die gorgeous Living Electronical Machines-Serie – die sogenannten goLEMs -, regelte die weltweiten Klimastruktur-Maßnahmen, hielt das Transportmonopol, rüstete die Roboterarmeen  aller Nationen aus, organisierte die Ernährung der noch immer dramatisch anwachsenden Erdbevölkerung und diktierte über seine Lobbyisten die Weltpolitik nach seinem Gutdünken. Aber das Konsortium, das doch im Moment alle seine Kräfte dafür bündelte, der Erde einen zweiten Mond zu schenken, hatte noch nie so offen eingegriffen oder gar direkt die Regierungsgewalt eines Landes übernommen.

»Das Parlament der Eurasischen Republik und seine geschäftsführenden Minister haben heute Morgen um 07:00 Uhr EPST abgedankt und die Regierungsgeschäfte vertrauensvoll in die Hände des Aufsichtsrates der 2MC gelegt, die aufgrund der Weltlage den sofortigen Notstand ausgerufen und die Armeen in Bereitschaft gesetzt hat. Seit 07:05 Uhr EPST kommt es südöstlich des Schwarzen Meeres zu ersten Kampfhandlungen mit den Verrätern von der Indopazifischen Union. Die Raumflotte ist gestartet und auf dem Weg zu einer Strafexpedition zum Mars. Bürgerin Winterfeld, suche nun auf der Stelle die Schutzräume auf. Nur dort bist du sicher. AUSKUNFT – Ende.«

Der Mönchsavatar von I-Net verschwand und Fabias Augreyes zeigten erneut den Fluchtweg aus ihrer Wohnung an. Sie schluckte und hatte das Gefühl, das Zimmer würde um sie kreisen. Sie hatte nicht geglaubt, dass sie nach den Horrormeldungen von eben noch von irgendeiner Nachricht schockiert werden konnte, aber dass zusätzlich zu dem in sechzehn Stunden herabstürzenden Mondbrocken auch noch der befürchtete Krieg mit den östlichen Nachbarn der Republik ausgebrochen war, ließ ihren Verstand wie einen Boxer nach einem unfairen Tiefschlag taumeln. Aber dann bemerkte sie, dass sie wirklich schwankte! Sie begriff: Ein Erdbeben erschütterte die Stadt und ließ den Wohnturm in seinen Grundfesten wanken. Der Küchenschrank öffnete sich. Teller und Tassen polterten heraus und zerschellten klirrend auf dem Boden. Der inaktive Omicron rollte unter dem Tisch hervor. Fabia war der Naturgewalt hilflos ausgeliefert. Sie suchte vergeblich Halt und stürzte schwer auf ihre Knie. Sie schrie schmerzerfüllt auf. Gleichzeitig fielen der Strom und auch der Augreye-Kontakt zu I-Net aus.

Dann war das Beben so schnell vorbei, wie es gekommen war. Es hatte nur zwei, drei Sekunden gedauert und sich doch wie eine Ewigkeit angefühlt. Die Klimaanlage sprang surrend an, Fabias Augreyes funktionierten wieder und der Thermix entschied sich, eine Portion Gulasch auszuspucken, die mangels Teller unter der Nahrungsmittelausgabe des verflixten Geräts wie Katzenfutter auf den Boden klatschte und merkwürdigerweise einen ähnlich fauligen und fischigen Geruch verbreitete.

»Puck … Status«, keuchte Fabia und holte auf diese Weise ihren kleinen goLEM aus dem Ruhemodus, in den sie ihn vorhin selbst verbannt hatte. Er erwachte, fiepte wie beleidigt und rollte sich einmal um sich selbst, damit sein Antennenhaupt wieder nach oben zeigte.

»Alle Systemprozesse laufen fehlerlos. Ich warte auf deine Befehle, Citoyen«, schnarrte er prompt mit seiner blechernen, hohlen Stimme. Sie wurde von einem sündhaft teuren Sprachmodul in seinem Kugelbauch gebildet, das Fabia erst hatte erwerben müssen, da die Omicron-Reihe serienmäßig nicht mit einer Sprachausgabe ausgestattet war. Die Studentin, die mehr um sich selbst als um die Funktionen ihres privaten goLEMs besorgt war, musste trotzdem über die anachronistische Anrede schmunzeln, die Samuel Rosenthal dem Kleinen wie einem Papagei beigebracht hatte. Citoyen, der im Gegensatz zum Bourgeois politisch interessierte und im Geist der Aufklärung aktive Bürger – das wusste Fabia aus dem Geschichtsunterricht -, war die respektvolle Anrede, mit der sich die französischen Revolutionäre vor achthundert Jahren angesprochen hatten. Sie diente nun auch als Erkennungszeichen und Losung für den Geheimbund des Professors. Citoyen, wie passend war das für eine Einwohnerin der 3-Milliarden-Seelen-Megapole Paris, deren Wohngebiete ein Viertel des ehemaligen Frankreichs überdeckten!

Fabia wollte sich aufrichten, aber ein dünner, feiner Schmerz stach ihr von innen durch die Lenden und hielt sie am Boden fest.

»Puck – medizinischer Bericht«, stöhnte sie und sofort tastete sie ein scharfer, grüner Lichtstrahl ab, der aus einem der vielen Okulare des langsam heranrollenden goLEMs strahlte. Fabia hielt sich die schmerzende Seite und wusste noch vor der Analyse des Roboters, welches Organ den Schmerz ausgelöst hatte. Puck beendete seine optische Untersuchung. Er bildete aus seinem wie Quecksilber glänzenden Kugelbauch einen dünnen Tentakelarm aus. Über dessen nadelfeinen Kanülenfinger entnahm er vom ihm entgegengestreckten Oberarm der Studentin flink ein wenig Blut. Oberhalb seines Haupts tauchten Zahlenreihen und Diagramme auf, die durch eine Verbindung zu Fabias Augreyes dorthin gezaubert worden waren.

Der kleine goLEM verfügte bei Weitem nicht über die Möglichkeiten der großen Medizinroboter, der sogenannten Gamma-Reihe. Diese kybernetischen Wunderwerke schwebten durch energetische Gravitationsfelder frei in der Luft und konnten sich in ihr wie ein Schweber bewegen. Die Gammas erinnerten Fabia wegen des stachligen Aussehens ihrer unzähligen Ärmchen an vergrößerte Seeigel und konnten neben Diagnosen auch Notfallversorgungen bis hin zu komplizierten Operationen und aufgrund ihrer beeindruckenden künstlichen Intelligenz sogar psychiatrische Aufgaben übernehmen. Der Omicron der Studentin war allerdings weit mehr als ein Spielzeug, das man vor allem zur Aufsicht und als Haustierersatz bei Kindern einsetzte. Ihr goLEM war mit einem Medizinupgrade ausgerüstet und überwachte in ständigem Kontakt mit den Rechnern der Universitätsklinik die fragile Gesundheit von Fabia.

»Der Bluttest ist nicht auffällig«, dozierte Puck, »auch wenn der Kreatininwert leicht erhöht und – wahrscheinlich wegen der Situation – auch dein Blutdruck nicht ideal ist. Aber das kann sich sehr schnell ändern. Ich habe dir daher eine schwache Mischung aus Schmerz- und Beruhigungsmitteln verabreicht, deren Wirkung zeitnah einsetzen sollte. Ich muss dich dringend daran erinnern, dass du innerhalb der nächsten 12 Stunden unbedingt eine Hämodialyse-Station aufsuchen solltest.«

Fabia nickte abwesend. Diese Diagnose hatte nichts Erschreckendes für sie. Schon in ihrer frühen Jugend war von Ärzten eine zwar langsame, aber stete Verschlechterung ihrer Nierenfunktionen festgestellt worden. Sie war deshalb daran gewöhnt, sich regelmäßig alle vier Tage einer schnellen Blutreinigung unterziehen zu müssen. Das war zwar eine lästige Prozedur, doch sie dauerte kaum eine Stunde und beeinträchtigte ihren Alltag nur wenig. Im Augenblick war es übrigens viel wahrscheinlicher, dass sie nicht durch eine Vergiftung ihres Blutes umgebracht wurde, sondern durch einen Mondbrocken, der ihr auf den Kopf fiel.

