Die Perle vom Roten Turm – Erzählung Teil 5

[Zum 4. Teil —>]

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anfNein«, entschied sie, »wir würden zwar mit meinem Seil sehr schnell absteigen können, aber bis wir Deris gefunden haben, der die Reiter bestimmt ebenfalls entdeckt hat und sich gut verborgen hält, sind wir Freiwild. Außerdem sind unsere Kamele erschöpft und langsam. Wir kämen nicht weit auf ihnen. Ich schätze, die Reiter sind im Moment etwa fünfundzwanzig Meilen entfernt. Bei der Geschwindigkeit, die sie vorlegen, haben sie schnelle Kamele. Also müssten sie in einer knappen Stunde hier sein. Vielleicht bemerken sie uns ja nicht, wenn wir uns hier oben verstecken und sie ziehen vorbei. Lass uns frühstücken und uns von der Kletterei erholen. Wir werden einfach abwarten, wer da kommt und was er tut.«

Damit war der Entschluss gefasst. Isene setzte sich unter den Ausguck und lehnte sich gelassen gegen die Mauer. ›Geduld ist die größte Tugend des Diebs‹, kam ihr einmal mehr ein Sprichwort von Nefset in den Sinn. Sie kramte in dem Beutel, den sie an der Hüfte trug und zog eine Handvoll getrocknete und kandierte Datteln heraus, eine Spezialität aus der Mahala-Oase, die in Karukora unter dem Namen Halvá Tavariq verkauft wurde. Sie schien einen schier unerschöpflichen Vorrat dieser klebrigen Süßigkeit in ihren Taschen mit sich zu führen. Selin setzte sich zu ihr in den Dreck und pflückte eine der Früchte aus ihrer Hand. Er wünschte sich, es würde ihm gelingen, so gelassen wie Isene zu sein. Sie schien sich nie große Sorgen um ihre gemeinsame Zukunft zu machen.

›Wahrscheinlich wird man so, wenn jeder Tag ungewiss ist und man immer mit einem Fuß im Gefängnis steht‹, dachte er. Sie hatte ihm nur wenig von ihrer Kindheit und ihrer Jugend, von dem gewalttätigen Vater – dem versoffenen Puppenmacher Hâmet – und ihrem Leben als Adeptin der Diebesgilde erzählt. Aber es musste ein zäher Kampf ums Überleben gewesen sein, der manche Bitternis und den beißenden Sarkasmus erklärte, die sie oft an den Tag legte. Doch der Prinz hatte auch ihre andere Seite kennengelernt, die voller Liebe, Zärtlichkeit und Hoffnung war. Er spuckte den Dattelkern aus und wickelte seinen Turban ab. Er legte das weiße Tuch in ihren Schoß und legte seinen Kopf darauf. So war es einigermaßen bequem. Abwesend streichelte Isene seinen blanken Schädel und sang nachdenklich und leise eine Melodie, die Selin nicht kannte:

»Finsternis, alter Freund. Ich besuch dich, um zu reden …«

Da er nur in der ersten Hälfte der Nacht geschlafen hatte, wurde er schnell müde. Er schloss die Augen. Mit den Gedanken an die Geheimnisse, die der Turm unter ihnen barg, schlief der Prinz tief ein.

Scarab

Er öffnete er seine Augen. Es fiel ihm erstaunlich schwer. Um ihn herum regierte die absolute Dunkelheit. Er lag auf dem Bauch und schwamm in ihr. Sie schien ihm ölig und schwerflüssig zu sein und er hatte das Gefühl, sie würde an ihm ziehen und zerren. Die Dunkelheit lastete wie ein warmer, dicker Teppich auf ihm, presste ihn in einen schlammigen Untergrund. Das Atmen war in dieser Atmosphäre eine Qual und es gelang ihm kaum, seine Arme und Beine zu bewegen. Er überlegte, wie er in diese Lage geraten war, aber seine Vergangenheit war ebenso finster wie die Nacht um ihn herum. Er wusste nicht einmal, wie er hieß und wer er war.

Doch da, vor ihm – in schier unendlicher Entfernung: Da war ein winziger Lichtpunkt. Auch wenn er nur schwach und unsicher funkelte, war er kein Trugbild. Er existierte tatsächlich in diesem vollkommenen Nichts. Dort in der Ferne flüsterte auch eine fast lautlose Stimme. Ein ruhiger, tiefer Klang drang an sein Ohr. Es wurde ein ewig gleicher, ein einziger Satz wiederholt. Ein Befehl? Doch er verstand ihn nicht, denn der Sprecher war ebenso weit entfernt wie das Licht.

