Mánis Fall – Der Prolog zu Brautschau 10

or ihren Augen öffnete sich nun eine farbenfrohe, surreale Welt. Sie war voller vierdimensionaler, allein durch Blicke bewegbarer und beeinflussbarer Symbole und glitzernder Röhrenverbindungen, die wie zu Gordischen Knoten ineinander verwickelte Seile aussahen. Überall schwammen komplizierte Verteilerplatinen und annähernd menschenähnlich oder auch vollkommen abstrus geformte Körper durch den Äther des virtuellen Raums. Sie glänzten quecksilbern und waren ihren Robotervorbildern in der echten Welt nachgebildet. Es gab keine Himmelsrichtungen, kein Oben, kein Unten, auch kein Vorne oder Hinten und keine feste, fühlbare Materie. Die Dinge durchdrangen einander in diesem Miniaturuniversum, wechselten rasend schnell die Plätze, verschwanden und tauchten unvermutet an einer anderen Stelle wieder auf.

Für einen Außenstehenden war darin keine Logik oder Zielstrebigkeit zu erkennen, doch Cybernauten wie Fabia konnte die Dinge in ihrer Gesamtheit erfassen. Was sie im Cyberspace wie durch ein Kaleidoskop sah, war freilich nur eine Allegorie für die tatsächlichen Vorgänge im Prozessor des Rechnerpults. Die war eine nur auf den ersten Blick chaotische Welt, die sich allerdings immer wieder aufs Neue zu klaren, symmetrischen Strukturen und Arabesken von überwältigender Schönheit und Farbenpracht ordnete. In diesem künstlichen, dabei vollkommen lautlosen Raum fühlte sich die Studentin wohl. Err war ihr fast mehr Heimat als die laute Megapole Paris. Hier spielte ihr kränklicher Körper keine Rolle – im Gegensatz zur Realität begriff sie diese Welt und konnte sie beeinflussen. Sie hätte die uneingeschränkte Königin sein können, wenn es nicht die virtuellen Schlosswächter gegeben hätte, die sofort versuchten, sie beim weiteren Vordringen ins Herz des veralteten Steuersystems zu behindern.

Prompt versperrte ihr eine dem Polizei-goLEM Omega nachgebildete Firewall den Weg und erkundigte sich nach dem Grund ihrer Anwesenheit. Dabei hielt sie drohend ihren an der Spitze rot glühenden Waffenarm auf sie gerichtet. Fabia war nicht direkt in Gefahr, denn dieser Gegner existierte ja nur im virtuellen Raum. Im schlimmsten Fall bekam sie einen Stromstoß ab und würde anschließend recht schmerzhaft aus der Simulation geworfen werden. Sie hatte aber schon von Fällen gehört, bei denen bei Cybernauten nach einer Attacke durch ein Antivirenprogramm ernsthafte psychische Beschwerden zurückgeblieben waren. Es hatte während der Simulationen auch schon den einen oder anderen Herzinfarkt gegeben.

Solch eine durchaus wehrhafte, aber hoffnungslos veraltete Schutzroutine wie dieser Omega, der Fabia den Weg verstellte, war jedoch für eine erfahrene Cybernautin wie sie problemlos zu knacken. Da hatte die Kybernetikstudentin ihr Können schon an ganz anderen Bots erprobt. Sie konnten allerdings äußerst begriffsstutzig und hartnäckig sein; auch diese Eigenschaften hatten sie von ihren Originalen im echten Leben übernommen. Das Beste war, man überrumpelte sie. Die Kontaktaufnahme des Schutzprogramms, ohne den Eindringling sofort anzugreifen und zu versuchen, ihn aus dem Speicher zu löschen, war einer der Programmierfehler dieser martialischen, aber vollkommen veralteten Firewall. Sie gab Fabia dadurch ausreichend Zeit, zu reagieren. Während sie den vorgetäuschten Omega mit einer Unzahl unsinniger Anfragen spamte und seine Input-Funktionen überforderte, gelang es dem virtuellen Pendant ihres Omicron problemlos, ihn durch eine eingeschleuste Hintertür-Routine außer Funktion zu setzen. Der Wächter erstarrte und trudelte dann wie ein Gummiballon davon, aus dem durch ein Loch die Luft entweicht.

»War das schon alles?«, fragte sich die Cybernautin. »Das kommt mir fast zu einfach vor.«