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Mánis Fall – Der Prolog zu Brautschau 7

n Fabias so weit in Wissenschaft und Technik fortgeschrittenen Jahrhundert schien alles möglich. Die Menschheit war in den interplanetaren Raum vorgedrungen und hatte den Mars und zwei Jupitermonde besiedelt, zentral gesteuerte Roboter erledigten alle niederen Arbeiten und die 2MC konstruierte einen neuen Erdtrabanten im Orbit. Eine gewaltige Dyson-Sphäre wurde dort oben gebaut, es sollte eine Hohlwelt für mehrere Milliarden Einwohner werden. möglich. Praktisch aus dem Nichts wurde genug Nahrung für die explodierende Weltbevölkerung geschaffen, ohne dass jemand hungern musste. Man konnte durch Fusion und Anzapfen der Erdwärme beliebige Mengen an billigster Energie erzeugen und Föten im Mutterleib so einfach genetisch optimieren, als würde ein Kind mit Bauklötzen und einer Taschenlampe spielen. Sogar der Tod war schon beinahe überwunden: Es gab seit kurzer Zeit die nach ihrem Erfinder benannte Thorfan-Therapie, die zumindest den wenigen Auserwählten Unsterblichkeit versprach, die sie sich leisten konnten. Dazu kam die ausgereifte, moderne Kryotechnik als eine Möglichkeit, ihn lange hinauszuzögern. Aber es existierten doch noch immer Krankheiten und Seuchen, bei denen die Mediziner machtlos waren.

Fabias Niereninsuffizienz, die durch einen extrem seltenen Defekt in ihren ererbten Chromosomenpaaren verursacht wurde, war so ein Fall, bei dem die Ärzte rat- und hilflos waren. Da der Körper der jungen Frau auf künstliche Nierenimplantate allergisch reagierte und sie abstieß, blieb ihr keine andere Wahl als die regelmäßige Dialyse. Es hätte sich unter den achtunddreißig Milliarden Menschen auf der Erde sicherlich auch ein Spender für eine echte Niere finden lassen, doch die Studentin stand weit unten auf der Empfängerliste. Zudem hätte sie sich den Eingriff auch nicht leisten können, nachdem ihre finanziellen Quellen durch den Unfalltod ihrer Eltern vor drei Jahren nahezu versiegt waren. Die Gelder von der Pflichtkrankenkasse für Studenten an der Sorbonne reichten gerade für die Medikamente und dafür aus, ihren Omicron medizinisch aufzurüsten.

Doch Fabia kannte kein Selbstmitleid wegen ihrer Krankheit. Die Dinge waren eben so und sie hätten wesentlich schlechter sein können. Schließlich genügte die kleine Erbschaft aus der Lebensversicherung ihrer Eltern, um an der bedeutendsten Universität Europas beim größten Gelehrten seit Einstein, Hawkins und Sandra Ellenstat zu studieren – bei dem weltberühmten Professor Samuel Baruch Rosenthal, der zudem auch noch die größte Kapazität des 26. Jahrhunderts auf dem Gebiet der Shakespeare-Forschung war. Selbst wenn ihre Einkünfte nur für diese kleine Studentenbude im 123. Stockwerk des schäbigen Henri-Gouraud-Wohnturms und für einen defekten Thermix ausreichten … Für Fabia hatte das immer genau so gepasst. Das Teufelsgerät von Thermix war übrigens gerade dabei, die Gulaschsauerei, die es angerichtet hatte, mit einem üppigen Sahnedessert zu krönen.

Sie sah auf die Bescherung auf dem Küchenboden und musste lachen. Dabei bemerkte sie, wie ihre Schmerzen nachließen. Die Injektionen von Puck zeigten Wirkung. Wahrscheinlich hatte er ihr, ohne sie zu informieren, auch einen Stimmungsaufheller verabreicht. Wie viel Zeit war vergangen, während der sie bewegungslos auf dem Boden gekauert war? Minuten – oder viel länger? Sie hatte ihr Zeitgefühl verloren. Sie rappelte sich auf und sah sich um. Die Erschütterungen der Grundfesten des himmelhohen Gebäudes hatten für den Moment aufgehört und waren vielleicht nur die letzten Auswirkungen des Beschusses aus den Mars-Gravitationskanonen gewesen, der inzwischen eingestellt sein musste oder aufgrund der Erddrehung weiter westlich einschlug.

Erblickte Fabia irgendetwas, von dem es sich lohnte, es bei ihrer Flucht aus ihrer Wohnung mitzunehmen? Ihr fiel nichts ein, auf das sie nicht verzichten konnte und wollte schon zur Tür gehen, als ihr doch noch etwas in den Sinn kam. Sie wurde rot und bekam ein schlechtes Gewissen. Eilig trat sie an ein Regal und nahm den einzigen persönlichen Gegenstand, den sie besaß, in die Hände. Es war eine dreidimensionale Fotografie ihrer Familie, die im Sommer vor dem Straifer-Unfall entstanden war. Sie allein hatte das entsetzliche Unglück überlebt, weil sie an diesem Tag eine Arbeit schreiben musste und die anderen bei ihrem Ausflug nicht begleiten konnte. Fabia erinnerte sich genau an den Moment, als der Professor in den Hörsaal getreten und an ihren Tisch gekommen war, um sie zu informieren. Seinen Gesichtsausdruck und die Fürsorglichkeit, mit er sich um sie gekümmert hatte, würde sie niemals vergessen; an diesem Tag hatte sie sich heimlich in Samuel Rosenthal verliebt, der – wie sie später frustriert feststellen musste – im Alltag mit seinen Robotern und Androiden verheiratet war und offenbar außer seiner Theatergruppe keinerlei Privatleben führte.

Sie verstaute das Bild von vier glücklichen Menschen zusammen mit ein paar Nahrungsriegeln, dem Studentenausweis und ihrer schmalen Elektronikwerkzeug-Schatulle in einer Umhängetasche, die sie sich über die Schulter warf. Dann rief sie ihren Omicron an ihre Seite und trat kurz entschlossen aus der Wohnungstür, die sie nicht hinter sich verschloss. Warum auch? Sie würde nie mehr zurückkehren. Draußen im lang gezogenen Hausflur flackerte die indirekte Beleuchtung. Fabias Appartement war eines von über fünfzig in diesem Flügel des Stockwerks, aber sie war mit ihrem goLEM völlig allein. Ein paar Wohnungstüren standen wie ihre offen, Abfall und ein aufgeplatzter Koffer voller Wäsche lagen auf dem Boden, erzählten von plötzlichen und übereilten Aufbrüchen. Offenbar war sie spät dran und die anderen schon längst auf dem Weg zu den Schutzräumen. Im Laufschritt lief Fabia in Richtung der Fahrstühle den Gang hinunter und Puck hatte piepsend und protestierend seine liebe Mühe, ihr auf den Fersen zu bleiben. Vor den vier großen Fahrstuhltüren blieb sie atemlos stehen und starrte ungläubig auf den auf ihnen allen aufleuchtenden Hinweis, dass sie außer Funktion waren.

»Was zum Teufel …?«, murmelte sie fassungslos.

»Citoyen, ich habe mich mit der AUSKUNFT des Gebäudes verbunden«, mischte sich ihr goLEM ein. »Aus Sicherheitsgründen sind sämtliche Aufzüge des Hauses gesperrt. Bei dem Stromausfall eben haben sich durch die Erschütterungen die Not-Halteklammern einiger Kabinen gelöst. Es sind mehrere von ihnen abgestürzt oder haben sich verkeilt. Es ist offenbar zu schweren Personenschäden und bedauerlicherweise auch zu einem Todesfall gekommen. Die AUSKUNFT empfiehlt, die Notfalltreppen zu benutzen, bis die Haussicherheit die Funktion der Aufzüge wieder hergestellt hat.«

»Wir sind im 123. Stockwerk, Puck! Weißt du, wie lange es dauert, von hier oben hinunter ins Erdgeschoss zu laufen?«

Der goLEM war nicht intelligent genug, um zu bemerken, wann eine Frage seiner Besitzerin rhetorisch gemeint war. Brav machte er sich an die Beantwortung der Rechenaufgabe:

»Wenn du deine momentane Laufgeschwindigkeit beibehältst, werden wir pro Etage etwa zwanzig Sekunden benötigen, wenn du mich trägst – sonst länger. Außerdem sind in den unteren Stockwerken die Treppen durch die vielen Hausbewohner, die diesen Fluchtweg gewählt haben, verstopft. Das erschwert das Weiterkommen erheblich. Alle drei Stockwerke befindet sich zudem eine codegesicherte Feuertür, die du persönlich öffnen musst, was noch einmal zehn Sekunden dauern wird. Regelmäßige Pausen zur Erholung eingerechnet, sind das …«

»Puck – Ruhe«, unterbrach Fabia die Kalkulation. »Ich muss so schnell wie möglich von hier weg. Kannst du die AUSKUNFT nicht überreden, wenigstens einen der Fahrstühle freizugeben?«

»Das ist ausgeschlossen. Sie sind alle nicht in Funktion.«

»Aber was machen wir denn jetzt? Können wir vielleicht in einen anderen Flügel wechseln?«

Ihr Omicron gab ihr nicht einmal eine Antwort. Hilflos sah Fabia zurück. Sollte sie ihr Glück vielleicht doch über die Treppen versuchen?

