Mánis Fall – Der Prolog zu Brautschau 6

Ich entschuldige die Verzögerung und bin nun bereit. Stelle deine Frage, Bürgerin … Fabia Winterfeld,« sagte AUSKUNFT in ihrer sonoren, aber gleichmütigen Stimme, die jeder der achtunddreißig Milliarden Menschen auf der Erde kannte. Die asketische Mönchsgestalt sah der Studentin dabei direkt in die Augen, als hätte sie allein ihre Aufmerksamkeit. Die Farbe ihrer Iris schillerte wie Bernstein.

»Warum habe ich auf meinem Kanal plötzlich kein Publikum mehr?«

»Aufgrund Paragraph 4, Abschnitt 2 der Notstandsverordnung der Second-Moon-Corporation, die die Regierungsgeschäfte übernommen hat, und die im Weiteren von mir 2MC genannt wird, ist mit sofortiger Wirkung jegliche private Nutzung des I-Netzes verboten und deaktiviert. Dies gilt für Blogs ebenso wie auch für sämtliche Meinungs- und Nachrichtenkanäle. Allein dringende familiäre Kontakte sind in eng begrenztem zeitlichem Rahmen erlaubt, unterliegen aber den Zensurbestimmungen nach Paragraf 4, Abschnitt 7 der Verordnung und müssen einzeln angemeldet werden. Bitte zeige für diese sinnvolle Maßnahme der 2MC Verständnis, Bürgerin Winterfeld«, erklärte AUSKUNFT so gelassen, als würde sie nur den Wetterbericht vortragen. Dass in dieser prekären Lage der Notstand ausgerufen wurde, verwunderte Fabia nicht. Aber weshalb in Dreiteufelsnamen regierte mit einem Mal die 2MC? Ihr blieb die Luft weg und sie verstand plötzlich, warum Professor Rosenthal es so eilig hatte, sie zu sehen. Die schlimmsten Befürchtungen des alten Verschwörungstheoretikers waren in Erfüllung gegangen.

»Hast du noch weitere Fragen? Auch der Informationskanal unterliegt wegen der Notstandsverordnung und der momentanen Situation gewissen Einschränkungen und muss sich auf die nötigsten Grundfunktionen begrenzen. Ich empfehle dir nun dringend, Bürgerin, augenblicklich die für dein Stadtviertel vorgesehenen Schutzräume aufzusuchen.«

»Und ob ich noch Fragen habe!«, rief Fabia eilig, bevor AUSKUNFT die Verbindung einseitig trennte. »Seit wann gilt diese Notstandsverordnung? Und was ist mit dem Eurasischen Parlament geschehen?« Sie konnte es nicht fassen. Erlebte ihr Land gerade einen Putsch? Der 2MC-Trust war der mächtigste Wirtschaftsverband der Welt. Er unterhielt I-Net, besaß das Patent auf die gorgeous Living Electronical Machines-Serie – die sogenannten goLEMs -, regelte die weltweiten Klimastruktur-Maßnahmen, hielt das Transportmonopol, rüstete die Roboterarmeen  aller Nationen aus, organisierte die Ernährung der noch immer dramatisch anwachsenden Erdbevölkerung und diktierte über seine Lobbyisten die Weltpolitik nach seinem Gutdünken. Aber das Konsortium, das doch im Moment alle seine Kräfte dafür bündelte, der Erde einen zweiten Mond zu schenken, hatte noch nie so offen eingegriffen oder gar direkt die Regierungsgewalt eines Landes übernommen.

»Das Parlament der Eurasischen Republik und seine geschäftsführenden Minister haben heute Morgen um 07:00 Uhr EPST abgedankt und die Regierungsgeschäfte vertrauensvoll in die Hände des Aufsichtsrates der 2MC gelegt, die aufgrund der Weltlage den sofortigen Notstand ausgerufen und die Armeen in Bereitschaft gesetzt hat. Seit 07:05 Uhr EPST kommt es südöstlich des Schwarzen Meeres zu ersten Kampfhandlungen mit den Verrätern von der Indopazifischen Union. Die Raumflotte ist gestartet und auf dem Weg zu einer Strafexpedition zum Mars. Bürgerin Winterfeld, suche nun auf der Stelle die Schutzräume auf. Nur dort bist du sicher. AUSKUNFT – Ende.«

Der Mönchsavatar von I-Net verschwand und Fabias Augreyes zeigten erneut den Fluchtweg aus ihrer Wohnung an. Sie schluckte und hatte das Gefühl, das Zimmer würde um sie kreisen. Sie hatte nicht geglaubt, dass sie nach den Horrormeldungen von eben noch von irgendeiner Nachricht schockiert werden konnte, aber dass zusätzlich zu dem in sechzehn Stunden herabstürzenden Mondbrocken auch noch der befürchtete Krieg mit den östlichen Nachbarn der Republik ausgebrochen war, ließ ihren Verstand wie einen Boxer nach einem unfairen Tiefschlag taumeln. Aber dann bemerkte sie, dass sie wirklich schwankte! Sie begriff: Ein Erdbeben erschütterte die Stadt und ließ den Wohnturm in seinen Grundfesten wanken. Der Küchenschrank öffnete sich. Teller und Tassen polterten heraus und zerschellten klirrend auf dem Boden. Der inaktive Omicron rollte unter dem Tisch hervor. Fabia war der Naturgewalt hilflos ausgeliefert. Sie suchte vergeblich Halt und stürzte schwer auf ihre Knie. Sie schrie schmerzerfüllt auf. Gleichzeitig fielen der Strom und auch der Augreye-Kontakt zu I-Net aus.

