Mánis Fall – Der Prolog zu Brautschau 13

anfBürgerin Winterfeld ...«, vernahm Fabia noch die Stimme eines Roboter-Polizisten über die abbrechende Funkverbindung. Anschließend war nur noch weißes Rauschen zu hören. Seelenruhig gab sie die Steuerung wieder an ihren Omicron ab, der den Flieger auf den rechten Kurs brachte, ihn elegant über die nahe, an dieser Stelle fast drei Kilometer breite Seine steuerte und danach in gemäßigtem Tempo und niedriger Höhe auf die weitläufigen Universitätsgelände zuhielt. Gemeinsam mit Leon kümmerte sich Fabia währenddessen um den jammernden Raphaël, dem zwei kaum zu stoppende Blutrinnsale aus der Nase liefen. Sein Freund griff unter den Sitz und holte den Erste-Hilfe-Koffer heraus, aus dem er eine Bandage nahm, die er dem jungen Dichter gegen die Blutung presste.

»Entschuldigt bitte mein Flugmanöver, aber ich sah keine andere Möglichkeit, die Polizei loszuwerden«, sagte Fabia kleinlaut. Sie hatte inzwischen großen Respekt vor dem glatzköpfigen Bildhauer, der offenbar immer Herr der Lage war. Raphaël grunzte nur, aber Leon machte eine wegwerfende Handbewegung.

»Das geht schon in Ordnung. Wenn sie uns erwischt hätten, dann wären wir wahrscheinlich auf der Stelle gelasert worden. Die Notstandsgesetze der 2MC kennen kein Erbarmen und keine Entschuldigungen. Ich hatte gehofft, sie würden nie in Kraft treten. Noch vor einem Monat haben wir gegen sie demonstriert, weil sie unsere bürgerliche Gesellschaft in die brutalste und menschenverachtendste Diktatur seit dem „Rechtgläubigen Roten Reich“ des Ibn-Said  verwandeln würden, wenn sie zur Anwendung kämen. Man kann doch keine KI Recht sprechen lassen! Aber von einem multikontinentalen, planetaren Konzern wie der Corporation kann man wahrscheinlich nichts anderes erwarten, wenn er sich an die Regierung putscht. Solche Wirtschaftsgiganten sind die natürlichen Feinde jeder Demokratie«, steigerte er sich wütend in ein politisches Manifest.

Leon hätte wohl noch den ganzen Tag so weitergeschimpft, wenn sie nicht an ihrem Ziel angekommen wären. Puck landete den Schweber auf einem kleinen Platz neben der Universitätsbibliothek. Die beeindruckende, glänzende Fassade des Gebäudes reichte fünfzehn Stockwerke in den Himmel und mindestens ebenso viele in den Erdboden hinab. Wegen ihrer verwinkelten, in der Regel sechseckigen Innenräume und den schier bodenlosen Lichthöfen wurde Die Bibliothek von den Studierenden und den Professoren in Anklang an den alten Schriftsteller Jorge Luis Borges „Babel“ genannt. Dort residierten in der untersten Kelleretage die Citoyens um Professor Rosenthal und dorthin wollte Fabia.

Sie schnallte sich ab, nahm ihren Omicron unter den Arm und schälte sich aus dem Schweber, dessen mitgenommene Außenhülle trotz der sommerlichen Temperaturen, die am Boden herrschten, mit Reif bezogen war. Er dampfte eisig. Sie sah sich um. Es war fast unheimlich, wie leer der Platz war. Für die Menschen ihrer Zeit, die es gewohnt waren, ihr Leben auf engstem Raum mit Milliarden anderen Individuen zu teilen, war Leere beängstigend. Fabia war da nicht anders. Sie kannte Einsamkeit und Leere nur, wenn sie über ihre Augreyes auf den Server des Computerspiels „Walden 3.2“ ging, das einen weltumspannenden Wald simulierte und – weil es aus der Mode gekommen war – nur wenige NPCs und Player hatte, die sich deshalb fast nie in der gigantischen Spielwelt begegneten. Dort saß sie gerne am Abend ein paar Stunden vor ihrer virtuellen Holzfällerhütte im Sonnenschein, sah den Flugechsen zu, die in der Thermik unter dem rosafarbenen Himmel ihre Runden drehten und genoss diese scheinbare Einsamkeit. Doch in der echten Welt fürchtete sie die Leere und litt wie die meisten ihrer Zeitgenossen an Agoraphobie, gegen die sie sich nie hatte behandeln lassen. Sie wäre am Liebsten direkt in die Bibliothek mit ihren engen, nach echten Büchern riechenden Räume voller Menschen gewechselt, als die wenigen hundert Meter quer über den verwaisten Platz zu laufen. Aber ihr blieb keine andere Wahl.

Sie machte ein paar unsichere Schritte in Richtung Eingangstore. Doch dann sank sie in die Knie und erbrach sich. Schnell war Leon bei ihr und beugte sich über sie, hielt ihr helfend die Stirn. Puck drehte aufgeregt fiepend enge Kreise um die beiden.

»Herrgott! Überrangprotokoll Fabia! Puck, wither wander you? Standby«, zischte Fabia zwischen zwei Würgeanfällen. Der kleine goLEM blieb sofort stehen und blinkte stumm. Obwohl er sich nicht mehr bewegte, machte er einen sehr vorwurfsvollen Eindruck.

»Na, Mädchen?«, fragte Leon mitleidig, als es Fabia wieder etwas besser ging, »doch nicht so stark und mutig?«

»Nein, es ist nur … Mir ist ziemlich schwindlig wegen meiner Krankheit. Ich werde langsam hämoylitisch. Das wirkt sich zuerst auf meinen Kreislauf aus.« Sie sah sich um und deutete auf einen kleinen, zellenartigen Anbau an einem Gebäude in der Nähe, auf dessen Milchglastür ein großes rotes Kreuz dargestellt war. »Ich muss dringend zu dieser Notarzt-Station. Ich brauche Medikamente und eine Transfusion.«

Fabia spuckte aus, um den ekligen Geschmack im Mund loszuwerden, was ihr auf diese Weise jedoch nicht gelang.

»Ich helfe dir«, bot sich Leon an. »Die Ärzte sind sicherlich schon längst geflohen oder evakuiert worden. Ich glaube nicht, dass sich außer uns und deinen Freunden noch jemand in diesem Stadtviertel aufhält.«

Fabia richtete sich zitternd auf und winkte ab. Sie probierte ein paar Schritte. Ihre Knie waren zwar weich und die Beine wacklig, aber bis zu der Krankenstation würde sie es ohne fremde Hilfe schaffen.

»Danke, aber das wird nicht nötig sein«, lehnte sie Leons Angebot ab. »Es wird dort drin sicher noch einen Gamma geben, der mir helfen kann. Falls sie ihn aber doch schon abgezogen haben sollten, kann mich auch mein Omikron unterstützen. Er hat ein komplettes Medizin-Update.«

Der Bildhauer wollte einen Einwand machen, aber Fabia ließ ihn nicht zu Wort kommen. »Ihr beide solltet auf jeden Fall auf der Stelle aufbrechen und nicht in irgendwelche Bunker, sondern direkt zu den Zügen fliegen, bevor uns die Polizei wiederfindet. So beschäftigt können die gar nicht sein, dass sie nicht den Absturz ihrer zwei Einheiten untersuchen. Bringt euch in Sicherheit, bevor sie kommen. Mit dem Schweber habt ihr eine echte Chance.«

Leon nickte und fuhr sich mit der Hand nachdenklich über die Glatze. Er seufzte.

»Bist du dir sicher? Du weißt aber schon, dass sie uns eben nicht zufällig abgepasst haben? Die Polizeischweber haben auf uns gewartet. Du bist verraten worden und sie sind hinter dir her. Ich lasse dich nur ungern alleine.«

Ja, es war Fabia bewusst, dass man sie verraten hatte. Es war nicht schön, damit konfrontiert zu werden. Sie hätte die Überlegungen, wer das getan hatte, gerne verdrängt.

»Ich werde in der Bibliothek bei meinen Freunden in Sicherheit vor der Polizei sein – keine Sorge«, winkte sie ab. »Von Babel aus kann ich auch problemlos die Uniklinik-Haltestelle der UMS-Bahn erreichen. Die bringt mich in einer Stunde nach Frankfurt. Vielleicht können wir uns dort wieder treffen. Aber jetzt fliegt endlich los. Ich wünsche euch alles Glück. Meldet euch, wenn ihr euch gerettet habt – danach, meine ich, wenn das alles vorbei ist …«

Leon beulte mit der Zunge seine linke Wange aus. »Da gibt es noch etwas, das ich für dich tun kann. Wenn du willst, kann ich deine Augreyes komplett ausschalten und anschließend fliegst du unter dem Radar der 2MC.« Er holte aus seiner Hosentasche ein handgroßes Gerät, das wie eine kleine Pistole aussah, und zeigte es Fabia.

»Dieses Spielzeug hat mich auf dem Untergrund-Schwarzmarkt Unsummen gekostet, aber es ist sein Geld wert. Dies ist ein sogenannter Jailbreaker und er ist kinderleicht zu bedienen. Aber wahrscheinlich hast du mehr Ahnung von solchen Dingen als ich. Keine Sorge, es tut nicht weh. Du wirst dich danach nur ein wenig … verlassen vorkommen. Und vielleicht Kopfschmerzen kriegen.«

[<—Zum 12. Teil]                                                                                           [Zum 14. Teil —>]

Mánis Fall – Der Prolog zu Brautschau 14

anfDie habe ich schon«, lachte Fabia und musterte den Jailbreaker interessiert. »Ich habe schon von diesen Geräten gehört, aber es ist das erste Mal, dass ich eines sehe.« Sie war einen Augenblick unschlüssig, dann nickte sie zustimmend. Leon hielt ihr den Apparat kurz gegen die linke, dann gegen die rechte Schläfe und betätigte einen Schalter. Fabia blinzelte. Tatsächlich! Sie hatte keinen Kontakt mehr mit I-Net. Sie fühlte sich ein wenig verwirrt und einsam, aber sie wusste, das würde schnell vergehen. Es war schließlich nicht das erste Mal, dass ihre Augreyes-Verbindung zum großen Netz nicht funktionierte. Die Labore von Babel, in denen sie unter der Woche arbeitete, waren vollkommen nach außen abgeschirmt und besaßen ein autarkes Intranet, das von I-Net abgetrennt war und nicht auf die Augreyes zugriff. In Babel wurde noch mit der guten, alten Tastatur- und Mausmethode gearbeitet.

»So, das war es schon«, stellte Leon zufrieden fest. »Deine Augreyes sind heruntergefahren. Um sie wieder einschalten zu können, wirst du den Jailbreaker erneut benutzen müssen. Die Verkäuferin hat mir versichert, dass man damit sogar einen Gamma-goLEM ausschalten kann. Aber das habe ich selbstverständlich noch nicht ausprobiert.« Leon reichte ihr sein Hackerwerkzeug. »Nimm …«

»Das kann ich doch nicht annehmen. Brauchst du den Jailbreaker denn nicht selbst? Und ich kann dir das auch nicht bezahlen.«

»Nein. Raphaël und ich haben unsere Augreyes längst ausgeschaltet und ich glaube nicht, dass wir sie noch einmal einschalten müssen. In ein paar Stunden wird es kein I-Net mehr geben. Und dir könnte das Gerät vielleicht noch von Nutzen sein. Übertreibe es nur nicht.«

Da Fabia weiterhin zögerte, steckte er ihr den Jailbreaker einfach in die Tasche ihres nun viel zu warmen Hoodies und nickte ihr auffordernd zu. Der Bildhauer hatte recht; es war alles gesagt. Sie nahm ihren reglosen goLEM unter den Arm und ging mit so festen Schritten, wie sie ihr in ihrem Zustand möglich waren, auf die Notfall-Einrichtung zu. Sie wollte Stärke ausstrahlen und drehte sich nicht noch einmal um, weil ihr sonst wahrscheinlich die Tränen gekommen wären.

Leon sah ihr so lange hinterher, bis sie den Platz überquert hatte. Dann warf er einen letzten Blick hinauf in den leeren, grauen Himmel, über den nun merkwürdig gleichmäßige und runde Wolken zogen, die aus sich selbst heraus orange leuchteten. Sie glichen farbigen Ballons und wirkten auf ihn wie die Boten des nahenden Untergangs. Der Bildhauer hätte sie gerne mit seinen eigenen Händen aus Ton nachgeformt. Aber er würde wohl nicht mehr dazu kommen, seine Kunst noch einmal auszuüben. Auch wenn die Pariser bessere Chancen als die Einwohner der direkt an der Atlantikküste liegenden Megapole Marelona hatten, fühlte Leon im Gegensatz zu Fabia keinen Optimismus. Er hatte keinen Glauben, dass ausgerechnet er und sein Freund die Katastrophe in etwa zwölf Stunden überleben würden. Schließlich waren ja auch heute Morgen im Osten wieder die Kampfhandlungen mit der Indopazifischen Union aufgeflammt, die jederzeit ein nukleares Armageddon auslösen konnten. Was der Impact des Mondbrockens und der anschließende Tsunami nicht erledigen konnten, das schafften sicherlich die Atomwaffen der Kriegsparteien: Europa zwischen Scylla im Westen und Charybdis im Osten zu zerreiben. Vielleicht überstanden ja zumindest ein paar seiner Werke den Weltuntergang …

Raphaël rief ungeduldig nach ihm und er lief kopfschüttelnd zum Schweber zurück. Er war höchste Zeit, aufzubrechen und die dem Tode geweihte Stadt zu verlassen.

