Mánis Fall – Der Prolog zu Brautschau 12

fabia benötigte einen Moment, bis sie begriff. »Hast du dich etwa aktiv mit dem Netz verbunden? Verdammt noch mal«, fluchte sie, »kappe sofort die Verbindung! Solange deine Augreyes online sind, kann man uns problemlos aufspüren.«

»Ich bin kein Narr. Ich weiß, dass es höchst illegal ist, was wir da tun. Als wir in den Schweber geklettert sind, haben Raphaël und ich unsere Augreyes wieder komplett abgeschaltet. Wenn I-Net nach uns sieht, findet er nur deine Kontaktlinsen.«

Fabia atmete auf, aber ihr Instinkt warnte sie weiterhin. Sie kamen gut voran, doch irgendetwas stimmte nicht. Bisher ging alles viel zu gut. Sie hatte den Schweber eine kaum mehr befahrene Flugstraße hinaus aus den verstopften Routen der Flüchtlingsströme einschlagen lassen, die in einem weiten Bogen Richtung Innenstadt führte. Am Horizont tauchte die Seine auf, die als schmutziges, graues Band die Innenstadt in zwei Hälften zerschnitt. Die beiden mächtigen Val-d’Oise-Wohntürme kamen in Sicht. Fabia wies den Schweber an, Höhe zu gewinnen, damit sie einen besseren Überblick bekam.

In diesem Augenblick bestätigten sich ihre schlimmsten Befürchtungen:

Wie aus dem Nichts fielen von oben zwei wendige Polizeiflieger jäh herab und versperrten vor ihnen drohend den Weg. Der automatische Pilot reagierte sofort, stoppte pflichtschuldig und der Schweber ruhte bewegungslos vor den beiden anderen in der Luft.
»Verdammt! Verdammt! Verdammt«, wiederholte Fabia nach einer Schrecksekunde, denn im Moment fielen ihr keine weiteren Schimpfwörter ein. »Wo kommen die so plötzlich her?«

»Landen Sie sofort diesen gestohlenen Schweber, Bürgerin Fabia Winterfeld. Aufgrund Paragraph 20, Absatz 4 der vor 52 Minuten in Kraft getretenen Allgemeinen Notstandsverordnung sind wir gezwungen, sofort von unseren Waffen Gebrauch zu machen, wenn Sie sich dieser Anordnung widersetzen. Sie sind ein Mitglied der verbotenen Citoyen-Bewegung und wir werden Sie und eventuelle Begleiter jetzt wegen schweren Verstößen gegen die Artikel 217 b, 56 und 14 a der Ersten Allgemeinen Strafgesetze der Notstandsverordnung in unmittelbaren polizeilichen Gewahrsam nehmen.«

Aus dem Lautsprecher ihres Fluggeräts ertönte eine nüchterne Stimme, die eindeutig einem Omega gehörte. Das war einer der extrem engstirnigen, aber gefährlichen Polizei-goLEMs, der in Krisenzeiten die Befugnisse besaß, Recht zu sprechen und dieses sofort auszuüben. Der Roboter besaß sogar die Genehmigung, Plünderer und Rebellen auf der Stelle zu exekutieren. An ein Verhandeln mit einem Omega war nicht zu denken, das verhinderte seine Programmierung. Allerdings hatte es auch einen Vorteil, wenn sich unter den Polizisten auf den Schwebern nur goLEMs befanden. Ein Mensch – direkt mit einer Flugsteuerung verbunden – war jeder KI in Reflexen und Geschwindigkeit überlegen, zumal ihn keine Sicherheitsbeschränkungen behinderten. Fabias Gedanken rasten. Gab es einen Ausweg? Und woher kannte die Polizei überhaupt ihren Namen? Hatte sie doch einer ihrer Wegbegleiter verraten? Sie beschloss, diese Überlegung später wieder aufzunehmen. Jetzt gab es Wichtigeres.

»Haltet euch fest, das wird etwas holprig«, sagte Fabia und wies Puck an, heimlich die Notfallabschaltung des Schwebers zu überbrücken und das Kommando an sie zu übergeben. Sobald das Steuer auf ihre Handbewegungen reagierte und ihr ihre Augreyes mehrere Fluchtrouten einblendeten, ging sie in einen gemächlichen Sinkflug, als würde ihr automatischer Pilot noch arbeiten und der Aufforderung der Polizei gehorchen. Doch dann gab sie Gas. Fabias Mitfahrer sperrte noch panisch ihre Münder auf, als der Schweber mit erheblichem Tempo nach unten wegsackte, aber ihr gemeinsamer Angstschrei wurde von dem aufheulenden Motor übertönt.

Und hinab ging der trudelnde Sturzflug in die Tiefe, kreuzte vertikal ein paar der zum Glück nur wenig befahrenen Luftstraßen und tauchte dann knapp zwanzig Meter über dem Boden zwischen zwei eng beieinanderstehende Gebäude, wo Fabia durch tollkühne Flugmanöver versuchte, die Verfolger abzuhängen. Es gelang ihr nicht. Die künstlichen Piloten der Polizeischweber steuerten gedankenschnell und mit ebenso viel Todesverachtung wie die junge Frau, der sie ohne Probleme mit geringem Abstand auf dem halsbrecherischen Zickzack-Kurs durch das antike Stadtviertel Bezons folgten. Blaue Lichter kreisten um die Meridiane der Polizeiflieger und Puck bekam viel Arbeit, die Hackzugriffe der Omegas auf die Steuerkonsole des Schwebers zu unterbinden.

