Mánis Fall – Der Prolog zu Brautschau 2

uel sah zu Lâbelle hinüber, die sich neben ihn gestellt hatte. Die hübsche Parsin kannte sich gut in den Jenseitigen Landen aus, die ja ihre Heimat waren. Ihre Gabe war es, hinter den Spiegel der Realität sehen und das Geflecht begreifen zu können, aus dem sie bestand. So richtig konnte sich Juel diese Art von zweitem Blick nicht erklären. Aber wenn etwas nicht stimmte, dann würde das Mädchen es wahrnehmen können. Lâbelle kniff die Augen zusammen, sah sich aufmerksam um. Dann schüttelte sie langsam den Kopf.

»Gut. Lasst uns dort übernachten«, entschied Juel kurzangebunden und wartete vergeblich auf eine Antwort der anderen. Offenbar waren sie inzwischen sogar zum Reden zu müde. Selbst Jac, der sonst grundsätzlich die Entscheidungen des Dicken in Zweifel zog, hielt den Mund. Juel nahm seinen vom Regen durchtränkten und schweren Rucksack achselzuckend wieder auf und stapfte durch den Matsch des Teichufers auf das bedrohlich wirkende Gebäude zu. Die anderen folgten schweigend seinen Fußabdrücken, die sich rasch mit Wasser füllten.

*

Eine Stunde später hatte sich die Lage für die müden Wanderer merklich verbessert. Juel und Lâbelle hatten sich nicht geirrt. Ein Großteil der Decke eines hohen, fensterlosen Raumes, der gut die Hälfte des Untergeschosses des alten Gemäuers bildete, war noch vorhanden. Darunter waren auch die rechteckigen, hellgrauen Fliesen des gut erhaltenen Fußbodens trocken geblieben. Die Wände waren dick und stabil. Hier konnte sich die Gruppe gut vor dem erbarmungslosen Regen und dem eisigen Nordwind schützen. Zwar hatte die mit Säulen abgestützte Decke im hinteren Teil einen größeren Durchbruch, der durch alle Stockwerke ging und unter dem sich durch das herabfallende Wasser eine ordentliche Pfütze gebildet hatte, aber diese Öffnung nützten sie nun als Abzug für das Feuer, das sie eilig entzündet hatten. Offenbar diente dieser Ort nicht zum ersten Mal als sichere Unterkunft für müde Wanderer. Zu aller Freude und Überraschung hatten sie in einer Ecke des Saals zu ihrer Überraschung einen großen Stapel trockener Holzscheite und daneben eine Holztruhe mit warmen Wolldecken und geflochtenen Schlafmatten darin vorgefunden. Jemand musste diesen Vorrat vom noch viele Meilen entfernten Ygdras-Wald hierher gebracht haben, denn in den Sümpfen um sie herum gab es nur wenige vermodernde Bäume, niedriges, von Feuchtigkeit durchtränktes Buschwerk und strohige Pflanzen. Aber mit dem gut abgelagerten Holz gelang es ihnen rasch, die sorgfältig von größeren Steinen eingefasste, kreisrunde Feuerstelle mitten in dem Saal in Gang setzen. Bald schon erwärmte sich ihre Zuflucht.

Dann hockten sie endlich schweigend im orangen Licht ihres Feuers und starrten müde in die Flammen, die tapfer knackten und qualmten. Nicht einmal Fabia hatte mehr die Kraft, einen ihrer endlosen Jammermonologe zu halten. Sie hatten ihre klamme Kleidung zum Trocknen aufgehängt und sich selbst in die wärmenden Decken gehüllt, die die freundliche Seele für sie hinterlassen hatte. Da die eigentlich geschickte Jägerin Lâbelle auch am heutigen Tag kein Wild hatte aufstöbern können, musste man sich mit dem Proviant begnügen, den jeder bei sich trug: Gepökeltes Trockenfleisch, krümliger Käse und Zwieback, die noch aus den Vorräten der Lord Glenarvan stammten, dazu ein paar Trockenbeeren. Das einzige Getränk, das ihnen unbegrenzt zur Verfügung stand, war abgekochtes, merkwürdig schales Wasser aus der Regenpfütze hinten im Raum. Aber dennoch war alles besser als der gestrige Übernachtungsplatz unter dem undichten Luftwurzelgeflecht eines abgestorbenen Bolabaums. Dort waren sie fast ungeschützt der Witterung ausgesetzt gewesen und hatten nicht einmal ein kleines Feuer machen können.

Doch selbst gestern hatte es sich einer der zusammengewürfelten Schicksalsgemeinschaft nicht nehmen lassen, den anderen eine Geschichte zu erzählen, damit sie nicht in Selbstmitleid zerflossen. Rüder Rast berichtete ihnen in seiner blumigen und ausschweifenden Art von seinen Erlebnissen aus der Zeit, als er noch als blutjunger Knappe des fahrenden Ritters Gundson von Diedorf in der tiefsten Provinz unterwegs gewesen war. Den beiden war es bei ihrer Queste sogar gelungen, bis zum entlegenen Schendrach-Kloster auf dem Gipfel des Einsteins vorzudringen. Ihre haarsträubenden Erlebnisse auf der Flucht vor den männermordenden Titania-Nonnen hatte alle zum Lachen gebracht und von ihrer deprimierenden Lage abgelenkt. Aber an diesem Abend schien niemand die Lust zu verspüren, die anderen mit einer Geschichte aufzuheitern.