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Mánis Fall – Der Prolog zu Brautschau 8

n diesem Moment öffnete sich weiter hinten  überraschend eine Tür. Zwei junge Männer tappten zögernd in den Flur. Sie steckten in neonfarbenen Pyjamas und machten einen unausgeschlafenen und verwirrten Eindruck. Fabia kannte die beiden vom Sehen und von einer Einladung zu einer Stockwerksparty in ihrer weitläufigen Wohnung, die mit abstrakten Skulpturen vollgestopft war. Die ganze Sache war damals ziemlich aus dem Ruder gelaufen und hatte auch etwas peinlich für sie geendet. Sie dachte nicht gerne daran zurück. Die zwei Männer waren keine Studenten, sondern ein Künstlerpärchen, das das ziemlich teure Appartement angemietet hatte, da es das größte auf diesem Stockwerk war und als einziges einen Balkon mit einem eigenen, privaten Schweber-Landeplatz besaß. Fabia kannte von den beiden nur ihre Vornamen. Sie verwechselte sie immer wieder, obwohl sie sich äußerlich stark voneinander unterschieden. Der ältere von ihnen hieß Leon. Er war ein Bildhauer, der seine plastischen Werke am Computer entwarf und mit einem Drucker produzierte, der größer als Fabias Nasszelle war. Der andere, ein extrem begabter, extrem moderner und zugleich extrem erfolgloser I-Net-Poet, nannte sich Raphaël, was aber bestimmt ein Pseudonym war.

»Was ist denn los? Ein Erdbeben?«, fragte Raphaël – zumindest nahm Fabia an, dass er der Dichter war. Er rieb sich die Augen. Sie rannte zurück zu den beiden. Hatten sie tatsächlich gemeinsam den Weltuntergang verschlafen?

»Habt ihr denn die Nachrichten nicht gehört?«, fragte Fabia verwundert. Das Paar sah sich an.

»Nun, äh, gestern ist es etwas später geworden. Wir hatten eine, äh, kleine Familienfeier. Wir haben unsere Augreyes für die Nacht deaktiviert, damit wir ausschlafen können und nicht um sechs Uhr vom täglichen Alarm geweckt werden«, erläuterte Leon entschuldigend und auch ein wenig verlegen. Fabia hätte ihn jetzt gerne gefragt, wie es ihm so einfach gelungen war, seine Verbindung zum I-Net zu unterbrechen. Denn das war eigentlich fast unmöglich und auch strafbar. Für dieses kleine Kunststück hätten sich die Citoyens sehr interessiert, aber für eine Erklärung war im Augenblick keine Zeit.

»Dann würde ich an eurer Stelle die Reyes schnell mal wieder einschalten!«, rief sie. »EDY hat Katastrophenalarm ausgelöst, weil uns in Kürze ein Brocken vom Mond auf den Kopf fällt. Im Ernst! Wir sind in Lebensgefahr und müssen auf der Stelle das Gebäude verlassen und die Schutzräume aufsuchen. Wahrscheinlich sind wir die Letzten, die noch hier oben dumm herumstehen. Allerdings haben wir ein nicht unbedeutendes Problem: Die Aufzüge sind außer Betrieb.«

Leon und Raphaël starrten sie wie Denkmäler ihrer selbst an; ihr von Alkohol und diversen anderen Drogen umnebeltes Gehirn kam nur langsam in Bewegung. Raphaël kratzte sich in seinen üppigen, haselnussbraunen Haaren.

»Merde!«, fluchte er wenig poetenhaft. »Ich werde dann mal ein paar Sachen zusammenpacken.«

Er machte aber keine Anstalten, in das Loft zurückzugehen, sondern blieb weiterhin unschlüssig in der Tür stehen. Wahrscheinlich verfolgten jetzt beide die neuesten Nachrichten über ihre Kontaktlinsen, das würde ihren abwesenden Blick erklären. Fabia hatte keine Zeit, darauf zu warten, bis das Paar den Ernst der Lage begriffen hatte.

»Wenn ihr mich in eure Wohnung lasst, weiß noch eine andere Möglichkeit, wie wir schell hier wegkommen.« Sie drängte sich zwischen den beiden hindurch in das Appartement, das aussah, als hätten dort fünfzig Paviane eine Orgie gefeiert. Puck folgte ihr vorwurfsvoll piepsend auf dem Fuß, hatte aber Schwierigkeiten, auf dem vermüllten Teppich voranzukommen. Offenbar hatten die beiden auch ihre Putz-goLEMs ausgeschaltet. Die Skulpturen von Leon, die jeden freien Platz zwischen den Möbeln ausfüllten, glichen amorphen, dichten Rauchschwaden, aus denen an den überraschendsten Stellen hyperrealistische, dabei aber ins Groteske vergrößerte Gliedmaßen oder aufgeblähte männliche Geschlechtsorgane herausragten. Jetzt hingen an vielen von ihnen farbenfrohe Tücher, bunte Lampions und große, zu weiß-roten Spazierstöcken geformte Zuckerstangen.

Fabia fürchtete sich ein wenig vor der Kunst des glatzköpfigen Bildhauers. Sie war ihr zu düster und bedrohlich, erinnerte sie zudem an die blutrünstigen Idole eines Steinzeitstamms. Doch die Werke schienen sich gut zu verkaufen, wenn sich die beiden Männer dieses großzügige Loft ganz oben auf einem der Pariser Wohntürme leisten konnten – auch wenn dieser renovierungsbedürftig war und nicht im allerbesten Stadtviertel stand. Fabia hatte gewisse Vorurteile vor Männern mit Glatze. Obwohl sie nicht wusste, ob der Bildhauer von Natur her kahlköpfig war oder es erst durch eine genetische Optimierung geworden war, deren Nebeneffekt beim ›starken‹ Geschlecht in der Regel ein vollkommener Haarausfall bildete. Sie misstraute Menschen, die sich der äußerst aufwendigen Behandlung durch den volkstümlich als ›Grüner Strahl‹ bekannten radiologischen Eingriff in ihr Erbgut unterwarfen, um weiter sehen zu können, schneller zu laufen, besser zu denken, leichter abzunehmen und was es da noch für Möglichkeiten gab. Obwohl sie eigentlich nicht religiös war, kam es Fabia wie Betrug vor und wie eine ketzerische Anmaßung. Auf diese Weise in Gottes Werk zu pfuschen, konnte nicht richtig sein. Rein äußerlich war Leon nichts anzusehen. Ihm wuchsen keine Engels- oder Fledermausflügel, wie es gerade bei der Jeunesse dorée en vogue war. Auf den ersten Blick war es nicht erkennbar, ob er sich körperlich modifiziert hatte. Er trug nicht einmal eine Leuchttätowierung an seinem nackten Oberarm. Eigentlich ging das Fabia überhaupt nichts an und es war das Problem von Leon und seinem zierlichen Freund Raphaël, der übrigens seinem Namen alle Ehre machte und schulterlange, seidige Locken trug. Es war nur so, dass sie keine glatzköpfigen Männer mochte. Punkt.

Ohne auf die verlegenen Mienen und die erstaunten Ausrufe der beiden zu achten, bahnte sie sich einen Weg durch die Überreste einer durchzechten Nacht und die im Weg herumstehenden düsteren Skulpturen. Sie trat durch das blau flimmernde und damit als durchgängig markierte Türfeld hinaus auf den Balkon, der die Ausmaße einer kleinen Dachterrasse hatte, aber frei in dreieinhalb Kilometer Höhe über den Rand des Turms in die freie, hier oben bereits recht dünne Luft ragte. Der Sommermorgen war in dieser Höhe empfindlich kalt. Fabia war froh, dass sie sich vorhin den Hoodie ihres verstorbenen Bruders übers T-Shirt gezogen hatte und schob sich die Kapuze des Pullis über das blonde Haar. Der Ausblick war um einiges besser und beeindruckender als der aus dem schmalen und halb blinden Fenster in ihrer eigenen Wohnung, das man nicht öffnen konnte. Zuerst fiel ihr auf, dass die sonst so allgegenwärtigen Werbetafeln vom Himmel verschwunden waren. Die Ordnungskräfte hatten sie offenbar landen lassen, damit sie den Flüchtenden nicht im Weg waren.