Fabia hatte inzwischen das Rote-Kreuz-Gebäude erreicht und legte ihre Hand auf die Glasfläche der Tür. Sie wurde gescannt und die Tür öffnete sich vor ihr. Die angenehm herunter gekühlte Luft aus der Klimaanlage der Krankenstation kam ihr einladend entgegen. Bevor sie eintrat, sah sie doch noch einmal zurück und dem emporsteigenden Schweber hinterher, bis er hinter einem der schlank wie eine Nadel in den Himmel stechenden Val-d’Oise-Türme verschwand. Der Abschied eben war für immer gewesen, das war auch ihr klar. Selbst wenn sie alle drei der großen Welle entkamen und rechtzeitig in die sicheren Gebiete im Westen gelangten, so würde doch das I-Net zusammenbrechen und sie sich in dem Chaos niemals wiederfinden, das gerade in den Deutschen Landen herrschen musste. Denn diese wurde ja von Milliarden von Menschen überschwemmt, die von den Küsten her ins Landesinnere flüchteten. Jetzt lief ihr doch eine Träne über die Wange. Leon, Raphaël und sie hätten gute Freunde werden können …

»Womit kann ich dir helfen, Bürgerin?«, wurde Fabias düstere Stimmung von einer einfühlsamen, besorgten und tiefen Stimme in ihrem Rücken unterbrochen. Achselzuckend wandte sie sich zurück und trat in das niedrige Gebäude, das aus einem einzigen, großen Raum bestand, der durch ein paar verschiebbare Wände in einen Empfang und eine Krankenstation unterteilt worden war. Hier hielten sich keine Menschen mehr auf. Im Hintergrund ruhten ein Sanitäts-Lambda und ein Arzt-goLEM in ihren Ladestationen. Der stachlige Kugelkörper des kybernetischen Arztes, der sich gerade beflissen nach ihren Wünschen erkundigt hatte, löste sich aus den Halteklammern. Er flog über einen lang gezogenen Tresen hinweg auf sie zu. Die medizinischen Robotereinheiten der Gamma-Reihe wurden im Volksmund wegen der Treffsicherheit ihrer Prognosen Tu-as-qu’à oder DO ASK genannt und erinnerten Fabia immer ein wenig an fliegende Seeigel, dessen Stacheln allerdings dünne Arme waren, die ein- und ausgefahren werden konnten und den unterschiedlichsten medizinischen Zwecken dienten. Außer dem Tu-as-qu’à, dem Lambda und ein paar der überall anzufindenden, spinnenähnlichen Reparaturdeltas, die im Hintergrund an den Wänden hingen und leicht auf ihren unzähligen kleinen Beinchen zitterten, befand sich niemand mehr in der Notfall-Einrichtung. Aber das hatte Fabia auch nicht erwartet. Sie hatte großes Glück, dass man die Station nicht versiegelt hatte.

»Ich werde dir helfen. Teile mir bitte die Art deines medizinischen Notfalls mit«, sagte der Tu-as-qu’à und schwebte nun direkt vor ihr in der Luft.

Wie die meisten goLEMs verdankte der beeindruckende Arztball sein merkwürdiges Aussehen nicht ästhetischen Überlegungen, sondern allein der Zweckmäßigkeit. Er hatte einen Durchmesser von gut einem Meter und konnte seine vielen Arme, von denen er allerdings fast alle eingeklappt hatte, bis zu zwei Metern Länge ausfahren und sah dann wie ein grotesk vergrößerter Virus aus. Er war in einem sanften Bogen herangeflogen und dabei etwas in die Höhe gestiegen, bis sich seine acht optischen Linsen, die knapp oberhalb des Kugelmeridians angebracht waren, in Fabias Augenhöhe befanden. Es war irritierend, von diesen acht fast menschlich wirkenden Augen mit ihrer grellgrünen Iris gemustert zu werden. Das war dem Arzt offenbar bewusst, denn er betrieb nur zwei von ihnen, durch die er einen erstaunlich intelligent und besorgt wirkenden Blick auf Fabia und ihren Omicron warf. Falls es den Tu-as-qu’à verwunderte, dass nach der Räumung der Sorbonne noch eine sichtlich angeschlagene Patientin mit einem kleinen goLEM unter dem Arm zu ihm hereinschneite, ließ er es sich nicht anmerken und keine Bemerkung darüber fallen.

Trotz der weltweit gültigen Roboter-Gesetze, die nach dem verheerenden KI-Aufstand im 23. Jahrhundert Verstand und Persönlichkeit künstlicher Intelligenzen strengen Obergrenzen unterwarfen, waren die Tu-as-qu‘à von der Mooncorp. mit der fortschrittlichsten und selbstständigsten KI-Programmierung ausgestattet worden, die es weltweit gab. Denn diese goLEMs mussten überall auf der Welt und auch im interplanetaren Raum an Orten, die ein menschlicher Arzt nicht erreichen konnte, neben ihren medizinischen auch psychologische und psychiatrische Aufgaben erledigen können. Die geistigen Fähigkeiten der Gammas übertrafen damit bei weitem die Möglichkeiten der durchschnittlichen und absichtlich »dumm« programmierten anderen goLEMs; Fabia schätzte die Tu-as-qu’à sogar für intelligenter und sozialkompetenter als die meisten Menschen ein, die sie kannte – sich selbst dabei eingeschlossen. Die Gammas waren eigentlich nur durch ihre eigenwillige äußere Form, die einseitige Codierung auf medizinische Zwecke und durch die Kontrollen des I-Nets beschränkt. Das Prinzip ihrer neuronalen Quantengehirne hatte übrigens Professor Rosenthal entwickelt, dem dafür einer seiner beiden Nobelpreise verliehen worden war.

[<—Zum 13. Teil]                                                                                           [Zum 15. Teil —>]

Mánis Fall – Der Prolog zu Brautschau 15

initialdem Tu-as-qu’à wurde die Zeit zu lang, in der ihn Fabia fachmännisch musterte. »Teile mir jetzt bitte die Art deines medizinischen Problems mit«, beharrte er. Fabia weckte Puck aus dem Standby und stellte ihn am Boden ab. Die beiden Kugelroboter begannen augenblicklich, sich über Funk über Fabias Krankenakte auszutauschen. Der goLEM der Studentin wirkte wie die Kinderspielzeug-Ausgabe des großen, fliegenden Gammas, aber dieser schien ihm trotzdem aufmerksam zu lauschen – auch wenn Fabia mit ihren ausgeschalteten Augreyes nichts von ihrer eifrigen Unterhaltung mitbekam. Etwas war an diesem Tu-as-qu’à anders als an den Medizinmaschinen, mit denen sie sonst zu tun hatte, bemerkte sie. Sie wusste nur nicht, was. Die Studentin hätte jetzt gerne seinem Sanctuary in der VR einen Besuch abgestattet. Doch dazu blieb keine Zeit und der war wahrscheinlich auch hervorragend abgesichert. Der Arzt unterbrach die Verbindung zu Fabias goLEM.

»Das ist keine Kritik an deinem Omicron µ-4598-76, der mir fundierte Informationen lieferte. Aber ich würde dich gerne noch einmal selbst untersuchen, Bürgerin Winterfeld. Bist du einverstanden?«

»Ja, ich stimme zu. Aber beeile dich bitte.« Sie hätte sich gerne noch länger mit dem Arzt unterhalten, alleine, um weiter seiner sonoren Stimme lauschen zu können. Puck an ihrer Seite murmelte stolz etwas Unverständliches.

Fabia schmunzelte, als sie sich unter dem grünen Untersuchungsstrahl des Gammas langsam einmal um sich selbst drehte. Wie wohl die Corp., die dem Professor seine Forschungsergebnisse und Patente gestohlen hatte, reagieren würde, wenn sie wüsste, dass er insgeheim schon viel, viel weiter war und in den Biorobotik-Laboren der Pariser Universität den ersten komplett menschenähnlichen Androiden geschaffen hatte, den er in einem Wortspiel nach dem shakespeareschen Waldgott aus dem ›Sommernachtstraum‹ Oberone getauft hatte. Wenn schon kein Gott, so sollte Ober-EINS unter den Normalsterblichen – auch den genoptimierten – zumindest ein Halbgott sein. Es war Fabias Aufgabe in Baruch Rosenthals kleinem Team, die KI des Androiden zu pflegen, zu testen und weiterzuentwickeln. Er sollte von ihr lernen – vor allem menschliche Verhaltensweisen. Die Studentin hatte inzwischen ein sonderbares, sehr intimes Verhältnis zu dem künstlichen Wesen aufgebaut. Es war ein verwirrendes Verhältnis, über das sie nicht näher nachdenken wollte. Oberone war vom Wissen und erstaunlicherweise auch vom zurückhaltenden, sich nur sehr langsam öffnenden Charakter her wie eine jüngere Ausgabe des Professors, in den sie verliebt war.

Der grüne Strahl erlosch.

»Bürgerin«, sagte der goLEM. Er klang sehr ernst und hatte tatsächlich eine wohldosierte Besorgnis in seine sonore Stimme gelegt. »Begib dich sofort zur Behandlungsliege. Du benötigst dringend meine ärztliche Hilfe.«

Hoffentlich informiert er jetzt nicht die Behörden, dachte Fabia. Aber das Rote Kreuz unterstand, wie sie wusste, keiner Regierungsstelle und schon gar nicht der 2MC. Deshalb war sie das Risiko eingegangen. Der Tu-as-qu’à schien auch tatsächlich nur an ihrem Zustand interessiert zu sein und hatte bisher keine Identifikationsnachweise von ihr gefordert.

Einer der dünnen Arme des Gammas klappte aus seiner Verankerung am Kugelkörper. Der Tu-as-qu’à klickte ungeduldig und deutete auf den hinteren Bereich der Station, an der einige mit kompliziertem medizinischem Gerät verbundene, funktionale Betten standen.

»Folge mir bitte«, sagte er und flog voran. Puck rollte ihm ungefragt wie ein Haustierchen hinterher. Fabia erkannte erleichtert einen Dialyseapparat neben einer der Patientenliegen. Sie kam gehorsam hinterher und setzte sich auf das Bett. Sie zog den Hoodie ihres verstorbenen Bruders aus, faltete ihn und legte ihn neben sich. Dann ließ sie sich von dem Tu-as-qu’à einen Shunt legen, über den er sie flink mit den Apparaturen der Notfall-Station verband. Bewundernd beobachtete sie seine professionelle und zielgerichtete Arbeit. Eigentlich war es unverantwortlich, solch eine wertvolle Technologie wie diesen Gamma einfach der Zerstörung oder irgendwelchen Plünderern zu überlassen, die – Weltuntergang hin, Armageddon her –, doch sicher bereits die evakuierten Gebäude und Einrichtungen nach Beute absuchten; auch wenn ein paar von ihnen bestimmt von den Polizeiomegas geschnappt und unter Anwendung der neuen 2MC-Gesetzgebung an Ort und Stelle standrechtlich exekutiert wurden. Hier im Univiertel der Sorbonne, zumindest im Umfeld der großen Bibliothek, schien jedoch vorerst noch alles ruhig zu sein. Erstaunlich genug …

Der Sanitäts-Lambda schwebte gelassen heran und hielt dabei mit seinen Ärmchen ein Tablett, auf dem er ein Glas mit milchiger Flüssigkeit und ein Kunststoffteller voller Kekse balancierte. Der goLEM war nur wenig größer als Puck und besaß die gleichen medizinischen Fähigkeiten, aber er konnte im Gegensatz zu Fabias Roboter fliegen. Als der Lambda über Puck hinweg glitt, richtete der seine Sensoren nach oben und schnatterte etwas Unverständliches. Fabia fragte sich, ob er in diesem Moment versteckt in den Maschen seiner neuronalen Netze Sehnsucht oder gar Neid empfand. Aber wahrscheinlich interpretierte sie wieder einmal viel zu viel in Pucks Reaktionen hinein und machte ihren kleinen Roboter humanoider, als er war.

»Du bist dehydriert und solltest auch eine Kleinigkeit essen«, sagte der Lambda und stellte das Tablett neben Fabia auf ein an der Liege angebrachtes Tischchen. Dann schwebte er wieder zurück zu seiner Ruhestation.

