Mánis Fall – Der Prolog zu Brautschau 11

Ich bin schon auf dem Weg zu euch. Ich muss allerdings noch einen Zwischenstopp an einer Hämolyse-Station machen.«

»Auf dem großen Platz vor der Bibliothek ist eine Notfallstation des Roten Kreuzes. Nimm die, denn die Uniklinik wird bereits evakuiert. Aber beeile dich! I-Net hat den Countdown für den Impact schon gestartet.« Xaver-Jane nickte ihr freundschaftlich zu und löste sich dann auf. Er hatte seine Verbindung gekappt. Sadie-Heathcliff sah sich um und trat einen Schritt näher. Ihr attraktiver Avatar sah plötzlich sehr besorgt aus. Sie hatte seine Stimme zu einem Flüstern gesenkt.

»Du kommst mit einem Schweber von deiner Wohnung zu uns, richtig? Dann solltest du die Flüchtlingsströme weiträumig umgehen und versuchen, dich von der anderen Seite her der Universität zu nähern. Ich rate dir dringend, uns von Nordosten über Bezons anzufliegen und schon bei den Val-d’Oise-Zwillingstürmen die Seine zu überqueren. Ich habe diese Route als den schnellsten Weg ermittelt und schicke sie dir eben«, schlug Sadie vor. »Hast du das empfangen?«

»Danke, ja. Ich habe die Route an meinen Omicron weitergeleitet. Nur die Ruhe; noch ist Zeit. Ich bin ja bald bei euch.«

»Hoffentlich, denn ich mache mir Sorgen um dich, Chica!«, fügte Sadie-Heathcliff nach einem kurzen Zögern hinzu. Dann verließ auch sie den virtuellen Raum. Alleine gelassen, sah sich Fabia noch einmal in dem abstrakten Tumult um, in dem sie sich bewegte. Hier gab es nichts mehr für sie zu tun. Wie immer kostete es Fabia einige Anstrengungen und Willen, sich von der künstlichen Welt zu lösen und in die sogenannte Realität zurückzukehren. Auch diese war nur eine Lüge. Sie entstand ja wie die VR der Schweberkonsole nur aufgrund von elektrischen Impulsen in den Nervenbahnen ihres Gehirns und war vielleicht ebenso falsch und nur ein luzider Traum, aus dem sie nur im Tode erwachen konnte. Fabia hatte den Eindruck, dass es ihr jedes Mal etwas schwerer fiel, wieder aufzutauchen. Sie kannte die Gefahr, von dem virtuellen Leben abhängig zu werden. Es war eine gefährliche Sucht, die VR-Junkies dazu verführte, ihr ganzes Leben in imaginären Welten zu verbringen, während sie in der Realität langsam verhungerten und verdursteten. Doch so gerne sie auch geblieben wäre, den bevorstehenden Weltuntergang konnte sie nicht im Cyberspace aussitzen. Fabia fragte sich besorgt, wie viele Menschen genau dies trotzdem versuchten und sich auch von I-Net und EDY nicht davon abbringen ließen, mit einem Computer verbunden in ihren Wohnungen und in erträumten Orten auszuharren, die ihnen ihre Interfaces und Augreyes vorgaukelten.

Seufzend gab sie Puck den gedachten Befehl, ihre Verbindung mit der Steuerungseinheit zu lösen und öffnete die Augen.

Wie nach jedem Aufenthalt im Cyberspace hatte Fabia ihr Zeitgefühl verloren und war einige Augenblicke orientierungslos und fühlte sich von den Gesetzen der Schwerkraft belastet. Ihr war, als hätte ihr jemand einige ihrer Gliedmaßen amputiert. Sie blinzelte die letzten Lichtreflexe der virtuellen Umgebung von ihren Augreyes weg und blickte die beiden Künstler an, die seit einer Weile neben ihr auf ihren gepackten Koffern saßen und ungeduldig auf die Rückkehr ihres Geistes in ihren Körper gewartet hatten.

»Der Schweber sollte gleich kommen«, sagte sie und tatsächlich tauchte wie aufs Stichwort einer der kugelrunden, gläsernen Personentransporter vor der Brüstung der Terrasse auf und senkte sich dann geräuschlos auf die für ihn vorgesehene Landeplattform hinab. Die beiden Halbschalen der Türen klappten nach außen. Es war ein kleines Modell, das Fabia hatte rufen können. Es war eigentlich nur für zwei Passagiere gedacht, die nebeneinander in den Schweber passten, aber auf die Schnelle hatte sie kein geräumigeres Fluggerät auftreiben können.

»Das wird ja ganz schön eng«, stellte Leon kritisch fest.

»Ich bin auch nicht begeistert, doch dies ist der einzige verfügbare Schweber. Hoffentlich kann ich ihn bei der Überlast noch ordentlich steuern«, überlegte Fabia. »Auf jeden Fall werdet ihr euer Gepäck zurücklassen müssen.«

Raphaël sprang wütend auf. »Das geht auf keinen Fall«, empörte er sich. »Meine wertvollen Gedichtbände! Meine Aufzeichnungen – meine Anzüge von Hugo Boss!«

Sein Freund versuchte, ihn zu beschwichtigen, während Fabia achselzuckend ihren goLEM in die für die Roboter vorgesehene Andockstation des Schwebers hob, wo er die Kontrolle über den automatischen Piloten übernahm.