Dann war das Beben so schnell vorbei, wie es gekommen war. Es hatte nur zwei, drei Sekunden gedauert und sich doch wie eine Ewigkeit angefühlt. Die Klimaanlage sprang surrend an, Fabias Augreyes funktionierten wieder und der Thermix entschied sich, eine Portion Gulasch auszuspucken, die mangels Teller unter der Nahrungsmittelausgabe des verflixten Geräts wie Katzenfutter auf den Boden klatschte und merkwürdigerweise einen ähnlich fauligen und fischigen Geruch verbreitete.

»Puck … Status«, keuchte Fabia und holte auf diese Weise ihren kleinen goLEM aus dem Ruhemodus, in den sie ihn vorhin selbst verbannt hatte. Er erwachte, fiepte wie beleidigt und rollte sich einmal um sich selbst, damit sein Antennenhaupt wieder nach oben zeigte.

»Alle Systemprozesse laufen fehlerlos. Ich warte auf deine Befehle, Citoyen«, schnarrte er prompt mit seiner blechernen, hohlen Stimme. Sie wurde von einem sündhaft teuren Sprachmodul in seinem Kugelbauch gebildet, das Fabia erst hatte erwerben müssen, da die Omicron-Reihe serienmäßig nicht mit einer Sprachausgabe ausgestattet war. Die Studentin, die mehr um sich selbst als um die Funktionen ihres privaten goLEMs besorgt war, musste trotzdem über die anachronistische Anrede schmunzeln, die Samuel Rosenthal dem Kleinen wie einem Papagei beigebracht hatte. Citoyen, der im Gegensatz zum Bourgeois politisch interessierte und im Geist der Aufklärung aktive Bürger – das wusste Fabia aus dem Geschichtsunterricht -, war die respektvolle Anrede, mit der sich die französischen Revolutionäre vor achthundert Jahren angesprochen hatten. Sie diente nun auch als Erkennungszeichen und Losung für den Geheimbund des Professors. Citoyen, wie passend war das für eine Einwohnerin der 3-Milliarden-Seelen-Megapole Paris, deren Wohngebiete ein Viertel des ehemaligen Frankreichs überdeckten!

Fabia wollte sich aufrichten, aber ein dünner, feiner Schmerz stach ihr von innen durch die Lenden und hielt sie am Boden fest.

»Puck – medizinischer Bericht«, stöhnte sie und sofort tastete sie ein scharfer, grüner Lichtstrahl ab, der aus einem der vielen Okulare des langsam heranrollenden goLEMs strahlte. Fabia hielt sich die schmerzende Seite und wusste noch vor der Analyse des Roboters, welches Organ den Schmerz ausgelöst hatte. Puck beendete seine optische Untersuchung. Er bildete aus seinem wie Quecksilber glänzenden Kugelbauch einen dünnen Tentakelarm aus. Über dessen nadelfeinen Kanülenfinger entnahm er vom ihm entgegengestreckten Oberarm der Studentin flink ein wenig Blut. Oberhalb seines Haupts tauchten Zahlenreihen und Diagramme auf, die durch eine Verbindung zu Fabias Augreyes dorthin gezaubert worden waren.

Der kleine goLEM verfügte bei Weitem nicht über die Möglichkeiten der großen Medizinroboter, der sogenannten Gamma-Reihe. Diese kybernetischen Wunderwerke schwebten durch energetische Gravitationsfelder frei in der Luft und konnten sich in ihr wie ein Schweber bewegen. Die Gammas erinnerten Fabia wegen des stachligen Aussehens ihrer unzähligen Ärmchen an vergrößerte Seeigel und konnten neben Diagnosen auch Notfallversorgungen bis hin zu komplizierten Operationen und aufgrund ihrer beeindruckenden künstlichen Intelligenz sogar psychiatrische Aufgaben übernehmen. Der Omicron der Studentin war allerdings weit mehr als ein Spielzeug, das man vor allem zur Aufsicht und als Haustierersatz bei Kindern einsetzte. Ihr goLEM war mit einem Medizinupgrade ausgerüstet und überwachte in ständigem Kontakt mit den Rechnern der Universitätsklinik die fragile Gesundheit von Fabia.

»Der Bluttest ist nicht auffällig«, dozierte Puck, »auch wenn der Kreatininwert leicht erhöht und – wahrscheinlich wegen der Situation – auch dein Blutdruck nicht ideal ist. Aber das kann sich sehr schnell ändern. Ich habe dir daher eine schwache Mischung aus Schmerz- und Beruhigungsmitteln verabreicht, deren Wirkung zeitnah einsetzen sollte. Ich muss dich dringend daran erinnern, dass du innerhalb der nächsten 12 Stunden unbedingt eine Hämodialyse-Station aufsuchen solltest.«

Fabia nickte abwesend. Diese Diagnose hatte nichts Erschreckendes für sie. Schon in ihrer frühen Jugend war von Ärzten eine zwar langsame, aber stete Verschlechterung ihrer Nierenfunktionen festgestellt worden. Sie war deshalb daran gewöhnt, sich regelmäßig alle vier Tage einer schnellen Blutreinigung unterziehen zu müssen. Das war zwar eine lästige Prozedur, doch sie dauerte kaum eine Stunde und beeinträchtigte ihren Alltag nur wenig. Im Augenblick war es übrigens viel wahrscheinlicher, dass sie nicht durch eine Vergiftung ihres Blutes umgebracht wurde, sondern durch einen Mondbrocken, der ihr auf den Kopf fiel.

[<—Zum 5. Teil]                                                                                               [Zum 7. Teil —>]

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