Die Perle vom Roten Turm – Erzählung Teil 1

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wbir schreiben das Jahr 3664 nach Mánis Fall, durch den die alte Welt der Vorgänger und ihre technologisch hochstehende Kultur beinahe völlig zerstört wurden. Nach einer generationenlangen Zeitspanne voller Kriege, Chaos, Seuchen, Tyranneien und grausamer Barbarei ist in den letzten Jahrhunderten langsam wieder die Zivilisation in die Überlebenden Lande zurückgekehrt. Überall wurden neue Reiche gegründet und Straßen und Städte gebaut, in denen Wissenschaft, Kultur und Handel florieren.

Der geschäftige Stadtstaat Karukora befindet sich inmitten unwegsamer Wüsteneinöden westlich der Ebenen des ewigen Krieges, wo sich seit zweitausend Jahren Roboter-Armeen Nacht für Nacht eine erbitterte und doch nie endende Schlacht liefern. Sie kennt keinen Sieger und beginnt immer wieder. Aber Karukora liegt auch im Mündungsdelta des viel befahrenen, gewaltigen Stromes Marat ins Südmeer und damit am Kreuzungspunkt der wichtigsten Handelsrouten der Überlebenden Lande. Die Stadt, die man auch neidisch das Juwel der Wüste nennt, wurde in den letzten vier Jahrhunderten von den sogenannten Namenlosen Herrschern weise regiert. Von ihrem legendären Falkenthron aus lenkten sie die Geschicke von Karukora und der umliegenden kargen Wüsten- und Oasenlandschaften bis hinauf zum Helmgebirge, den Bruch und den Großen Wall. Die Namenlosen waren alle direkte Nachfahren des Gründers der Stadt, der sich selbst Ba´al Selin da Bingh nannte und einst der Ahnvater der regierenden Bingh-Dynastie gewesen war.

Doch vor einigen Wochen wurde die reiche Stadt in einem Handstreich von Kriegerhorden aus dem Westen unter der Führung von Sefredo Sud erobert, der sich als »Bluthand« selbst zum Herrscher machte und fast alle noch lebenden Bingh und ihre Angehörigen hinrichten ließ. Allein der junge Kronprinz Selin entkam. Dabei stand ihm die junge Meisterdiebin Isene-Mis bi Kabala zur Seite, der er zuerst bei einem ihrer Raubzüge im Palast seines Vaters begegnete und sich in sie verliebte.* Mit ihr gemeinsam ist er nun auf der Flucht, verfolgt von den Häschern des neuen Namenlosen. Abseits aller Karawanenwege und Oasen durchqueren sie die Gluthölle der Toten Wüste nördlich von Karukora, die viele Geheimnisse und Gefahren birgt.

*siehe Karukora, »Der Weg, der in den Tag führt«, Buch Eins.

Scarab

isenehörte einen erstickten Aufschrei tief unter ihr. Sie hatte gerade noch Zeit, ihren Griff um die rostige Metallstange zu verstärken, die halb über ihr aus dem Mauerwerk ragte. Dann lastete auch schon das volle Gewicht des Prinzen auf dem Seil, das sie sich um die Hüften geschlungen hatte. Der jungen Frau blieb kurz die Luft weg. Wütend sah sie hinab. Mehrere Mannshöhen unter ihr mühte sich der wie ein Sandsack am anderen Ende des Seils hängende Selin ab. Er zappelte panisch mit den Beinen in der Luft und versuchte Halt zu finden. Nach zwei vergeblichen Anläufen gelang es ihm endlich, mit seinen Füßen eine schmale, rund um den Turm laufende Brüstung zu erreichen, die ihn trug. Der Druck auf Isene ließ nach. Sie schüttelte den Kopf.

»Jad-al-voi baàl!«, fluchte die Diebin und atmete erleichtert aus. »Geht es?«

Selin winkte zuversichtlich. Er wäre dabei fast wieder aus dem Gleichgewicht geraten, fing sich aber im letzten Moment. »Alles bestens«, rief er. »Von mir aus können wir weiter.«

Isene fand, dass ihr Prinz sich ziemlich tollpatschig anstellte. Niemals hätte ihm erlauben dürfen, mit ihr gemeinsam emporzusteigen. Warum hatte sie sich nur von ihm überreden lassen? Ein Sturz aus dieser Höhe – sie schätzte sie auf etwa 175 Fuß –, hätte für beide den sicheren Tod bedeutet. Die Mauern des Turmes waren aus bröckligem Sandstein und stellten für eine geübte und schwindelfreie Kletterin, wie sie es selbst war, keine weitere Schwierigkeit dar. Das Bauwerk verjüngte sich zu seiner Spitze hin. Die geriffelte Musterung und die in regelmäßigen Abständen angebrachten Stangen boten Halt. Wäre Isene allein gewesen, wäre sie vor Sonnenaufgang oben gewesen, doch mit dem ungeschickten Prinzen im Schlepptau lagen erst zwei Drittel der Kletterei hinter und noch achtzig oder neunzig Fuß über ihnen. Der weitere Weg würde zudem schwieriger werden. Dort oben hatte der Wüstenwind im Verlauf der Jahrhunderte, denen der Turm ihm schon trotzte, die meisten Zierrate abgeschliffen und die rötlichen Steinwürfel glatt gemacht.