»Da!« Raphaël deutete zornig auf den Omicron. »Diese Metallkugel ist wichtiger als meine Gedichte?«

Fabia platzte der Kragen.

»Und wer steuert die Kiste, wenn wir ihn zurücklassen? Etwa einer von deinen alten Dichtern? Außerdem brauche ich meinen Omicron, um zu überleben. So einfach ist das. Ich habe eine schwere, unheilbare Krankheit und ohne regelmäßig Arzneigaben durch das medizinische Modul meines goLEMs sterbe ich. Dann kommt ihr erst von diesem Balkon herunter, wenn der Wohnturm einstürzt, weil ein Stück vom Mond in ihn gekracht ist.«

Wie auf einen Befehl sahen alle drei ängstlich nach oben, aber noch immer gab es an dem immer wolkenverhangener werdenden Himmel keine Anzeichen dafür, dass die Katastrophe knapp bevorstand. Allein der kalte Wind hatte stark aufgefrischt und blies ihnen ins Gesicht. Er trug Brandgeruch mit sich.

»Den Mond sah ich blinken,
nun stirbt und vergeht er.
Ihr Wölfe, ihr Krähen,
Ihr hungernden Horden!
Was bringt euch der Norden
mit eisigem Wehen?«,

zitierte Raphaël leise ein viele Jahrhunderte altes Gedicht. Dann gab sich der junge Lyriker widerstrebend geschlagen. Nachdem er zögernd ein einziges Buch aus dem Koffer genommen und in die Tasche gesteckt hatte, ließ er sich von seinem Freund auf einen der beiden Schalensitze drängen. Der glatzköpfige Bildhauer quetschte sich zu ihm.

»Wenigstens meinen Verlaine brauche ich, ohne ihn zu leben lohnt sich nicht«, murmelte Raphaël beleidigt.

Fabia setzte sich zu den beiden und die Türen des Schwebers schlossen sich langsam. Zum Glück waren alle drei schlank genug, um nebeneinander in das kleine Fluggerät zu passen. Fabia hatte die Armfreiheit, sich über Puck mit der Steuerung zu verbinden. Der Schweber hob ab und die drei wurden nach links aufeinander gegen das Glas gedrückt, als der Flieger elegant über die Brüstung der Terrasse glitt und dann für etwa fünfhundert Meter scharf nach unten kippte, bis er auf halber Höhe des Wohnturms in den Leitstrom einschwenkte. Er ordnete sich in die unüberschaubare Vielzahl der Fluggeräte ein, die auf dieser Luftstraße zwischen den himmelhohen Gebäuden wie Forellen in einem Wildbach in alle Richtungen flitzten. Die Straßen unter ihnen waren schwarz von Menschen und Fahrzeugen, die alle durch die Häuserschluchten nach Osten unterwegs waren. In der Ferne sahen sie eine Flotte von unzähligen Fluchtbussen und fünf oder sechs gigantischen Flugkreuzern, von denen jeder über zehntausend Personen aufnehmen konnte. Mit ihnen wurden ganze Stadtviertel, Altenheime und Krankenhäuser in Sicherheit gebracht. Der logistische Aufwand, die Megapole innerhalb weniger Stunden zu evakuieren, war für einen Einzelnen unvorstellbar und konnte nur geleistet werden, weil das allgegenwärtige I-Net alles koordinierte und organisierte.

Fabia gab dem automatischen Piloten den Befehl, auf der von Sadie ausgetüftelten Route das weitläufige Universitätsgelände von Paris anzusteuern. Der von I-Nets Kontrolle abgekoppelte Schweber bog gehorsam an der nächsten Kreuzung ab.

»Wo willst du denn hin?«, fragte Leon. »Die Bunker und der Gare de l’est, von dem die Flüchtlingszüge Richtung der Deutschen Länder abfahren, liegen doch alle in östlicher Richtung. Bist du so sentimental und möchtest zum Abschluss noch einen kleinen Stadtrundflug machen?«

»Nein, ich will zur Uni. Dort werde ich kurz landen und aussteigen. Ihr könnt dann mit dem Schweber weiterfliegen, wohin ihr wollt. Das ist nur ein kleiner Umweg.«

Leon zog skeptisch einen Mundwinkel nach oben.

»Bist du dir sicher, dass du nicht lieber mit uns kommen willst? Nach den letzten Nachrichten, die ich von EDY empfangen habe, wird wahrscheinlich niemand, der in Paris zurückbleibt, diese Katastrophe überleben. Inzwischen gibt es wohl auch einen Countdown. Im Anschluss an den Impact des großen Mondbrockens im Atlantik, der nach den neuesten offiziellen Schätzungen 23:30 Uhr bevorsteht, wird uns die Flutwelle etwa eine Stunde später überschwemmen. Uns bleiben vielleicht noch dreizehn oder vierzehn Stunden. Wenn wir bis dahin nicht mindestens Frankfurt erreicht haben, werden wir von dem Tsunami erfasst werden und absaufen.«

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