Fabia trat an die Brüstung, lehnte sich über sie und spähte in die Tiefe. Jedermann war schwindelfrei; dies war eine genetische Modifikation, die bei jeder Schwangerschaft zum Standard gehörte, weil die Mehrzahl der Menschen in diesen himmelhohen Wohntürmen leben musste, nachdem der Platz in der Horizontalen zu eng geworden war. Diese Gebäude ragten in der Vertikalen nicht nur hoch empor, sondern gingen auch viele Stockwerke in die Tiefe. Das Henri-Gouraud-Building war nur einer von einem Dutzend eng beieinanderstehender Wolkenkratzer, die alle untereinander durch Brücken und Plattformen verbunden waren und doch nur einen Teil der unzähligen, in den Himmel deutenden Gebäudeinseln von Paris darstellten. Zwischen den Türmen brauste auf mehreren Ebenen der Verkehr durch die Luft, der Fabia kaum dichter als an einem gewöhnlichen Morgen zur rush hour erschien. Zigtausende von kleineren und größeren Flugmaschinen strömten wie glitzernde Gebirgsbäche durch die metallenen und gläsernen Schluchten. In weiter Ferne konnte Fabia einige dünne Rauchsäulen aufsteigen sehen, deren Ursprung sie jedoch nicht genau einschätzen konnte. Waren dort bereits einige Meteoritenbrocken vom Mond niedergegangen oder Gebäude durch die Erdbeben eingestürzt?

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Mánis Fall – Der Prolog zu Brautschau 9

Du bist doch Fabia, nicht wahr? Unsere Nachbarin ein Stück den Gang hinunter, die uns bei unserem Einweihungsfest die Wohnzimmercouch vollgekotzt hat«, stellte Leon fest. »Was willst du tun? Du willst dich doch deshalb jetzt nicht in die Tiefe stürzen?«

Er war neben Fabia auf die Terrasse getreten und warf ebenfalls einen Blick in die Tiefe. »Oder kannst du vielleicht fliegen?«

Sie riss sich von dem überwältigenden Anblick los und wandte sich zu dem glatzköpfigen Bildhauer, der sie neugierig musterte. Fabia deutete auf eine, etwa eine Handbreit hohe und kreisrunde Erhebung mitten auf dem Balkon. Sie hatte etwa einen Meter Durchmesser. Daneben war auf einem schmalen, gebogenen Fuß eine Konsole befestigt, die die Künstler offenbar als Getränketischlein missbrauchten, denn es standen einige benutzte Gläser und halb leere Flaschen auf ihr.

»Weder – noch. Aber eure Vormieterin Alexandrine hat sich hier eine Expressschweber-Plattform einbauen lassen. Ich habe mich mal mit ihr unterhalten. Sie arbeitete für die Direktion der Société Générale und musste ihr zu jeder Tages- und Nachtzeit persönlich zur Verfügung stehen.«

»Dieses veraltete Ding ist doch längst vom Netz getrennt und nicht mehr in Funktion. Außerdem hat AUSKUNFT gerade über die Augreyes mitgeteilt, dass der Schweberverkehr bis auf Weiteres ruht, weil das Militär den Luftraum für Truppenbewegungen und Transporte benötigt«, erwiderte Leon. Dann zögerte er und musterte Fabia nachdenklich. Er schien darüber nachzudenken, was er zu ihr sagen durfte.

»Es sieht so aus, als hätte die 2MC genau auf solch eine Gelegenheit gewartet, um gegen die Regierung zu putschen«, fuhr er vorsichtig tastend fort. Offenbar war er zu dem Ergebnis gekommen, dass die blonde Studentin keine Zuträgerin der Moon Corp. war und er befürchten musste, er könnte sich mit seinem Defätismus eine Beleidigungsklage oder gar etwas Schlimmeres einhandeln. Es hielt sich das hartnäckige Gerücht, die 2MC würde missliebige Kritiker einfach verschwinden lassen. Nun musste auch Fabia überlegen, wie viel sie preisgeben durfte. Doch Misstrauen war in diesem Moment fehl am Platz.

»Ich bin Mitglied der Citoyen. Ich weiß nicht, ob dir das etwas sagt«, sagte sie, während sie vor die zweckentfremdete Schweber-Kontrollkonsole trat und sie von den Resten der Party leer räumte. Sie prüfte die Konsole mit Kennerblick und kam zu dem Ergebnis, dass sie tatsächlich außer Betrieb, aber wahrscheinlich noch voll funktionstüchtig war. Leon nickte wissend und anerkennend.

»Citoyen, ja. Von euch habe ich gehört. Das ist die Gruppe um Professor Rosenthal; sie nennt sich auch Newlisas, nicht wahr? Ihr kämpft gegen den Bau der Dyson-Sphäre, obwohl sie uns allen den Arsch retten kann.« Er legte den Kopf schief. »So ganz habe ich eure Argumente allerdings nicht verstanden.«

»Die Kurzfassung, oki? Ein zweiter Mond ist keine Lösung für unsere Probleme, sondern nur ein teurer Fluchtort für die Reichen und Schönen, denen es hier auf der guten alten Erde zu eng wird und die nicht in die raue Einöde der Kolonien wollen. Wir glauben auch, dass es vom Mars aus unmöglich ist, mittels irgendwelcher Gravitationskanonen den natürlichen Mond aus der Bahn zu werfen, sondern dass dahinter eine gezielte Aktion der 2MC steckt, die die Mars-Kolonisten als Sündenböcke missbraucht. Nur durch das Damoklesschwert des drohenden Mondsturzes können die Ressourcen und Gelder aufgebracht werden, die die Corp. für ihr Wahnsinns-Projekt benötigt. Zudem braucht ihre Dyson-Sphäre, wenn sie fest in der Umlaufbahn um die Erde installiert werden soll, wesentlich mehr Masse, als wir jemals von der Erde nach oben transportieren können. Da kommt es sehr gelegen, wenn der echte Mond wie zufällig zertrümmert wird, denn dessen Gestein kann man gut beim Bau verwenden. Und die heutigen Ereignisse scheinen uns recht zu geben«, erläuterte Fabia abgelenkt, während sie den Staub vom Tastenfeld putzte, anschließend in die Umhängetasche griff und ihr Elektronikwerkzeug herausholte. Sie nahm ein wie ein dünner Stift aussehendes Instrument in die Hand und entfernte mit seiner Hilfe die obere Abdeckung der Konsole, die sie achtlos zur Seite warf.

Leon runzelte die Stirn. »Du behauptest also, es wären nicht die bösen Marsmännchen, sondern die 2MC, die selbst den Mond zerstören lässt, weil er ihr im Weg ist und sie ihn als eine Art von Weltraum-Steinbruch benutzen will? Ist die momentane Katastrophe wirklich Absicht? Das kann ich mir kaum vorstellen.«

»Ich weiß es auch nicht. Es kann sein, dass alles ein Unfall war und I-Net der Mondbrocken, der heute Nacht in den Atlantik stürzen wird, außer Kontrolle geraten ist. Vielleicht haben die Typen der Corp. den Mondfall auch bewusst provoziert, um die Regierungsgewalt übernehmen zu können. Da kann ich nur raten. Auf jeden Fall traue ich denen inzwischen alles zu. Aber jetzt lass mich bitte arbeiten, wenn wir von hier oben wegkommen wollen, bevor uns der Himmel auf den Kopf fällt«, sagte Fabia und schloss ein kompliziertes Messgerät an den heraushängenden Glasfaserkabeln des Pults an, das sofort einen Switch installierte und ein Bereitschaftssignal sendete.

»Die Schweber-Plattform hat noch Restenergie. Diese dürfte für einen Neustart ausreichen«, stellte sie dann zufrieden fest.

