Die Perle vom Roten Turm – Erzählung Teil 9

[Zum 8. Teil —>]

abut

»Ich erkenne hauchdünne Kupferdrähte, die aus den Rahmen ragen und irgendwelche Kontakte schließen. Sie lösen wahrscheinlich die Feuerfalle aus. Hier ist die Vorgängermagie der El’Ektra im Spiel. Unsere Denker lernen langsam, ihre Funktionsweise zu begreifen, auch wenn die Tamirshij diese Techné noch nicht nachbauen können. El’Ektra sorgt auch dafür, dass Goleme funktionieren, auch wenn wir keine Ahnung haben, was in ihrem Inneren den ›Strom‹ erzeugt und wie er fließt. Du weißt ja: Mein versoffener Vater hat sein Leben lang versucht, hinter die Geheimnisse dieser technischen Wunderwerke zu gelangen. Er hat alles gesammelt, was er an Vorgängermaschinen oder -teilen in die Finger bekam. Verzweifelt sagte immer, er würde seinen rechten Arm hergeben und auch seine Tochter, wenn es ihm gelänge, zu verstehen …«

Selin hob beunruhigt eine Augenbraue. Er kannte das schon von seiner Freundin. Wenn sie aufgeregt war, wurde sie immer gesprächiger. IIsene bemerkte seinen Blick und fuhr nüchterner fort:

»Du hast recht. Ich plappere mal wieder. Wie es auch ist, wir müssen davon ausgehen, dass die Türfalle noch funktionsfähig ist und sich aktiviert, wenn die Drähte getrennt werden. Ich muss zuerst einen Weg finden, wie ich das verhindern kann … oder wie ich die El’Ektra überliste.« Sie schob sich eine ihrer Süßigkeiten in den Mund und kaute nachdenklich auf ihr herum. »Zudem vermute ich …«

»Ja?«

»… dass unser Opfer hier nicht allein war. Du weißt, Diebe arbeiten selten ohne Partner. Bei der ›Gild’obschura‹ sind Alleingänge sogar verboten. ›Einer ist wie keiner, aber zwei sind wie drei‹«,zitierte sie eine Maxime Nefsets, die auf ein merkwürdiges Verhältnis des alten Meisterdiebs zur Mathematik schließen ließ.

»Aber meist sind drei einer zu viel«, ergänzte Selin und machte ein unschuldiges Gesicht. Isene warf ihm einen wütenden Blick zu, überging aber seine kleine Spitze.

»Der Tote stand einige Fuß von der Tür entfernt, als die Explosion ausgelöst wurde«, fuhr sie fort. »Wo ist also sein Partner hin, der die Falle auslöste? Er kam offenbar weiter. Vielleicht konnte er sich hinter die Tür retten – aber er ist nicht zurückgekehrt. Wer weiß, was uns noch alles erwartet. Jeder Schritt könnte hier unser letzter sein. Vielleicht findest du noch etwas in den Taschen des Toten. Etwas, das uns weiterhilft.«

Isene wandte sich wieder konzentriert ihrer gefährlichen Arbeit zu. Fast berührte ihre Nasenspitze mit den Augengläsern die Drahtenden. Ihre Kaumuskeln zermahlten die Süßigkeit zwischen ihren Zähnen. Selin langte erneut in die Umhängetasche des Brandopfers. Er war froh, dass es sie gab, denn allein bei der Vorstellung, unter die alte Kleidung zu langen und womöglich die pergamentene Haut des Toten zu berühren, sträubten sich ihm schon die Nackenhaare. Viel war nicht mehr in der Tasche. Er stieß auf ein paar Krümel, ein paar beschriebene Blätter, dazu eine metallene Büchse, in der sich zwei Dutzend Pistolenkugeln befanden und passend … eine kleine Schusswaffe! Seine anderen Funde schob er achtlos in seine eigene Tasche, aber die Pistole untersuchte er genauer. Was für ein Fund! Sie war kaum größer als seine Hand, aber sehr schwer. Man nannte solche Pistolen ›Terzerole‹. Sie stammten zumeist aus der Zeit der Vorgänger und wurden oft auf den Märkten Karukoras verkauft. Diese doppelläufigen, harmlosen Pistolen wurden auch als ›Haremswächter‹ bezeichnet. Auf größere Entfernungen bewirkten sie höchstens einen blauen Fleck. Aber sie konnten durchaus tödlich sein, wenn sie auf nahe Distanz abgefeuert wurden.

Die Vorgänger mussten wahre Waffennarren gewesen sein und hatten in rauen Mengen Gewehre, Revolver, Messer und anderes Tötungswerkzeug hergestellt. Diese Überbleibsel waren überall im Wüstensand und in der Erde zu finden, auch wenn sie nur selten funktionierten. Mit einem Terzerol wusste Selin umzugehen, aber er glaubte nicht, dass diese dunkel angelaufene Pistole nach all den Jahren noch schießen konnte. Selbst wenn sie geladen war, wie er feststellte, als er die Hähne spannte.

