Die Perle vom Roten Turm – Erzählung Teil 6

[Zum 5. Teil —>]

Lakmi1

II.
Fallen, Treppen und Geheimnisse

selin»Selin!«, flüsterte Isene. Doch den schlafenden Prinzen weckte nicht ihre leise Stimme, sondern der Knall einer Büchse aus seiner komaähnlichen Bewusstlosigkeit, in die er gefallen war. Innerhalb von Augenblicken war er jedoch hellwach. Er sprang alarmiert auf die Füße und griff nach seinem kurzen Säbel, um sich und die Geliebte zu verteidigen.

Doch kein Angreifer war in seiner Nähe. Selin sah sich um und entspannte sich. Während seines Schlafs auf den staubigen Fliesen hatte sich wenig verändert. Er war noch immer mit seiner Diebin allein oben im Dachgeschoss des Roten Turms. Seine Ruhepause hatte länger gedauert, als er zuerst dachte. Doch an dem Sonnenstand sah er, dass es bald Mittag war. Das Tagesgestirn stand inzwischen fast senkrecht über dem Turm und brannte durch das zerstörte Dach zu ihnen herab. Die Hitze war mörderisch. Selin bemerkte, dass ihm der Schweiß aus allen Poren quoll und ihn seit dem Erwachen heftige, hämmernde Kopfschmerzen plagten. Isene hockte gebückt im Schatten neben der alten Fensteröffnung und bedeutete ihm mit einer Geste, ihrem Beispiel zu folgen. Er schlich sich heran und wollte hinunterspähen, doch sie packte ihn an seinem Hemd und zog ihn vom Fenster weg. Keine Sekunde zu spät! Ein weiterer Schuss fiel. Vom Balken des Fensterstocks spritzten Reste vom Verputz, als die Kugel in das Holz einschlug. Von der Tiefe waren Gelächter und Jubel zu hören.

»Sind das die Reiter?«, fragte Selin das Offensichtliche. »Haben sie uns entdeckt?«

Isene bewegte ihren Mund an Selins Ohr.

»Bisher noch nicht. Aber das kann sich schnell ändern, wenn du weiter so laut bist. Der Trupp ist etwa vor einer halben Stunde angekommen und hat ein Lager aufgeschlagen, Zelte errichtet. Offenbar wollen sie länger bleiben. Insgesamt sind es um die 40 Frauen und Männer und sie machen keinen vertrauenserweckenden Eindruck. Ich glaube, es sind Wüstenräuber. Ein paar Sintari scheinen auch dabei zu sein. Ihr Anführer ist jedenfalls ein wilder Kerl mit einem Bart, der ihm bis zum Bauch reicht. Ein Hüne wie ein Ejimlaq’Um aus den Märchen. Wenn ich die Gesprächsfetzen, die von unten bis zu uns heraufdringen, richtig verstanden habe, dann nennen sie ihn Abut

»Von einem Abut und seinen Räubern habe ich noch nie etwas gehört. Aber warum schießen sie denn auf uns?«, erwiderte Selin leiser. Gemeinsam traten die beiden zurück in die Mitte des Raums, wo sie vor Querschlägern sicher waren.

»Ich glaube, sie machen nur Schießübungen auf die Turmspitze. Sie warten auf Befehle und ihnen scheint langweilig zu sein«, vermutete Isene.

»Das heißt, wir sind hier gefangen.«

»Ist das zu begreifen?« Die Diebin schüttelte ungläubig den Kopf. »Dieser verfluchte Turm ist seit Jahrhunderten vergessen und dann treffen wir beinahe zeitgleich mit 40 Räubern hier ein, als wäre dies der Platz der ›Allbarmherzigen Eintracht‹ mitten in Karukora. Wenn es ein Ränkespiel der Göttin war, das uns alle zum Turm lockte, dann begreife ich nicht den Sinn dahinter.«

»Die Göttin betreibt keine Kabalen. Das Einzige, was die Allerbarmerin tut, ist es, aus ihren Augenwinkeln heiße Kummertränen über unser Schicksal zu weinen. Sie ist nicht wie die Götzen der Barbaren, für die die Menschen ein Spielzeug sind«, belehrte sie Selin. Er war ein wenig über ihren immer wieder zutage tretenden Unglauben indigniert.

