Die Perle vom Roten Turm – Erzählung Teil 4

[Zum 3. Teil —>]

anfHier könnte mal wieder jemand sauber machen«, stellte er fest. In seiner Stimme schwang Enttäuschung. Doch dann blieb sein Lichtkegel zitternd auf einer großen Steinplatte liegen, die neben dem Fenster stand. Isene hatte sie zuerst für einen Rest der Wandverkleidung gehalten.

»Das ist ja interessant«, murmelte Selin und trat näher an seine Entdeckung heran. »Ist das altwendische Schrift?«

Nun sah Isene es auch. In die Platte war eine noch immer gut lesbare Inschrift gemeißelt. Sie beherrschte die alte Sprache des Wendlands nicht und deren schlichte Runen sahen ihr nach der Kritzelei eines Geometers aus, der sich an der Quadratur eines Kreises versucht. Sie hatten nicht einmal eine entfernte Ähnlichkeit mit den elegant geschwungenen Glyphen, mit denen man im Reich schrieb. Für den belesenen und in der Geschichte des Reiches gut unterrichteten Prinzen stellte der Text jedoch keine große Herausforderung dar. Mit den Fingern folgte er den Schriftzeichen, während er sie übersetzte:

runen1»Is bad’ne sa tiQe, we da rabu ti … hm, also … ›Die Zeit ist wie Wüstensand in meiner Faust, je fester ich sie fassen will, umso schneller rinnt sie mir zwischen den Fingern hindurch.‹ Weise Worte. War dies ursprünglich ein Philosophenturm wie der ›Prygos‹ des Mison auf Lindmar?«, wandte sich Selin zu Isene.

»Das glaube ich nicht. Lies weiter.«

»Gut. Jetzt wird es sachlicher. Dies ist eine Art Bauurkunde oder Grundstein des Turms, wenn ich das richtig übersetze: ›Gewährt in seiner endlosen Weisheit durch die gnädige Huld von ›Salzige Meeresgischt‹ und fertiggestellt im 4. Jahr seiner glorreichen Herrschaft, die niemals enden möge. Diese Tafel wurde errichtet im Jahr 3122 nach Mánis Fall. Das ist das heilige Jahr 77 nach der Gründung Karukoras, der von Maraias Tränen gesegneten Stadt. Geschrieben im 2. Jahr der schrecklichen Kriege gegen die … Chêprr und Hâmidi aus der Unterwelt …‹« Der Prinz zögerte. »Chêprr, Hâmidi. Das sind Wörter, die ich nicht kenne. Aber es sind wohl Bezeichnungen für die Ungeheuer, die das Reich überfielen. Wir hatten recht, was den Ursprung des Turms betrifft. Interessant sind hier auch die genauen Jahreszahlen, die genannt werden. Mancher von der Historikergilde würde seinen linken Arm geben, um diese Inschrift lesen zu können«, begeisterte er sich. Doch Isene, der immer unwohler wurde, trieb ihn zur Eile an:

»War das alles?« Sie sah den Prinzen nicht direkt an, sondern spähte aus dem leeren Fensterquadrat in die Wüste hinaus. War da nicht eben etwas gewesen? Ihr war, als hätte sie etwas übersehen.

»Nein, da steht noch mehr. Und jetzt wird es wirklich interessant: ›Gegeben dem edlen Siebling Lames Heisenberg für seine Verdienste als Vezir des Falkenthrons. Möge der treue … As’Teorfan – das ist wieder ein Wort, das mir unbekannt ist, vielleicht ein Generalsrang – hier die Ruhe finden, die ihm sein Schicksal bisher verwehrt hat.‹ Das ist alles.«

»Ist das ein Grabmal?«, fragte Isene nachdenklich. Die Chance, auf einen Schatz zu stoßen, war gestiegen.
»Nein, ich glaube nicht. Weißt du, wer Heisenberg war?«

»Selbstverständlich! Wer denn nicht? Auch wir Armen haben die Schule besucht. Lames Heisenberg war einer der Sieblinge; ein Gefährte des Namenlosen, der mit ihm über den Marat gefahren kam, um Karukora zu gründen …«
»Derer sieben waren am Anfang mit dem Bingh, drei Männer, vier Frauen: Asgëir, Betane, Heisenberg, Lines, Rhoda, Serdan und Zycla. Und Maraia war mitten unter ihnen. So wird es uns in den Tempeln gelehrt. Aber das kann nicht sein. Heisenberg muss zur Regierungszeit von ›Salzige Meeresgischt‹ schon viele hundert Jahre alt gewesen sein. Wahrscheinlich war dieser hier, den die Schrift erwähnt, ein Nachfahre des Gefährten des ersten Namenlosen. Merkwürdig ist nur, dass er im Text explizit als einer der ›Sieben‹ bezeichnet wird. Aber es kann sein, dass es wie der ›Namenlose‹ ein Ehrentitel war, der vom Vater auf den Sohn weitergegeben wurde. Ich habe allerdings nie etwas über einen Vezir mit diesem Namen gelesen. Und As’Teorfan, das heißt übersetzt so viel wie ›Der Gottgleiche‹ oder ›Der Ewige‹. Merkwürdig!«

Isenes Augen weiteten sich. Doch es waren nicht die gelehrten Ausführungen ihres Prinzen, die sie erschreckten. Ihre scharfen Augen hatten draußen in der Wüste eine Bewegung gesehen. Selin stoppte verunsichert seinen Redefluss.

