Die Perle vom Roten Turm – Erzählung Teil 7

[Zum 6. Teil —>]

Isenefalle

»… und das gefällt mir nicht. Überlege doch mal: Wenn die Schatzjäger, die hier vor uns abgestiegen sind, wieder zurückgekommen wären, dann hätten sie bestimmt ihre wertvolle Leiter wieder mitgenommen.«

»Du glaubst also, dass sie noch immer dort unten im Turm sind?«

»Ich glaube, wir sollten sehr, sehr vorsichtig sein.« Isene zögerte. »Manchmal ist das Fehlen einer Gefahr bedrohlicher als ihr Vorhandensein«, ergänzte sie nachdenklich.

Selin war sich sicher, dass auch diese Maxime erneut von Meister Nefset stammte, aber er ließ die Bemerkung unkommentiert. Er beugte sich herab und hob seine Laterne über die Öffnung. In ihrem kurzen Lichtradius konnte er nur die ersten Sprossen der Leiter sehen, der Raum darunter wurde von der Finsternis verschluckt, die im fensterlosen Inneren des Turms herrschte. Für einen Augenblick vermeinte er, ein Geräusch zu vernehmen, ein gleichmäßiges, tiefes Brummen, das er mehr in der Bauchgrube spürte, als hörte. Doch als er sich darauf konzentrierte, konnte er nichts mehr ausmachen. Er richtete sich ein wenig auf, hängte seine Lampe an seinen Gürtel zurück und stellte den zweiten Fuß auf die Leitersprosse.

»Es gibt nur einen Weg, das herauszufinden. Bleibe erst einmal hier, bis ich den Boden erreicht habe. Ich weiß nicht, ob die alte Strickleiter uns beide aushält. Sie scheint hier ja schon eine ganze Weile zu hängen.«

Isene nickte. Selin blickte noch einmal hinauf zur Sonne, die er nun wohl für eine ganze Weile nicht mehr würde sehen können. Dann stieg er langsam Sprosse für Sprosse in die Dunkelheit hinab. Die Seilzüge der Leiter knirschten und ächzten besorgniserregend und er drehte sich mit ihnen langsam um seine eigene Achse. Aber sie hielt.

Mit jeder Sprosse wurde die Luft stickiger und und ein scharfer, pilziger Geruch machte das Atmen schwerer. Während der Prinz in die Tiefe tauchte, gewöhnten sich seine Augen an die Finsternis und er konnte im unsicher flackernden Schein seiner Laterne immer mehr von seiner Umgebung erkennen. Sie machte einen beinahe ebenso desolaten Eindruck wie das Dachgeschoss. Auch dieses Turmgemach war bis auf einen im Augenblick nicht näher identifizierbaren Müllhaufen vollkommen leer geräumt. Am schwarz-weiß gefliesten Boden, der teilweise von einem grauen, schimmligen Teppichrest bedeckt war, war diesmal keine Luke zu finden. Der Raum unter ihm war nicht ganz kreisrund, sondern hatte den Grundriss eines großen D’s. An der flachen Seite entdeckte Selin eine eiserne Tür, die vielleicht in ein Treppenhaus führte, über das man zu den tiefer liegenden Geschossen gelangen konnte. Direkt vor der Tür lag der Haufen Unrat, der wie ein aufgeplatzter Wäschesack voller Lumpentücher aussah. Flüchtig nahm er wahr, dass die Wand rund um die Tür schwarz verbrannt war, als hätte es dort ein Feuer mit starker Rauchentwicklung gegeben.

Dann war Selin endlich unten und stand auf dem Teppich, in den sich große Brandlöcher gefressen hatten. Neben ihm lag sauber aufgerollt der Rest der Strickleiter. Das Gemach lag etwa 18 Fuß unter der Deckenluke, durch die Isene zu ihm hinunter spähte.

»Und?«, flüsterte sie. Ihre Frage drang durch die hallende Akustik des leeren Raums erstaunlich laut an die Ohren von Selin. Er winkte, was Isene vermutlich nicht sehen konnte.

»Die Tränenreiche ist noch bei uns. Alles in Ordnung«, rief er und musste im nächsten Augenblick erschrocken zur Seite springen. Mit lautem Gepolter fiel die Strickleiter knapp neben ihm herab. Die obere Schlaufe war mit einem scharfen Messer durchschnitten. Eisige Angst griff Selin ans Herz und er hielt vor Schreck den Atem an. Fassungslos starrte er nach oben. Wollte ihn seine geliebte Diebin hier aussetzen und verhungern lassen? Steckte sie mit Abut und seinen Räubern unter einer Decke? Konnte er sich so in ihr getäuscht haben!

Doch schon wurden die zwei Enden von Isenes Seil zu ihm herunter gelassen. Bevor er noch erleichtert ausatmen konnte, kam die geschickte Kletterin auch schon an dem Seil herab gerutscht. Mit einem kleinen Sprung landete sie sicher neben ihrem Prinzen.

