Die Perle vom Roten Turm – Erzählung Teil 8

[Zum 7. Teil —>]

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Während er wartete, blickte Selin immer wieder sorgenvoll zur Luke hinauf. Weil die Sonne weiterwanderte, lag das Dachgeschoss inzwischen im Schatten. Niemand von Abuts Räubertrupp ließ sich oben blicken und streckte neugierig seinen Kopf durch die Öffnung. Der Prinz hätte gerne ein Gewehr oder zumindest Pfeil und Bogen dabeigehabt, um solch einen Leichtsinn zu bestrafen. Auf diese Entfernung konnte er gar nicht daneben treffen. Aber noch war alles erstaunlich ruhig. Der Aufstieg an der bröckligen Außenmauer des Turms stellte offenbar auch für die Sintari-Bande ein schwieriges Unterfangen dar. Umso besser! Hoffentlich stürzten ein paar der Räuber ab und sie brachen sich den Hals! Alles, was sie aufhielt, war gut. Denn Zeit brauchten Isene und er am allernötigsten. Sie rann ihnen förmlich wie dünner Wüstensand zwischen den Fingern hindurch. Hier standen sie auf dem Präsentierteller; sie mussten unbedingt weiter und tiefer in den Turm eindringen.

Selin bewunderte zwar die Sorgfalt, mit der Isene auf den Boden gekauert zu Werke ging … was auch immer sie da machte. Doch es war eine Qual, ihr dabei zuzusehen, wie langsam sie es tat. Ein Ohr lag auf einer verrußten Fliese, mit einem ausgestreckten Finger kratzte sie behutsam an ihr und stupste sie vorsichtig an, blies sanft den Staub aus den Fugen, den sie mit dem langen Nagel ihres Zeigefingers vorher gelockert hatte. Es dauerte gefühlte Stunden, bis sie dann endlich in der Mitte als Entwarnung eine ihrer Datteln platzierte und das nächste Fliesenquadrat in Angriff nahm. Selin fühlte sich dabei so nutzlos wie selten in seinem Leben und vollkommen fehl am Platz. Isene sah das bestimmt ähnlich und bedauerte wahrscheinlich mal wieder, dass sie sich gestern Abend durch sein Bitten und Betteln hatte erweichen lassen und ihn und nicht Deris auf die Erkundungstour mitgenommen hatte. Der gewandte ehemalige Diener des Prinzen war in den seltsamen Diebesangelegenheiten beinahe ebenso geschickt wie Isene. Deris wäre ihr im Gegenteil eine Hilfe und kein Klotz am Bein gewesen. Ein Klotz, den sie zudem dauernd am Gürtel packen und aus einer tödlichen Gefahr ziehen musste.

Selins umfangreiches Geschichtswissen- und seine profunden Rechtskunde-Kenntnisse, die tausend Lektionen in Kriegstaktik und Schlachtenführung, seine Ausbildung als Schwert- und Pferdkämpfer, seine galanten höfischen Sitten – sie waren hier im roten Turm ebenso nutzlos wie seine Fähigkeit, aus dem Stegreif Liebeslyrik im klassischen Mudara-Versmaß zu schmieden und diese mit seiner herrlichen, klaren Gesangsstimme zum Besten zu geben. Er konnte mit seinem Tenor Eisklötze und die ebenso tiefgefrorenen Herzen der Hofschranzen zum Schmelzen bringen. Alles nutzlos!

Nach einer Weile des gelangweilten Herumstehens ertappte sich Selin dabei, wie er eines seiner Lieder vor sich hin sang und im Rhythmus mit dem Fuß auf den Boden tappte. Es war eine der kleinen Melodien, die er noch in Karukora für Isene auf der klassischen Sitarij komponiert hatte:

»Die Liebe ist das Licht der Welt,
durch sie nur wird mein Leben heller,
die Liebe ist das Zuckerwerk
und das andere nur ein Teller.
Weht der Glückswind unsrer Liebe,
was kümmern uns da all
die finsteren Nächte, die Sturmwolken,
Inets Feuer und Mánis Fall.«

Isene summte leise mit, wie er erfreut bemerkte. Sie war bei Weitem nicht so empfänglich für seine gesungene Liebeslyrik wie die Nebenfrauen und Beschnittenen des Namenlosen. Aber sie war auch selten abgeneigt, sich von ihrem Prinzen bewundern und anhimmeln zu lassen. Seine Geliebte schien zu bemerken, was in ihm vorging. Als sie nur noch zwei Fliesenreihen von der Tür entfernt war, richtete sie ihren Oberkörper auf und warf ihm einen schmunzelnden Blick zu.

