Die Perle vom Roten Turm – Erzählung Teil 3

[Zum 2. Teil —>]

prinzselin

anfGibt es eigentlich einen Ort auf dieser Welt, an dem deine Ahnin nicht war?«, fragte Isene und dachte an Lakmis ›Weg, der in den Tag führt‹, den sie zu ihrem Bedauern im Thronsaal des Namenlosen zurückgelassen hatten und wahrscheinlich beim Brand des Gebäudes zerstört worden war. Dies bildete einen ständigen Streitpunkt zwischen Selin und ihr. Er küsste seine Diebin rasch auf die Wange und wechselte das Thema:

»Über diesen Turm hat sie jedenfalls nie geschrieben. Was meint ihr, was sich im Inneren alles verbirgt? Vielleicht etwas, das wir brauchen können?«, fragte er harmlos, denn es war deutlich, wohin ihre Gedanken Isene führten. Sie schnalzte abschätzend mit der Zunge.

»Wohl kaum. Außer Unrat und den Dreck der Jahrhunderte werden wir bestimmt nicht viel finden. Der Turm ist schon vor langer, langer Zeit aufgegeben worden.« Sie zögerte. »Allerdings hat Deris recht. Das Gebäude könnte über einer Zisterne errichtet worden sein. Es ist eine vage Hoffnung. Denn selbst wenn es einmal einen Brunnen gab, dann ist er wahrscheinlich längst ausgetrocknet.«

»Wollen wir nicht nachsehen?«, fragte Deris listig in die Runde. Selin nickte zustimmend.

»Wir brauchen auf jeden Fall schon bald neue Wasservorräte und ich kenne keine Oase, die wir erreichen können, bevor sie versiegen. Außerdem weiß ich, dass es dich reizt, mein Augenstern, dem Turm aufs Dach zu steigen. Bestimmt entdecken wir einen Schatz.«

»Bei den Tränen der Großen Mutter«, lachte Isene. »Schön wäre es. Ein wenig mehr Gold könnte uns auf unserer Flucht durchaus von Nutzen sein. Allerdings wir sind bestimmt nicht die Ersten, die auf diesen geheimnisvollen Turm stoßen und neugierig werden, was er in sich verbirgt. Wenn in dem Turm etwas Wertvolles liegen blieb, nachdem er geräumt wurde, dann wurde es schon vor langer Zeit geplündert.« Sie zögerte und runzelte die Stirn. »Allerdings ist es nicht schwer, hinaufzusteigen und vom oberen Stockwerk, dessen Dach fehlt, ins Innere zu gelangen. Ich denke, wenn wir kurz nach Mitternacht aufbrechen, sind wir bei Sonnenaufgang an der Spitze.«

Deris klatschte in die Hände. »Endlich wieder ein Abenteuer!«

»Können wir uns das leisten? Die Erkundung des Turms wird doch sicherlich einen Tag oder zwei in Anspruch nehmen. Was ist mit unseren Verfolgern?«, bremste Selin die Begeisterung von Isene und Deris.
»Ich glaube nicht, dass sie uns einholen werden … falls sie uns überhaupt noch auf der Fährte sind und sie nicht längst verloren haben. Die Wüstenwinde und der Chamsin vor drei Tagen haben alle Spuren verwischt. Niemand vermutet uns so weit im Osten. ›Bluthands‹ Schergen werden uns wohl eher auf den belebten Karawanenwegen der Grauen Wüste und an den grünen Uferstreifen des Marat nach uns fahnden.« Isene machte eine vorbereitende Pause und Selin und Deris wussten genau, was nun folgte:

»Auf der anderen Seite sagte mein Meister Nefset: ›Die Vorsicht ist die Weisheit der Diebe.‹«

Meister Nefset – schon wieder! Selin war dem greisen Diebesmeister einmal während seiner Flucht aus Karukora begegnet und er hatte ihn nicht besonders beeindruckt. Hätte er jedoch jedes Mal einen Soles bekommen, wenn Isene ihren alten Lehrer bei der Gilde zitierte, wäre er inzwischen reicher als ›Goldener Finger‹ gewesen, sein wegen seines Vermögens sprichwörtlich gewordener Urgroßvater. Der zittrige Nefset, der ›goldener Finger‹ wahrscheinlich noch gekannt hatte, war eine Legende unter den Dieben des Südens, die sich zur ›Gild’obschura‹ zusammengeschlossen hatten. Hatte er doch einst die gut bewachten Katakomben unter dem erloschenen Vulkan Uccelonido geplündert, wo die Nomaden der ›Macciaverda‹ die Tempelschätze ihrer barbarischen Gottheiten aufbewahrten. Nefset hatte auch ein viel gelesenes Buch über diesen abenteuerlichen Raubzug geschrieben und dazu noch ein zweites, in dem er in Paragrafen mit Erläuterungen die Regeln des Diebstahls erläuterte – eine langweiliger und konventioneller als die andere und alle in der Praxis untauglich. Das fand zumindest Selin. Die Maxime mit der ›Vorsicht‹ war die sechsundzwanzigste im Buch, das unter dem blumigen Titel ›Die 99 geheimen Schlingen des blütenreichen Gift-Efeus‹ bekannt war und auf dem Index der Maraia-Priesterinnen stand. Es wurde trotzdem fleißig gelesen. Isene kannte alle diese Sprüche auswendig und zitierte sie bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit. Wäre Nefset nicht ein so alter Tattergreis, wäre Selin eifersüchtig gewesen.
»Ich denke, wir können eine kleine Besichtigung des Turms wagen«, beendete Isene die Diskussion. »Aber es kann nicht schaden, wenn wir uns gut vorbereiten.«

