Mánis Fall – Der Prolog zu Brautschau 7

n Fabias so weit in Wissenschaft und Technik fortgeschrittenen Jahrhundert schien alles möglich. Die Menschheit war in den interplanetaren Raum vorgedrungen und hatte den Mars und zwei Jupitermonde besiedelt, zentral gesteuerte Roboter erledigten alle niederen Arbeiten und die 2MC konstruierte einen neuen Erdtrabanten im Orbit. Eine gewaltige Dyson-Sphäre wurde dort oben gebaut, es sollte eine Hohlwelt für mehrere Milliarden Einwohner werden. möglich. Praktisch aus dem Nichts wurde genug Nahrung für die explodierende Weltbevölkerung geschaffen, ohne dass jemand hungern musste. Man konnte durch Fusion und Anzapfen der Erdwärme beliebige Mengen an billigster Energie erzeugen und Föten im Mutterleib so einfach genetisch optimieren, als würde ein Kind mit Bauklötzen und einer Taschenlampe spielen. Sogar der Tod war schon beinahe überwunden: Es gab seit kurzer Zeit die nach ihrem Erfinder benannte Thorfan-Therapie, die zumindest den wenigen Auserwählten Unsterblichkeit versprach, die sie sich leisten konnten. Dazu kam die ausgereifte, moderne Kryotechnik als eine Möglichkeit, ihn lange hinauszuzögern. Aber es existierten doch noch immer Krankheiten und Seuchen, bei denen die Mediziner machtlos waren.

Fabias Niereninsuffizienz, die durch einen extrem seltenen Defekt in ihren ererbten Chromosomenpaaren verursacht wurde, war so ein Fall, bei dem die Ärzte rat- und hilflos waren. Da der Körper der jungen Frau auf künstliche Nierenimplantate allergisch reagierte und sie abstieß, blieb ihr keine andere Wahl als die regelmäßige Dialyse. Es hätte sich unter den achtunddreißig Milliarden Menschen auf der Erde sicherlich auch ein Spender für eine echte Niere finden lassen, doch die Studentin stand weit unten auf der Empfängerliste. Zudem hätte sie sich den Eingriff auch nicht leisten können, nachdem ihre finanziellen Quellen durch den Unfalltod ihrer Eltern vor drei Jahren nahezu versiegt waren. Die Gelder von der Pflichtkrankenkasse für Studenten an der Sorbonne reichten gerade für die Medikamente und dafür aus, ihren Omicron medizinisch aufzurüsten.

Doch Fabia kannte kein Selbstmitleid wegen ihrer Krankheit. Die Dinge waren eben so und sie hätten wesentlich schlechter sein können. Schließlich genügte die kleine Erbschaft aus der Lebensversicherung ihrer Eltern, um an der bedeutendsten Universität Europas beim größten Gelehrten seit Einstein, Hawkins und Sandra Ellenstat zu studieren – bei dem weltberühmten Professor Samuel Baruch Rosenthal, der zudem auch noch die größte Kapazität des 26. Jahrhunderts auf dem Gebiet der Shakespeare-Forschung war. Selbst wenn ihre Einkünfte nur für diese kleine Studentenbude im 123. Stockwerk des schäbigen Henri-Gouraud-Wohnturms und für einen defekten Thermix ausreichten … Für Fabia hatte das immer genau so gepasst. Das Teufelsgerät von Thermix war übrigens gerade dabei, die Gulaschsauerei, die es angerichtet hatte, mit einem üppigen Sahnedessert zu krönen.

Sie sah auf die Bescherung auf dem Küchenboden und musste lachen. Dabei bemerkte sie, wie ihre Schmerzen nachließen. Die Injektionen von Puck zeigten Wirkung. Wahrscheinlich hatte er ihr, ohne sie zu informieren, auch einen Stimmungsaufheller verabreicht. Wie viel Zeit war vergangen, während der sie bewegungslos auf dem Boden gekauert war? Minuten – oder viel länger? Sie hatte ihr Zeitgefühl verloren. Sie rappelte sich auf und sah sich um. Die Erschütterungen der Grundfesten des himmelhohen Gebäudes hatten für den Moment aufgehört und waren vielleicht nur die letzten Auswirkungen des Beschusses aus den Mars-Gravitationskanonen gewesen, der inzwischen eingestellt sein musste oder aufgrund der Erddrehung weiter westlich einschlug.

