Mánis Fall – Der Prolog zu Brautschau 1

Ein langweiliger Abend

elbst das größte aller Abenteuer hält für seine Helden viele fade Momente, Stunden und Tage bereit. Wären die Barden, Liedersänger, Märchenerzähler und Chronisten ihrer Erlebnisse ehrlich mit ihren Zuhörern oder Lesern, so müssten sie es kleinlaut eingestehen: Die Zeiten, von denen während einer Aventüre nichts Erregendes oder Spannendes, Interessantes oder Wissenswertes berichtet werden kann und die deshalb von ihnen mit wenigen Worten vernachlässigt und oft übersprungen werden, diese Zeiten sind Legion.

Lasst uns trotzdem solch einen langweiligen Moment betrachten, den uns die Dichter so gerne vorenthalten und ihn auslassen, um schnell zum ›spannenden Teil‹ zu kommen. Gerade diese Augenblicke der Ruhe zeigen das wahre Gesicht unserer Helden und wir erfahren Dinge über sie, die sie uns näherbringen. Der Feuerschein einer stillen, bewegungslosen Nacht, um den sich sechs Menschen an einem einsamen Ort versammelt haben, fördert manches zutage, manchmal sogar ein ganzes Leben.

Die Abenddämmerung über den weiten, schier endlosen Bittermarschen der Jenseitigen Lande senkte sich eilig auf eine kleine Gruppe von Abenteuern herab. Diese stapfte schon den ganzen Tag schwerfällig durch den aufgeweichten Schlamm gen Osten und war am Ende ihrer Kräfte angelangt. Ihr Ziel war der Wald von Ygdras, wo sie bei den Albyhn von Usgârt Schutz und Verbündete finden wollten. Noch waren die fünf Abenteurer viele Meilen und etliche Tagesmärsche von dem vermeintlich sicheren Ort entfernt, dessen gewaltige Baumriesen sich bereits am Horizont wie ein schwarzer, unüberwindbarer Festungswall emporstreckten. Auch der große Baum Ygdras selbst stieg bereits in der Mitte des Waldes wie ein einsamer Berg weit in den Himmel weit hinauf. Seine zu jeder Jahreszeit belaubte Spitze verschmolz mit dem Grau der niedrig hängenden Wolken. Aus ihnen regnete es schon seit fast einer Woche ohne Pause auf Ebene und die Wandernden herab. Die kalte Nässe weichte nicht nur den Boden, sondern auch die Kräfte und den Willen der Flüchtenden auf, von denen keiner mehr ein trockenes Kleidungsstück am Leib trug. Sie stemmten sich, vom Gewicht ihrer vollgesogenen Felleisen niedergedrückt, gegen den Wind, der die Regenwut wie einen Vorhang in ihre Gesichter peitschte.

Der Kaufmann und Meisterdieb Juel, der den Trupp zusammen mit der ortskundigen, jungen Labelle anführte, blieb am Rand eines schwarzen Teichs stehen und nahm den schweren Rucksack von den Schultern. Er drückte seinen verspannten Rücken durch, bis er knackte und wischte sich erschöpft den Regen von Gesicht und Glatze. Anschließend hob er die Hand und wartete, bis die inzwischen weit auseinandergezogene Gruppe langsam zu ihm aufschloss. Währenddessen sah er sich zweifelnd um. Die vollkommene Stille seiner Umgebung, die nur von den Geräuschen der fünf Personen hinter ihm und dem Plätschern der Regentropfen unterbrochen wurde, gefiel ihm nicht. Er wusste, dass niemand diesen Landstrich bewohnte. Aber es waren nicht die Menschen, die er fürchtete. Doch so sehr er auch in die nahende Finsternis lauschte und in seine Umgebung spähte: Er spürte keine Gefahr.

Der dicke und geschwätzige ältere Mann hatte längst viel von seinem eigentlich unverwüstlichen und berüchtigten Humor verloren. Wie auch seine Zuversicht war er ihm irgendwann an diesem Tag im Matsch auf dem Weg hinter ihnen abhandengekommen. Auf der Suche nach dem dritten Stab war Juel zusammen mit seinem Freund Adelf von Süderbal schon einmal in dem Schwemmland jenseits des ›Großen Waldes‹ gewesen, aber das war nun bald zehn Jahre her und er war unsicher. Er hoffte, im Wald würde es leichter werden, doch hier draußen in der durchtränkten Ebene ohne markante Landmarken hatte sich in der Zwischenzeit vieles verändert. Die Karte, die er damals in seinem Kopf angefertigt hatte, stimmte nicht mehr. Durch die ununterbrochenen Regengüsse waren die meisten der Wege, die er früher gekannt hatte, ungangbar geworden. Die Sintflut vom Himmel hatte kleine Bäche in reißende, unpassierbare Flüsse und die Wiesen in tückische Sümpfe verwandelt, deren Erdreich unsicher war und grundlose Schlammlöcher und Treibsand verbarg. So hatten sie auch an diesem Tag immer wieder größere Umwege in Kauf nehmen müssen. Mittags war die Gruppe wegen einer Halbinsel, die sich als Sackgasse entpuppte, sogar zur Umkehr gezwungen und hatte dabei viel Zeit verloren. Obwohl sie heute ohne größere Pausen seit nun geschlagene neun Stunden unterwegs waren, waren sie deshalb nur wenige Meilen näher ihr Ziel herangekommen.