Hinter den niedrigen grauen Dünen am östlichen Horizont verfärbte sich der wolkige Himmel bereits zitronengelb. Nicht mehr lange und die Sonne würde aufgehen und ihre zornige Hitze über der Toten Wüste auskippen. Sie stiegen zwar an der noch beinahe vollständig im Schatten liegenden Westseite empor, aber bereits jetzt wurde es von Minute zu Minute wärmer. Der Frost der Nacht war längst gebrochen. Ein Abstieg kam jedoch nicht mehr infrage. Es war längst zu spät, um umzukehren. Isene schwang sich empor und balancierte auf der Stange, um die sie das Sicherungsseil schlang. Sie holte sie aus ihrem Schultergurt einen ihrer spitzen, scharfen Wurfdolche. Mit Wucht trieb sie ihn bis zum Heft in die mörtellose Fuge zwischen zwei Steinen. Dann wartete sie, bis der Prinz zu ihr aufschloss.

»Stehe uns die Allerbarmerin bei«, murmelte sie und ließ ihren Blick über die menschenleere Einöde schweifen. »Was suchen wir hier oben?«

Die Tote Wüste trug ihren Namen zurecht: Hier gab es in allen Himmelsrichtungen über Hunderte von Meilen kein Leben, nur Ödnis, graue Steine und groben, löchrigen Sand. Außer an den seltenen Wasserlöchern und Oasen existierten nicht einmal Flechten oder Pflanzen. Alle Karawanenwege umgingen weiträumig das Zentrum dieses trostlosen Backofens, in den die beiden aus dem südlichen Karukora vor den Häschern der »Bluthand« geflohen waren. Hier hätte es überhaupt keine Überreste von Ansiedlungen und auch keine Türme geben dürfen.
Aber die Wüste barg mehr Geheimnisse als die unergründlichen Taschen eines Falschspielers. Der im Licht des späten Nachmittags blutigrot leuchtende Turm, der weit über die gesichtslose Geröllebene hinausragte, war schon aus mehreren Meilen Entfernung sichtbar gewesen. Er hatte ihnen gestern als willkommene Landmarke gedient und sie hatten ihre erschöpften Kamele hoffnungsvoll in seine Richtung gelenkt. Vielleicht gab es dort ja eine Wasserquelle oder ein Lager der Bendâh-Nomaden, in dem sich Mensch und Reittier ein wenig erholen konnten. Die Wasservorräte der beiden waren bedenklich geschrumpft und auch der restliche Proviant wurde langsam knapp. Aber sie waren Kinder der unbarmherzigen Wüsten und wussten, wie man ihn ihnen überlebt. Das erste Ziel ihrer Flucht war das Eiserne Tor. Dieser Durchbruch des Marat durch die engen Felsschluchten des Helmgebirges, wo sie an den Grenzbefestigungen vorbeischleichen und das Reich von Karukora verlassen wollten, lag hoch im Norden und war noch Wochen von ihnen entfernt. Sie hatten keine Ahnung, wohin sie sich anschließend wenden würden, aber sie waren beieinander. Dies war Zukunft genug.

Am frühen Abend erreichten Isene und Selin dann den Fuß des Turms. Früher schien er noch viel höher gewesen zu sein, denn mindestens ein Stockwerk lag unter seiner Sandwehe begraben und es fehlten offenbar das Dachgeschoss, das wohl schon vor einhundert Jahren eingestürzt war. Freilich konnte man ihn nicht mit den sechs »Zinnen« vergleichen, jenen himmelhohen Vorgängerbauwerken in der Nähe des Dorfes Begrad, die sich wie die Finger einer Riesenhand in schwindelerregende Höhen streckten. Doch auch dieser rote Turm, der aus viel jüngerer Zeit stammte, war recht imposant. Im Umkreis des Turms war nichts von einer weiteren ehemaligen Bebauung zu entdecken. Entweder war sie vom Wüstensand sie verschluckt oder es hatte nie eine gegeben. Was war dann aber der Zweck dieses einsamen Gebäudes gewesen? Wer hatte es bewohnt? Die beiden konnten keinen Eingang finden. Offenbar lag er verschüttet unter der Erde und war für sie ohne passendes Werkzeug unerreichbar. Aber wenn es schon kein Wasser gab, so doch den Schlagschatten des Turms und der war in dem Glutofen der offenen Wüste fast ebenso wertvoll. Isene und Selin beschlossen, in ihm ihr Lager aufzuschlagen.

[Zum 2. Teil —>]

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