Die Perle vom Roten Turm – Erzählung Teil 2

[Zum 1. Teil —>]

turm

initialdie Mauern des Turmes waren aus wenig vertrauenserweckendem und vom Wüstenwind verwittertem Sandstein. Sie stellten für eine geübte und schwindelfreie Kletterin, wie sie es selbst war, keine weitere Schwierigkeit dar, denn das Bauwerk verjüngte sich zu seiner Spitze hin und die geriffelte Musterung und die in regelmäßigen Abständen aus dem Mauerwerk ragenden Eisenstangen boten sicheren Halt. Wäre Isene allein gewesen, wäre sie auch lange vor Sonnenaufgang oben an der Spitze des uralten Gebäudes gewesen. Doch mit dem ungeschickten Prinzen im Schlepptau lagen erst zwei Drittel der Kletterei unter und noch achtzig oder neunzig Fuß über ihnen. Der weitere Weg würde zudem schwieriger werden. Dort war im Verlauf der Jahrhunderte, denen der Turm schon der Wüste trotzte, die meisten Zierrate abgeschliffen, die rötlichen Mauerwürfel glatt und die Eisenstangen rar.

Isene warf einen Blick über die Schulter, bevor sie weiter stieg. Hinter den niedrigen, grauen Dünen am östlichen Horizont verfärbte sich der wolkige Himmel bereits zitronengelb. Es würde nicht nicht mehr lange dauern: Dann würde die Sonne aufgehen und ihre zornige Hitze über der Toten Wüste auskippen. Ihr Prinz und sie stiegen zwar an der noch beinahe vollständig im Schatten liegenden Westfront empor, aber bereits jetzt wurde es spürbar von Minute zu Minute wärmer. Der Frost der Nacht war gebrochen. Ein Abstieg kam jedoch nicht mehr infrage. Es war längst zu spät, um umzukehren. Isene schwang sich empor und balancierte auf der Metallstange, um die sie vorsichtshalber das Sicherungsseil knotete. Sie holte aus ihrem Schultergurt einen weiteren ihrer handtellergroßen Wurfdolche. Mit Wucht trieb sie die spitze, scharfen Waffe bis zum Heft in eine mörtellose Fuge zwischen dem Mauerwerk. Dann wartete sie, bis der Prinz keuchend zu ihr aufgeschlossen hatte.

»Stehe uns die Allerbarmerin bei«, murmelte sie und ließ ihren Blick weiter über die menschenleere Einöde schweifen. »Was suchen wir eigentlich noch einmal hier oben?«, fragte sie sich selbst.

Die Tote Wüste trug ihren Namen zurecht: Hier gab es in allen Himmelsrichtungen über Hunderte von Meilen kein Leben, nur Ödnis, niedrige Dünen, graue Steine und groben, löchrigen Sand. Außer an den seltenen Wasserlöchern und Oasen existierten nicht einmal Flechten oder Pflanzen. Alle Karawanenwege umgingen weiträumig das Zentrum dieses trostlosen Backofens, in den die drei jungen Leute aus dem südlichen Karukora vor den Häschern der ›Bluthand‹ geflohen waren. Hier hätte es überhaupt keine Überreste von Ansiedlungen und auch keine Türme geben dürfen.

Aber die Wüste barg mehr Geheimnisse als die unergründlichen Taschen eines Falschspielers. Gestern hatten sie den am späten Nachmittag blutigrot leuchtenden Turm entdeckt. Er ragte weit über die gesichtslose Geröllebene hinaus und war schon aus vielen Meilen Entfernung sichtbar. Der Turm hatte ihnen gestern als willkommene Landmarke gedient und sie lenkten ihre drei erschöpften Kamele hoffnungsvoll auf ihn zu. Vielleicht gab es dort ja eine Wasserquelle oder ein Lager der Bendâh-Nomaden, wo sich Mensch und Reittier ein wenig erholen konnten. Ihre Wasservorräte waren inzwischen bedenklich geschrumpft und auch der restliche Proviant wurde langsam knapp. Aber die drei waren Kinder der unbarmherzigen Wüsten rund um Karukora und zumindest Isene und Deris hatten bereits mit der Muttermilch das Wissen aufgesogen, wie man in ihnen überlebt.

Das erste Ziel ihrer Flucht, die sie seit gut einer Woche quer durch die Tote Wüste führte, war das ›Eiserne Tor‹. An dieser Stelle quälte sich der Marat durch die engen Felsenschluchten des Helmgebirges. Gemeinsam wollten sie anschließend versuchen, sich an den uralten Grenzbefestigungen an dem reißenden Flussdurchbruch vorbeischleichen und das Reich von Karukora hinter sich zu lassen. Dieser Ort lag jedoch hoch im Norden und war noch mehrere Reisewochen von ihnen entfernt. Sie hatten keine Ahnung, wohin sie sich wenden würden, wenn sie das Eiserne Tor überwunden hatten. Aber Isene und ihr Prinz waren zusammen und hatten einander. Dies war ihnen Zukunft genug.