»Greif zu«, forderte der Tu-as-qu’à Fabia auf. Sie ließ sich nicht zweimal bitten, denn sie war wirklich durstig und hungrig. Seit ihrem verunglückten Frühstück am Morgen hatte sie nichts mehr zu sich genommen. Gehorsam leerte sie das Glas, dessen Inhalt angenehm kühl war und nach reinem, vielleicht ein wenig jodhaltigem Wasser schmeckte, aber sicherlich einen darin gelösten Medikamentenmix enthielt. Sie nahm sich auch eines der bröckligen Gebäckstücke. Es schmeckte nach nichts, aber schon nach wenigen Bissen setzte ein angenehmes Sättigungsgefühl ein. Sie lehnte sich vorsichtig auf der Liege zurück, schloss dann die Augen und überließ sich der Pflege des goLEMs. Er schwebte nun neben ihr und hatte sich über eines seiner Ärmchen mit der Konsole verbunden, die am Kopfende stand. Dabei summte er leise eine komplizierte Melodie, die Fabia bekannt vorkam, obwohl ihr nicht einfiel, wie das Lied hieß. Sie hätte ihre Augreyes wieder einschalten und im Netz suchen müssen, aber das erschien ihr zu gefährlich. Wie war es zu dieser Eigenart gekommen? Hatte die KI des Tu-as-qu’à sie eigenständig entwickelt? Wahrscheinlicher war es, dass für dieses Summen ein paar Codezeilen der ursprünglichen Programmierung verantwortlich waren. Schließlich war diese ja vom Professor entwickelt worden, dem das Hinzufügen solch einer kleinen Skurrilität durchaus zuzutrauen war. Baruch Rosenthal nannte dies eine „Prägung“. Ob wohl seine neuste, weiterentwickelte Schöpfung Ober-1 auch auf diese Weise von ihm „geprägt“ worden war? Sie kannte zumindest sämtliche Werke von Shakespeare und konnte diese mit unterschiedlichen Stimmen vortragen. Fabia hatte jedoch in ihrem täglichen Umgang mit dem Androiden bisher nichts in dieser Richtung feststellen können. Wahrscheinlich konnte Oberone singen; seine künstlichen Stimmbänder waren zumindest theoretisch dazu in der Lage. Sie musste das unbedingt bald untersuchen. Das wäre ein Thema für ihre Semesterarbeit.

Fasziniert lauschte Fabia weiter der eigenartig hypnotischen Musik des Tu-as-qu’à, die ihren Zweck erfüllte. Die Patientin atmete nun langsamer und regelmäßig, ihr rasender Geist beruhigte sich. Auch wenn ihre Furcht vor den nahenden Gefahren der Zukunft nicht nachließ, so rückte sie wenigstens für den Moment ein wenig aus dem Fokus. Zum ersten Mal seit ihrer überstürzten Flucht aus ihrer Wohnung fand sie ein wenig Ruhe. Wahrscheinlich hatte sich auch ein Beruhigungsmedikament in dem Getränk befunden.

»Aber ich muss aufpassen«, ging Fabia noch durch den Kopf. »Ich bin längst noch nicht in Sicherheit. Das ist die Ruhe vor dem Sturm.« Dann schlief sie ein.

[<—Zum 14. Teil]                                                                                           [Zum 16. Teil —>]

Mánis Fall – Der Prolog zu Brautschau 16

ein Stich in den Hals weckte die Kranke. Der Tu-as-qu’à hatte ihr dort eine Injektion direkt in die Schlagader verabreicht. Es musste ein wirksames Aufputschmittel sein, denn sie war schlagartig wach. Wie lange hatte sie geschlafen? Ein paar Augenblicke? Länger? Sie hörte die Tür der Notfallstation zischen und schreckte hoch. Mehrere Personen kamen mit festem Schritt herein. Sie schreckte in die Höhe und bemerkte dabei dankbar, dass der künstliche Arzt ihren Shunt entfernt und die Wunde dort mit einem kleinen Pflaster überklebt hatte. Wahrscheinlich hätte sie noch länger schlafen und ausruhen sollen, aber die Situation hatte sich geändert und er hatte sie deshalb geweckt. Fabia war in Gefahr.

Sie nahm sich vor, ab jetzt keine Prognosen über die Zukunft mehr anzustellen, denn ihre Vorahnungen vor dem Einschlafen schienen selbsterfüllend gewesen zu sein. Drei Polizei-goLEMs drängten sich hintereinander durch den Eingang in das kleine Rotkreuz-Gebäude. Ihre tonnenförmigen Leiber waren so ausladend, dass sie den halben Wartebereich ausfüllten. Fabia duckte sich und rollte sich gleichzeitig von der Liege. Sie versuchte, sich hinter ihr zu verbergen. Aber dazu war es bereits zu spät. Die Omegas hatten sie längst entdeckt. Die Roboter, deren massive äußere Erscheinung nur entfernt an eine menschliche Gestalt und eher an eine Blechbüchse erinnerte, drehten ihre wie umgestülpte Eimer aussehenden Köpfe gleichzeitig zu ihr und kamen auf ihren dünnen, zerbrechlich wirkenden Beinen durch den Wartebereich stampfend näher. Der Vorderste von ihnen, der offenbar ihr Anführer war, hob seinen an der Spitze glühenden Waffenarm. Mit ihm konnte der goLEM feine, enorm gebündelte Laserstrahlen abschießen, die sich praktisch durch jedes Material und selbstverständlich auch durch den Körper eines Menschen fraßen, als würde er aus Butter bestehen. Puck rollte sich nach vorne vor den vorderen der Polizisten. Aus seinem Lautsprecher ertönte ein hohes, aufgeregtes Fiepen. Weshalb war er eingeschaltet? Doch der gefährliche goLEM ließ sich davon nicht aus dem Konzept bringen. Er trat einen weiteren Schritt nach vorn auf den Tresentisch des Empfangspults zu und kickte dabei Fabias kleinen Roboter wohl aus Versehen wie einen Fußball zur Seite. Puck flog ein Stück durch die Luft. Er landete scheppernd unter der Krankenliege und traute sich nicht mehr von dort hervor. Sein lautes Fiepen hatte sich in ein weinerliches Jaulen verwandelt.

»Bürgerin, ich benötige …«, setzte der bedrohliche Polizist an und zielte in Fabias Richtung. Die zitternde Studentin wusste, dass die Liege sie vor dem tödlichen Laserstrahl nicht schützen würde. Er konnte sich durch beinahe sämtliches Material hindurchfressen. Ihre Gedanken rasten. Gab es noch einen Fluchtweg? Sie konnte keinen entdecken. Doch da geschah etwas Überraschendes. Während der Tu-as-qu’à nicht von ihrer Seite wich und aufgeregt mit seinen Armen klickte, kam wieder Leben in den Sanitäts-Lambda. Er flog direkt vor den Anführer der Polizei-goLEMs.

»Omega φ-19364-89b!«, zischte er. »Du bist der Anführer deines Trupps. Teile mir bitte die Art deines medizinischen Notfalls mit.« Der Polizist ließ sich tatsächlich ablenken und wandte sich an den Sanitäter.

»Lambda λ-344-med. Du bist registriert. Dies ist eine vom Notstandsgesetz autorisierte Routinekontrolle. Bürger, die sich im Moment noch innerhalb der Sperrzone befinden, benötigen eine Sondergenehmigung der 2MC. Wenn diese nicht vorliegt, muss davon ausgegangen werden, dass es sich um Plünderer oder Terroristen handelt, die nach § 28 Absatz 2 von den Polizeikräften an Ort und Stelle zu exekutieren sind. Ich fordere dich auf, Lambda λ-3744-med., sofort den Weg freizumachen. Im Falle eines Widersetzens kann ich für deine Unversehrtheit nicht garantieren.«

»Nach den Artikeln der 2. Genfer Konvention ist das Rote Kreuz als nicht staatliche Organisation nicht an Notstandsverordnungen gebunden«, fuhr der Lambda unbeirrt von der nun auf ihn gerichteten Waffe fort. Auch er machte auf die in seinem Rücken kauernde Fabia den Eindruck, dass seine kognitiven Fähigkeiten weit über das hinausgingen, was ein Sanitätsgolem normalerweise besaß, wenn er in den 2MC-Werken vom Fließband rollte. Zumal es die ernst zu nehmende Gerüchte gab, in ihnen wäre eine Art von ›Solidaritäts-Chip‹ zum Mutterkonzern verbaut. »Die humanitäre Arbeit des Roten Kreuzes darf nicht be- oder gar verhindert werden. Ihre Einrichtungen haben einen speziellen Schutzstatus und dienen als sichere Asyl-Anlaufstellen. Sie stehen unter dem besonderen Schutz der Regierungen und der drei Machtblöcke.«

Der Polizist ließ sich von diesen Worten nicht beeindrucken. »Meine Truppe fahndet nach Plünderern und anderen Kriminellen. Unsere Befehle sind eindeutig, Lambda λ-3744-med. Dieser Personenkreis steht nicht unter dem Schutz der Genfer Konvention. Weitere Diskussion ist zwecklos und führt zu deiner Außerbetriebnahme. Tritt zur Seite, sonst bin ich gezwungen, auch gegen dich Gewalt anzuwenden. Absatz 4 des 28. Paragraphen der Notstandsverordnung berechtigt mich, Unterstützer von Verbrechern zu exekutieren. Solltest du weiterhin die Arbeit von mir und meiner Truppe behindern, werde ich von meiner Waffe Gebrauch machen.« Nun hoben auch die beiden Begleiter des Offizier-goLEMs ihre Waffenarme.

»Ich protestiere …«

»Ist schon gut, Lambda«, sagte Fabia, die das Gerede leid war und sah, wohin es führte. Ihr Spiel war vorbei. Sie richtete sich mit erhobenen Armen hinter der Liege auf. In einer Hand hielt sie dabei bereits ihren Jailbreaker. Sofort richteten sich alle Waffen auf sie. »Ich weiß, wann ich verloren habe.«

Dabei warf sie einen lächelnden Blick über die Schultern der beiden hinteren Omegas, die zwei Schritte hinter der Tür standen und diesen Fluchtweg für sie versperrten. Sie hatte dort etwas entdeckt, das ihr Zuversicht gab. Die beiden würden bei dem nun bevorstehenden Kampf kein Problem mehr darstellen. Ihr vor ihnen stehender Hauptmann und der Tresen behinderten ihr Schussfeld. Sorgen machte ihr nur der Offizier, dem wohl ein paar Sekunden zum Handeln bleiben würden, bevor sie an ihn herankam und ihn außer Gefecht setzen konnte – falls das Gerät, das ihr Leon überlassen hatte, bei ihm überhaupt funktionierte. Sie blickte auf den Arzt, der die Lage richtig einschätzte und etwas zur Seite wich, als würde er sich ebenfalls geschlagen geben. Auch der Lambda wich etwas zurück. Die grünen Lämpchen in seinem Hinterkopf blinkten eifrig. Bestimmt war er in regem Funkaustausch mit dem Tu-as-qu’à und wahrscheinlich auch mit Puck.

»Bürgerin. Im Namen der 2MC verhafte …«, setzte der Omega an. Weiter kam er nicht, denn nun ging alles sehr schnell. Viele Dinge geschahen gleichzeitig. Puck, der sich still und heimlich hinter den Hauptmann gerollt hatte, und sich nun direkt zwischen dessen dünnen Beinchen befand, die der einzige Schwachpunkt der quecksilberfarbenen Ritterrüstung des Polizeioffiziers waren, schrie lauf auf:

»Alarm!« Seine enervierende Sirene schlug an. Der Sanitäts-Lambda machte zugleich einen Satz nach vorne, auf den Omega zu. Dieser wollte einen Schritt zurückweichen und stolperte dabei prompt über den Kugelkörper von Puck. Er kam nicht ins Fallen, war aber gefährlich aus dem Gleichgewicht. Seine Zwei-Meter-Gestalt schwankte. Er eröffnete sogleich das Feuer. Sein roter Laserstrahl traf den Lambda, der nach hinten trudelte. Auch die andern Polizeiroboter schossen über die Theke hinweg. Doch ihre Attacke ging ins Leere, da Fabia losgerannt längst war und einen Haken um den Tresen machte. Dann stieß sie mit aller Wucht, die ihr zur Verfügung stand, mit dem Polizisten zusammen. Die beiden fielen Seite an Seite auf den Boden. Dröhnend schlug der Omega auf den Fliesen auf. Puck brachte sich gerade noch rechtzeitig in Sicherheit, bevor er unter seinem Tonnengewicht begraben wurde.

Noch bevor der überraschte Polizist seinen Waffenarm herumreißen und sich wieder aufrichten konnte, war für ihn alles vorbei: Fabia drückte den auf die höchste Stufe eingestellten Jailbreaker an den Blecheimerkopf des Polizeiroboters und betätigte den Auslöser. Der extreme elektromagnetische Impuls, der auch Menschen außer Gefecht setzen konnte, funktionierte bei dem goLEM ebenso zuverlässig wie bei Fabias Augreyes. Der Roboter war von einem Sekundenbruchteil auf den anderen außer Funktion. Er erstarrte. Die leuchtende Spitze an seinem Waffenarm und die Lichter in seinem Eimerkopf erloschen.