»Brav kaust du die Worte der Priesterinnen wieder, mein frommer Held«, antwortete Isene bissig und hob die Hand, um diese sinnlose Diskussion zu beschließen. »Dann stecken eben eine Dijnnya, ein Ifrit oder Inet höchstpersönlich dahinter, die uns hierher gelockt haben, um uns zu verderben. Wer auch immer …«

Selin nickte nachdenklich. Ihre Worte weckten eine Erinnerung in ihm:

»Ob es der T‘Şeijtan Inet in seiner Eishöhle selbst war, weiß ich nicht. Aber dass wir hierher gelockt wurden, steht für mich fest. Als ich gestern den Turm in der Ferne entdeckte, war mir, als würde mich jemand bei meinem Namen rufen.« Von seinem Traum, aus dem er eben erwacht war und an den er sich nur bruchstückhaft erinnern konnte, wollte er lieber nichts erzählen. Er kannte Isenes Haltung und hörte sie bereits Nefset zitieren:

Ein träumender Dieb heute, ein toter Dieb morgen.

Doch Isene überraschte ihn:

»Das ist seltsam, denn mir ging es ebenso. Ich hörte einen Ruf, der mich lockte. Wenn ich jetzt darüber nachdenke, bin ich mir nicht einmal sicher, ob es mein eigener Einfall war, das Innere des Turms zu untersuchen. Irgendjemand hat uns das eingeflüstert. Wahrscheinlich hat die Stimme auch Abut und seinen Trupp zum Turm geführt. Ich kann nicht behaupten, dass mir das gefällt. Es riecht nach einer Falle. Das macht mir Angst.«

»Ein Wispern in der Dunkelheit, eine Stimme in der Nacht, ein Schrei in der Finsternis …«, kam Selin in den Sinn. Diese Zeilen mussten aus einer alten Schrift stammen, doch er hatte vergessen, in welcher sie ihm begegnet waren. »Das kommt mir bekannt vor. Ich weiß nur nicht, ob ich das gelesen oder gehört habe … Es ist auf jeden Fall schon sehr lange her.«

Er kam nicht dazu, weiter darüber nachzugrübeln, denn eine erneute Gewehrsalve traf den Turm und ein paar Kugeln pfiffen über ihre Köpfe hinweg. Wie auf einen Befehl knieten sich Isene und Selin eilig auf den Boden. Eine barsche, befehlsgewohnte Stimme erreichte ihre Ohren:

»Chadij! Jad-al-woida woi!«, donnerte sie wie das Grollen eines Gewitters vom Erdboden empor. »Es ist genug! Staijh! Meine Sintari zu mir. Ich brauche Freiwillige, die mit mir den Turm besteigen! Ein Seil! Bringt mir ein Seil.«

Der Prinz und die Diebin sahen sich erschrocken in die Augen.

»Ich kann es kaum glauben. Sie kommen hoch«, flüsterte Selin. »Wie lang werden sie brauchen?«

»Sicher nicht so lange wie wir.« Den Prinzen traf ein strafender Blick. »Vielleicht eine Stunde, wenn überhaupt, dann sind sie hier. Sintari sind die besten Kletterer, die es gibt. Ihre Winterquartiere sind die Plattformen auf den schier unüberwindlichen Mauern des Großen Walls.«

»Und was machen wir jetzt?«

»Es gibt nur eine Möglichkeit.« Isene nickte in Richtung der mit Holzbrettern abgedeckten Öffnung im Boden. »Wir müssen in den Turm hinein. Dort können wir uns vielleicht vor ihnen verstecken.«

Scarab

In das ein Stockwerk tiefer liegende Turmgeschoss zu gelangen, war erstaunlich einfach: Von der ursprünglichen hölzernen Dachluke hingen nur noch die eisernen Angeln in ihrer Verankerung im Rahmen. Das Holz der Luke mussten die Zeit oder eine besonders fleißige Sorte Holzkäfer schon vor vielen Jahren in Staub verwandelt haben. Die wenigen morschen Bretter, die über dem gähnenden schwarzen Rechteck im Boden gelegt worden waren, waren offenbar in großer Eile und unordentlich darüber geschoben. Isene und Sahar hatten keine Schwierigkeiten, die Bohlen zu entfernen, die durch die trockene Wüstenhitze leicht wie das Holz des Ochroma-Baums geworden waren. Es gab keine Treppe, die hinab führte – vielleicht hatte es nie eine gegeben. Als Selin jedoch mit seiner Laterne die Luke näher untersuchte, entdeckte er eine Strickleiter. Sie war durch einen Karabiner am Mauerring befestigt.

Der Prinz kratzte sich am Kopf.

»Ist das eine weitere Einladung?«, fragte er sich selbst und belastete versuchsweise die erste Sprosse mit seinem Gewicht. Sie schien ihm fest genug, ihr zu vertrauen. Er warf einen fragenden Blick auf Isene.

»Ich glaube eher, dass wir bei Weitem nicht die Ersten sind, die den Turm erforschen wollen. Diese Strickleiter scheint eine Gruppe vor uns hinterlassen zu haben«, sagte sie und ihre Lippen wurden schmal. Der Prinz kannte diesen Gesichtsausdruck.

»Und das gefällt dir nicht?«

[Zum 7. Teil —>]

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