Der Bildhauer trat zurück und sah furchtsam nach oben. Aber er konnte die Bedrohung nicht entdecken, die sich angeblich über seinem Haupt zusammenbraute. Rosafarbene Wolkenfedern schwebten am morgendlichen Himmel. Die Sonne kämpfte sich gerade mühsam durch den Smog-Schleier, der wie eine Glocke über Paris hing. Unvorstellbar, dass von dort oben der Tod auf sie herabfiel. Fabia musterte Leon und wunderte sich über ihn. Sie musste ein paar der Vorurteile revidieren, die sie sorgfältig gegen Menschen wie seinesgleichen hegte. Offenbar war der Künstler bei Weitem nicht so oberflächlich und selbstbezogen, wie sie gedacht hatte. Und er war politisch gut informiert. Sie fand es erstaunlich, dass Leon Professor Rosenthals kleine Widerstandsgruppe kannte, die sich in den sozialen Netzwerken nicht nur Citoyens, sondern auch gerne The New Elisabethanians nannte. Die Newlisas fanden nur wenig Widerhall in der Öffentlichkeit. Sie wurden von den großen Medien und Nachrichtendiensten, die wie I-Net selbst im Besitz der 2MC waren und von deren Rechtsanwälten kontrolliert und zensiert wurden, entweder völlig ignoriert oder als schwarzmalende, aber harmlose Spinner und Verschwörungstheoretiker bezeichnet. Fabia hätte selbst nicht an die düsteren Prophezeiungen des Professors geglaubt, wenn sie nicht in ihn verliebt gewesen wäre. Und selbst so, wenn sie ehrlich zu sich war, fand sie einige seiner Schlussfolgerungen allzu fantastisch.

»Ich werde mal nach Raphaël sehen, damit er nur das Nötigste mitnimmt«, unterbrach der Bildhauer Fabias Gedanken. Er hatte lange genug in den Himmel gestarrt. »Ich traue ihm zu, dass er seine gesamte analoge Lyrik-Bibliothek mitschleppen will, aber die Kopfschmerztabletten und die Kreditkarten vergisst. Du kommst ja wohl im Moment allein zurecht, Fabia.«

Die Studentin nickte abgelenkt. Sie hatte kaum zugehört, denn sie beschäftigte sich gerade damit, das Betriebssystem des Bedienfeldes zu starten, um dieses dann mit ihrem goLEM zu verbinden.

»My gentle Puck, come hither!« Fabia rief ihren kleinen goLEM zu sich, der gehorsam und geräuschvoll über die Fliesen zu ihr heran rollte.

Die junge Softwarespezialistin hoffte, dass das einfache Steuerungssystem der Konsole autark war und nicht direkt mit dem I-Net verbunden; denn nur so würde es ihr gelingen, mithilfe ihres Roboters dessen Virenwächter, Passwörter und Firewalls zu überlisten, um einen der Schweber fernzulenken und zum Landen auf der Dachterrasse zu bewegen. Die Apparatur bekam von Puck auf kabellosem, elektromagnetischem Weg ausreichend Strom und startete in einen Reparaturmodus, dessen simple Oberfläche Fabia benutzen konnte, um tiefer in das System einzudringen und seine Kontrolle zu übernehmen. Ihre Augreyes koppelten an und synchronisierten sich. Plötzlich befand sich Fabia in ihrer subjektiven Wahrnehmung in einer vollkommen anderen, virtuellen Welt, in der Naturgesetze nicht galten und die Schaltkreise, Prozesse, Daten und Programmroutinen auf eine Weise optisch dargestellt waren, die sie allein durch ihre langjährige Übung instinktiv erfasste, die aber einen Laien in kurzer Zeit um den Verstand gebracht hätten. Diese Welt war zwar nicht für das menschliche Gehirn gemacht, aber es war immer wieder faszinierend, wie schnell dieses sich an neue Gegebenheiten anpassen konnte. Informatiker, die nicht auf die herkömmliche, von einem Bildschirm gestützte Art mit den Computern kommunizierten, sondern sie direkt über ihre Augreyes wie in einem Computerspiel betraten und sie im virtuellen Raum warteten, programmierten oder auswerteten, wurden als Cybernauten bezeichnet. Fabia war eine der Besten und allein aus diesem Grund für die Citoyens um Rosenthal unentbehrlich.

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Mánis Fall – Der Prolog zu Brautschau 10

or ihren Augen öffnete sich nun eine farbenfrohe, surreale Welt. Sie war voller vierdimensionaler, allein durch Blicke bewegbarer und beeinflussbarer Symbole und glitzernder Röhrenverbindungen, die wie zu Gordischen Knoten ineinander verwickelte Seile aussahen. Überall schwammen komplizierte Verteilerplatinen und annähernd menschenähnlich oder auch vollkommen abstrus geformte Körper durch den Äther des virtuellen Raums. Sie glänzten quecksilbern und waren ihren Robotervorbildern in der echten Welt nachgebildet. Es gab keine Himmelsrichtungen, kein Oben, kein Unten, auch kein Vorne oder Hinten und keine feste, fühlbare Materie. Die Dinge durchdrangen einander in diesem Miniaturuniversum, wechselten rasend schnell die Plätze, verschwanden und tauchten unvermutet an einer anderen Stelle wieder auf.

Für einen Außenstehenden war darin keine Logik oder Zielstrebigkeit zu erkennen, doch Cybernauten wie Fabia konnte die Dinge in ihrer Gesamtheit erfassen. Was sie im Cyberspace wie durch ein Kaleidoskop sah, war freilich nur eine Allegorie für die tatsächlichen Vorgänge im Prozessor des Rechnerpults. Die war eine nur auf den ersten Blick chaotische Welt, die sich allerdings immer wieder aufs Neue zu klaren, symmetrischen Strukturen und Arabesken von überwältigender Schönheit und Farbenpracht ordnete. In diesem künstlichen, dabei vollkommen lautlosen Raum fühlte sich die Studentin wohl. Err war ihr fast mehr Heimat als die laute Megapole Paris. Hier spielte ihr kränklicher Körper keine Rolle – im Gegensatz zur Realität begriff sie diese Welt und konnte sie beeinflussen. Sie hätte die uneingeschränkte Königin sein können, wenn es nicht die virtuellen Schlosswächter gegeben hätte, die sofort versuchten, sie beim weiteren Vordringen ins Herz des veralteten Steuersystems zu behindern.

Prompt versperrte ihr eine dem Polizei-goLEM Omega nachgebildete Firewall den Weg und erkundigte sich nach dem Grund ihrer Anwesenheit. Dabei hielt sie drohend ihren an der Spitze rot glühenden Waffenarm auf sie gerichtet. Fabia war nicht direkt in Gefahr, denn dieser Gegner existierte ja nur im virtuellen Raum. Im schlimmsten Fall bekam sie einen Stromstoß ab und würde anschließend recht schmerzhaft aus der Simulation geworfen werden. Sie hatte aber schon von Fällen gehört, bei denen bei Cybernauten nach einer Attacke durch ein Antivirenprogramm ernsthafte psychische Beschwerden zurückgeblieben waren. Es hatte während der Simulationen auch schon den einen oder anderen Herzinfarkt gegeben.

Solch eine durchaus wehrhafte, aber hoffnungslos veraltete Schutzroutine wie dieser Omega, der Fabia den Weg verstellte, war jedoch für eine erfahrene Cybernautin wie sie problemlos zu knacken. Da hatte die Kybernetikstudentin ihr Können schon an ganz anderen Bots erprobt. Sie konnten allerdings äußerst begriffsstutzig und hartnäckig sein; auch diese Eigenschaften hatten sie von ihren Originalen im echten Leben übernommen. Das Beste war, man überrumpelte sie. Die Kontaktaufnahme des Schutzprogramms, ohne den Eindringling sofort anzugreifen und zu versuchen, ihn aus dem Speicher zu löschen, war einer der Programmierfehler dieser martialischen, aber vollkommen veralteten Firewall. Sie gab Fabia dadurch ausreichend Zeit, zu reagieren. Während sie den vorgetäuschten Omega mit einer Unzahl unsinniger Anfragen spamte und seine Input-Funktionen überforderte, gelang es dem virtuellen Pendant ihres Omicron problemlos, ihn durch eine eingeschleuste Hintertür-Routine außer Funktion zu setzen. Der Wächter erstarrte und trudelte dann wie ein Gummiballon davon, aus dem durch ein Loch die Luft entweicht.

