Die Perle vom Roten Turm – Erzählung Teil 10

[Zum 9. Teil —>]

Aladin2

»Ein Unterhandlungsangebot ist der Allerbarmerin heilig. Das darf ich nicht ignorieren.« Selin war auch in Diplomatie unterwiesen worden, deren Regeln der Namenlose Herrscher ›Faust des Gerichts‹ niedergeschrieben hatte. Er formte seine Hände zu einer Muschel, die er gegen den Mund hielt.

»Qu’est-ce que tu veux?«, brüllte er und hoffte, dass er oben auf dem Dach verstanden wurde. Im Gegensatz zu dem Räuber beherrschte er die Lingua franca der Kaufleute perfekt. Das flüssige Sprechen der wichtigsten Verkehrssprachen der Welt waren bedeutender Teil seines Unterrichts als Thronfolger gewesen. Selin erlaubte sich nicht nur einen kleinen Scherz, sondern verschleierte auf diese Weise vor dem Räuberhauptmann auch ihre Herkunft aus Karukora, wo mit Kars ein Pidgin aus Bendâh und Provinzial gesprochen wurde – jenes Zungenschlags, den der erste Namenlose und seine Begleiter aus ihrer alten Heimat von den Barbarenlanden nördlich des Marat mitgebracht hatten.

»Ihr könnt meinen Männern und mir nicht entkommen«, radebrechte Abut. »Früher oder später holen wir euch ein. Wohl eher früher. Ihr seid nicht ungeschickt. Ihr habt meinen Respekt. Es war sehr schlau von euch, die Feuertür hinter euch zu schließen. Die Diebin hat Talent. Deshalb habe ich einen Vorschlag für euch: Lasst uns zusammen arbeiten, den Turm erkunden und seine Schätze teilen. Une main lave l’autre.«

»Und wenn wir das nicht wollen? Schließlich hast du eben ohne Vorwarnung auf mich geschossen. Das nehme ich dir übel, Abut. Ich traue dir nicht über den Weg!«

»Je ne ferais pas ça non plus. Das würde ich auch nicht tun.« Abut lachte schallend. »Es ist mit dem T‘Şeijtan hergegangen, dass ich dich nicht traf. Die Kugeln sollten eigentlich in deinem Schädel stecken, kleiner Dieb! Nicht im Fußboden. Schade um die Munition.«

»Du bist selbst der T‘Şeijtan! Wer bist du und was willst du hier?«

»Das könnte ich euch ebenso fragen. Du und deine kleine Begleiterin, ihr habt hier nichts verloren. Der Ifrit des Turms hat mich gerufen. Seine Perle hat er mir versprochen. Ich halte sie noch nicht in den Händen, aber sie ist bereits mein Eigentum.«

»Du …«, Selin hätte sich beinahe verraten. Auch Abut hatte die lockende Stimme gehört. Was für eine Teufelei steckte nur dahinter? Perle? Wovon sprach der Räuber? Selin begriff. Der gefährliche Riese befand sich nicht zum ersten Mal an diesem Ort. Das hatte er den unzusammenhängenden Worten entnommen.

»Also gut«, Abut hatte sich entschieden und kehrte in seine Muttersprache zurück. »Einen Versuch war es wert. Denkt dran. Ich habe euch gewarnt. Doch rennt nur in euer Verderben. Weit werdet ihr nicht kommen. Der Ifrit kennt keine Gnade. Ich werde eure Leichen später finden – oder ich beende seine Arbeit. Das ist mir alles gleich.«

Selin wartete auf eine Fortsetzung der kurzen Unterhaltung, doch für seinen Gegner schien sie beendet zu sein. Er flüsterte mit seinen Männern und war nicht mehr zu verstehen. Diese Négociation war so völlig anders als im Serail seines ermordeten Vaters verlaufen, wo man bei Verhandlungen stundenlang über die Sitzordnung und die gereichten Getränke und Speisen stritt, bevor man sich mit tausend Umschreibungen und Schmeicheleien an die Kernpunkte herantastete. Diplomatischer Disput wurde als zivilisatorischer Fortschritt verstanden und es konnte Monate oder gar Jahre dauern, bis man einen Kompromiss fand. Der Räuberhauptmann war jedoch aus anderem Holz geschnitzt und kein Freund von langen Gesprächen. Der Prinz hatte schon bemerkt, dass er kein typischer geschwätziger Bewohner der Wüsten und seine Herkunft fern von Karukora war.

»Usmîn!«, rief Abut und wandte sich nun an einen seiner Gefolgsleute. »Klettere hinab. Sage Bassi, sie soll sich ein paar Männer schnappen und sich unten umsehen. Irgendwo in der Nähe muss das Lager dieser verdammten Abhali sein. Die sind bestimmt nicht allein und zu Fuß in der Toten Wüste unterwegs.«

Selin erschrak. Deris war in höchster Gefahr und er konnte ihn nicht warnen. Er wandte sich an Isene, die die Ostsprache nicht beherrschte und ungeduldig auf eine Erklärung wartete. Eilig brachte er sie auf den neuesten Stand.

