Die Perle vom Roten Turm – Erzählung Teil 1

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Einleitung des
Märchenerzählers Alis

Allerbarmerin,
du tränenreiche Herrin.
Öffne mir die schmale Tür,
die zum Wohlgelingen führt.
Gib mir ein Herz,
das zur Gewissheit finden möge.
Gib mir einen Mund,
der deinen Ruhm verkünde!
Erleuchte meine Seele mit dem Licht
der Wahrheit.

Lehre meine Zunge,
deine Herrlichkeit zu loben.
Schenke mir einen Tropfen
aus der Quelle der Beredsamkeit!

Zieht nicht weiter, erschöpfte Reisende! Das Seil, das euch an die Last eures Tages fesselte, wurde von der kalten, schwarzen Klinge der Nacht zertrennt. Sie will euch Ruhe schenken. So lagert nun bei mir, breitet eure Teppiche beim Feuer aus, setzt euch zu mir. Wärmt die Körper mit seidenen Decken und das Gemüt mit süßen Feigen und heiterem Trunk. Dann lauscht mir, bis die Müdigkeit die Lider senkt. Die Nacht ist die Hüterin der Geschichten und Märchen. Jetzt ist ihre Zeit.

Die Sage, die ich euch heute erzählen werde, hat sich wirklich zugetragen. Sie ist ein Diamant im Buch der Erinnerungen meiner Familie. Sie hat sich vor fünf mal fünf Generationen am Ende der Bingh-Dynastie zugetragen. Dieses Geschlecht war das erste, deren ›Namenlose Herrscher‹ über Karukora regierten, welche die herrlichste Stadt des Weltkreises ist. Lass uns nun auf den Flügeln meiner Worte zurück in das Jahr 3668 nach ›Mánis Fall‹ fliegen.

Nachdem der bleiche Mond auf die Erde gestürzt war, waren die alte Welt der Vorgänger und ihre technologisch hochstehende Kultur beinahe völlig zerstört. Doch noch gab es Hoffnung in den ›Überlebenden Landen‹, in denen die Zivilisation weiter voranschritt. Die ›Drei Reiche‹ von Lundersüt, Bridon und Nearoma hatten die Wissenschaft und die Kenntnisse der Vorgänger geerbt und Neues entdeckt. Es war eine goldene, glückliche Ära, doch sie endete blutig. Nach einem verheerenden Krieg, der mit der gewaltigen ›Dreikönigsschlacht‹ endete, versank die Menschheit – und wie es schien, diesmal endgültig – in einer finsteren Epoche voller kriegerischer Auseinandersetzungen, Kreuzzügen, Chaos, Seuchen, Tyranneien und grausamer Barbarei. Wissen, Weisheit, Menschlichkeit, Liebe – all dies ging für zweitausend Jahre in dem finstersten Zeitalter der Geschichte verloren. Doch nach den ›Schwarzen Jahren‹ ist die Zivilisation langsam wieder in die ›Überlebenden Länder‹ zurückgekehrt. Überall wurden neue Reiche und Staaten gegründet, wurden Straßen, Klöster, Universitäten und Städte gebaut, in denen wieder Wissenschaft, Kultur, Kunst und Handel florieren.

Karukora, das ›Juwel der Wüste‹, befindet sich inmitten unwegsamer Einöden westlich der ›Ebenen des ewigen Krieges‹, wo sich seit zweitausend Jahren drei übrig gebliebene Roboter-Armeen Nacht für Nacht eine erbitterte und doch nie endende Schlacht liefern. Ihr Kampf kennt keinen Sieger und er beginnt immer wieder aufs Neue, wenn das Licht im Meer der Dunkelheit ertrinkt. Aber Karukora liegt auch im Mündungsdelta des viel befahrenen, gewaltigen Stromes Marat, der nach seiner langen Reise quer durch die Überlebenden Länder unweit der Stadt ins Südmeer mündet. Damit befindet sich Karukora am Kreuzungspunkt der wichtigsten Handelsrouten der Welt und lenkt viele neidische Blicke auf sich.

Wie ihr sicherlich wisst, wird die Stadt im Sommer des Jahres 3668 vom dreizehnten und letzten der ›Namenlosen Herrscher‹ der Bingh-Dynastie regiert. Man nennt ihn ›Sechzehn‹, denn so viele Tage saß er vor seinem Sturz auf dem Falkenthron. Seit Karukoras Gründung sind über drei Jahrhunderte vergangen. Die Sultane der Binghi sind allesamt direkte Nachfahren des legendären Erbauers der Stadt, dessen Name in den Annalen der historischen Gilde verloren gegangen oder absichtlich getilgt worden ist. Ach, wäre doch die lange Reihe seiner Thronfolger immer so weise und heiter wie ihr Ahnherr selbst geblieben! Hätte doch ein guter Blick ihr wohlwollendes Wirken an allen Tagen begleitet und der böse Blick in den Nächten keinen Weg zu ihnen gefunden! Wären sie bis zum Ende der Zeiten auf ihrem legendären Falkenthron sitzen geblieben und hätten sie von der Gnade der Tränenreichen beschenkt die Geschicke Karukoras und der umliegenden kargen Wüsten- und Oasenlandschaften bis hinauf zum Helmgebirge, den ›Bruch‹ und den ›Großen Südwall‹ gelenkt. Diese Welt wäre eine bessere gewesen!