»War das schon alles?«, fragte sich die Cybernautin. »Das kommt mir fast zu einfach vor.«

Bevor sie den nächsten Schritt unternahm, schloss sie sich deshalb näher mit ihrem goLEM zusammen und errichtete um ihre beiden virtuellen Abbilder einen Schutzwall aus Schadcode. Keinen Augenblick zu früh! Denn nur einen Gedanken später wurden die beiden von einer Art Fluggeschwader angegriffen. Es waren Anti-Viren-Definitionen, die aber mangels Update so betagt waren, dass sie wirkungslos an der Hülle verpufften, die Fabia gebildet hatte. An einem anderen Tag hätte sie sich noch ein wenig mit den hilflosen Abwehrversuchen des Plattformsystems vergnügt und in seinen Speichern gewühlt, die sicher ein paar interessante Informationen enthielten. Aber sie hatte es eilig und übernahm nun rasch die Administrator-Rechte. Deren Passwort war durch einen so simplen Algorithmus verschlüsselt, dass Fabia fast Pucks Verachtung zu spüren glaubte, als er ihn lässig mit einer kurzen Brutforce-Attacke knackte. Damit drang sie endlich ungehindert in das Sanctuary, das innere Primärsystem der Software vor und forderte sofort einen Schweber an. Die KI baute gehorsam eine Verbindung zum Flug-Netzwerk auf. Tatsächlich hatte das I-Net den Schweberverkehr zwar eingeschränkt, aber es war kein Problem, eine noch in der Luft befindliche, leere Kugel, die eigentlich bereits auf dem Rückweg zu ihrer Garage war, zum Henri-Gouraud-Wohnturm umzuleiten. Fabia betete, dass ihre illegale Aktion im allgemeinen Chaos nicht weiter auffiel oder zumindest von I-Net als Nebensächlichkeit abgetan wurde.

Eigentlich hatte die junge Frau damit erreicht, was sie wollte, aber sie nutzte die Gelegenheit und sah sich doch noch ein wenig um. Über eine nur selten verwendete Subfrequenz des weltumspannenden Netzes gab sie verschlüsselt bekannt, dass sie momentan über die IP der Schweberplattform erreichbar war. Wie sie wusste, wurde diese Frequenz von den Citoyens abgehört und häufig für ihre Kommunikation benutzt. Vielleicht bekam sie ja Kontakt zu einem ihrer Freunde, der mehr über den Putsch der 2MC wusste. Tatsächlich materialisierte sich fast augenblicklich in der virtuellen Schaltzentrale der Plattform die Avatarin von Xaver Delande. Die bleiche Erscheinung mit den todtraurigen Augen trug etwas schäbige Frauenkleider aus der Mitte des 19. Jahrhunderts. Ihre dunkelroten Haare trug sie durch einen strengen Mittelscheitel geteilt und verbarg sie größtenteils unter einem Haubenhut, den sie unter ihrem Kinn mit einer Schleife festgebunden hatte. Sie sollte Jane Eyre darstellen, die neben der Beauvoir, George Sand und Lizzy Bennet zu den beliebtesten Hologramm-Figuren überhaupt zählte.

Der mit dem merkwürdigen und veralteten bayerischen Vornamen gestrafte Xaver – er war wahrscheinlich der einzige unter den Milliarden von Menschen auf der Erde, der noch so hieß – war nicht nur zweifelsfrei ein Mann, sondern er war zudem muskulös wie ein Ringer. Sah man mal von seiner ebenfalls roten Haarfarbe ab, wies er im echten Leben keinerlei Ähnlichkeit mit der Romanfigur der Charlotte Brontë auf. Aber eine solche hatte Fabia in ihrem virtuellen Dasein mit ihrem Sartre ja auch nicht. Xavers Zwillingsschwester Sadie war übrigens Fabias beste Freundin – auch wenn Sadie mit ihr um die Gunst von Samuel Rosenthal konkurrierte und dabei ebenso erfolglos war. Trotzdem oder vielleicht auch deshalb waren die beiden nicht nur im echten, sondern auch im virtuellen Leben unzertrennlich und verbrachten einen großen Teil ihrer Freizeit miteinander. So wunderte sich Fabia nicht, dass auch Sadies Avatar, der schwarzhaarige, düstere Heathcliff aus Wuthering Heights, prompt neben Jane Eyre auftauchte. Sadies Fachbereich war die Anglistik, die sie mehr prokrastinierte als studierte. Die beiden kannten sich über Professor Rosenthal, der ja sowohl Informatik-, als auch Shakespeare-Vorlesungen hielt. Sadie und ihr Bruder Xaver hatten schon vor Fabia zum kleinen Zirkel der streitbaren Citoyens gehört.

Jane Eyre und Heathcliff sahen sich neugierig um. Fabia war längst daran gewöhnt, dass ihre Freunde im virtuellen Raum Avatare des anderen Geschlechts benutzten. Das machten sehr viele Leute im Netz; es war ein Massenphänomen. Sie selbst versteckte sich ja auch hinter der Maske eines alten Mannes.

»Wo du dich überall herumtreibst. Das ist doch wirklich nicht die beste Gegend«, stellte Sadie etwas mokant fest. Ihr gut aussehender, dunkelhäutiger Avatar brachte diesen Gesichtsausdruck mit einem Lippenkräuseln hervorragend zum Ausdruck. »Aber es ist schön, von dir zu hören. Wir waren schon in ernsthafter Sorge.«

»Wir haben nur nicht allzu viel Zeit«, mischte sich Jane Eyre, also Xaver, ein. »Diese Verbindungsfrequenz wurde vorhin von EDY für Privatübermittlungen gesperrt und wird nun vom I-Net überwacht. Zuwiderhandlungen ziehen eine sofortige Internierung nach sich. Also, bevor unsere Firewall zusammenbricht und wir erwischt werden: Wo bist du? Wir befinden uns alle in Babel und warten auf dich. Ohne dich können wir hier nicht weiter machen!«

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Mánis Fall – Der Prolog zu Brautschau 11

Ich bin schon auf dem Weg zu euch. Ich muss allerdings noch einen Zwischenstopp an einer Hämolyse-Station machen.«

»Auf dem großen Platz vor der Bibliothek ist eine Notfallstation des Roten Kreuzes. Nimm die, denn die Uniklinik wird bereits evakuiert. Aber beeile dich! I-Net hat den Countdown für den Impact schon gestartet.« Xaver-Jane nickte ihr freundschaftlich zu und löste sich dann auf. Er hatte seine Verbindung gekappt. Sadie-Heathcliff sah sich um und trat einen Schritt näher. Ihr attraktiver Avatar sah plötzlich sehr besorgt aus. Sie hatte seine Stimme zu einem Flüstern gesenkt.

»Du kommst mit einem Schweber von deiner Wohnung zu uns, richtig? Dann solltest du die Flüchtlingsströme weiträumig umgehen und versuchen, dich von der anderen Seite her der Universität zu nähern. Ich rate dir dringend, uns von Nordosten über Bezons anzufliegen und schon bei den Val-d’Oise-Zwillingstürmen die Seine zu überqueren. Ich habe diese Route als den schnellsten Weg ermittelt und schicke sie dir eben«, schlug Sadie vor. »Hast du das empfangen?«

»Danke, ja. Ich habe die Route an meinen Omicron weitergeleitet. Nur die Ruhe; noch ist Zeit. Ich bin ja bald bei euch.«

»Hoffentlich, denn ich mache mir Sorgen um dich, Chica!«, fügte Sadie-Heathcliff nach einem kurzen Zögern hinzu. Dann verließ auch sie den virtuellen Raum. Alleine gelassen, sah sich Fabia noch einmal in dem abstrakten Tumult um, in dem sie sich bewegte. Hier gab es nichts mehr für sie zu tun. Wie immer kostete es Fabia einige Anstrengungen und Willen, sich von der künstlichen Welt zu lösen und in die sogenannte Realität zurückzukehren. Auch diese war nur eine Lüge. Sie entstand ja wie die VR der Schweberkonsole nur aufgrund von elektrischen Impulsen in den Nervenbahnen ihres Gehirns und war vielleicht ebenso falsch und nur ein luzider Traum, aus dem sie nur im Tode erwachen konnte. Fabia hatte den Eindruck, dass es ihr jedes Mal etwas schwerer fiel, wieder aufzutauchen. Sie kannte die Gefahr, von dem virtuellen Leben abhängig zu werden. Es war eine gefährliche Sucht, die VR-Junkies dazu verführte, ihr ganzes Leben in imaginären Welten zu verbringen, während sie in der Realität langsam verhungerten und verdursteten. Doch so gerne sie auch geblieben wäre, den bevorstehenden Weltuntergang konnte sie nicht im Cyberspace aussitzen. Fabia fragte sich besorgt, wie viele Menschen genau dies trotzdem versuchten und sich auch von I-Net und EDY nicht davon abbringen ließen, mit einem Computer verbunden in ihren Wohnungen und in erträumten Orten auszuharren, die ihnen ihre Interfaces und Augreyes vorgaukelten.

Seufzend gab sie Puck den gedachten Befehl, ihre Verbindung mit der Steuerungseinheit zu lösen und öffnete die Augen.