Weil der Motor aufs Äußerste gefordert wurde, wurde es in der Kabine trotz der Enge mit einem Mal eisig kalt. Fabias hektisch ausgestoßener Atem stand als Wolke vor ihr. Jetzt, knapp über dem Boden auf einer scheinbar willkürlich und zufällig gewählten Route dahinjagend, beschleunigte sie immer weiter, reizte den Motor bis zu seinen Grenzen aus. Der Steuerknüppel in ihrer Hand begann zu vibrieren und ließ sich kaum mehr von ihr beherrschen. Leon, der die Gefahr erkannte und wohl auch Fabias Vorhaben erahnte, legte seine Hand auf ihre und gemeinsam hielten sie den Schweber stabil und weiterhin unter Kontrolle. Von Puck von seinen Sicherheitsschranken befreit, war er fast dreihundert Stundenkilometer schnell, ein mörderisches Tempo, das alle in ihre Sitze drückte.

Dann hatte Fabia über die von ihren Augreyes eingeblendete Stadtkarte einen geeigneten Ort für ihren waghalsigen Plan gefunden. Nur auf diese Weise würde sie die Polizei abschütteln können. Sie bog noch zweimal ab – einmal trennte ihr Fluggefährt in der Kurve nur Zentimeter von der Hauswand – dann raste sie auf einen niedrigen Torbogen zu, der einen Eingang zu einer ausgedehnten Gartenanlage markierte, die dem alten Bois de Bologne nachempfunden war. Links und rechts von dem Tor erhoben sich massive Steinmauern. Selbstverständlich war es nur die zeitgenössische Kopie eines Triumphbogens aus der napoleonischen Zeit. Man hatte schon vor Langem alle übrig gebliebenen Antiken durch widerstandsfähige Repliken ersetzt. Manche von ihnen, wie die Glaspyramide im Innenhof des Louvres – der übrigens auch ein Nachbau war -, existierten nur noch als Hologramm. Fabia hätte es niemals gewagt, ein echtes, achthundert Jahre altes Relikt aus der bewegten Vergangenheit der Megapole auf diese Weise der Gefahr seiner Zerstörung auszusetzen. Doch sie lenkte den Schweber mit gutem Gewissen durch das aus nahezu unverwüstlichem Kunststoff nachgebildete Tor.

Es war ein heikles Kunststück, aber es gelang ihr perfekt, als hätte sie es seit ihrer Jugend geübt. Links und rechts blieben ihr zwischen dem Schweber und den Säulen vielleicht eine Armlänge Platz. Glücklich durch das Tor gezwängt, riss sie das Steuer scharf zu sich und bremste. Die Steuerung kreischte wie ein weidwundes Tier auf, gehorchte jedoch. Raphaël, nicht angeschnallt, weil die Kabine ja nur für zwei ausgelegt war, wurde von der Fliehkraft nach vorne geschleudert. Leon hielt ihn zwar am Kragen fest und und milderte dadurch den Fall des Dichters etwas ab, aber er schlug doch mit dem Gesicht gegen das Glas der Scheibe und holte sich eine blutige Nase. Wahrscheinlich hätte er sich den Hals gebrochen, wenn sich nicht die Notfall-Trägheitsdämpfung eingeschaltet hätte und den abrupten Bremsvorgang abpufferte.

Doch von diesem Schönheitsfehler abgesehen, war Fabias akrobatisches Flugmanöver ein voller Erfolg. Die Maschinenintelligenz in dem Polizeischweber, der wie eine Klette an ihr hing, war auf solch eine blitzartige Pirouette nicht vorbereitet. Während Fabia ihre gläserne Kugel in einer engen Aufwärtskurve elegant emporsteigen ließ, gelang es zwar dem ersten der Verfolger noch, ihr unbeschadet durch das Tor zu folgen, aber die anschließende scharfe Kehre schaffte er nicht mehr. Sein Wendekreis war um einige Meter breiter und das Fluggerät geriet dadurch in die Äste eines der Alleebäume, die den Kiesweg hinein in den Park säumten. Sich um sich selbst drehend stürzte der Polizeischweber in die üppigen Büsche, von denen eine empörte Wolke winziger Drohnen aufstieg, die auf allen landwirtschaftlichen Flächen die Bestäubungsarbeit der fast ausgestorbenen Bienen unterstützten.

Dem zweiten Polizeischiff erging es noch schlechter. Sein Pilot wollte den Fehler des anderen vermeiden und dem Triumphbogen in letzter Sekunde ausweichen, streifte aber eine der dorischen Säulen und explodierte in einem Feuerball, der ein Loch in die Gartenmauer sprengte. Zum Glück hielt sich kein Mensch in der Nähe auf.

[<—Zum 11. Teil]                                                                                           [Zum 13. Teil —>]

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