Doch vor einigen Wochen ist Karukora gefallen und Blutlachen und Kadaver beflecken die Straßen. In einem Handstreich wurde die Stadt von barbarischen Kriegerhorden aus dem Westen unter der Führung von Sefredo Sud erobert. Er hat sich selbst unter dem Namen ›Bluthand‹ zum neuen Herrscher gemacht und hat seinen Vorgänger ›Sechzehn‹ und fast alle noch lebenden Binghi und ihre Angehörigen hinrichten lassen. Allein der ältere Bruder von ›Sechzehn‹, der Selin da Binghi heißt, und aus Liebe auf den Thron verzichtet hat, ist knapp dem Gemetzel entkommen. Dabei standen ihm die junge Meisterdiebin Isene-Mis bi Kabala und sein Kammerdiener Deris zur Seite. Der junge Mann war wie Isene ein Mitglied der Diebesgilde ›Gild’obschura‹. Prinz Selin ist Isene zuerst bei einem ihrer Raubzüge im Palast seines Vaters ›Seidenschal‹ begegnet und hat sich sterblich in sie verliebt.

Verfolgt von den Häschern von »Bluthand« ist Selin nun gemeinsam mit Isene und Deris auf der Flucht. Abseits aller Karawanenwege und Oasen durchqueren unsere Helden die Gluthölle der ›Toten Wüste‹ nördlich von Karukora. Ihr Ziel sind die menschenleeren Gebiete jenseits des Großen Walls. In diesen herrschaftslosen Regionen, die die Geschichtsschreiber erst in über eintausend Jahren die ›Lamargue‹ nennen werden, glauben sie sich vor dem Zugriff des neuen Namenlosen sicher. Viele Abenteuer und Entbehrungen mussten die drei bereits bestehen. Ungezählte Gefahren haben sie überwunden.

Doch nun lauscht, denn ihr größtes Abenteuer liegt noch vor ihnen:

Perle illu

I.
Eine Klettertour

isenehörte einen erstickten Aufschrei tief unter sich. Sie hatte gerade noch die Zeit, die rostige Metallstange zu packen, die über ihr schräg aus dem Mauerwerk ragte. Schon zog das volle Gewicht des Prinzen an dem festen Seil, das sie sich um die Hüften geschlungen hatte. Der jungen Frau blieb kurz die Luft weg. Sie hatte das Gefühl, sie würde gleich in zwei Hälften gerissen.

»Hoi! Tränenreiche, hilf!«, knirschte sie mit den Zähnen. Die Stange, an der sie mit ihren Armen hing, bog sich etwas weiter durch, aber sie blieb stabil.

Wütend sah Isene hinab. Mehrere Mannslängen unter ihr mühte sich der wie ein Sandsack am anderen Ende des Seils hängende Selin ab. Panisch zappelte er mit seinen Beinen in der Luft und versuchte, Halt am bröckligen Mauerwerk zu finden. Nach zwei vergeblichen Anläufen gelang es ihm endlich, mit seinen Füßen eine schmale, rund um den Turm laufende Brüstung zu erreichen, die ihn trug. Der Druck auf Isene ließ nach. Sie schüttelte den Kopf.

»Jad-al-voi baàl!«, fluchte die Diebin und atmete erleichtert aus. Sie suchte sich ebenfalls einen Halt für ihre Füße.

»Geht es?«, fragte sie dann nach unten. Selin winkte zuversichtlich herauf. Er wäre dabei fast wieder aus dem Gleichgewicht geraten, fing sich aber im letzten Moment.

»Alles bestens«, rief er. »Von mir aus können wir weiter.«

Ihr Prinz stellte sich mal wieder ziemlich tollpatschig an, fand Isene. Sie hätte lieber Deris mit auf die Diebestour nehmen sollen. Der kaum dem Knabenalter entwachsene ehemalige Palastdiener hatte Erfahrung mit solchen Situationen und war ein beinahe ebenso guter Fassadenkletterer wie Isene selbst. Aber Deris war wie ausgemacht unten bei den Kamelen verblieben. Er hatte die mit den Vorräten beladenen Reittiere hinter eine etwa zwei Meilen entfernte Düne geführt. Dort verbarg er sich außer Sichtweite des Turms, falls überraschend Verfolger auftauchten. Damit rechnete zwar keiner von ihnen, aber die junge Diebin hielt sich an die Worte ihres Meisters Nefset bei der ›Gild‘ obschura‹:

›Lieber einmal zu oft vorsichtig sein, als einmal zu selten!‹

Niemals hätte sie Selin erlauben dürfen, mit ihr gemeinsam an der Außenseite des Turms emporzuklettern. Warum hatte sie sich nur von ihm überreden lassen? Ein Sturz aus dieser Höhe – sie schätzte sie auf sicherlich 175 Fuß –, hätte für beide den sicheren Tod bedeutet!

[Zum 2. Teil —>]

CoverPerle4

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