Isene winkte ihn zu sich heran. Er richtete sich auf.

Später machte Selin vor ihr einen Instinkt für seine Reaktion verantwortlich. Aber dem war nicht so. Er hatte die drohende Gefahr nicht bemerkt. Eine Stimme hatte ihn vor ihr gewarnt. Sie kam nicht aus seinem Inneren, das wusste er. Doch er war der Einzige der beiden, der die Warnung hören konnte. Und sie rettete ihm das Leben. Er fuhr wie von einem ›Hornissenpfeil‹ gestochen auf und sprang zur Seite, kippte neben der Mumie auf den Boden, rollte sich ab und kam sofort wieder auf die Beine. Zwei schnell hintereinander abgefeuerte Gewehrkugeln ließen die Fliese zersplittern, auf der er gerade noch neben der Mumie gekauert hatte. Der doppelte Knall schmerzte in seinen Ohren, aber sein kühner Sprung hatte ihn gerade noch so aus dem Gefahrenbereich gebracht. Er sah nach oben zur Luke, wo ein bärtiger Hüne aufgetaucht war und mit dem langen Lauf einer Flinte zu ihm hinab zielte. Selin riss im Reflex das Terzerol in die Höhe und betätigte den Abzug. Er konnte es kaum fassen: Tatsächlich ertönte ein Schuss, viel leiser als der von der Flinte des Räubers. Selbstverständlich gelangte die Kugel, die er abgefeuert hatte, nicht einmal in die Nähe der Luke und schlug in halber Höhe des Raums in der Wand ein. Aber der Mann zog sich eilig aus dem Gefahrenbereich zurück – wahrscheinlich, um sein Gewehr neu zu laden.

Die Räuber hatten sie eingeholt! Sie waren auf dem Dach angekommen und einer hatte sofort durch die Öffnung in der Decke das Feuer auf ihn eröffnet. Zum Glück schienen sie aber nur die eine altertümliche Flinte mit auf den Turm genommen zu haben. Das gab Isene und ihm ein kleines Zeitfenster! Er stolperte zu der Diebin, die sich völlig unbeeindruckt von dem überraschenden Angriff zeigte. Sie hatte gerade die Tür so weit geöffnet, dass man seitwärts hindurch in den nächsten Raum schlüpfen konnte. Dabei hielt sie mit den Händen irgendwelche Drähte herab, die weit aus dem Rahmen und der Tür selbst ragten. Ihre Enden hatte sie vorher in die kandierten Dattelstücke gepresst, auf denen sie vorhin herumgekaut hatte. Die Halvá war ganz offensichtlich ihre Geheimwaffe! Hätte der Schütze anstatt auf Selin auf die Diebin geschossen, wäre sie ein leichtes Ziel gewesen.

»Schnell! Hinter der Tür sind wir in Sicherheit.«

Isene machte sich am Boden klein, damit Selin über sie steigen konnte. Das musste Isene ihm nicht zweimal sagen. Mit zwei Sprüngen war er bei ihr und zwängte sich durch den Türspalt, den Isene offenhielt. Er fiel halb in den nächsten, viel kleineren Raum. Er warf einen kurzen Blick ins Halbrund der Kammer. Sie war erstaunlich kühl. An der Wandseite begann eine Wendeltreppe, die wahrscheinlich um den Turm herum in die Tiefe führte. Isene richtete sich neben ihm auf. Sie zog behutsam ihre Datteln von den Drähten und schloss dabei die Tür. Sie fiel ins Schloss. Ein merkwürdiges knisterndes Geräusch war zu hören, aber nichts weiter geschah. Die beiden atmeten aus. Die Diebin lehnte sich erleichtert gegen das Metall der Tür. Sie kicherte plötzlich.

»Was für ein Spaß!«, rief sie aus. »Oder?«

Bevor Selin antworten konnte, wurde er unterbrochen:

»Halt! – Quf! – Arrêter!«, ertönte plötzlich Abuts unverwechselbarer Bass durch die Tür, dessen Lautstärke von ihr kaum gedämpft wurde.

»Ich will mit euch reden …« Der Riese zögerte und wiederholte seine Worte zuerst auf Bendâh und dann in der melodiösen Sprache, die im fernen Nordosten der Überlebenden Lande gesprochen wurde und auch von Suds Barbaren, die Karukora überfallen hatten:

»Uridân atâhadat`H qiayk! Je … ah … veux te parler«, stammelte Abut unsicher. »Ich fordere Unterhandlungen! MufâW´ daq! Négociations!« Selin lächelte zynisch.

»Sieh an, ein Räuber, der die Ostsprache beherrscht.«

»Wir sollten verschwinden«, flüsterte Isene. »Das ist nur ein Trick, um uns aufzuhalten.«

[Zum 10. Teil —>]

CoverPerle4

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