Fabia rollte sich herum, um auszuweichen, falls die anderen Lambdas noch auf sie feuerten. Doch das war nicht mehr nötig. Triumphierend richtete sie sich auf. In der Tür stand ein Mann über den beiden am Boden liegenden anderen Polizeirobotern, deren Köpfe eingeschlagen waren. Er hielt einen großen Geißfuß in Händen, mit dem er die beiden erledigt hatte.

 

[<—Zum 15. Teil]                                                                                           [Zum 17. Teil —>]

Demnächst …

ald könnt ihr an dieser Stelle den Anfang meines neuen Romans „Mánis Fall“ lesen, dessen Rohfassung ich hier als Fortsetzungsroman vorveröffentlichen werde. In ihm wird die Vorgeschichte zu „Brautschau“ erzählt, die 5895 Jahre vorher spielt und die Ereignisse erzählt, die zur Vernichtung der Zivisation der Vorgänger führte. „Mánis Fall“ kann auch ohne Vorkenntnis der Saga gelesen werden.

Ich wünsche spannende Unterhaltung.

Die Sage vom Bürstenmacher, seinen 3 Söhnen und dem wahren Glück

Die Wüste um Karukora – südlicher Teil

estern ist ein Ort, den wir nicht wieder besuchen können. Das Rieseln in der Sanduhr von Vater Zeit zwingt uns weiter. Schritt für Schritt entfernen wir uns, sehen vielleicht ab und an noch einmal zurück – manchmal mit Freude, doch meist mit Bedauern, oft auch mit Trauer oder Zorn. Doch etwas zwingt uns, voranzuschreiten. Dabei begegnen wir anderen Orten und anderen Menschen, die uns wichtig werden. Gestern wird eines von vielen, es ist nur ein weiteres, vom Wind verblasenes Sandkorn in der endlosen Wüste, die wir in unserem Leben durchwandern, bis wir schließlich an den letzten Ort gelangen, an dem wir unser Haupt für immer zur Ruhe betten und der Sand unserer Tage unseren müden Leib bedeckt.

Gestern, das gibt es nur noch in unserer Erinnerung und jeder von uns denkt anders an diesen Ort zurück, der gestern noch unser Leben war und heute nur eine undeutliche Erinnerung wie an einen Traum. Und wenn wir dann alle gegangen sind, die wir uns an dieses Gestern erinnern, dann ist es für immer in der Zeit verloren. Auch an unser heutiges, so wun­dervolles Fest und an die Geschichten der beiden Mär­chenerzähler, die es zu etwas ganz besonderem machen, wird sich in gar nicht einmal allzu ferner Zukunft niemand mehr erinnern. Die Füße von Waqt al’ab, der Mutter der Zeit, werden auch uns in diesem Saal unter sich zu dem feinem Staub zermahlen haben, zu dem wir alle einmal werden, wir Men­schen und auch unsere Städte und unsere Staaten, die wir so großherzig gegründet haben.

Doch manchmal tritt die Mutter der Zeit auf einen unnachgiebigen Diamanten und er presst ihn in seinem Mühen, ihn zu zerreiben, noch fester und dich­ter zusammen. Je mehr er sich anstrengt, umso stärker wird er. Manchmal, ja, manch­mal ist etwas ewig – ewig wie der Fluss der Tränen der Allerbarmerin, ewig wie Platos Gedanken, ewig wie die Felder des Krieges und ewig wie Karukora, das Wun­der in der Wüste. Ewig wie der Namenlose, der einst über den Fluss von Norden kam, sich hier niederließ, seine viel geliebte Stadt pflanzte und in seinen Wiederge­burten sein Volk bis zum heutigen Tag regiert und dies tun wird, bis auch Waqt al’ab endlich ihrer Wanderung müde wird. Dies wird aber erst geschehen, wenn ein gewaltiger Stern vom Himmel fällt und die Menschen in den Tränen der heiligen Göttin ertrinken.

Uns Sterbli­chen ist nur eine kurze Wegstrecke gegönnt, die wir ge­hen dürfen, doch der Namenlose schreitet mühelos vor­an, die Mutter der Zeit als Gefährten an seiner Seite, während Karukora blüht und gedeiht und die großartigste Stadt der Überlebenden Lande ist. Preisen wir uns glücklich, denn wir sind wahrlich gesegnet, dass wir unseren kurzen Marsch mit ihnen gemeinsam an diesem gesegneten Ort gehen und die Ewigkeit sehen und schmecken dürfen. Loben wir den Namenlosen, der da war, der da ist und immerdar sein wird!«

Einer, dem es vergönnt war, sich während seiner Le­bensspanne im Lichte der Namenlosen der ersten und großen Bingh-Dynastie zu son­nen, war der arme Bürstenmacher Lafar. Über seine Tage lässt sich wenig berichten. Sie waren erfüllt von Arbeit und der Sorge, sich und seine Familie durch den Tag zu bringen. Seine Frau Nigar hatte ihm neben einer Tochter auch drei präch­tige Söh­ne geboren, die er durch seiner Hände Arbeit mehr schlecht als recht zu ernähren vermochte. Er konnte es sich nicht leisten, sie auf eine der öffentlichen Schulen zu schicken und doch erzog er sie mit Sorgfalt und gab ih­nen das weni­ge Wissen weiter, das er selbst besaß. Abend für Abend kam Lafar mit müden, wunden Fin­gern aus seiner Werkstatt, löffelte seine wässrige Brot­suppe – die einzi­ge Mahlzeit seines langen Tages – und setzte sich an­schließend zu seinen Jungen, schlug eines der wenigen zerlesenen Bücher auf, die er besaß und las ihnen müh­sam und stockend, die gichtigen Finger auf der Zeile, vor. Seine Söhne nahmen die Weisheiten aus den ver­gilbten Folianten auf und entwickelten sich zu prächti­gen jungen Männern. Sie waren die Wonne von Lafars und Nigars Alter, die Freude, die ihre Au­gen glänzen ließ, die starken Arme, die ihre immer schwä­cher werdenden stützten.

Als die Zeit kam, da Lafar die Tage seines Lebens bei­nahe durchschritten hatte, sorgte er sich um die Zu­kunft und er wusste nicht, wie er seine wenigen Besitz­tümer unter seinen Söhnen aufteilen konnte. Er liebte sie alle gleich innig und mit heißem Herzen und wollte keinen bevorteilen. Obwohl alle durchweg Geschick in Lafars Handwerk zeigten, konnte doch nur einer am Ende das Geschäft erben und es war kein Geld vorhanden, die anderen beiden auszuzahlen. Und so überlegte Lafar und überlegte, bis ihn endlich eine schwere Krankheit niederwarf und auf sein Lager zwang. Er fühlte, dass der Tod neben seinem Kopfkissen stand und er sich vielleicht nicht mehr aus seinem Bett erheben würde.

Da ließ er sich von seiner Frau die drei besten und weichsten Bürsten bringen, die er jemals hergestellt hatte und rief seine drei Söhne zu sich, betrachtete je­den von ihnen lange und zärtlich. Dann sprach er zu ihnen:

„Ich habe euch gelehrt, was ich weiß und es ist an der Zeit, dass ihr mit diesem Wissen hinaus in die Welt geht. Ich werde noch da sein, wenn ihr heute in einem Jahr und einem Tag zurückkehrt. Dann soll der von euch erben, der mir dann die eine Frage beantworten kann, deren Antwort ich in keinem meiner Bücher gefunden habe. Ich möchte wissen, was das wahre Glück ist.“ Anschließend reichte er je­dem der Söhne eine der Bürsten, umarmte einen nach dem anderen und sag­te:

„Ein jeder achte gut auf seine Bürste. Wenn ihr sie am richti­gen Ort und im richtigen Augenblick benutzt, dann wird sie euch einmal – ein einziges Mal – einen Wunsch erfüllen.“

Danach schwieg Lafar und schloss die Augen. Die Söhne küssten noch die abgearbeitete, schwielige Hand ihres Vaters und verließen ihn recht ratlos mit ihren Bürsten in der Hand. Was konnte denn das sein, das wahre Glück?

Noch am gleichen Tag packten sie ihre Siebensachen in ihre Felleisen, verabschiedeten sich von der Mutter und ihrer Schwester und voneinander und machten sich auf, das wahre Glück zu finden. Der älteste – er hieß Masur – ging nach Süden, der zweite, der den Namen Seqr trug, wählte den Weg, der nordwärts aus der Stadt führte und der Jüngste – Jasde – machte sich durch das Tor der frohen Händler nach Westen auf. Dies geschah in den Tagen des „Harmonischen Bambusblatts“, des siebten Namenlosen aus der Bingh–Dynastie, jener ersten und wahren Dynastie, unter deren Herr­schaft Karukora sorglose und friedliche Jahre erlebte, bis die „Bluthand“ Sefredo Sud die Stadt mit seinen Barbaren überfiel und sich selbst zum Namenlosen krönte.

Viele Abenteuer erlebten die drei Söhne in der Frem­de, doch das ist eine weitere Geschichte nach der Ge­schichte und ich will sie euch an einem anderen Tag er­zählen. Doch die Allerbarmerin war mit ihnen und nach einem Jahr und einem Tag kehrten sie wohlbehalten in ihre Heimat zurück.

Masur, der älteste, kam auf einem stolzen, schönen Ross geritten und ihm folgte ein Trupp treu ergebener Reiter, deren Satteltaschen mit Geld, Schmuck und wertvollen Handelswaren gefüllt waren. Aus dem Nor­den kam barfuß und staubig Seqr in die Stadt. Er trug das Gelehrtengewand eines Weisen aus den Akademi­en von Saint Cóbilôtte und auf seinem Felleisen stapel­ten sich dicke Bücher. Jasde zuletzt betrat Karukora, wie er es verlassen hatte, braungebrannt und ein Lied auf den Lippen. Die drei Brüder trafen sich im Hof des heruntergekommenen Hauses ihres Vaters und be­staunten gegenseitig ihr Aussehen.

Lafar hatte Wort gehalten: Auch wenn er im Lauf der zwölf Monate, die vergangen waren, noch schwächer und hinfälliger geworden war, so lebte er noch und war bei klarem Verstand. Zuerst stieg Masur von seinem Schimmel, trat vor seinen Vater, der sein Bett zur Fei­er des Tages hinaus vor die Tür hatte tragen lassen, wo er, von seiner Frau und Kissen unterstützt, halb in ihm saß. Masur kniete nieder und sprach:

„Ein Jahr und einen Tag war ich im wilden Süden un­terwegs und weiß nun, was das wahre Glück ist. Dort bei den Barbaren fand ich reiche, fruchtbare Ebenen und Weiden, die bis zum Horizont und über ihn hinaus reichten. Auf ihnen leben Familien und Sippen, die auf ihren Reittieren mit gewaltigen Herden durch diese immergrünen Gegenden ziehen und ihre Lager auf­schlagen, wo ihr Vieh zum Grasen verweilt. Sie sind frei und kennen keine Herrscher über sich; die überlie­ferten Werte und der Wille ihrer Ältesten sind die ein­zigen Befehle, denen sie gehorchen. Ihre Tierherden bestimmen ihr Handeln und Leben. Sie nahmen mich freundlich in ihrer Mitte auf. Ich erlernte ihre melodiö­se, singende Sprache und verdingte mich als Hirte und Pferdeknecht. Da leistete mir die Bürste gute Dienste, Vater.

Als ich eines Tages das Pferd ihres Clanältesten mit ihr striegelte und sein Fell pflegte, da hegte ich den Wunsch, selbst einmal in den Besitz eines solch wun­derbaren Tieres zu kommen. Und wie du es prophezeit hast, mein lieber Vater, ist es dann auch gekommen: Mein Wunsch wurde erfüllt. Es dauerte zwar noch ein paar Monate, aber eines Morgens rettete ich einem sei­ner Kinder durch Zufall das Leben und ich wurde in seiner Familie aufgenommen, als wäre ich schon im­mer ein Teil von ihr gewesen. Sie teilten ihr Vermögen und ihre Herden mit mir. Sieh mich an. Heute bin ich ein freier, reicher Mann, der viele Tiere und Pferde be­sitzt. Ich benötige dein Erbe nicht mehr. Aber ich weiß nun, dass es das wahre Glück ist, auf dem Rücken ei­nes edlen Rosses wie dem meinen im Sattel zu sitzen und frei wie der Wind über die Ebenen meiner neuen Heimat zu reiten.“

Lafar lächelte und segnete Masur. Er freute sich mit ihm gemeinsam über das Glück, das die Bürste seinem Ältesten beschert hatte. Anschließend trat Seqr neben Masur und kniete ebenfalls vor seinem Vater. Er sprach:

„Mein über alles geliebter Vater. Ich fand im Norden hinter dem Großen Wall, der unsere Wüste von den dunklen, barbarischen Wäldern der Lamargue trennt, Stätten des Wissens, des Fortschritts und der Philosophie. Und als ich staunend durch diese Städte wanderte, stieß ich auf eine gewalti­ge Bibliothek, in der auf Büchern, Folianten und Per­gamenten all diese viele Jahrtausende alte Weisheit aufgeschrieben steht. Doch – ach – nur wenige Gelehrte studierten aufmerksam und ehrfürchtig in diesen ge­segneten Hallen. Der Staub lag fingerdick auf den Goldschnitten der Bände, die niemand mehr las.