Bevor sie den nächsten Schritt unternahm, schloss sie sich deshalb näher mit ihrem goLEM zusammen und errichtete um ihre beiden virtuellen Abbilder einen Schutzwall aus Schadcode. Keinen Augenblick zu früh! Denn nur einen Gedanken später wurden die beiden von einer Art Fluggeschwader angegriffen. Es waren Anti-Viren-Definitionen, die aber mangels Update so betagt waren, dass sie wirkungslos an der Hülle verpufften, die Fabia gebildet hatte. An einem anderen Tag hätte sie sich noch ein wenig mit den hilflosen Abwehrversuchen des Plattformsystems vergnügt und in seinen Speichern gewühlt, die sicher ein paar interessante Informationen enthielten. Aber sie hatte es eilig und übernahm nun rasch die Administrator-Rechte. Deren Passwort war durch einen so simplen Algorithmus verschlüsselt, dass Fabia fast Pucks Verachtung zu spüren glaubte, als er ihn lässig mit einer kurzen Brutforce-Attacke knackte. Damit drang sie endlich ungehindert in das Sanctuary, das innere Primärsystem der Software vor und forderte sofort einen Schweber an. Die KI baute gehorsam eine Verbindung zum Flug-Netzwerk auf. Tatsächlich hatte das I-Net den Schweberverkehr zwar eingeschränkt, aber es war kein Problem, eine noch in der Luft befindliche, leere Kugel, die eigentlich bereits auf dem Rückweg zu ihrer Garage war, zum Henri-Gouraud-Wohnturm umzuleiten. Fabia betete, dass ihre illegale Aktion im allgemeinen Chaos nicht weiter auffiel oder zumindest von I-Net als Nebensächlichkeit abgetan wurde.

Eigentlich hatte die junge Frau damit erreicht, was sie wollte, aber sie nutzte die Gelegenheit und sah sich doch noch ein wenig um. Über eine nur selten verwendete Subfrequenz des weltumspannenden Netzes gab sie verschlüsselt bekannt, dass sie momentan über die IP der Schweberplattform erreichbar war. Wie sie wusste, wurde diese Frequenz von den Citoyens abgehört und häufig für ihre Kommunikation benutzt. Vielleicht bekam sie ja Kontakt zu einem ihrer Freunde, der mehr über den Putsch der 2MC wusste. Tatsächlich materialisierte sich fast augenblicklich in der virtuellen Schaltzentrale der Plattform die Avatarin von Xaver Delande. Die bleiche Erscheinung mit den todtraurigen Augen trug etwas schäbige Frauenkleider aus der Mitte des 19. Jahrhunderts. Ihre dunkelroten Haare trug sie durch einen strengen Mittelscheitel geteilt und verbarg sie größtenteils unter einem Haubenhut, den sie unter ihrem Kinn mit einer Schleife festgebunden hatte. Sie sollte Jane Eyre darstellen, die neben der Beauvoir, George Sand und Lizzy Bennet zu den beliebtesten Hologramm-Figuren überhaupt zählte.

Der mit dem merkwürdigen und veralteten bayerischen Vornamen gestrafte Xaver – er war wahrscheinlich der einzige unter den Milliarden von Menschen auf der Erde, der noch so hieß – war nicht nur zweifelsfrei ein Mann, sondern er war zudem muskulös wie ein Ringer. Sah man mal von seiner ebenfalls roten Haarfarbe ab, wies er im echten Leben keinerlei Ähnlichkeit mit der Romanfigur der Charlotte Brontë auf. Aber eine solche hatte Fabia in ihrem virtuellen Dasein mit ihrem Sartre ja auch nicht. Xavers Zwillingsschwester Sadie war übrigens Fabias beste Freundin – auch wenn Sadie mit ihr um die Gunst von Samuel Rosenthal konkurrierte und dabei ebenso erfolglos war. Trotzdem oder vielleicht auch deshalb waren die beiden nicht nur im echten, sondern auch im virtuellen Leben unzertrennlich und verbrachten einen großen Teil ihrer Freizeit miteinander. So wunderte sich Fabia nicht, dass auch Sadies Avatar, der schwarzhaarige, düstere Heathcliff aus Wuthering Heights, prompt neben Jane Eyre auftauchte. Sadies Fachbereich war die Anglistik, die sie mehr prokrastinierte als studierte. Die beiden kannten sich über Professor Rosenthal, der ja sowohl Informatik-, als auch Shakespeare-Vorlesungen hielt. Sadie und ihr Bruder Xaver hatten schon vor Fabia zum kleinen Zirkel der streitbaren Citoyens gehört.

Jane Eyre und Heathcliff sahen sich neugierig um. Fabia war längst daran gewöhnt, dass ihre Freunde im virtuellen Raum Avatare des anderen Geschlechts benutzten. Das machten sehr viele Leute im Netz; es war ein Massenphänomen. Sie selbst versteckte sich ja auch hinter der Maske eines alten Mannes.

»Wo du dich überall herumtreibst. Das ist doch wirklich nicht die beste Gegend«, stellte Sadie etwas mokant fest. Ihr gut aussehender, dunkelhäutiger Avatar brachte diesen Gesichtsausdruck mit einem Lippenkräuseln hervorragend zum Ausdruck. »Aber es ist schön, von dir zu hören. Wir waren schon in ernsthafter Sorge.«

»Wir haben nur nicht allzu viel Zeit«, mischte sich Jane Eyre, also Xaver, ein. »Diese Verbindungsfrequenz wurde vorhin von EDY für Privatübermittlungen gesperrt und wird nun vom I-Net überwacht. Zuwiderhandlungen ziehen eine sofortige Internierung nach sich. Also, bevor unsere Firewall zusammenbricht und wir erwischt werden: Wo bist du? Wir befinden uns alle in Babel und warten auf dich. Ohne dich können wir hier nicht weiter machen!«

[<—Zum 9. Teil]                                                                                               [Zum 11. Teil —>]

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