Am frühen Abend hatten Isene, Selin und Deris dann den Fuß des roten Turms erreichten. Früher schien er noch viel höher gewesen zu sein, denn mindestens ein Stockwerk lag unter einer Sandwehe begraben und es fehlte das Dachgeschoss. Es war wahrscheinlich schon vor langer Zeit eingestürzt. Freilich konnte man den Turm nicht mit den sechs ›Zinnen‹ vergleichen, jenen himmelhohen Vorgängerbauwerken in der Nähe des Dorfes Begrad, die sich wie die Finger einer Riesenhand in schwindelerregende Höhen streckten. Doch auch dieses schlanke Gebäude, das aus viel jüngerer Zeit stammte, war imposant. Im Umkreis des Turms konnten sie nur wenig von einer weiteren ehemaligen Bebauung zu entdecken. Hier hatte die Wüste ganze Arbeit geleistet. Nur die kümmerlichen Reste einer niedrigen Ziegelwand, in deren Schutz sie ihr Lager aufschlugen, und ein paar halb im Sand versunkene Pfeiler eines alten Aquädukts gab es noch zu entdecken. Was war der Zweck dieser einsamen Aussicht gewesen? Wer hatte sie bewohnt? Isene und der Prinz konnten keinen Eingang finden. Sicherlich lag er verschüttet unter der Erde und war ohne passendes Werkzeug für sie unerreichbar. Aber wenn es schon kein Wasser gab, so doch den Schlagschatten des Turms und der war in dem Glutofen der offenen Wüste fast ebenso wertvoll.

Als sie dann müßig im Schatten unter der Ziegelmauer rasteten und auf den Sonnenuntergang und die damit verbundene Abkühlung warteten, bemerkte Selin, dass seine Diebin immer wieder aufmerksam das fensterlose Mauerwerk begutachtete.

»Woran denkst du?«, fragte er. »Juckt es dich in den Fingern?«

Isene wandte sich ein wenig ertappt zu ihm: »Was meinst du? Wie alt ist das Gebäude und welchen Zweck hatte es? War das ein Faulturm? Du kennst dich doch da besser aus als ich.«

Architektur war in der Tat eine von Selins Fachgebieten. Er wusste wenig über Einbrüche, Diebstahl und Hehlerei, dafür umso mehr von der Geschichte des Reiches. Sie war ein wenig geschätztes Pflichtfach in seinem Prinzenunterricht gewesen. Er hatte zwar meist gedöst oder heimlich mit seiner Lektüre Jagd auf Fliegen gemacht, aber ein paar Dinge waren ihm doch aus den Lehrstunden seines alten Erziehers Benaqir in der Erinnerung verblieben. Besonders diese spannende Geschichte:

»Ein Gefängnisturm? Mitten in der Wüste? Sicher nicht. Ich glaube, dass dieses rote Gebäude einmal ein Teil der Befestigungsanlage war, mit der ›Salzige Meeresgischt‹, der vierte der Binghi, das Reich vor den Ungeheuern schützen wollte, die nach einem Erdbeben aus dem Bruch quollen. Die gewaltige Schlucht beginnt nicht weit entfernt nordwestlich von hier. Von der Turmspitze aus müsste man sie eigentlich sehen können. Ich weiß, dass man damals Meldetürme und befestigte Forts in der Toten und auch in der Gelben Wüste errichtete, um die Karawanen und die Ortschaften zu warnen und zu schützen. Doch die meisten dieser Anlagen waren aus Holz und sind längst geschliffen. Weil dieser Turm aus rotem Sandstein ist, den man nur an den Klippen des Südmeers findet, hat er den Wüstenstürmen getrotzt. Ich vermute, dass er ein Befehlsstand der alten Generalität war.«

»Ganz bestimmt gab es hier mal eine Wasserquelle«, mischte sich Deris ein. »Die Reste des Aquädukts weisen darauf hin. Vielleicht gibt es im Inneren des Turms noch immer einen Brunnen, der Wasser hat.«

Isene erschauderte. »Glaubt ihr, dass es diese Ungeheuer der Tiefe wirklich gegeben hat?«

Deris zog skeptisch einen Mundwinkel in die Höhe. »Das sind Monster aus Märchen, wie sie mir meine Anéh erzählt hat. Was sollen das denn für Tiere gewesen sein? Murlane? Echsen oder Drachen?«, wandte er sich an Selin.

»Eher große Mistkäfer, wenn man den Aufzeichnungen Glauben schenkt. Es gab sie wirklich. Das steht außer Frage. Ihr Auftreten und ihr Aussehen sind in den alten Büchern gut belegt. Es gibt viele Zeichnungen und Beschreibungen aus alter Zeit. Danach sahen sie wirklich ein wenig wie Skarabäen aus – schwarzglänzend und dabei ungefähr so groß wie eine Ziege. Sie hatten wie Krebse starke Zangenarme und waren sehr flink auf ihren acht Beinchen unterwegs. Ein einzelnes Ungeheuer aus der Tiefe war nicht weiter gefährlich und konnte auch von einem Bauern oder gar einem Kind leicht besiegt werden. Denn die Käfer hatte Angst vor dem Tageslicht und vor Feuer. Oft genügte es, das geblendete Tier geschwinde mit einem Speer auf den Rücken zu drehen und ihm in seine weiche Bauchseite zu stechen. Doch häufig tauchten die Insekten in schier unüberschaubaren Massen auf, in Herden wie die Termiten, die nach Tausenden zählten. Sie überfielen die Dörfer und machten gefräßig alles nieder, was ihnen in den Weg kam. Der Krieg gegen die Bruch-Ungeheuer war ein zähes Ringen, das sich über Jahre hinwegzog. Aber schon zur Lebenszeit von Lakmi-âs-Sekr, meiner großen Vorfahrin, – also nur etwa einhundert Jahre später – waren die Käfer so vollkommen vom Erdboden verschwunden, als hätte es sie nie gegeben. Die große Forscherin hat übrigens den Bruch erkundet und in seinen Tiefen nicht einmal mehr Überreste dieser Insekten gefunden.«

[Zum 3. Teil —>]

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