»Die Brandrohre in der Wand neben der Tür werden nicht durch verborgene Schalter unter den Fliesen ausgelöst, wie ich zuerst glaubte. Wir können uns frei im Raum bewegen«, stellte sie fachmännisch fest. »Schade um meine Halvá Tavariq! Während ich mir jetzt mal die Tür vornehme, solltest du dir das Brandopfer näher ansehen. Es hat wohl die Gefahr kommen sehen und noch versucht, sich abzuwenden und zu fliehen. Dabei wurde es dann vom Feuerstrahl an der linken Körperseite getroffen. Vielleicht findest du in den verschont gebliebenen Taschen etwas, das uns weiterhilft. Ein Dietrich wäre nicht schlecht. Der Mann müsste eigentlich einen dabeigehabt haben.«

Selin ekelte sich davor, die vertrocknete und halbverkohlte Leiche zu berühren. Aber Isene hatte recht. Es machte Sinn, die Mumie noch etwas Brauchbarem abzuklopfen, während sie versuchte, die Tür zu öffnen, ohne die Falle erneut auszulösen.

›Jeder von uns macht, was er am besten kann‹, dachte er voller Sarkasmus und beugte sich über den Toten, ›mein Augenstern knackt die Schlösser und entschärft die Fallen. Ich fleddere eben die Leichen.‹

Selin trat auf die Fliesen, die mit den Dattelwürfeln markiert waren, und kniete sich dann neben die Überreste. Er sammelte sich. Dann sprach er eilig die erste Strophe des rituellen Totengesangs an die Allerbarmerin.

»Gewähre,
dass ich ein- und ausgehe in deinem Garten,
dass ich mich kühle im Schatten,
dass ich Wasser aus deiner Quelle trinke jeden Tag.
Dass ich lustwandle am Ufer deines Teichs,
dass meine Seele wie ein Schmetterling
zwischen den Blumen tanzt,
dass mein Körper unter deinen Palmen ruht.«

Zu mehr Respekt und den restlichen sechs Strophen fehlte im Moment die Zeit. Er würde später noch einmal beten und hoffte, die Worte genügten, um die Seele des Toten zu beruhigen. Er brauchte nicht auch noch einen rachsüchtigen Geist, der ihn wegen seines Frevels in seinen Albträumen heimsuchte.

Nachdem Selin symbolisch auch noch eine nichtvorhandene Träne zwischen seinem Mittelfinger und dem Daumen zerrieben hatte, hob er mit diesen Fingern vorsichtig den Umhang an, der den Körper der Mumie bedeckte. Die verkohlte Hälfte des Gewebes zerfiel und gab den Blick auf einen ausgemergelten Körper frei. Er trug beinahe unversehrte Kleidung, deren barbarischer Schnitt erkennen ließ, dass es wahrscheinlich kein Nomade oder Wüstenbewohner war, der hier den Tod gefunden hatte, sondern ein Fremder aus den Ländern des Nordens jenseits des Walls. Der Mann hatte eine Ledertasche mit einem Gurt um die Schulter getragen. Auch sie wirkte beinahe unbeschädigt. Wie lange lag der Körper hier schon? Ein paar Jahre? Jahrzehnte? Ein Jahrhundert gar? Das war schwer zu sagen, die trockene Hitze der Toten Wüste erledigte ihre Arbeit flink und konservierte Leichname eifrig zu Mumien. Bei Ausschachtungsarbeiten fand man in Karukora häufig welche im Sand. Manche von ihnen schienen noch aus der Vorgängerzeit und den Reichskriegen zu stammen. So alt war dieser Körper vor ihm nicht, denn schließlich war der Turm ja erst vor ein paar Hundert Jahren erbaut worden.

Selin schluckte sein Unwohlsein hinunter und öffnete zuerst die lederne Tasche. Daraus fischte er tatsächlich einen Bund mit messingfarbenen Schlüsseln und Dietrichen heraus, den er triumphierend Isene zeigte. Sie kauerte direkt an der Tür und sah abgelenkt zu ihm.

»Das ist gut,« nickte sie. »Stecke den Bund ein, wir werden ihn vielleicht noch brauchen können.«

»Woher wusstest du eigentlich, dass ich bei ihm fündig würde?«

»Ganz einfach. Ein Dieb hat immer ein paar Ersatzschlüssel bei sich. Das lernt man schon im ersten Monat der Ausbildung. Doch er hat sie hier nicht gebraucht. Die Tür ist nicht verschlossen und steht sogar eine Handbreite auf.«

»Tatsächlich? Dann können wir ja hindurch …« Selin wollte aufstehen.

»»Nein, nein«, widersprach Isene sofort. »Das ist zu gefährlich! Ich wage es noch nicht, die Tür weiter zu öffnen.«

Sie ging mit dem Kopf noch näher an den Türspalt. Dann setzte sie sich verstohlen ihre kreisrunde Brille auf die kecke Nasenspitze. Sie benutzte die Gläser manchmal zum Lesen und zum Betrachten kleiner Dinge – oder beim Öffnen von Schlössern und Tresoren. Sie schämte sich ein wenig für ihre Weitsichtigkeit und verbarg sie gerne vor Selin. Der fand jedoch, dass sie mit ihren Gläsern, die ihre wunderschönen braunen Augen vergrößerten, hübsch aussah. Isene wich seinem bewundernden Blick aus.

[Zum 9. Teil —>]

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