Da nahm ich die Bürste, die du mir gegeben hast, reinigte die Bücher und Regale von dem uralten, verkrusteten Dreck, den Spinnweben und den Stockflecken. Dabei wünschte ich mir, ich könne all die Dinge, die in ihnen aufgeschrieben standen und fast vergessen waren, le­sen. Und wie du es prophezeit hast, mein lieber Vater, ist es dann auch gekommen: Mein Wunsch wurde er­füllt. Ich wurde ein Mitglied der Gemeinschaft der Le­senden und Lernenden und mein Wissen wuchs von Tag zu Tag. Das ist der wahre Reichtum und ich benö­tige deshalb dein Erbe nicht. Aber ich weiß nun, dass es das wahre Glück ist, ein Buch aufzuschlagen, den säuerlichen Geruch seiner Bindung und den stumpfen seines Papiers zu riechen, mit angefeuchtetem Finger durch die Seiten zu blättern, die Sätze und all die Ge­schichten, die Erfahrungen und die Erfindungen, die Weisheiten und die Sagen zu studieren, die darin wie in einem Schatzkästlein verborgen sind und dabei die Zeit, den Tag und den Ort zu vergessen. Das ist Glück.“

Und Lafar segnete auch seinen zweiten Sohn und freute sich mit ihm gemeinsam über das Glück, das die Bürste Seqr beschert hatte. Schließlich trat Jasde an das Lager seines Vaters, verbeugte sich und sagte:

„Ich ging in den Westen, bis in die zerstörten und zerklüf­teten Jenseitigen Länder voller Gefahren, Gewalt und Kummer. Dort, hinter dem Babelmassiv, hinter dem bodenlosen Spalt, ist ein Leben nichts wert und der Tod lauert überall, im Schwert eines Räubers, im Reiß­zahn eines Raubtiers, im Gift einer Pflanze und im Lä­cheln einer schönen Frau. Viele Abenteuer und Gefah­ren hatte ich zu bestehen. Ich wurde von Dieben über­fallen und halbtot liegen gelassen, musste Täler, gefüllt mit giftigem Gas, durchwandern und Berge erklim­men, deren Höhe mir den Atem nahm. Ich sah unaus­sprechliche Dinge, schreckliche und schöne. Und ich be­gegnete vielen Menschen, bösen, wie auch guten.

Doch ich benötigte auf meiner Reise kein einziges Mal die Bürste, die du mir schenktest, denn jeder Tag erfüllte mir von selbst meinen einen Wunsch, den ich hegte: Ihn gesund zu überstehen, damit ich nach einem Jahr und einem Tag zu meiner Familie zurückkehren kann. Deshalb wusste ich auch bis heute, bis zu diesem Mo­ment, in dem ich über Schwelle unseres Hauses trat, noch nicht, was das wahre Glück ist. Ich entdeckte es erst, als ich hier Mutter, Schwester, meine Brüder und dich, mei­nen Vater, lebend wiederfand. Das wahre Glück ist es, bei den Menschen zu sein, die man liebt.“

Sprach es, nahm die Bürste, die ihm Lafar vor einem Jahr und einem Tag gege­ben hatte, beugte sich herab und putzte mit ihr den Kehricht vor dem Bett seines Vaters zusammen.

„Und mein einziger Wunsch ist, dass ihr alle für den Rest unseres Lebens mit mir verbunden seid.“

Dann umarmte er zuerst seine Mutter und dann sei­nen kranken Vater, der sich plötzlich viel kräftiger fühlte, aus seinem Krankenlager aufsprang und nach einer heißen Suppe verlangte. Es war, als wäre er nie darnieder gelegen. Was für eine Freude herrschte da im Hause des alten Bürstenmachers! Jeder umarmte den anderen, weinte vor Liebe und pries den Tag.

Und so erbte Jasde, der Jüngste, die Werkstatt seines Vaters. Er zog wieder in das Haus seiner Eltern und die Bürsten, Feger und Handbesen, die er unter der Anleitung des Alten, der wieder vollständig genas, her­stellte, waren die schönsten und besten in ganz Karu­kora und verkauften sich so gut, dass Jasde bald dar­auf ein Mädchen aus der Nachbarschaft freien und es heiraten konnte. So oft sie konnten, kamen seine Brü­der aus dem Süden geritten und aus dem Norden ge­laufen und die Feiern im Hause des Lafar waren die fröhlichsten und ausgelassensten unter der Wüsten­sonne.

Denn wahrhaft glücklich ist nicht, wer Reich­tum und Wissen anhäuft, sondern wer Menschen fin­det, die ihn auf seinem Lebensweg begleiten und ein Stück seiner steinigen Wanderung in Liebe mit ihm gehen.

Auf diese Weise lebte die Familie des Bürstenmachers glücklich miteinander, bis nach vielen, vielen Jahren der Tod, der Zerstö­rer aller Freuden, der Verwüster aller Heimstätten und der Vergifter aller Speisen unter sie trat. Ver­herrlicht sei die Allerbarmerin, die ihre Tränen für uns alle vergießt.«

(Auszug aus „Karukora“)

Karukora erwacht

uch wenn es nahezu jeder Bewohner des Juwels der Wüste anders empfunden und sich das tägliche Wunder fast nicht mehr erhofft hatte: Selbst diese längste aller Nächte, die über das Maß hinaus von Schrecknissen, Gewalttaten und Mord angefüllt gewesen war, selbst sie hatte schließlich wie jede Nacht auf Erden ein Ende – auch wenn es sich so angefühlt hatte, als würde ihre Schwärze und Kälte so ewig wie der Tod währen. Schließlich tauchte die Sonne doch noch strahlend am wolkenlosen, östlichen Firma­ment über der fernen, durch die Luftspiegelungen viel näher wirkenden und bereits in der Hitze schwimmenden Hügelkette auf, die die Grenze zu den Ebenen des ewigen Kriegs markierte. Und die Sonne tat, was sie treu und zu­verlässig an jedem neuen Morgen machte, den die Allerbarmende in ihrer Großmut ihren sündigen Geschöpfen noch gewähren wollte. Zögernd erst, aber dann machtgewohnt und gelassen kletterte das Tagesgestirn während seiner Wanderung gemächlich über dem Hori­zont der Toten Wüste empor und hinauf in den Zenit. Sie würde dies bis ans Ende aller Tage tun; bis in nicht mehr allzu ferner Zukunft der schwarze Máni auf seinen Platz am Himmel zurückkehren und mit sei­nem Zorn allem Leben ein brennendes und qualvolles Ende bereiten würde. So lange würde die Sonne weiterhin ihre wabernde Gluthitze auf Karukora und die umliegenden Wüsteneien herabsenden und über Guten und Bösen, Armen und Reichen und Alten und Jungen gleichermaßen scheinen.

Die Sonne vertrieb die Finsternis, aber nicht die Sorgen der Bürger der Wüstenstadt. Es war den Gassen, Häusern, Tempelanlagen und auch dem elfenbeinernen Palast selbst nicht anzumerken, dass an diesem Morgen alles anders war als nur fünfundzwanzig Stunden zuvor. Doch in der Stadt herrschte eine Stille, als hätte sie in der Nacht ihren Platz mit Tudas‘Tel ge­wechselt, der verfluchten Friedhofsstadt im Weichbild von Nearoma; der Heimstätte der Dämonen und Toten, die nur wenige tollkühne Abenteurer und Grabräuber zu betreten wagten und die kaum einer von ihnen wieder lebendig verlassen hatte. Die Sonnen­strahlen erhellten inzwischen auch noch die letzten Winkel der Straßen und Plätze, die großen Märkte, die tausend Brücken über den Syris, die Gärten, Balkone und Hinterhöfe der ziegelroten Gebäude und die üppigen Wohnstätten der Reichen, doch nirgendwo fanden sie eine lebende Seele vor. Selbst die vielen Straßenköter, die vor allem in den handtuchbreiten Gässlein und übereinandergestapelten Hütten des Armen­viertels Hamdala eine Plage waren, hatten sich in den finsteren Löchern und Verschlägen versteckt, die sie mit manchem grindigen Bettler und hustenden Straßenkindern teilten. Auch Karuko­ras wohlhabendere Bürger hatten sich wie diese Hunde in ihre Behau­sungen zurückgezogen, hinein in die stickige Luft ihrer Häuser und Woh­nungen. Die Fensterläden waren fest verschlossen, die Türen verrammelt und verriegelt. Kein Kaufmann und kein Handwerker hat­te am Morgen seinen Laden geöffnet, niemand saß auf den Stühlen vor den Kav–Schenken und die Bazaare waren wie leer­gefegt. Die Priesterinnen der Tränenreichen hielten keine Gottesdienste ab, und die Vorbeter schwiegen. Nirgendwo genoss jemand die Frische und den Tau des frühen Tag in den Parkanlagen. Keiner bettelte auf den öffentlichen Plätzen, es kehrten keine übermüdeten Nachtschwärmer in ihren Sänften von ihren Vergnügungen heim und kein Schüler eilte verspätet zum Unterricht. Kein Wagen rumpelte über die Pflas­ter, kein Stocherkahn befuhr den Syris und kein Dampfer tuckerte den Marat hinab. Die Stadt hielt den Atem an und verbarg sich ängstlich vor der Sonne.

Die gewaltigen Maratschleusen, die flussabwärts hinter der Stadt lagen, waren noch vor Morgengrauen mit den schweren, baumstammdicken Ketten ihrer zwei Zoll­schrankentürme gesichert worden und verhinderten den kompletten Schiffsverkehr auf dem Strom, der sich nördlich bis zu den Anlegestellen bei den Zuckerrohrplantagen von Herfis staute. Auch der Fähr– und Bootsbetrieb im großen Hafen von Karukora war fast vollkommen zum Erliegen gekommen, so dass die beiden Stadtviertel Karus und das am östlichen Marat-ufer liegende Korus wie während einer Pocken–Quarantäne voneinander getrennt waren. Auch das Freihandelszentrum auf der großen Flussinsel Gidabé konnte man von Karus aus praktisch nicht mehr erreichen. Für die Bewohner der Stadt war die gewaltige überdachte „Fünfzig–Vogelseelen“–Wehrbrücke, die ein Teil des nördlichen Schanzmauerrings bildete, nahezu die einzige Möglichkeit, von der einen Seite des Juwels der Wüste auf die andere zu wechseln. Auch wenn sich niemand auf die Straßen traute, waren die Brücke wie auch die fünf großen Karawanentore auf Befehl des Namenlosen versperrt worden und wurden von Treuwächtern und Sbirren streng überwacht. Niemand konnte diese Ausgänge aus der Stadt benutzen, der sich nicht peinlich genau nach seinem Woher und Wohin befragen und sich zudem einer strengen körperlichen Untersuchung unterziehen lassen wollte.

Zudem war die über zwei Meilen lange und 120 Fuß breite „Fünfzig–Vogelseelen“–Brücke über den Fluss – ein architektonisches Wunderwerk aus der späten Adin–Dynastie – von Legionen von Soldaten und einem langen Militärtross verstopft, die gemeinsam und hastig dem Exerzierplatz hinter dem Ambra–Tor zustrebten, der nur zwei Murlansprünge von der dahinter liegenden Alhaşra–Karawanserei entfernt lag. Auf diesem Marsfeld sammelten sich unter dem Oberkommando des Ser’Asker Paşa Ultem seit dem Morgengrauen zwei große Heeresabteilungen und errichteten ein provisorisches Militärlager. Der oberste General des „Unterwerfers“ organsierte dort nicht nur seine fünftausend Kamelreiter und einhundert mit jeweils zehn Kriegern und einem Mahut besetzte Kriegsmachmouts, sondern zog aus den vier Kasernen rund um die Stadt auch fast doppelt so viele Fußsoldaten und einen fünfhundert Mann starken Elitetrupp Treuwächter zusammen. Auf Befehl des Namenlosen bereitete er alles für den Feldzug seines Herrschers vor, der am nächsten Morgen beginnen sollte. Es waren Boten nach den am Südmeer gelegenen Hafenstädten Aptera und Fasyd as Lindmar unterwegs, um von den dortigen Garnisonen weitere Truppen abzurufen, die in Eilmärschen folgen sollten. Wenn alles nach Plan lief, würden diese Grenztruppen in ein zwei Wochen zum Hauptheereszug aufschließen, bevor dieser mit ihnen gemeinsam das Ringgebirge überwinden sollte, das die Tote Wüste von dem Krater trennte, in dem sich die Ebenen des Ewigen Krieges ausbreiteten. Auf dem Exerzierplatz bildete sich in diesen Morgenstunden die größte Armee, die die Menschen der Wüstenregionen der Überlebenden Lande seit der Schlacht der vierzigtausend Seelen vor fast einhundert Jahren erblickt hatten.