Erblickte Fabia irgendetwas, von dem es sich lohnte, es bei ihrer Flucht aus ihrer Wohnung mitzunehmen? Ihr fiel nichts ein, auf das sie nicht verzichten konnte und wollte schon zur Tür gehen, als ihr doch noch etwas in den Sinn kam. Sie wurde rot und bekam ein schlechtes Gewissen. Eilig trat sie an ein Regal und nahm den einzigen persönlichen Gegenstand, den sie besaß, in die Hände. Es war eine dreidimensionale Fotografie ihrer Familie, die im Sommer vor dem Straifer-Unfall entstanden war. Sie allein hatte das entsetzliche Unglück überlebt, weil sie an diesem Tag eine Arbeit schreiben musste und die anderen bei ihrem Ausflug nicht begleiten konnte. Fabia erinnerte sich genau an den Moment, als der Professor in den Hörsaal getreten und an ihren Tisch gekommen war, um sie zu informieren. Seinen Gesichtsausdruck und die Fürsorglichkeit, mit er sich um sie gekümmert hatte, würde sie niemals vergessen; an diesem Tag hatte sie sich heimlich in Samuel Rosenthal verliebt, der – wie sie später frustriert feststellen musste – im Alltag mit seinen Robotern und Androiden verheiratet war und offenbar außer seiner Theatergruppe keinerlei Privatleben führte.

Sie verstaute das Bild von vier glücklichen Menschen zusammen mit ein paar Nahrungsriegeln, dem Studentenausweis und ihrer schmalen Elektronikwerkzeug-Schatulle in einer Umhängetasche, die sie sich über die Schulter warf. Dann rief sie ihren Omicron an ihre Seite und trat kurz entschlossen aus der Wohnungstür, die sie nicht hinter sich verschloss. Warum auch? Sie würde nie mehr zurückkehren. Draußen im lang gezogenen Hausflur flackerte die indirekte Beleuchtung. Fabias Appartement war eines von über fünfzig in diesem Flügel des Stockwerks, aber sie war mit ihrem goLEM völlig allein. Ein paar Wohnungstüren standen wie ihre offen, Abfall und ein aufgeplatzter Koffer voller Wäsche lagen auf dem Boden, erzählten von plötzlichen und übereilten Aufbrüchen. Offenbar war sie spät dran und die anderen schon längst auf dem Weg zu den Schutzräumen. Im Laufschritt lief Fabia in Richtung der Fahrstühle den Gang hinunter und Puck hatte piepsend und protestierend seine liebe Mühe, ihr auf den Fersen zu bleiben. Vor den vier großen Fahrstuhltüren blieb sie atemlos stehen und starrte ungläubig auf den auf ihnen allen aufleuchtenden Hinweis, dass sie außer Funktion waren.

»Was zum Teufel …?«, murmelte sie fassungslos.

»Citoyen, ich habe mich mit der AUSKUNFT des Gebäudes verbunden«, mischte sich ihr goLEM ein. »Aus Sicherheitsgründen sind sämtliche Aufzüge des Hauses gesperrt. Bei dem Stromausfall eben haben sich durch die Erschütterungen die Not-Halteklammern einiger Kabinen gelöst. Es sind mehrere von ihnen abgestürzt oder haben sich verkeilt. Es ist offenbar zu schweren Personenschäden und bedauerlicherweise auch zu einem Todesfall gekommen. Die AUSKUNFT empfiehlt, die Notfalltreppen zu benutzen, bis die Haussicherheit die Funktion der Aufzüge wieder hergestellt hat.«

»Wir sind im 123. Stockwerk, Puck! Weißt du, wie lange es dauert, von hier oben hinunter ins Erdgeschoss zu laufen?«

Der goLEM war nicht intelligent genug, um zu bemerken, wann eine Frage seiner Besitzerin rhetorisch gemeint war. Brav machte er sich an die Beantwortung der Rechenaufgabe:

»Wenn du deine momentane Laufgeschwindigkeit beibehältst, werden wir pro Etage etwa zwanzig Sekunden benötigen, wenn du mich trägst – sonst länger. Außerdem sind in den unteren Stockwerken die Treppen durch die vielen Hausbewohner, die diesen Fluchtweg gewählt haben, verstopft. Das erschwert das Weiterkommen erheblich. Alle drei Stockwerke befindet sich zudem eine codegesicherte Feuertür, die du persönlich öffnen musst, was noch einmal zehn Sekunden dauern wird. Regelmäßige Pausen zur Erholung eingerechnet, sind das …«

»Puck – Ruhe«, unterbrach Fabia die Kalkulation. »Ich muss so schnell wie möglich von hier weg. Kannst du die AUSKUNFT nicht überreden, wenigstens einen der Fahrstühle freizugeben?«

»Das ist ausgeschlossen. Sie sind alle nicht in Funktion.«

»Aber was machen wir denn jetzt? Können wir vielleicht in einen anderen Flügel wechseln?«

Ihr Omicron gab ihr nicht einmal eine Antwort. Hilflos sah Fabia zurück. Sollte sie ihr Glück vielleicht doch über die Treppen versuchen?

[<—Zum 6. Teil]                                                                                               [Zum 8. Teil —>]

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