Mánis Fall – Der Prolog zu Brautschau 9

Du bist doch Fabia, nicht wahr? Unsere Nachbarin ein Stück den Gang hinunter, die uns bei unserem Einweihungsfest die Wohnzimmercouch vollgekotzt hat«, stellte Leon fest. »Was willst du tun? Du willst dich doch deshalb jetzt nicht in die Tiefe stürzen?«

Er war neben Fabia auf die Terrasse getreten und warf ebenfalls einen Blick in die Tiefe. »Oder kannst du vielleicht fliegen?«

Sie riss sich von dem überwältigenden Anblick los und wandte sich zu dem glatzköpfigen Bildhauer, der sie neugierig musterte. Fabia deutete auf eine, etwa eine Handbreit hohe und kreisrunde Erhebung mitten auf dem Balkon. Sie hatte etwa einen Meter Durchmesser. Daneben war auf einem schmalen, gebogenen Fuß eine Konsole befestigt, die die Künstler offenbar als Getränketischlein missbrauchten, denn es standen einige benutzte Gläser und halb leere Flaschen auf ihr.

»Weder – noch. Aber eure Vormieterin Alexandrine hat sich hier eine Expressschweber-Plattform einbauen lassen. Ich habe mich mal mit ihr unterhalten. Sie arbeitete für die Direktion der Société Générale und musste ihr zu jeder Tages- und Nachtzeit persönlich zur Verfügung stehen.«

»Dieses veraltete Ding ist doch längst vom Netz getrennt und nicht mehr in Funktion. Außerdem hat AUSKUNFT gerade über die Augreyes mitgeteilt, dass der Schweberverkehr bis auf Weiteres ruht, weil das Militär den Luftraum für Truppenbewegungen und Transporte benötigt«, erwiderte Leon. Dann zögerte er und musterte Fabia nachdenklich. Er schien darüber nachzudenken, was er zu ihr sagen durfte.

»Es sieht so aus, als hätte die 2MC genau auf solch eine Gelegenheit gewartet, um gegen die Regierung zu putschen«, fuhr er vorsichtig tastend fort. Offenbar war er zu dem Ergebnis gekommen, dass die blonde Studentin keine Zuträgerin der Moon Corp. war und er befürchten musste, er könnte sich mit seinem Defätismus eine Beleidigungsklage oder gar etwas Schlimmeres einhandeln. Es hielt sich das hartnäckige Gerücht, die 2MC würde missliebige Kritiker einfach verschwinden lassen. Nun musste auch Fabia überlegen, wie viel sie preisgeben durfte. Doch Misstrauen war in diesem Moment fehl am Platz.

»Ich bin Mitglied der Citoyen. Ich weiß nicht, ob dir das etwas sagt«, sagte sie, während sie vor die zweckentfremdete Schweber-Kontrollkonsole trat und sie von den Resten der Party leer räumte. Sie prüfte die Konsole mit Kennerblick und kam zu dem Ergebnis, dass sie tatsächlich außer Betrieb, aber wahrscheinlich noch voll funktionstüchtig war. Leon nickte wissend und anerkennend.

»Citoyen, ja. Von euch habe ich gehört. Das ist die Gruppe um Professor Rosenthal; sie nennt sich auch Newlisas, nicht wahr? Ihr kämpft gegen den Bau der Dyson-Sphäre, obwohl sie uns allen den Arsch retten kann.« Er legte den Kopf schief. »So ganz habe ich eure Argumente allerdings nicht verstanden.«

»Die Kurzfassung, oki? Ein zweiter Mond ist keine Lösung für unsere Probleme, sondern nur ein teurer Fluchtort für die Reichen und Schönen, denen es hier auf der guten alten Erde zu eng wird und die nicht in die raue Einöde der Kolonien wollen. Wir glauben auch, dass es vom Mars aus unmöglich ist, mittels irgendwelcher Gravitationskanonen den natürlichen Mond aus der Bahn zu werfen, sondern dass dahinter eine gezielte Aktion der 2MC steckt, die die Mars-Kolonisten als Sündenböcke missbraucht. Nur durch das Damoklesschwert des drohenden Mondsturzes können die Ressourcen und Gelder aufgebracht werden, die die Corp. für ihr Wahnsinns-Projekt benötigt. Zudem braucht ihre Dyson-Sphäre, wenn sie fest in der Umlaufbahn um die Erde installiert werden soll, wesentlich mehr Masse, als wir jemals von der Erde nach oben transportieren können. Da kommt es sehr gelegen, wenn der echte Mond wie zufällig zertrümmert wird, denn dessen Gestein kann man gut beim Bau verwenden. Und die heutigen Ereignisse scheinen uns recht zu geben«, erläuterte Fabia abgelenkt, während sie den Staub vom Tastenfeld putzte, anschließend in die Umhängetasche griff und ihr Elektronikwerkzeug herausholte. Sie nahm ein wie ein dünner Stift aussehendes Instrument in die Hand und entfernte mit seiner Hilfe die obere Abdeckung der Konsole, die sie achtlos zur Seite warf.