Als bei Aufgang der Sonne endlich auch der kleine Trupp um Juel und Selin die Innereien des ElfenbeinPalastes und die große Kaverne über einen Kanalschacht und durch eine geheime Falltür in einer verfallenen Schmiede in der Nähe des Karushafens verließ, erschien es für die Flüchtigen also unmöglich, das verschlossene Karukora zu verlassen und Sirtis und Tonino in der von Militär beinahe umzingelten Karawanserei zu erreichen, die ja auf der anderen Seite des breiten Stroms lag. Doch Jalah hatte sich am Vorabend gut auf diesen Morgen vorbereitet und konnte sich der Hilfe ihrer „Flinken Finger“ sicher sein.

(Auszug aus „Die Verliese des Elfenbeinernen Palastes“)

Eine Flucht ins Ungewisse

er Tod holte auf. Gegen Mittag verwandelte sich der eisige Regen übergangs­los in ein dich­tes Schneetreiben. Erbarmungslos trieb der Sturm nun dicke, feuchte Flocken fast waagerecht vor sich her. Er schleuderte sie mit aller Gewalt den drei Fliehenden entgegen. Sie konnten keine zehn Fuß weit sehen auf ihrer schmalen und rutschigen Felsenstufe mitten im Nichts der fast senkrecht aufragenden Nord­flanke des menschenfeindli­chen Berges Gynashort.

Es grenzte an ein Wunder, dass keiner von ihnen aus­glitt und sie gemeinsam in die wolkenverhangene Tryas-Schlucht stürzten, von deren bodenlosem Ab­grund sie oft nur eine Un­achtsamkeit und ein Stolpern trennte.

Die schweigsame Sakket ging vorsichtig voran. Sie tastete sich mit der rechten Hand am glitschigen, nas­sen Felsen entlang, während sie die andere schützend vor ihr Gesicht hielt. Durch ein Seil mit ihr verbunden folgte drei Schritte dahinter Erson. Den Abschluss bil­dete Idris Henk Baldaar. Ihn hatte noch im Verbotenen Tal ein auf gut Glück abge­schossener Pfeil eines ihrer hartnäckigen Verfolger knapp unter dem rechten Schulterblatt getroffen und schwer ver­wundet. Erson hatte den Schaft zwar auf der Stelle direkt oberhalb der Wunde abgebrochen und diese dann notdürftig ver­bunden, aber es war nicht die Zeit geblieben, die mit Wi­derhaken versetzte Pfeilspitze mit dem Messer her­auszuschneiden. Er hatte auch nicht die chirurgischen Kenntnisse, solch eine Operation sauber durchzufüh­ren. Deshalb drang die Pfeilspitze mit jeder Bewegung tiefer in Idris‘ Fleisch und dieser gutmütige Bär von einem Mann litt gewaltige Schmerzen. Er trug sie wortlos und mit stoischer Miene.

Allerdings wurde der Schritt von Idris mit jeder Stun­de un­sicherer. Seine Begleiter und er tasteten sich des­halb immer langsamer auf der manchmal nur einen Fuß schmalen, zu­dem bröckligen Felsenstufe zwischen Himmel und Hölle weiter, von der die Gejagten hofften, dass sie ein Weg hinauf aufs Gipfelplateau und nicht nur eine weitere Sackgasse war. Sie kamen langsamer voran, als ihnen lieb war. Schließlich konnte jederzeit wieder einer ihrer Verfolger in ihrem Rücken auftau­chen; einer der blutrünstigen Barbaren des Nordens, die sich selbst so trefflich Tudasgarda, der „Tod aus dem Himmel“, nannten. Weil das Freundestrio sich heimlich in die Tabuzone ihres heiligen Berges Gynas­hort gewagt hatte und sie dabei von einem Späher er­tappt wor­den waren, jagte ein Trupp der besten Männer der Tudas­garda hinter ihnen her. Diese Elite­krieger hießen bei ihrem Volk, das ein primitives Wen­disch sprach, Kling’Arta, also „Himmelskrieger“. Sie verfolgten die drei Eindringlinge be­reits seit vier Tagen erbarmungslos durch die Wälder und über die Felsen. Und sie kamen immer näher! Manchmal meinte Erson, er könne bereits ihren keuchenden Atem in seinem Nacken spüren. Er drehte immer häufiger seinen Kopf nach hinten, versuchte, mit seinen Blicken den dichten Nebel zu durchdringen, der sich nur wenige Schritte hinter ihm und Idris wieder wie ein grauer Vorhang über den Weg schob. Der Ausblick nach vorn war der­selbe: Die Flüchtigen waren gefangen in einer Welt aus waberndem, eisigem Dampf und feuchtem Schneetrei­ben, aus der ihnen in jedem Mo­ment der Tod entgegen­treten konnte. So viele Arten zu ster­ben gab es auf dem Gynashort und nur eine, am Leben zu bleiben.

Es war nicht das erste Mal, dass der verlockende Be­richt von Henne, dem Biberjäger, Sakket, Erson und Idris dazu verlei­tet hatte, sich heimlich und vorsichtig dem himmelhohen Massiv inmitten des unwegsamen Rauen Gebirges zu nä­hern und sich in die verbotenen Jagdgebiete der grimmigen Tudasgarda, die ihr Land rund um den Gynashort eifersüch­tig bewachten, zu schleichen. Glaubte man Hennes Erzäh­lungen, dann barg der mächtige Berg in seinem Inneren die verbor­gene alte Stadt Bridon und ihre unvorstellbaren Schät­ze. Nie war es ihnen jedoch gelungen, einen Aufstieg auf den Gipfel und den Weg zu der alten Königsburg zu finden. Wie­der und wieder hatten sie unverrichteter Dinge und mit lee­ren Beuteln in ihre von Kanälen ge­musterte Heimatstadt Garda heimkehren und sich dem Spott ihrer im warmen Nest der Lahmen Curie zurückgebliebenen Kumpane stellen müssen.

Diese ständigen Grenzverletzungen konnten auf die Dauer nicht gutgehen und dieses Mal waren die drei Schatzjäger von einer Gruppe Himmelskrieger ertappt worden – gerade als die Gefährten endlich von weitem einen vielversprechen­den Pfad den Nordhang hinauf entdeckt hatten; ganz wie es ihnen vom alten Henne versprochen worden war. Seitdem hetzten sie nun schon auf der Flucht diesen Saumpfad empor und hat­ten längst das Ende ihrer Kräfte, aber nicht das Ende des Weges erreicht. Wenn sie nicht bald den Gipfel des Gynashorts und damit einen Ort betraten, den die Tu­dasgarda nach den Worten des Jägers angeblich nicht zu be­treten wagten, da sich dort der von ihren grauen­vollen Dai­mona bewachte Eingang zu der sagenhaften Stadt befand, dann würden über kurz die abgeschnitte­nen Köpfe der drei auf Pfähle gespießt den Tabor der Barbaren zieren und ihre Herzen bei einem ihrer grau­sigen Festmahle als Speise für die tapfersten der Krie­ger dienen.

„Halt!“, rief Erson und stemmte sich gegen den Fels. Er griff das Seil fester, das an seinem Gürtel befestigt war und ihn plötzlich nach hinten zog. Der verwundete Idris war an einer etwas breiteren Stelle erneut ins Stolpern geraten und nur seine Verbindung mit den an­deren hatte verhindert, dass er in die Schlucht stürzte. So kippte er, von Ersons Kraftakt ge­zwungen, auf die andere Seite gegen einen großen Felsblock, rutschte langsam an ihm zu Boden. Er rang dort pfeifend um Atem, der als dichte Wolke über seiner vermummten, in sich zusammengekauerten Gestalt stand. Sakket kam besorgt zu­rück, wollte sich an Erson vorbei quet­schen. Er versperrte ihr den Weg.
„Wir müssen weiter! Wir können nicht schon wieder pausie­ren“, drängte die gertenschlanke Frau. Erson sah sie mit ei­ner seltsamen Miene an und schüttelte den Kopf. Auch wenn er es noch nicht wahrhaben woll­te: Die Flucht war vorbei, hier und jetzt. Idris würde keine fünfzig Fuß mehr weiter gehen können. Wenn er sich überhaupt noch einmal erhob. Sakket erwiderte den Blick ihres Freundes, der ihr wie ein Bruder war. Sie kannte den dicken Erson schon seit den Ta­gen ihrer gemeinsamen Kindheit im düsteren Waisenhaus der Gemeinschaft der Leidenden Gene in Garda und ver­stand ihn auch ohne Worte. Die Zeit für eine verzwei­felte Entscheidung war gekommen und nur Sakket hatte von den Gefährten die Entschlossenheit, sich ihr zu stellen. Sie war eine geborene Anführerin und die treibende Kraft der klei­nen Gruppe. Sie drückte sich an Erson vorbei und beugte sich zu Idris hinab, sprach aufmunternd auf ihn ein.

Aber er reagierte nicht. Erst als Sakket einen Hand­schuh abstreifte und mit ihrer bloßen Hand die Wange des Verletz­ten berührte, bewegte er sich, hustete. Dann schien er sich zu fangen und kam wieder etwas zu sich. Trotzig schob er seine Kapuze vom kahlen Schädel und sah auf. Seine großen braunen Augen, die Sakket im­mer an den Blick eines treuen Hundes erinnerten – so überrascht und sanftmütig blickte ihr großer Freund in die Welt – ruhten sanft und fast mitlei­dig auf dem Mäd­chen, das er wie auch Erson heimlich liebte. Er hatte nie viel von diesen Schatzsuchen gehalten und nur ihr zuliebe an ihnen teilgenommen, weil er Sakket be­schützen und in ihrer Nähe sein wollte.

„Es geht nicht mehr“, stellte Idris nüchtern fest. „Hier ist mein Pfad zu Ende.“

Seine Stimme klang entschlossen. Auch Erson trat nun her­an, schob einen Arm hinter die Schulter von Idris und richte­te ihn ein wenig auf, weil er ihm das Atmen erleichtern woll­te. Dabei hob er den Mantel sei­nes Freundes leicht an und spähte nach dem Verband über dessen Wunde. Er klebte vollgesogen von feuch­tem, frischem Blut, das das starke Herz seines Freun­des großzügig aus der schweren Verlet­zung am Rücken pumpte. Es war ein Wunder, dass Idris es überhaupt bis hierher geschafft hatte. Bei dieser großen Wunde und dem Blutverlust hätte er eigentlich schon seit ei­nem Tag tot sein müssen.

„Komm, mein Freund“, sprach Erson wider besseren Wissens ihm und wohl auch sich selbst Mut zu, „es ist nicht mehr weit, denke ich, vielleicht noch einen Fur­long. Ich werde dich tragen.“ Idris musterte überrascht den kleinen, untersetzten Mann, mit dem er so viele Abenteuer erlebt hatte. Dann lachte er schallend.

„Vergiss es. Du kannst doch nicht einmal einen vollen Bier­krug stemmen!“ Idris‘ Lachen ging in ein gequältes Husten über und sein Gesicht verzerrte sich unter den Schmerzen. „Nein, hört: Ihr müsst mich zurücklassen. Vielleicht kann ich unsere Verfolger ein wenig aufhal­ten und euch etwas mehr Zeit verschaffen. Dann hätte das alles einen Sinn.“

Er tastete nach seiner Pistole, die er in einer Tasche an sei­nem Gürtel trug. Die kleine, schmale Waffe ver­schwand fast in seiner an Bärentatzen erinnernden Hand, die seltsamer­weise sechs Finger hatte. Er richte­te sich unterstützt von seinen Gefährten weiter auf, lehnte nun halb gegen den Fel­sen. Er spuckte Blut aus.

„Idris Henk Baldaar!“, rief Sakket vorwurfsvoll den ganzen Namen ihres Freundes. So sprach sie ihn nur an, wenn sie wütend auf ihn war. „Das machen wir auf keinen Fall! Wir schaffen es alle gemeinsam!“

„Weißt du nicht mehr? Wir drei oder keiner“, wurde sie von Erson unterstützt. Idris schüttelte müde seine Glatze und deutete mit einem ironischen Blick zurück.

„Diese Entscheidung müssen wir nicht mehr treffen“, sagte er. Gleichzeitig war ein triumphierendes Heulen zu hören. Sakket und Erson zuckten zusammen und wirbelten herum. Durch ein mutwilliges Spiel des Sturms rissen für einen kur­zen Moment die dicken Schneewolken auf, zerfaserten über dem schwindeler­regenden Abgrund. Tatsächlich verirrte sich ein verlo­rener Sonnenstrahl hinab auf das schmale Fels­band. Die Sicht hinunter wurde plötzlich besser und man konnte ein langes Stück des Weges zurückblicken, den die drei geflohen waren. Erst jetzt bemerkten sie, wie hoch sie schon waren; ihr Pfad hatte sie schon viele Furlong über den Talgrund hinauf geführt. Und auf diesem engen Weg rann­ten ihnen auch weiterhin ihre Verfolger hinterher! Sie waren noch immer ihrer Beute auf der Spur.