»Um Deris müssen wir uns erst einmal keine Sorgen machen, glaube ich. Er hat die Räuber wahrscheinlich schon vor uns bemerkt, seine Spuren verwischt und die Kamele und sich selbst gut verborgen. Sie werden Tage brauchen, um ihn in den endlosen Dünen der Wüste aufzuspüren. Das ist sicher. Seine Ausbildung bei der Gilde war so gut wie meine. ›Ein guter Dieb lässt sich nicht fangen. Er lässt sich nicht einmal finden.‹«

»Mögen Nefsets weise Worte in den Ohren der Allerbarmerin Gnade finden! Wir müssen aber von hier verschwinden. Ich möchte nicht mehr da sein, wenn der erste der Räuber versucht, die Tür zu öffnen.«

Isene nickte zustimmend. Sie trat näher an die Sandsteinstufen der Wendeltreppe heran und leuchtete sie aufmerksam aus. Auf der Treppe konnten bequem zwei Menschen nebeneinander gehen. Ihre niedrigen Stufen wand sich in einem flachen Rechtsbogen an der Außenmauer entlang um das kreisrunde Zentrum des Turms, das hinter einer Ziegelsteinmauer verborgen war. Dort mochten sich Räumlichkeiten oder ein tiefer Schacht verbergen. Aber so weit Isene sehen konnte, gab es keine Luken oder Türen, die ins Innere führten. Sie untersuchte die Stufen genauer. Sie waren nicht ausgetreten oder abgenutzt, wie sie es in einem solch alten Gebäude erwartet hatte. Es schien keine Fallen, Stolperdrähte oder Ähnliches zu geben. Eine längst eingetrocknete Tropfenspur mochte eine verschüttete Flüssigkeit, konnte aber auch Blut sein. Weitere Vorsicht war auf jeden Fall von Nöten. Sie betrachtete die Wände. Keine Fackeln oder Öllichter waren angebracht. Die beiden waren also weiterhin auf ihre eigenen Laternen angewiesen, deren Brennvorrat langsam zur Neige ging. Isene erstickte die Flamme ihres Lichts.

»Wir müssen sparen. Deine Lampe genügt für den Abstieg. Ich gehe voran und du leuchtest die Stufen direkt vor meinen Füßen aus.«

Selins Lichtschein fiel auf die Wand neben Isene.

»Hast du gesehen?«, fragte er und deutete auf ein Symbol, das jemand in Augenhöhe aufgemalt hatte. Das mit wenigen gelben Pinselstrichen aufgetragene Warnsignal war zwar teilweise von den Ziegeln abgesplittert, aber noch immer gut erkennbar. Seine Form bestand aus drei Trichtern, die aus einem Kreis hervorstanden. Das sah ein wenig wie eine stilisierte Sonne mit drei Strahlenfächern aus. Selin erinnerte es ein wenig an die Ohrringe, die die Brautwanderer trugen, wenn sie nach heiratswilligen Mädchen Ausschau hielten.

»Was bedeutet das?«, fragte Isene, der dieses Symbol noch nie begegnet war. Es wies allerdings eine gewisse Ähnlichkeit mit einem ihr bekannten Gildenzeichen auf. Durch diese flüchtigen Kreidemarkierungen an den Wänden Karukoras kommunizierten die Diebe untereinander, warnten einander und tauschten Nachrichten aus. Das ähnliche Gildenzeichen bedeutete ›Achtung! Gift!‹.

»Wir sind in Gefahr, oder?«, hakte sie nach, als Selin betroffen schwieg.

»Ja. Ich kenne dieses Symbol. Wir sollten uns besser rasch von Abut töten lassen, als diese Treppe hinunterzusteigen. Dies ist das ›Mal des Todes‹.«

Scarab

Mit der Abenddämmerung hob sich achtern der Wind. Er blies vom inzwischen schon fernen Helmgebirge hinunter in die staubigen Ebenen. Das Großsegel blähte sich auf. Das dreieckige Vorsegel, unter dem der Flüchtling vorne am Bug stand, knatterte aufgeregt. Der Rumpf des Schiffs stampfte in den Wellen des Marat auf und ab. Sie trugen plötzlich Kronen aus Gischt. Nachdem der Segler den ganzen Nachmittag sanft dahingeglitten war, nahm er nun flotte Fahrt auf.

»Der Fock killt! An die Schoten!«, brüllte die Ruderwache und ein paar Seeleute kamen auf nackten Füßen aus der Luke zum Achterdeck an Bord gestolpert und begannen ihre merkwürdigen Verrichtungen, die er auch nach zwei Monaten auf dem breiten Strom nicht begriff. Aber jeder an Bord schien seinen Platz zu kennen und zu wissen, was er tat. Ausgenommen die acht Passagiere, die dauern irgendwo im Weg standen. Er ging nach Steuerbord an die Reling und sah in Richtung des Sonnenuntergangs. Durch den aufgewirbelten Wüstenstaub leuchtete er in beeindruckenden Rot- und Orangetönen. Es sah aus, als hätte die Höchste ihr bleiches Totenkleid in Blut getaucht. Aber er hatte kein Interesse für das Naturschauspiel. Er nahm es kaum wahr.

[Zum 11. Teil —>]

CoverPerle4

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