Wie nach jedem Aufenthalt im Cyberspace hatte Fabia ihr Zeitgefühl verloren und war einige Augenblicke orientierungslos und fühlte sich von den Gesetzen der Schwerkraft belastet. Ihr war, als hätte ihr jemand einige ihrer Gliedmaßen amputiert. Sie blinzelte die letzten Lichtreflexe der virtuellen Umgebung von ihren Augreyes weg und blickte die beiden Künstler an, die seit einer Weile neben ihr auf ihren gepackten Koffern saßen und ungeduldig auf die Rückkehr ihres Geistes in ihren Körper gewartet hatten.

»Der Schweber sollte gleich kommen«, sagte sie und tatsächlich tauchte wie aufs Stichwort einer der kugelrunden, gläsernen Personentransporter vor der Brüstung der Terrasse auf und senkte sich dann geräuschlos auf die für ihn vorgesehene Landeplattform hinab. Die beiden Halbschalen der Türen klappten nach außen. Es war ein kleines Modell, das Fabia hatte rufen können. Es war eigentlich nur für zwei Passagiere gedacht, die nebeneinander in den Schweber passten, aber auf die Schnelle hatte sie kein geräumigeres Fluggerät auftreiben können.

»Das wird ja ganz schön eng«, stellte Leon kritisch fest.

»Ich bin auch nicht begeistert, doch dies ist der einzige verfügbare Schweber. Hoffentlich kann ich ihn bei der Überlast noch ordentlich steuern«, überlegte Fabia. »Auf jeden Fall werdet ihr euer Gepäck zurücklassen müssen.«

Raphaël sprang wütend auf. »Das geht auf keinen Fall«, empörte er sich. »Meine wertvollen Gedichtbände! Meine Aufzeichnungen – meine Anzüge von Hugo Boss!«

Sein Freund versuchte, ihn zu beschwichtigen, während Fabia achselzuckend ihren goLEM in die für die Roboter vorgesehene Andockstation des Schwebers hob, wo er die Kontrolle über den automatischen Piloten übernahm.

»Da!« Raphaël deutete zornig auf den Omicron. »Diese Metallkugel ist wichtiger als meine Gedichte?«

Fabia platzte der Kragen.

»Und wer steuert die Kiste, wenn wir ihn zurücklassen? Etwa einer von deinen alten Dichtern? Außerdem brauche ich meinen Omicron, um zu überleben. So einfach ist das. Ich habe eine schwere, unheilbare Krankheit und ohne regelmäßig Arzneigaben durch das medizinische Modul meines goLEMs sterbe ich. Dann kommt ihr erst von diesem Balkon herunter, wenn der Wohnturm einstürzt, weil ein Stück vom Mond in ihn gekracht ist.«

Wie auf einen Befehl sahen alle drei ängstlich nach oben, aber noch immer gab es an dem immer wolkenverhangener werdenden Himmel keine Anzeichen dafür, dass die Katastrophe knapp bevorstand. Allein der kalte Wind hatte stark aufgefrischt und blies ihnen ins Gesicht. Er trug Brandgeruch mit sich.

»Den Mond sah ich blinken,
nun stirbt und vergeht er.
Ihr Wölfe, ihr Krähen,
Ihr hungernden Horden!
Was bringt euch der Norden
mit eisigem Wehen?«,

zitierte Raphaël leise ein viele Jahrhunderte altes Gedicht. Dann gab sich der junge Lyriker widerstrebend geschlagen. Nachdem er zögernd ein einziges Buch aus dem Koffer genommen und in die Tasche gesteckt hatte, ließ er sich von seinem Freund auf einen der beiden Schalensitze drängen. Der glatzköpfige Bildhauer quetschte sich zu ihm.

»Wenigstens meinen Verlaine brauche ich, ohne ihn zu leben lohnt sich nicht«, murmelte Raphaël beleidigt.

Fabia setzte sich zu den beiden und die Türen des Schwebers schlossen sich langsam. Zum Glück waren alle drei schlank genug, um nebeneinander in das kleine Fluggerät zu passen. Fabia hatte die Armfreiheit, sich über Puck mit der Steuerung zu verbinden. Der Schweber hob ab und die drei wurden nach links aufeinander gegen das Glas gedrückt, als der Flieger elegant über die Brüstung der Terrasse glitt und dann für etwa fünfhundert Meter scharf nach unten kippte, bis er auf halber Höhe des Wohnturms in den Leitstrom einschwenkte. Er ordnete sich in die unüberschaubare Vielzahl der Fluggeräte ein, die auf dieser Luftstraße zwischen den himmelhohen Gebäuden wie Forellen in einem Wildbach in alle Richtungen flitzten. Die Straßen unter ihnen waren schwarz von Menschen und Fahrzeugen, die alle durch die Häuserschluchten nach Osten unterwegs waren. In der Ferne sahen sie eine Flotte von unzähligen Fluchtbussen und fünf oder sechs gigantischen Flugkreuzern, von denen jeder über zehntausend Personen aufnehmen konnte. Mit ihnen wurden ganze Stadtviertel, Altenheime und Krankenhäuser in Sicherheit gebracht. Der logistische Aufwand, die Megapole innerhalb weniger Stunden zu evakuieren, war für einen Einzelnen unvorstellbar und konnte nur geleistet werden, weil das allgegenwärtige I-Net alles koordinierte und organisierte.

Fabia gab dem automatischen Piloten den Befehl, auf der von Sadie ausgetüftelten Route das weitläufige Universitätsgelände von Paris anzusteuern. Der von I-Nets Kontrolle abgekoppelte Schweber bog gehorsam an der nächsten Kreuzung ab.

»Wo willst du denn hin?«, fragte Leon. »Die Bunker und der Gare de l’est, von dem die Flüchtlingszüge Richtung der Deutschen Länder abfahren, liegen doch alle in östlicher Richtung. Bist du so sentimental und möchtest zum Abschluss noch einen kleinen Stadtrundflug machen?«

»Nein, ich will zur Uni. Dort werde ich kurz landen und aussteigen. Ihr könnt dann mit dem Schweber weiterfliegen, wohin ihr wollt. Das ist nur ein kleiner Umweg.«

Leon zog skeptisch einen Mundwinkel nach oben.

»Bist du dir sicher, dass du nicht lieber mit uns kommen willst? Nach den letzten Nachrichten, die ich von EDY empfangen habe, wird wahrscheinlich niemand, der in Paris zurückbleibt, diese Katastrophe überleben. Inzwischen gibt es wohl auch einen Countdown. Im Anschluss an den Impact des großen Mondbrockens im Atlantik, der nach den neuesten offiziellen Schätzungen 23:30 Uhr bevorsteht, wird uns die Flutwelle etwa eine Stunde später überschwemmen. Uns bleiben vielleicht noch dreizehn oder vierzehn Stunden. Wenn wir bis dahin nicht mindestens Frankfurt erreicht haben, werden wir von dem Tsunami erfasst werden und absaufen.«

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Mánis Fall – Der Prolog zu Brautschau 12

fabia benötigte einen Moment, bis sie begriff. »Hast du dich etwa aktiv mit dem Netz verbunden? Verdammt noch mal«, fluchte sie, »kappe sofort die Verbindung! Solange deine Augreyes online sind, kann man uns problemlos aufspüren.«

»Ich bin kein Narr. Ich weiß, dass es höchst illegal ist, was wir da tun. Als wir in den Schweber geklettert sind, haben Raphaël und ich unsere Augreyes wieder komplett abgeschaltet. Wenn I-Net nach uns sieht, findet er nur deine Kontaktlinsen.«

Fabia atmete auf, aber ihr Instinkt warnte sie weiterhin. Sie kamen gut voran, doch irgendetwas stimmte nicht. Bisher ging alles viel zu gut. Sie hatte den Schweber eine kaum mehr befahrene Flugstraße hinaus aus den verstopften Routen der Flüchtlingsströme einschlagen lassen, die in einem weiten Bogen Richtung Innenstadt führte. Am Horizont tauchte die Seine auf, die als schmutziges, graues Band die Innenstadt in zwei Hälften zerschnitt. Die beiden mächtigen Val-d’Oise-Wohntürme kamen in Sicht. Fabia wies den Schweber an, Höhe zu gewinnen, damit sie einen besseren Überblick bekam.