Nur wenige hundert Fuß hinter und zwei Serpentinen unter ihnen kamen fünf, nein, sechs Krieger der Tudas­garda eilig näher. Wie Schweißhunde hetzten sie den Pfad entlang, missachteten dabei die Gefahren des schmalen Felsenab­satzes. Endlich hatten sie ihre Jagd­beute entdeckt und es war ihr vielstimmiger, zufriede­ner Ruf, der zu den dreien her­auf klang. Die Himmels­krieger beschleunigten noch ihr Tempo und kamen in halsbrecherischer Geschwindigkeit her­an, gerieten dann jedoch an der Bergflanke aus dem Blickfeld der wie zu Eis erstarrten Gejagten, weil der Pfad einen Bo­gen in einen kleinen Tobel machte, den ein Wasser­fall an dieser Stelle in den Fels gegraben hatte. Erson wuss­te noch, dass dort viel lockeres Geröll und Splitt über den Weg gerutscht war und die Stelle zusammen mit dem von oben herabstürzenden Wasser nur schwer begehbar machte; vor allem, wenn man wie die Tudas­garda kein festes Schuh­werk, sondern nur zusammen­gebundene Lederstreifen an den Füßen trug. Aber bald würden die furchterregenden Krieger wieder aus dem Einschnitt im Felsen auftauchen und dann gerieten Sakket, Erson und Idris in die Reichweite ihrer tod­bringenden Pfeile und den Bolzen ihrer Armbrüste. Den Gefährten blieben nur noch wenige Augenblicke.
Idris fingerte an dem feuchten Knoten, mit dem das Siche­rungsseil an seinem Gürtel befestigt war, das ihn mit den anderen verband. Seinen klammen Fingern ge­lang es nicht, ihn zu lösen.

„Bei Inets brennendem Schwanz! Vielleicht wollt ihr mir mal helfen?“, fluchte er. „Was wartet ihr noch? Ich bin der einzi­ge, der eine Waffe besitzt, auch wenn sie nur ein Spielzeug ist. Verdammt!“

Erson wurde rot. Dass die drei ihre Jagdflinte verlo­ren hat­ten, war seine Schuld gewesen. Er hatte unge­schickt nach ihr gegriffen. Dabei war sie ihm aus den feuchten Fingern geglitten und unwiederbringlich in eine tiefe Felsspalte ge­rutscht.

„Niemals“, antwortete er trotzig, aber da hatte Sakket schon kurzentschlossen ihr Messer gezogen und schnitt einfach das Führungsseil durch, an dem Idris verzwei­felt zerrte.

„Was …?“ Ohne auf seinen Protest zu achten, packte sie Er­son am Oberarm, zog ihn zurück, weg von seinem Freund. Ihr Griff war kraftvoll und zwingend. Sie nick­te Idris auf­munternd zu, der sich nun hinter dem nied­rigen Felsen eine Deckung suchte und mit seiner Pisto­le in die Nebelschwaden zielte, die sich wieder über den Weg gelegt hatten.

„Nein!“ Erson riss sich trotzig von Sakkets Umklam­merung los und drehte sich erneut zu Idris. Er wollte nicht wahrha­ben, dass die drei ihr Blatt bereits aus­gereizt hatten. Er wür­de seinen Freund hier am Ende der Welt nicht einfach im Stich lassen und den Kling’Arta der Tudasgarda opfern. Das konnte nicht sein, das passte nicht in sein Weltbild. Es musste einfach noch einen Ausweg geben. Bisher war da im­mer einer gewesen: Das eine Schlupfloch, das er zuver­lässig lange vor den beiden anderen entdeckte und durch das sie sich immer wieder aus einer Gefahr hat­ten retten können. Erson hatte es noch jedes Mal ent­deckt. Auch heute würde ihm etwas einfallen …

Ein schwarzer Schatten zischte so knapp an Ersons Kopf vorbei, dass er das dunkle Brummen einer wüten­den Libelle zu vernehmen meinte. Das Geschoss schlug direkt hinter ihm in die mürbe Felswand. Ein paar Holzsplitter von dem Bolzen und kleinere Steinbröck­chen spritzten Erson von der Seite ins Gesicht und ris­sen seine Wange blutig. Abgelenkt hob Erson die Hand zum plötzlichen Schmerz und sah über­rascht zurück. Gleichzeitig ertönte Idris erster Schuss und wurde grollend wie ein ferner Donner von den Felswänden zu­rückgeworfen, laut in den Ohren klirrend. Wie die Friedensglocke von Kalar hörte er sich an. Freilich ver­fehlte Idris auf diese Entfernung sein Ziel um einige Fuß, jenen er­sten und vorwitzigsten der Tudasgarda-Krieger, der jetzt auf dem Pfad nur eine einzige Kehre unter ihnen erneut aus dem Bergschatten aufgetaucht war und mit seiner Armbrust auf die Flüchtigen an­gelegt hatte. Dennoch erreichte der Schuss von Idris, dass sich der trotz der bitteren Kälte halb­nackte Mann eilig hinter den Felsvorsprung zurückzog.

(Auszug aus „Meister Siebenhards Geheimnis“)

Ein Märchen von Sahar

ein Name ist Sahar. Ich ziehe durch das Land, um euch von den ungeheuerlichen Dingen der Vergangen­heit zu be­richten, von großen Heldentaten und düste­ren Schurkereien, von Intrigen, gewaltigen Schlachten und der Verdammnis. Ich werde euch von der Liebe singen, die alles überwindet. Denn die Liebe ist der Bo­gen, der sich von der Vergangen­heit über heute und in die Ewigkeit spannt. Lasst ihn uns mit Maraias Hilfe gemeinsam betreten. Denn die Liebe ist Anfang und Ende. Inmitten der Zwietracht, inmitten von Leid und Hass, inmitten von Lug und Trug, inmitten von Schmerz und Tod. Wenn alles in Mánis Feuern ver­brennen wird, bleibt sie allein bestehen und die Gegen­sätze erfüllen sich. Friede ist. Freiheit ist. Liebe ist. Sie werden ewig sein.

sahar

Sahar, der Märchenerzähler

Lasst euch erzählen!

Als die Erde noch jung und kraftvoll war, herrschte über die Provinz ein gerechter, edler Fürst; der hieß Launin. Der Name seines Weibes war Ralia und mit ihr gemein­sam regierte Launin von seiner Hauptstadt Lundersüt das Sonnenreich, das im Norden bis hinter das Eismeer, im Süden zum Wall und im Osten hin zu den Ebenen des Ewigen Krieges reichte.

Launin und Ralia waren ein weises Herrscherpaar. Ihr Volk liebte die beiden und verehrte sie. In jenem er­sten Erdalter, einer Epoche, deren Anfänge so tief im Nebel der Zeiten ver­borgen sind, dass ihn nicht einmal die frü­hesten Erzählun­gen der Ältesten unter den Al­ten mit dem Lichte ihrer Worte verjagen, in jenen Zei­ten, in denen die Männer noch wie die Frauen Haare auf den Köpfen trugen, sage ich, gab es noch keine Richter, keine Henker und keine Soldaten. Nachbarn liebten Nachbarn und waren glücklich miteinander. Niemals sagte einer ein harsches Wort zum Nächsten, nie gab es Hass oder Streit und keiner be­gehrte des an­deren Weib. Noch säte der Neid keine Zwie­tracht in die Herzen, denn es gab das Böse noch nicht in der Welt. Blinde Toren waren die Menschen in ihrem schlafen­den Glück. Ach, hätte Launins Ära doch ewig und ewig und ewig gewährt. Doch eine Welt muss ster­ben, damit sie in der nächsten wiedergeboren wird.

Und so begab es sich, dass Ralia mit zwei Söhnen nie­derkam. Es waren Zwillinge. Wer sie sah, entdeckte nicht die geringste Ähnlichkeit unter den beiden. Ich bin ehrlich zu euch, meine Freunde: Während der eine von Geburt an die lebendig gewordene Idee der Schön­heit war, so muss ich euch den anderen als das Prinzip der Hässlichkeit zeichnen. Doch der edle Launin und die wunderbare Ra­lia liebten bei­de Söhne mit der glei­chen Glut, sie kannten kein anderes Gefühl als ihre Liebe. Ist es nicht der Fluch aller Eltern, dass sie ihre Kinder lieben? Im ersten Zeital­ter war es zu­mindest noch so und vielleicht gab es des­halb nichts Böses …

Launin nannte den Schönen „Ksaver egil nechmet“, was „Rote Sonne des Morgens“ heißt, denn seinem Sohn wuchsen Haare, rot wie die Glut des Feuers und wie die jungen Strah­len der Frühdämmerung funkelnd. Den Hässlichen nannte er aber „Sadon máni bechhet“, was „Schwarzer Mond der Nacht“ heißt, denn sein Haar war so schwarz wie glitzernde Kohle und licht­scheu wie die dunkelste Nacht.

Sommer kamen und gingen, Winter kamen und gin­gen. Die Welt wanderte durch die Zeiten, aber sie än­derte sich nicht. Ksaver und Sadon wuchsen zu stattli­chen, kräfti­gen Jüng­lingen heran. So verschieden ihr Aussehen war, so verwech­selbar waren sie sich im Geiste. Was der eine dachte, dachte auch der andere, begann der Rote einen Satz, beendete ihn der Schwar­ze. Trat Ksaver auf eine Biene, wurde Sadon in den Zeh gestochen und war Sa­don übersatt, so rülpste Ksa­ver. Ja, die beiden waren unzertrennlich, zwei einige, wah­re Brüder. Launin und Ralia waren stolz auf ihre Söh­ne, die zu Männern voller ritterlicher Tugenden und Edelmut reiften.

So dämmerte der Tag herauf, der bei allen jungen Männern einmal kommen muss: Der Rote und der Schwarze lustwan­delten durch die herrlichen Gärten des Schlosses ihres Va­ters, Gärten, die traumhaft in ih­rem Blütenreichtum und ih­rer Schön­heit waren. Ich muss mich schämen und schweigen in Angesicht dieser verschwenderischen Pracht, die meine einfachen Worte nicht fassen und deuten können. Die Brü­der also schlenderten auf einem schmalen Weg zwi­schen den Beeten, erfreuten sich an der Nähe des ande­ren, denn sie liebten sich wirklich. Da erblickten sie über ein Anemonen-Gesträuch hinweg auf dem nächsten Gar­tenpfad eine wun­dervolle, engelsgleiche Maid und bei­den war es, als sähen sie in die goldenen Augen eines Engels. Die Holde hieß Faiaba, hatte vierzehn Winter erlebt und noch nie war ihre zarte Ge­stalt vom begehr­lichen Blick ei­nes Mannes besudelt worden. Ihr Antlitz war von weizen­blonden Haaren eingerahmt und ein strahlendes Lächeln huschte über ihre Lippen, als sie die Brüder grüßte. Sie erfreute sich am Geruch der Blumen, an ihrem Leben und am Anblick Ksavers, des­sen hohe, edle Er­scheinung sogleich eine sehnsuchts­volle Wunde in ihr reines, junges Herz schlug. Faiaba war die Tochter von Máeriqas, des Kö­nigs von Wend­land, dem Weltendland im Westen. Ihr Va­ter hatte die von ihm wie sein Augapfel gehütete Schöne anlässlich eines Freundschaftsbesuchs an den Hof von Lau­nin ge­bracht und es war das erste Mal, dass die Prin­zessin die heimatliche Burg Bridon an der Küste des Gischt­sees verließ.

Es wird euch nicht wundern, meine Lieben: Die Brü­der ver­liebten sich zugleich in Faiaba, atmeten das Wunder ihres Daseins tief in ihre Seelen. Wie er­schlagen und stumm sa­hen sie der Prinzessin hin­terher, die lächelnd ihren Pfad weiterging. Lange noch hing ein Duft ihrer Haare über den Beeten und die Blumen erblassten.

Da eilten Sadon und Ksaver zu ihrem Vater, der sich im Thronsaal an den Liedern eines blinden Sängers er­freute und forderten jeder das Mädchen für sich. Düs­tere Falten verfinsterten das Gesicht Launins, denn er sah ein, er konn­te die holde Prinzessin nur einem sei­ner Söhne ge­ben. Der andere würde allein und un­glücklich sein. Un­glück, werdet ihr einwerfen wollen, wo kam das plötzlich her? Es gab doch nur glückliche Menschen! Dies war die Stunde, in der das Unglück ge­boren wurde, sage ich euch.

„Söhne“, sprach der weise Fürst, „beide liebt ihr Faia­ba, aber nur einer von euch kann die Prinzessin heim­führen. Darum bitte ich, euer Vater: Lasst sie selbst entscheiden. Das allein ist meinen Prinzen würdig. Ich werde am Abend ein großes Fest König Máeriqas’ zu Eh­ren geben und Faiaba zwischen euch setzen lassen. Ihr findet dabei sicherlich die Gelegen­heit, die Neigun­gen der Maid zu erfahren. Vielleicht ist sie ja einem von euch hold. Auch werde ich mit Máeriqas sprechen, der, glaube ich, seine schöne Tochter nur zum Besuch mitgebracht hat, um sie an einen meiner Söhne zu bin­den. Glückli­ches Wendland. Es heiratet, wo andere streiten.“

So sprach der Fürst und die beiden Brüder stimmten ihm zu. Inzwischen saß Faiaba in ihrer Kemenate und dachte an Ksaver, den sie liebte.