»Das wird die Sintari-Räuber kaum aufhalten, wenn sie das Dach erreichen. Aber warum sollen wir es ihnen einfach machen?«

Sie zog lässig an einem Ende ihres Seils, das dadurch zu ihr herabfiel. Geschwind rollte sie es auf und hängte es sich wieder an ihren Gürtel. Selin wischte sich den kalten Schweiß von der Stirn und leuchtete erleichtert im Kreis herum. Isene sollte nicht bemerken, dass er kurz an ihr gezweifelt hatte. Er vergaß immer wider, wie haushoch ihre Erfahrung der seinen in solchen ›Diebesangelegenheiten‹ war.

So weit das Selin erkennen konnte, war das Turmgemach tatsächlich bis auf das Bündel alter, angekokelter Lumpen vor der eisernen, mit schweren Beschlägen befestigten Tür unmöbliert und die gekalkten Wände kahl. Hier gab es auch keine Steine mit Inschriften zu entdecken. Wenn das so weiterging, dann war der Turm eine einzige Enttäuschung. Was er merkwürdig fand: Wie ihm vorher schon bei seinem Abstieg aufgefallen war, lag nur wenig Staub auf dem Boden oder wirbelte durch die Lichtkegel der Lampen. Allein direkt unter der Dachluke hatte sich im Lauf der Zeit ein Sandhaufen gebildet. Ob es Isene gelingen würde, das Türschloss zu knacken, oder waren sie bereits jetzt mit 40 Räubern im Nacken in einer Sackgasse gefangen?

Selin wollte näher an die Tür herantreten, da stellte Isene erneut eine Probe ihres Könnens unter Beweis: Sie zischte eine Warnung, packte ihn mal wieder von hinten am Gürtel und zog ihn zurück. Das wurde langsam eine schlechte Angewohnheit von ihr! Wütend drehte er sich zu ihr.

»Was ist denn schon wieder?«, fragte er unfreundlich.

»Erkennst du denn nicht das Brandmuster? Das Feuer hier drin scheint sich direkt von der Tür aus ausgebreitet zu haben und das explosionsartig.«

Der Prinz erbleichte. »Du glaubst, da ist eine Sprengfalle an der Tür angebracht?«

»Ja. Und wahrscheinlich ist sie noch immer aktiv. Wir sollten nichts riskieren. Sonst geht es uns wie dem da.« Sie ließ den scharfgebündelten Lichtstrahl ihrer Blende auf das Wäschebündel fallen. »Ich nehme an, das war mal der Besitzer der Strickleiter oder einer seiner Begleiter.«

»»Du meinst …« Selin wurde schwindlig, denn jetzt erkannte er es auch. Was er für irgendeinen Unrat gehalten hatte, waren die sterblichen Überreste eines Menschen. Isene leuchtete direkt in die verzerrten Gesichtszüge der ausgedörrten Mumie, deren rechte, dem Feuer abgewandte Seite noch erkennen ließ, dass es das menschliche Antlitz eines bartlosen, jungen Mannes gewesen war. Während hier noch eine pergamentfarbene Haut über dem Knochen spannte, grinste auf der linken Seite ein schwarz verbrannter Totenschädel.

»Braqa! Bei Inets Feuerschwanz! Das ist ja grauenvoll. Was für ein grausamer Tod.« Der Prinz schluckte. Dieses Abenteuer entwickelte sich immer weniger nach seinem Geschmack. Anders Isene; die Diebin in ihr lebte auf. Das war ihre Welt. Hier fühlte sie sich zu Hause. Sie lächelte halb und zuckte mit den Schultern.
»Berufsrisiko. Ich erspare dir mal den passenden Spruch von meinem Meister. Du bleibst auf jeden Fall hier stehen, bis ich es dir sage. Ich werde mir das Ganze mal genauer ansehen. Ich nehme an, es handelt sich um eine Trittfalle.«

Isene ging in die Hocke und begutachtete aufmerksam das schwarze Fliesenquadrat, das etwa eineinhalb Fuß Seitenlänge hatte. Sie kam offenbar zu einem befriedigenden Ergebnis. Dann griff sie in ihre Tasche und förderte eine Handvoll von ihrem schier unerschöpflichen Vorrat an kleinen kandierten Datteln zutage. Eine schob sie sich zwischen die Zähne, eine Weitere legte sie in die Mitte der Fliese.

»Die ist ungefährlich.«

Anschließend rutschte sie nach vorne und untersuchte minutiös die nächste Fliese – diesmal war es eine weiße – nach einem verborgenen Kontakt, der die Brandfalle auslösen konnte. Wenn sie in dieser Geschwindigkeit weitermachte, würde es eine halbe Stunde dauern, bis sie sich zur Tür vorgearbeitet hatte.

[Zum 8. Teil —>]

CoverPerle4

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