In diesem Augenblick bestätigten sich ihre schlimmsten Befürchtungen:

Wie aus dem Nichts fielen von oben zwei wendige Polizeiflieger jäh herab und versperrten vor ihnen drohend den Weg. Der automatische Pilot reagierte sofort, stoppte pflichtschuldig und der Schweber ruhte bewegungslos vor den beiden anderen in der Luft.
»Verdammt! Verdammt! Verdammt«, wiederholte Fabia nach einer Schrecksekunde, denn im Moment fielen ihr keine weiteren Schimpfwörter ein. »Wo kommen die so plötzlich her?«

»Landen Sie sofort diesen gestohlenen Schweber, Bürgerin Fabia Winterfeld. Aufgrund Paragraph 20, Absatz 4 der vor 52 Minuten in Kraft getretenen Allgemeinen Notstandsverordnung sind wir gezwungen, sofort von unseren Waffen Gebrauch zu machen, wenn Sie sich dieser Anordnung widersetzen. Sie sind ein Mitglied der verbotenen Citoyen-Bewegung und wir werden Sie und eventuelle Begleiter jetzt wegen schweren Verstößen gegen die Artikel 217 b, 56 und 14 a der Ersten Allgemeinen Strafgesetze der Notstandsverordnung in unmittelbaren polizeilichen Gewahrsam nehmen.«

Aus dem Lautsprecher ihres Fluggeräts ertönte eine nüchterne Stimme, die eindeutig einem Omega gehörte. Das war einer der extrem engstirnigen, aber gefährlichen Polizei-goLEMs, der in Krisenzeiten die Befugnisse besaß, Recht zu sprechen und dieses sofort auszuüben. Der Roboter besaß sogar die Genehmigung, Plünderer und Rebellen auf der Stelle zu exekutieren. An ein Verhandeln mit einem Omega war nicht zu denken, das verhinderte seine Programmierung. Allerdings hatte es auch einen Vorteil, wenn sich unter den Polizisten auf den Schwebern nur goLEMs befanden. Ein Mensch – direkt mit einer Flugsteuerung verbunden – war jeder KI in Reflexen und Geschwindigkeit überlegen, zumal ihn keine Sicherheitsbeschränkungen behinderten. Fabias Gedanken rasten. Gab es einen Ausweg? Und woher kannte die Polizei überhaupt ihren Namen? Hatte sie doch einer ihrer Wegbegleiter verraten? Sie beschloss, diese Überlegung später wieder aufzunehmen. Jetzt gab es Wichtigeres.

»Haltet euch fest, das wird etwas holprig«, sagte Fabia und wies Puck an, heimlich die Notfallabschaltung des Schwebers zu überbrücken und das Kommando an sie zu übergeben. Sobald das Steuer auf ihre Handbewegungen reagierte und ihr ihre Augreyes mehrere Fluchtrouten einblendeten, ging sie in einen gemächlichen Sinkflug, als würde ihr automatischer Pilot noch arbeiten und der Aufforderung der Polizei gehorchen. Doch dann gab sie Gas. Fabias Mitfahrer sperrte noch panisch ihre Münder auf, als der Schweber mit erheblichem Tempo nach unten wegsackte, aber ihr gemeinsamer Angstschrei wurde von dem aufheulenden Motor übertönt.

Und hinab ging der trudelnde Sturzflug in die Tiefe, kreuzte vertikal ein paar der zum Glück nur wenig befahrenen Luftstraßen und tauchte dann knapp zwanzig Meter über dem Boden zwischen zwei eng beieinanderstehende Gebäude, wo Fabia durch tollkühne Flugmanöver versuchte, die Verfolger abzuhängen. Es gelang ihr nicht. Die künstlichen Piloten der Polizeischweber steuerten gedankenschnell und mit ebenso viel Todesverachtung wie die junge Frau, der sie ohne Probleme mit geringem Abstand auf dem halsbrecherischen Zickzack-Kurs durch das antike Stadtviertel Bezons folgten. Blaue Lichter kreisten um die Meridiane der Polizeiflieger und Puck bekam viel Arbeit, die Hackzugriffe der Omegas auf die Steuerkonsole des Schwebers zu unterbinden.

Weil der Motor aufs Äußerste gefordert wurde, wurde es in der Kabine trotz der Enge mit einem Mal eisig kalt. Fabias hektisch ausgestoßener Atem stand als Wolke vor ihr. Jetzt, knapp über dem Boden auf einer scheinbar willkürlich und zufällig gewählten Route dahinjagend, beschleunigte sie immer weiter, reizte den Motor bis zu seinen Grenzen aus. Der Steuerknüppel in ihrer Hand begann zu vibrieren und ließ sich kaum mehr von ihr beherrschen. Leon, der die Gefahr erkannte und wohl auch Fabias Vorhaben erahnte, legte seine Hand auf ihre und gemeinsam hielten sie den Schweber stabil und weiterhin unter Kontrolle. Von Puck von seinen Sicherheitsschranken befreit, war er fast dreihundert Stundenkilometer schnell, ein mörderisches Tempo, das alle in ihre Sitze drückte.

Dann hatte Fabia über die von ihren Augreyes eingeblendete Stadtkarte einen geeigneten Ort für ihren waghalsigen Plan gefunden. Nur auf diese Weise würde sie die Polizei abschütteln können. Sie bog noch zweimal ab – einmal trennte ihr Fluggefährt in der Kurve nur Zentimeter von der Hauswand – dann raste sie auf einen niedrigen Torbogen zu, der einen Eingang zu einer ausgedehnten Gartenanlage markierte, die dem alten Bois de Bologne nachempfunden war. Links und rechts von dem Tor erhoben sich massive Steinmauern. Selbstverständlich war es nur die zeitgenössische Kopie eines Triumphbogens aus der napoleonischen Zeit. Man hatte schon vor Langem alle übrig gebliebenen Antiken durch widerstandsfähige Repliken ersetzt. Manche von ihnen, wie die Glaspyramide im Innenhof des Louvres – der übrigens auch ein Nachbau war -, existierten nur noch als Hologramm. Fabia hätte es niemals gewagt, ein echtes, achthundert Jahre altes Relikt aus der bewegten Vergangenheit der Megapole auf diese Weise der Gefahr seiner Zerstörung auszusetzen. Doch sie lenkte den Schweber mit gutem Gewissen durch das aus nahezu unverwüstlichem Kunststoff nachgebildete Tor.

Es war ein heikles Kunststück, aber es gelang ihr perfekt, als hätte sie es seit ihrer Jugend geübt. Links und rechts blieben ihr zwischen dem Schweber und den Säulen vielleicht eine Armlänge Platz. Glücklich durch das Tor gezwängt, riss sie das Steuer scharf zu sich und bremste. Die Steuerung kreischte wie ein weidwundes Tier auf, gehorchte jedoch. Raphaël, nicht angeschnallt, weil die Kabine ja nur für zwei ausgelegt war, wurde von der Fliehkraft nach vorne geschleudert. Leon hielt ihn zwar am Kragen fest und und milderte dadurch den Fall des Dichters etwas ab, aber er schlug doch mit dem Gesicht gegen das Glas der Scheibe und holte sich eine blutige Nase. Wahrscheinlich hätte er sich den Hals gebrochen, wenn sich nicht die Notfall-Trägheitsdämpfung eingeschaltet hätte und den abrupten Bremsvorgang abpufferte.

Doch von diesem Schönheitsfehler abgesehen, war Fabias akrobatisches Flugmanöver ein voller Erfolg. Die Maschinenintelligenz in dem Polizeischweber, der wie eine Klette an ihr hing, war auf solch eine blitzartige Pirouette nicht vorbereitet. Während Fabia ihre gläserne Kugel in einer engen Aufwärtskurve elegant emporsteigen ließ, gelang es zwar dem ersten der Verfolger noch, ihr unbeschadet durch das Tor zu folgen, aber die anschließende scharfe Kehre schaffte er nicht mehr. Sein Wendekreis war um einige Meter breiter und das Fluggerät geriet dadurch in die Äste eines der Alleebäume, die den Kiesweg hinein in den Park säumten. Sich um sich selbst drehend stürzte der Polizeischweber in die üppigen Büsche, von denen eine empörte Wolke winziger Drohnen aufstieg, die auf allen landwirtschaftlichen Flächen die Bestäubungsarbeit der fast ausgestorbenen Bienen unterstützten.

Dem zweiten Polizeischiff erging es noch schlechter. Sein Pilot wollte den Fehler des anderen vermeiden und dem Triumphbogen in letzter Sekunde ausweichen, streifte aber eine der dorischen Säulen und explodierte in einem Feuerball, der ein Loch in die Gartenmauer sprengte. Zum Glück hielt sich kein Mensch in der Nähe auf.

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