Er rang lange mit sich und der Lethargie, die ihn komplett beherrschte. Er war noch nie in seinem Leben so müde gewesen wie in diesem Moment des Erwachens. Dann, nach vielen Jahren der Entschlusslosigkeit, machte er sich doch auf den Weg und er begann, auf das Licht und die Stimme zuzukriechen. Es erschien ihm plötzlich sehr wichtig, den Satz zu verstehen, in die ferne Helle zu treten. Sie lockte ihn wie eine verführerische Dijnnya. Der Widerstand der Flüssigkeit war enorm. Jede Handbreit, die er ihr abrang und ihn im teerigen Schlamm ein paar Millimeter vorwärtsbrachte, kostete ihn unbeschreibliche Qual und Anstrengung. Aber er gab nicht auf. Es ging nur langsam, gut, aber wenn er etwas außer seinem nackten Dasein besaß, dann war es Zeit. Er schien sogar einen ewigen Vorrat an Zeit zu besitzen. Er fühlte die Ewigkeit, die seine Seele durchtränkte, als wäre er selbst Waqt Al’Ab, die ›Mutter der Zeit‹. Sein Herz schlug kräftig und gleichmäßig wie der Maschinentakt des Prozessors. Dieser Pulsschlag und das unverständliche Murmeln waren die einzigen Laute, die er hörte. Und so kroch er unverdrossen weiter.

Nach einhundert Jahren ließ der Druck ein wenig nach, unmerklich zuerst, dann immer schneller. Er wand sich jetzt nicht mehr wie eine Schlange durch die gelierte, festgefrorene Schwärze, sondern krabbelte auf allen vieren. Weitere einhundert Jahre vergingen und er fühlte sich stark genug, sich aufzurichten und erste, tastende Schritte zu wagen. Seine Füße versanken bis zu den Knöcheln im zähen Untergrund. Sie schmatzen bei jedem Heben. Keuchend schlurfte er weiter. Manchmal glaubte er schon beinahe, ein paar der Sprachfetzen aus der Ferne verstehen zu können, auch wenn sie keinen Sinn machten.

Ein weiteres Centennium lag hinter ihm. Aus seinem mühsamen Vorwärtsstolpern war inzwischen ein kräftiger, aufrechter Gang geworden. Er ging weiterhin unverdrossen auf das ursprünglich winzige Licht zu. Es hatte sich allmählich zu einem Rechteck vergrößert, einer geöffneten Tür. Diese wirkte auf ihn, als hätte ein Gott sie mit einem Lichtmesser aus dem Nichts herausgeschnitten. Nun war die Männerstimme, die zu ihm sprach, kräftig und laut. Doch noch immer konnte er sich keinen Reim aus den Worten machen, die an sein Ohr drangen. Ihr Rhythmus glich immer mehr den Verszeilen eines Gedichts. War das überhaupt eine Sprache, die er verstehen konnte, oder nur das Brabbeln eines Geisteskranken, eines Idioten? Doch wenn ihm der richtige Gedanke kam – da war er sicher -, dann würde er alles Gesprochene sofort verstehen – würde die Welt wieder von Neuem für ihn starten.

Zuversichtlich ging er weiter. Auch ein Weg, der achtzehn mal achtzehn Generationen dauerte, musste ihn einmal an sein Ende führen. Wie er die unbegreifliche Zeitspanne überdachte, die sein Leben nun schon währte – es hatte so viel länger gewährt als die paar Jahrhunderte, die er nun schon in der Dunkelheit unterwegs war -, kam ihm eine Erinnerung in den Sinn. Wie ein Blitz fuhr sie durch ihn. Sie leuchtete für den Hauch eines Augenblicks die schwarzen Regale in der von ihm selbst verschlossenen Bibliothek seiner Erinnerungen aus. Er hatte das Archiv seiner selbst seit seinem Erwachen im Nichts nicht mehr betreten.

Die Gestalt eines sehr jungen, schönen und schlanken Mannes erschien vor seinem geistigen Auge. Er trug wüstentaugliche Reisekleider und einen festgebunden weißen Turban auf dem Kopf. Für Augenblicke trat der Jüngling so real neben ihm, dass er erschrocken innehielt. Hatte er einen Begleiter gefunden? Nein, leider nicht! Die Erscheinung begann zu verblassen, löste sich auf wie Zucker in schwarzem Tee. Nach kürzester Zeit blieb nurmehr der Eindruck eines erstaunten Gesichts zurück, das ihn überrascht gemustert hatte. Er war sich plötzlich sicher, dass dies doch keine Erinnerung aus einem der unzähligen Bücher seiner Gedächtnisbibliothek war, sondern ein neuer Sinneseindruck, ein neuer Gedanke – vielleicht sogar ein Blick in die Zukunft hinter der Tür aus Licht.

Und nun fiel ihm auch der Name des Jünglings ein. Er sprang ihm auf die Zunge, über die Lippen. Er schrie ihn hinaus in die Finsternis. Und zum ersten Mal seit über 300 Jahren erklang die Stimme des As’Teorfan:

»Selin!«

[Zum 6. Teil —>]

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