Fabias Blicke glitten langsam über die zusammengesunkenen Erscheinungen ihrer Gefährten. Sie waren ihr merkwürdig fremd und fern. Woran dachten sie? Ließen sie die ungeheuerlichen Erlebnisse der letzten Wochen Revue passieren oder versuchten sie, mit ihren glasigen, müden Augen die Nebelbänke der Zukunft zu durchdringen? Sie fand in den Gesichtern keine Antwort. Seufzend erhob sie sich, weil ihr Bein eingeschlafen war. Sie war es nicht gewöhnt, einfach auf dem Boden zu sitzen. Langsam ging sie in dem Saal umher. Da entdeckte sie in der Nähe der großen Pfütze an der Rückseite ein rechteckiges Schild an der Wand, das dort eigentlich nicht hingehörte. War es der Versuch eines Wanderers vor ihnen gewesen, diese Notunterkunft in den traurigen Bittermarschen ein wenig wohnlicher zu machen? Fabia trat näher heran. Sie spürte einen schmerzhaften Stich in ihrer Brust. Denn das blaue, weißumrandete Hinweisschild, dessen Schrifzug zwar teilweise abgeblättert, aber immer noch lesbar war, stammte aus ihrer eigenen Zeit oder war sogar noch älter. Sie konnte kaum glauben, was sie da las:

›A4 Paris – Strasbourg‹

Doch es war nicht das Schild selbst, das sie fassungslos machte. Es war ein fast vollkommen ausgeblichenes und verwischtes Graffiti an der linken Seite, das sie selbst vor fast 6000 Jahren dort angebracht hatte. Tränen schossen in ihre Augen. Wenn dieses Schild nicht von irgendwo hergeschleppt worden war, dann befand sie sich tatsächlich in der Nähe der Route de l’Est und wenn sie die Kilometer abschätzte, die sie sich inzwischen von der Ruinenstadt entfernt hatten, dann waren die Bittermarschen ein Teil des ehemaligen Arrondissements Verdun. Dieses Haus, in dem sie stand, war vielleicht das letzte Überbleibsel einer Stadt, in der in ihren Tagen 8 Millionen Menschen gelebt hatten und in der sie zum letzten Mal ihren Freund Xaver und dessen Schwester Sadie gesehen hatte.

Sie begann zu zittern und zog die Decke enger um ihren Oberkörper. Beim Sturz des Mondes waren dessen gewaltige Brocken auf der ganzen Nordhalbkugel eingeschlagen und hatte ganze Kontinente von den Landkarten radiert und andere waren dadurch erschaffen worden. Die Heutigen nannten diese Katastrophe die ›Große Welle‹. In den anschließenden kriegerischen Auseinandersetzungen waren über die wenigen Überlebenden noch mehr Tod, Vernichtung, Seuchen und schließlich auch noch ein atomarer Völkermord gekommen, der die Reste der Menschheit direkt in die Steinzeit zurückschleuderte. Anschließend, so hatte es vor einigen Abenden jedenfalls der ihr unheimliche Jac erzählt, waren eintausend dunkle, barbarische Jahre gekommen, bis sich die ›Drei Reiche‹ bildeten, die sich ebenfalls in einem Krieg gegenseitig zerstörten. Über dieses grausame Zeitalter, aus dem die heutigen Nationen der Überlebenden Lande nur langsam und zögernd herausgetreten waren, gab es offenbar keine Aufzeichnungen und kaum Erinnerungen. Vieles hatte sich der alte Mönch aus Sagen, Mythen und mündlichen Überlieferungen zusammenreimen müssen. Die Menschen hatten aber ihre Geschichte neu begonnen. Inzwischen waren noch einmal beinahe 5000 Jahre ins Land gegangen, in denen langsam wieder eine Zivilisation entstanden war. Und Fabia hatte während der ganzen Zeit in ihrem Glassarg geschlafen! Sie fühlte sich so einsam wie noch nie seit ihrem Erwachen.

Hetha, deren kupferrote, vom Feuer beschienene, Haarpracht wie ein Licht leuchtete, musste bemerkt haben, dass mit Fabia etwas nicht stimmte. Während die Vorgängerin stumm in sich hineingeweint hatte, war sie nähergetreten und nun umarmte sie sie. Fabia zuckte zuerst zusammen und wollte unwillig zurückweichen. Doch dann ließ sie sich die mitfühlende Berührung gefallen. Sie legte ihren Kopf auf die Schultern des Mädchens, das sie – zog sie einmal die Jahrtausende ab, die sie wie Dornröschen verschlafen hatte -, in etwa auf ihr eigenes Alter schätzte.

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