Solch einen nicht enden wollenden Regensturm mitten im Sommer hatte der fünfzigjährige Juel in seinem Leben noch nicht erlebt. Der ehemalige Erzabbas Jac hatte ihm erzählt, dass der schwarze Mond, der in gut drei Monaten vom Himmel stürzen würde, durch seine langsame Annäherung an die Erde seit geraumer Zeit das Wetter beeinflusste. Das würde die Hitzewellen des letzten Sommers, den ungewöhnlich harten und langen Winter, den abrupten Frühlingsbeginn am Ende des Ventôse und die massiven, salzigen Regenfronten erklären, die seit dem Messidor vom Ödwasser her in endloser Reihe über die Jenseitigen Lande zogen. Nun, wenn es Juel und seinen Gefährten nicht gelang, ihn zu verhindern, dann waren es heute noch exakt 158 Tage bis zum Weltuntergang! Da durfte das Wetter ruhig ein paar Kapriolen schlagen.

Inzwischen hatten sich Juels Begleiter zu ihm gesellt. Mit ihm selbst waren sie zu sechst: Der gebrechliche Mönch Jac, der Ordensritter Rüder, die Brautwandererin Hetha, die unheimliche Fabia und Lâbelle von den Parsern – drei Frauen übrigens, die man sich kaum unterschiedlicher vorstellen konnte. Ihre alte Gruppe hatte sich vor zehn Tagen nach den Abenteuern in der Ruinenstadt Pars und der dramatischen Fahrt über den Fluss Seyn auftrennen müssen. Sahars Truppe ritt auf den merkwürdigen Pferden der Parser weiter nach Südwesten in Richtung Hindersaat und hinterließ dabei absichtlich überdeutliche Spuren, damit der grausame General Windart und seine Mönchssoldaten ihnen und nicht den zu Fuß Fliehenden folgten. Währenddessen wollten sich die sechs Anderen durch die wandernden Sande und die überschwemmten Bittermarschen in Richtung Ygdras-Wald schleichen. Es war vereinbart, sich nach etwa dreißig Tagen in dem elenden Dorf Ende an der Grenze zu den Überlebenden Landen wiederzutreffen. Dies war notwendig geworden, damit die Schwächeren und Gebrechlicheren unter ihnen die Jenseitigen Lande auf einem sichereren Weg als über die südliche Route toxique verlassen konnten.

Juel kamen immer häufiger Zweifel, ob diese Aufteilung klug gewesen war. Auch wenn der Plan funktioniert hatte und der General tatsächlich auf ihren Trick hereinfiel und den anfälligeren Teil der Gruppe nicht mehr verfolgte, fragte er sich, ob es nicht eine bessere Alternative gegeben hätte. Ihre einzigen Kämpfer waren die dunkle, wieselflinke Lâbelle und der kleine Albyhn-Zwerg Rüder, dessen Bart fast bis zum Boden reichte. Beide waren zweifelsohne tapfer, aber nicht allzu stark. Und bei dem Marschtempo, das sie im Moment vorlegten, würden sie niemals rechtzeitig die kleine Siedlung am Ausgang des Weltengrates erreichen, die so passend ›Ende‹ hieß. Der Dicke vermisste zudem schmerzlich seine Gefährtin Sakket, die mit den anderen geritten war. Er hatte sie gerade eben erst nach zwanzig Jahren wiedergefunden, aber jetzt erneut verloren.

›Gut‹, dachte er, ›ich habe so lange auf sie gewartet, da werde ich wohl auch noch ein paar weitere Wochen ausharren können.‹

Juel seufzte selbstmitleidig und deutete nach vorne. Zu seiner Erleichterung hatten seine scharfen Augen einen Ort entdeckt, an dem seine Gruppe für diesen Abend und die hereinbrechende Nacht einen einigermaßen trockenen Rastplatz finden würde. Es war die Ruine eines Vorgängergebäudes auf der anderen Seite des Teichs. Sie wirkte trotz ihrer löchrigen und teilweise eingestürzten Mauern noch immer beeindruckend. Drei Stockwerke hoch erhob sich das uralte, dachlose Gebäude, von dem er sich erhoffen konnte, dass nicht alle Decken innerhalb der Außenwände eingestürzt waren. Schließlich hatten die Vorgänger massiv und für die Ewigkeit gebaut. Die teils imposanten Überreste ihrer stolzen Architektur prägten auch 6000 Jahre nach ihrem Untergang noch immer die Lande. Juel hatte längst aufgehört, zu zählen, in wie vielen von ihnen er in seinem Leben bereits auf Schatzsuche gewesen war.

[Zum 2. Teil —>]

Ich freue mich über deine Meinung:

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.