»Was ist?«

Isene deutete auf das Fensterloch: »Wir sind nicht mehr allein!«

Sie hatte eine dünne Staubfahne erspäht, die knapp unter dem Horizont emporstieg. Außer dem Flimmern der Luft über der Wüste war es die einzige Bewegung, die sie erkennen konnte. Es war keine Sarab Morgana, die ihre Augen täuschte. Dort draußen war eine nicht bestimmbare Anzahl an Reitern unterwegs und sie bewegten sich auf den Turm zu. Sie waren noch fern, kamen aber schnell näher. Selin kniff die Augen zusammen und nickte.

»Das musste ja mal geschehen«, stellte er resigniert fest. »Wir waren in den letzten Wochen einfach zu sorglos. Unsere Hoffnungen, die verfluchte ›Bluthand‹ hätte aufgegeben, waren zu früh!«

»Die Verfolgten sind immer zu sorglos, hat mein Meister gesagt. Hast du wirklich geglaubt, dieses Ungeheuer auf dem Falkenthron würde den Letzten der Binghi einfach so ziehen lassen? So lange noch ein einziger aus deiner Familie lebt, ist seine Herrschaft gefährdet.« Sie runzelte die Stirn, dachte nach. »Aber ich bin mir nicht sicher, ob das dort in der Ferne die Häscher der ›Bluthand‹ sind, die er hinter uns hergeschickt hat. Karukora liegt im Südwesten und diese Reiter kommen aus nördlicher Richtung. Vielleicht sind sie harmlose Reisende wie wir. Schade, dass ich das Fernglas Deris gegeben habe, damit er uns im Auge behalten kann. Auf der anderen Seite wird er es jetzt mehr brauchen als wir.«

»Ich kann nicht abschätzen, wie viele Reiter das sind. Aber anhand der Staubwolke, die sie hinter sich herziehen, würde ich fast eine halbe Hundertschaft vermuten. Ist das eine versprengte Militäreinheit, die wie wir vor den Barbaren in die Wüste geflohen ist?«

»Das ist denkbar. Dann könnten wir uns ihnen anschließen. Sie würden uns sicher helfen, wenn sie erfahren, dass der letzte Prinz der Binghi noch lebt. Aber wenn es Karawanenräuber sind? Oder doch Assassinen, die ›Bluthand‹ angeheuert hat? Das Mördergesindel der Druşba es-Sakr, der ›Kalten Hand‹, ist sicher sofort zu ihm übergelaufen. Sie ist immer auf der Seite der Sieger und der prall gefüllten Geldkatzen.«

Selin warf sehnsüchtig einen Blick auf die Luke zu seinen Füßen, deren unter ihr verborgene Schätze er gerne erkundet hätte.

»Sollen wir wieder hinuntersteigen und versuchen, zu fliehen? Oder hast du eine andere Idee?«, fragte er unschlüssig.

Isene seufzte unhörbar. Wieder einmal blieb die Entscheidung an ihr hängen. Der Prinz hatte viele gute Eigenschaften. Er war tapfer, warmherzig und humorvoll, sanft und belesen – und sie liebte ihn von ganzem Herzen. Er war der eine, besondere Mensch, auf den sie ihr Leben lang gewartet hatte; ihr Seelenpartner, von dem sie sich niemals trennen wollte. Aber er war durch sein Aufwachsen im behüteten Serail seines Vaters ›Seidenschal‹ nachgiebig, manchmal naiv und oft vollkommen entschlusslos. Er hätte einen schlechten Namenlosen abgegeben und wäre wie formbares Wachs in den Händen eines gewieften Vezirs oder Generals gewesen, der ihn beriet. Er unterwarf sich bei vielen Gelegenheiten vollkommen Isenes Entscheidungen und ihrem Willen. Das empfand sie meistens als richtig. Im Gegensatz zu ihm war sie es schon seit ihrer frühen Kindheit gewohnt, Entschlüsse zu treffen und schwierige, oft lebensbedrohliche Situationen zu bewältigen. Der Aufstieg auf den Turm war wie ein Sinnbild für ihre Beziehung gewesen. Doch ab und an wünschte sie sich, sich so schwach und verletzlich zeigen zu können, wie sie sich in manchen Stunden fühlte.

[Zum 5. Teil —>]

CoverPerle4

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