Scarab

Nach etwa einer halben Stunde weiterer Kletterei zog sich Isene über einen letzten, weit aus dem Mauerwerk herausragenden Holzbalken empor. Er ächzte zwar unter ihrem Gewicht, hielt aber stand. Hier oben war die Mauerkrone aufgebrochen und wie nach einem Angriff beschädigt. Einige Steine fehlten. Isene würde durch eine schmale Lücke in der Wand vor ihr, die wie eine gezackte Narbe aussah, mühelos ins Innere des Turms steigen können. Endlich hatte sie ihr Ziel erreicht und hätte eigentlich zufrieden sein sollen. Aber sie fühlte sich unbehaglich und unsicher. Die Diebin in ihr glaubte, zu spüren, dass sie jemand beobachtete. Das war nur eine ganz unbestimmte Empfindung, die sie nicht näher greifen oder gar beschreiben konnte. Aber sie war vorhanden. Und sie war bislang immer gut gefahren, wenn sie diesem Bauchgefühl gefolgt war. Eine Gefahr näherte sich; auch wenn sie Quelle und Richtung noch nicht einschätzen konnte. Ging diese Bedrohung vom Turm aus oder von der trostlosen Wüstenei, in deren wegloser Mitte er sich erhob? Dieser Kletterausflug jedenfalls war ein Fehler, da war Isene sich inzwischen sicher.

Eine der wichtigsten Regeln, die ihr der Meister Nefset von der Diebesgilde auch mithilfe eines Rohrstocks nachdrücklich eingebläut hatte, war jene, sich immer wieder ihres Fluchtwegs zu versichern. Dieser Grundsatz war ihr in Fleisch und Blut übergegangen. Deshalb sah sie sich abschließend und absichernd um, bevor sie den Turm betrat. Zuerst warf sie einen prüfenden Blick zu ihrem Prinzen hinunter, der nun knapp unter ihr schweißtriefend am Griff eines Messers hing, das sie in eine Fuge des Mauerwerks getrieben hatte. Er nickte ihr zuversichtlich zu. Tief unter Selin war alles, wie es sein sollte: Am Fuß des Turms des Turms war nichts zu entdecken. Deris hatte ihre Spuren vor seinem Aufbruch zu der Düne, hinter der er sich und die Kamele verbarg, sorgfältig verwischt und die Feuerstelle im Sand vergraben. Falls einer ihrer Verfolger zufällig vorbeikam, würde er nichts Verdächtiges bemerken. Aber solange die beiden nicht im Inneren des Turms waren, konnte er sie mit einem Gewehr wie fette Tauben von der Mauer schießen.

Isene blinzelte in die bleiche Sonnenscheibe, die wie das aufgedunsene, fahle Antlitz eines toten Gottes knapp über dem Dunst des Horizonts schwebte und ihre milchigen Strahlen über der Wüste vergoss.

›Die Freundin des Diebes ist die Nacht und der Morgen sein größter Feind‹, hatte Meister Nefset immer betont. Die Erinnerung an den alten Meister, dem sie wahrscheinlich in diesem Leben nicht mehr begegnen würde, tat weh. Er war eine niemals versiegende Fundgrube an Sinnsprüchen und brauchbaren Merksätzen für den Diebesalltag gewesen. Doch es würde bestimmt niemand vorbeikommen, hier in dieser Einöde. Dies war ein Abenteuer, mehr nicht. Zudem würde sie die Annäherung von Verfolgern von ihrem hohen Aussichtspunkt aus sofort entdecken. Gleichgültig, in welche Richtung sie blickte: Nirgendwo regte sich etwas. Ihr Bauchgefühl musste sie diesmal trügen. Oder gab es in dem Turm etwas, das sie fürchten musste? Sie lauschte in sich hinein, doch im Moment schwieg die Stimme, die sie am Abend gerufen hatte.

Isene zuckte mit den Schultern und quetschte sich durch die Lücke im Mauerwerk des halbzerstörten obersten Stockwerks. Obwohl sich der Turm nach oben verjüngt hatte, war seine Krone ein einziger kreisrunder Mauerring von immerhin noch etwa fünfundsechzig Fuß. Er hatte längst kein Dach mehr, wenn er je eines besessen hatte. Da die Wand allerdings sehr hoch war, fand jetzt am frühen Morgen nur ein dämmriger Lichtschein von oben und durch wenige Lücken ins Innere. An der Nordseite klaffte ein leeres, ausgebrochenes Fensterloch, das einen Ausblick auf weitere graue Dünen bot. Dort hinten musste der gewaltige ›Bruch‹ liegen, die schier bodenlose, viele Hundert Meilen lange Schlucht, die sie noch nie gesehen hatte.

Isene öffnete wieder die Blende ihrer Laterne, die sie am Gürtel trug und schwenkte ihr Licht über den unebenen Boden. Verwitterte Bohlen und der Dreck von Jahrhunderten lagen auf den rohen, pockennarbigen Fliesen – und alles war fingerdick von Wüstensand und Staub überzuckert. Hier gab es nichts Wertvolles zu entdecken. Sie sah genauer hin und bemerkte unter einigen Brettern in der Mitte eine rechteckige Öffnung im Boden, wo wahrscheinlich eine Treppe oder eher eine Leiter hinabführte. Bevor Isene die Dachluke näher untersuchen konnte, quetschte sich auch Selin durch den Spalt herein. Er rang nach Atem. Dann stellte er sich neben sie und leuchtete ebenfalls neugierig mit seiner eigenen Laterne herum.

[Zum 4. Teil —>]

CoverPerle4

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