Leon runzelte die Stirn. »Du behauptest also, es wären nicht die bösen Marsmännchen, sondern die 2MC, die selbst den Mond zerstören lässt, weil er ihr im Weg ist und sie ihn als eine Art von Weltraum-Steinbruch benutzen will? Ist die momentane Katastrophe wirklich Absicht? Das kann ich mir kaum vorstellen.«

»Ich weiß es auch nicht. Es kann sein, dass alles ein Unfall war und I-Net der Mondbrocken, der heute Nacht in den Atlantik stürzen wird, außer Kontrolle geraten ist. Vielleicht haben die Typen der Corp. den Mondfall auch bewusst provoziert, um die Regierungsgewalt übernehmen zu können. Da kann ich nur raten. Auf jeden Fall traue ich denen inzwischen alles zu. Aber jetzt lass mich bitte arbeiten, wenn wir von hier oben wegkommen wollen, bevor uns der Himmel auf den Kopf fällt«, sagte Fabia und schloss ein kompliziertes Messgerät an den heraushängenden Glasfaserkabeln des Pults an, das sofort einen Switch installierte und ein Bereitschaftssignal sendete.

»Die Schweber-Plattform hat noch Restenergie. Diese dürfte für einen Neustart ausreichen«, stellte sie dann zufrieden fest.

Der Bildhauer trat zurück und sah furchtsam nach oben. Aber er konnte die Bedrohung nicht entdecken, die sich angeblich über seinem Haupt zusammenbraute. Rosafarbene Wolkenfedern schwebten am morgendlichen Himmel. Die Sonne kämpfte sich gerade mühsam durch den Smog-Schleier, der wie eine Glocke über Paris hing. Unvorstellbar, dass von dort oben der Tod auf sie herabfiel. Fabia musterte Leon und wunderte sich über ihn. Sie musste ein paar der Vorurteile revidieren, die sie sorgfältig gegen Menschen wie seinesgleichen hegte. Offenbar war der Künstler bei Weitem nicht so oberflächlich und selbstbezogen, wie sie gedacht hatte. Und er war politisch gut informiert. Sie fand es erstaunlich, dass Leon Professor Rosenthals kleine Widerstandsgruppe kannte, die sich in den sozialen Netzwerken nicht nur Citoyens, sondern auch gerne The New Elisabethanians nannte. Die Newlisas fanden nur wenig Widerhall in der Öffentlichkeit. Sie wurden von den großen Medien und Nachrichtendiensten, die wie I-Net selbst im Besitz der 2MC waren und von deren Rechtsanwälten kontrolliert und zensiert wurden, entweder völlig ignoriert oder als schwarzmalende, aber harmlose Spinner und Verschwörungstheoretiker bezeichnet. Fabia hätte selbst nicht an die düsteren Prophezeiungen des Professors geglaubt, wenn sie nicht in ihn verliebt gewesen wäre. Und selbst so, wenn sie ehrlich zu sich war, fand sie einige seiner Schlussfolgerungen allzu fantastisch.

»Ich werde mal nach Raphaël sehen, damit er nur das Nötigste mitnimmt«, unterbrach der Bildhauer Fabias Gedanken. Er hatte lange genug in den Himmel gestarrt. »Ich traue ihm zu, dass er seine gesamte analoge Lyrik-Bibliothek mitschleppen will, aber die Kopfschmerztabletten und die Kreditkarten vergisst. Du kommst ja wohl im Moment allein zurecht, Fabia.«

Die Studentin nickte abgelenkt. Sie hatte kaum zugehört, denn sie beschäftigte sich gerade damit, das Betriebssystem des Bedienfeldes zu starten, um dieses dann mit ihrem goLEM zu verbinden.

»My gentle Puck, come hither!« Fabia rief ihren kleinen goLEM zu sich, der gehorsam und geräuschvoll über die Fliesen zu ihr heran rollte.

Die junge Softwarespezialistin hoffte, dass das einfache Steuerungssystem der Konsole autark war und nicht direkt mit dem I-Net verbunden; denn nur so würde es ihr gelingen, mithilfe ihres Roboters dessen Virenwächter, Passwörter und Firewalls zu überlisten, um einen der Schweber fernzulenken und zum Landen auf der Dachterrasse zu bewegen. Die Apparatur bekam von Puck auf kabellosem, elektromagnetischem Weg ausreichend Strom und startete in einen Reparaturmodus, dessen simple Oberfläche Fabia benutzen konnte, um tiefer in das System einzudringen und seine Kontrolle zu übernehmen. Ihre Augreyes koppelten an und synchronisierten sich. Plötzlich befand sich Fabia in ihrer subjektiven Wahrnehmung in einer vollkommen anderen, virtuellen Welt, in der Naturgesetze nicht galten und die Schaltkreise, Prozesse, Daten und Programmroutinen auf eine Weise optisch dargestellt waren, die sie allein durch ihre langjährige Übung instinktiv erfasste, die aber einen Laien in kurzer Zeit um den Verstand gebracht hätten. Diese Welt war zwar nicht für das menschliche Gehirn gemacht, aber es war immer wieder faszinierend, wie schnell dieses sich an neue Gegebenheiten anpassen konnte. Informatiker, die nicht auf die herkömmliche, von einem Bildschirm gestützte Art mit den Computern kommunizierten, sondern sie direkt über ihre Augreyes wie in einem Computerspiel betraten und sie im virtuellen Raum warteten, programmierten oder auswerteten, wurden als Cybernauten bezeichnet. Fabia war eine der Besten und allein aus diesem Grund für die Citoyens um Rosenthal unentbehrlich.

[<—Zum 8. Teil]                                                                                               [Zum 9. Teil —>]

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