Das Abendmahl begann fröhlich. Wie Launin verspro­chen hatte, saßen der Rote und der Schwarze rechts und links ne­ben der Prinzessin, die sie beide doch so verehr­ten und lieb­ten. Sie hatten sich fein gemacht, trugen ihre schönste Klei­dung aus edlem, mit Gold gewirktem Stoff in der überaus eleganten Mode jener Fernen Zeit. Dies traf auch auf Faiaba zu. So lieblich wie diese Jungfrau, so heiter wie dieses We­sen, das mehr wie die Göttin Titania denn wie ein einfacher Mensch erschien, war kein Weib in dem hohen Königs­saal und auch in der ganzen Provinz suchte sie ihres­gleichen. Die Prinzessin freute sich, dass sie neben Ksaver saß. Schamhaft röteten sich ihre Wangen und ab und an schlug sie ihre Au­gen zu dem Geliebten auf und sandte ihm einen zärtlichen Blick. Sie kümmerte sich überhaupt nicht um den armen Sa­don, der vor Liebe fast verging. Es war, als hätte sie auf dem linken Auge einen blinden Fleck. Oh, der Schwarze litt unter der unverdienten Missachtung, er litt furchtbare Liebesqua­len. Da keimte ein Gefühl in ihm auf, ein na­menloses Ge­fühl, da es vor Sadon noch keiner kannte: Es war der Neid. Er zerriss das Band zwischen den Brüdern. Zum ersten Mal empfand Ksaver etwas ander­es als sein dunkler Zwilling. Der Rote fühlte nur Freu­de in sich und bemerkte die Qual Sadons nicht.

Ein Sänger trat vor die Tische und stimmte die Laute. Sa­don freute sich auf die Lieder und das namenlose Gefühl, das in ihm Grauen und Abscheu vor sich selbst verur­sachte, ver­schwand. Doch dann erklangen die er­sten Harmonien des Liedes vom Blinden Liebenden:

Lenika, Stimme der anderen Welt,
Wesen, so unwirklich wie der Tod.
Liebe ich dich doch so sehr!

Lenika, du bist schön,
ich weiß es, obgleich ich nicht seh’.
Liebe ich dich doch so sehr!

Lenika, der Klang deines Namens
ist allein Erfüllung für mich.
Liebe ich dich doch so sehr!
Lenika, blind bin ich geboren,
Deine Liebe macht mich sehend.
Du bist mein Augenlicht.

Lenika, was brauche ich Augen,
denn ich habe ja dich.
Lenika, ich sterbe für dich.

Die Stimme des Sängers war laut und kraftvoll. Als er endet­e, rief er: „Seid wie der Blinde. Zweifelt nie, das Leben ist wunderbar. Leben, das heißt Lieben!“ Den König grü­ßend hob seinen Krug, leerte ihn bis auf den Grund.

Und die Qual kehrte zurück zu Sadon. ‘Wie kann ich le­ben’, dachte er, ‘wenn meine Liebe nicht erwidert wird? Ich bin nicht blind. Ich liebe nicht um der Liebe willen. Ihr seid die Blinden, ihr habt keine Augen. Ihr dummen Toren, ihr alle, ich allein kann sehen!’ Schnell erhob er sich, ent­schuldigte sich bei seinem Vater und flüchtete aus dem hohen Saal. Sei­ne Mutter sah ihm lange und nachdenklich hinterher.

Der Schwarze ging müde und voller Ekel vor sich selbst zu seinen Räumlichkeiten hoch oben im West­turm der Burg. Unbeherrscht warf er sich auf sein brei­tes Bett, lag lange Zeit einfach nur da und betrachtete leidend das Antlitz der schönen Faiaba, das ihm seine verzweifelnde Seele an die Wand zauberte.

„Warum will sie mich nicht, weshalb liebt sie den Ksa­ver? Was hat er mir denn voraus, was besitzt er, das ich nicht habe?“ Die Fragen bohrten sich wie Messer in sein wundes Herz, doch er fand keine Ant­worten. Leer hallten sie in sei­ner Brust. Da erhob er sich und trat an einen Spiegel aus südlichem Silber, von jenseits des großen Walls, sah hin­ein, um sich zu prüfen. Dort in dem Bild, das ihm entge­gensah: In ihm lag endlich die Antwort, die er bisher vergeblich ge­sucht hatte.

„Sadon. Du bist hässlich.“ Den Schwarzen packte un­beschreibliche Wut. Er nahm sein Schwert und schlug im­mer wieder auf den Spiegel ein, hinein in sein blei­ches, hageres Gesicht mit der scharfen Adlernase, dem dünnen Mund, den fettigen Haaren. So lange schlug er, bis der Spiegel in viele Teile zerbrochen auf dem kalten Steinbo­den vor ihm lag. Plötzlich hatte er keine Kraft mehr in seinen Armen und Tränen rannen seine Wan­gen hinab. Sadon weinte über die­se Welt, über Faiaba und Ksaver, über seine Eltern und sich selbst, ach, er wusste nicht, warum er weinte.

Dann aber, meine Freunde, die ihr mir bis hierher ge­folgt seid und nun auch das schreckliche Ende erfahren müsst, dann hatte er keine Tränen mehr und in der Leere seiner Seele erwachte der Hass. Alle, die er eben noch beweint hat­te, hasste er nun, aber am meisten die Faiaba. Da brannte eine Wut lodernd in ihm empor. Sie hatte ihm das al­les an­getan! Durch ihre Augen hatte er erkennen müs­sen, wie un­würdig, wie abscheulich häss­lich er war.

Er stand eine Nacht da und das Böse erwachte in ihm, weil er anders aussah als die anderen, weil er neidisch war, weil er nicht geliebt wurde und doch selbst so hef­tig lieb­te. Ja, hört es mit Trauer. In dieser Nacht wurde Sadon böse. Der erste Mensch, dessen glückli­che, geschlossene Augen sich der Wirk­lichkeit öffneten, er wurde böse, weil die anderen ihn nicht ansahen. Schließlich fasste er den Schwertgriff fes­ter und machte sich auf die Suche. Seine Wut hatte ihn er­neut erblinden lassen. Glück und Hass rauben das Augen­licht; wie ähnlich sind sie sich doch, meine Freunde, die ihr mir so geduldig lauscht.

Faiaba lag in ihrer Kemenate von Wein und Liebe er­hitzt in ihrem Bett und konnte nicht schlafen. Ksaver! Er war ihr einziger Gedanke, ihr einziges Sehnen. Schließlich er­hob sie sich erhitzt noch vor Morgengrau­en, um das Fenster ihres Zimmers zu öffnen und die kühle Nachtluft zu schmecken. Sie stand in dem hohen Rahmen, sah hinauf zu den sonst so gleichgültigen, fer­nen Sternen, die heute jedoch allein für die Holde schienen und sich ge­genseitig an Glanz überboten. Die sanfte Nacht hüllte ih­ren schönen, nackten Körper in ihre Gnade. Vereinzelte schüchterne Lichtreflexe des nahen Wei­hers spielten auf ihrer Haut, die glatt und makellos in schwarzes Öl ge­taucht schien.

Sie spürte etwas hinter sich. Es war das Grauen. Es kroch kalt an ihren Beinen empor. Namenlose, unge­kannte Angst erfüllte sie mit einem Mal. Sie hob zu ei­nem Schrei an, doch ihre Kehle war wie zugeschnürt. Nur ein jammerndes Wis­pern zitterte durch den Raum. Langsam wandte sie sich ­um. Das Zimmer vor ihr ver­schwamm in wirbelnder Dunkel­heit. Aber sie konnte doch eine Gestalt ausmachen, die sie aufmerksam aus kalten Fischaugen mit einem gierigen Blick bestarrte, abschätzte, besudelte. Ihre Angst und ihr Grauen wuchsen ins Unermessliche! Sie wollte endlich schrei­en, einfach nur schreien, aber es ge­lang ihr nicht. Sie erstickte fast an dem Druck, der sich gegen ihre Kehle presste! Diese furchtba­ren meergrünen Augen, sie lie­ßen nicht von ihr ab. Sie fra­ßen an ihr, verschlangen sie wie ein Sumpf. Faiaba stöhnte, immer lauter wer­dend. Bis sie dann endlich schrie! Ein Schrei, hinter dem all ihre Angst lag, erschütterte die Burg, kroch alle Gänge hinab und die Menschen, die ihn hör­ten, die aus dem unruhigen Schlaf des frühen Morgens hoch­schreckten, erfroren zu Eisskulpturen ihrer selbst.

Ach, muss ich doch zum bitteren Ende kommen und will es nicht.

Die Prinzessin schrie noch, als Sadon sein Schwert schwang, blitzend fuhr es wie erschreckt durch die Luft. Faiaba machte abwehrend einen Schritt zurück, stürzte rückwärts aus dem Fenster, vor dem sie gestan­den war und fiel zwei Stockwerke von der schmalen Brüstung hinunter in die üp­pigen Anemonenbüsche.

Und Sadon? Wie betäubt stand er da, ohne sich um das wach werdende Schloss und die erschreckten Rufe zu kümmern, die ihm immer lauter an die Ohren dran­gen. Er starrte mit­leidlos hinab auf den zerbrochenen, klei­nen Leib tief unter ihm, dessen Sturz er doch ver­ursacht hat­te. Eine junge Rose war gewaltsam aus ih­rem Leben ge­rissen und in den Keh­richt geworfen, im Dreck zertreten. Doch der Schwarze be­reute nicht. Er lachte schallend über den Anblick, der jeden anderen zu Tränen gerührt hätte. Ksaver war der erste, der in die Kemenate der Prinzessin stürzte. Ungläubig weite­ten sich seine Augen. Nach sei­nem Bruder war er der zweite, der gewaltsam aus seinem Traum gerissen wur­de.

„Sadon!“ Er brüllte diesen Namen, konnte nicht fas­sen, was er sah. Sein geliebter Zwilling drehte sich her­um. Mit noch immer erhobenem Schwert drang er auf seinen wehrlosen Bruder ein. Tief trieb er den glühen­den Stahl in den Leib Ksa­vers. Mit einem ungläubigen Seufzer auf den Lippen stürzte der Rote zu Boden. Der Schwarze lächelte dünn.

„Wir sehen uns wieder, Bruder“, sagte er zu dem sich in sei­nem Blute wälzenden halb Ohnmächtigen. Dann such­te er sein Heil in schneller Flucht. Da Sadon ein Freund der Jagd war, fand er sein Pferd gesattelt auf ihn war­tend. Ohne Mantel, nur mit dem bloßen, bluti­gen Schwert in der Rechten ritt das Böse in die Morgendäm­merung und ward lange Zeit verschollen.

Ksaver aber und Faiaba wurden bald gefunden und allein die magische Heilkunst der Königin Ralia konnte die beiden vor dem sicheren Tode bewahren. Doch der Preis, den sie für ihr Leben bezahlten, war furchtbar: Faiaba erwachte nicht mehr aus einem todesähnlichen Schlaf und auch Ksaver wurde nie mehr der, der er ein­mal gewesen. Nur der Hass auf seinen Bruder hielt ihn noch am Leben. Und Ralia und Launin weinten um ihre Söhne, denn in einer Nacht hatten sie beide verlo­ren.

Das Böse jedoch schlug so schnell Wurzeln, als hätte es lan­ge darauf gewartet. Der Hochherr Máeriqas nahm seine schlafende Schöne heim nach Bridon, wo er sie in einen kal­ten, durchsichtigen Sarg legte, der sie jedoch mit allem Le­bensnotwendigem versorgte. In ihm liegt sie noch immer, wartet auf den Tag, an dem sie wieder erweckt wird. Bei nächster Gelegenheit erklärte Máeriqas dem Launin den Krieg. Und mit diesem, in dem die drei großen Reiche zerfie­len, kamen Leid und Tod und Hass und Elend über alle Men­schen. Köni­gin Ralia und der edle Launin starben in der gewaltigen Schlacht um Hossberg. Doch das ist eine andere Ge­schichte. Launins Reich zerfiel blutig! Und Ksaver, der es vielleicht noch hätte zusammenhalten können, ver­zichtete zugunsten der Jagd auf seinen bösen Bruder auf den Thron.

Und daher, meine Freunde, die ihr viel Geduld mit mir be­wiesen und dieser schrecklichen Geschichte euer Ohr schenktet: Daher verfolgt Ksaver, unsterblich durch die geheime Kunst seine Mutter, auch heute noch seinen Zwil­ling Sadon, den das Böse am Leben hält. Ich habe sie beide gesehen, dahinjagend auf ihren dampfenden Pfer­den, die Rote Morgensonne und den Schwarzen Mond. Wehe uns, wenn sie am Ende aller Tage aufeinandertreffen und Ksaver endlich seine Ra­che nimmt. Wehe …“

(Auszug aus „Meister Siebenhards Geheimnis“)