Mánis Fall – Der Prolog zu Brautschau 15

initialdem Tu-as-qu’à wurde die Zeit zu lang, in der ihn Fabia fachmännisch musterte. »Teile mir jetzt bitte die Art deines medizinischen Problems mit«, beharrte er. Fabia weckte Puck aus dem Standby und stellte ihn am Boden ab. Die beiden Kugelroboter begannen augenblicklich, sich über Funk über Fabias Krankenakte auszutauschen. Der goLEM der Studentin wirkte wie die Kinderspielzeug-Ausgabe des großen, fliegenden Gammas, aber dieser schien ihm trotzdem aufmerksam zu lauschen – auch wenn Fabia mit ihren ausgeschalteten Augreyes nichts von ihrer eifrigen Unterhaltung mitbekam. Etwas war an diesem Tu-as-qu’à anders als an den Medizinmaschinen, mit denen sie sonst zu tun hatte, bemerkte sie. Sie wusste nur nicht, was. Die Studentin hätte jetzt gerne seinem Sanctuary in der VR einen Besuch abgestattet. Doch dazu blieb keine Zeit und der war wahrscheinlich auch hervorragend abgesichert. Der Arzt unterbrach die Verbindung zu Fabias goLEM.

»Das ist keine Kritik an deinem Omicron µ-4598-76, der mir fundierte Informationen lieferte. Aber ich würde dich gerne noch einmal selbst untersuchen, Bürgerin Winterfeld. Bist du einverstanden?«

»Ja, ich stimme zu. Aber beeile dich bitte.« Sie hätte sich gerne noch länger mit dem Arzt unterhalten, alleine, um weiter seiner sonoren Stimme lauschen zu können. Puck an ihrer Seite murmelte stolz etwas Unverständliches.

Fabia schmunzelte, als sie sich unter dem grünen Untersuchungsstrahl des Gammas langsam einmal um sich selbst drehte. Wie wohl die Corp., die dem Professor seine Forschungsergebnisse und Patente gestohlen hatte, reagieren würde, wenn sie wüsste, dass er insgeheim schon viel, viel weiter war und in den Biorobotik-Laboren der Pariser Universität den ersten komplett menschenähnlichen Androiden geschaffen hatte, den er in einem Wortspiel nach dem shakespeareschen Waldgott aus dem ›Sommernachtstraum‹ Oberone getauft hatte. Wenn schon kein Gott, so sollte Ober-EINS unter den Normalsterblichen – auch den genoptimierten – zumindest ein Halbgott sein. Es war Fabias Aufgabe in Baruch Rosenthals kleinem Team, die KI des Androiden zu pflegen, zu testen und weiterzuentwickeln. Er sollte von ihr lernen – vor allem menschliche Verhaltensweisen. Die Studentin hatte inzwischen ein sonderbares, sehr intimes Verhältnis zu dem künstlichen Wesen aufgebaut. Es war ein verwirrendes Verhältnis, über das sie nicht näher nachdenken wollte. Oberone war vom Wissen und erstaunlicherweise auch vom zurückhaltenden, sich nur sehr langsam öffnenden Charakter her wie eine jüngere Ausgabe des Professors, in den sie verliebt war.

Der grüne Strahl erlosch.

»Bürgerin«, sagte der goLEM. Er klang sehr ernst und hatte tatsächlich eine wohldosierte Besorgnis in seine sonore Stimme gelegt. »Begib dich sofort zur Behandlungsliege. Du benötigst dringend meine ärztliche Hilfe.«

Hoffentlich informiert er jetzt nicht die Behörden, dachte Fabia. Aber das Rote Kreuz unterstand, wie sie wusste, keiner Regierungsstelle und schon gar nicht der 2MC. Deshalb war sie das Risiko eingegangen. Der Tu-as-qu’à schien auch tatsächlich nur an ihrem Zustand interessiert zu sein und hatte bisher keine Identifikationsnachweise von ihr gefordert.

Einer der dünnen Arme des Gammas klappte aus seiner Verankerung am Kugelkörper. Der Tu-as-qu’à klickte ungeduldig und deutete auf den hinteren Bereich der Station, an der einige mit kompliziertem medizinischem Gerät verbundene, funktionale Betten standen.

»Folge mir bitte«, sagte er und flog voran. Puck rollte ihm ungefragt wie ein Haustierchen hinterher. Fabia erkannte erleichtert einen Dialyseapparat neben einer der Patientenliegen. Sie kam gehorsam hinterher und setzte sich auf das Bett. Sie zog den Hoodie ihres verstorbenen Bruders aus, faltete ihn und legte ihn neben sich. Dann ließ sie sich von dem Tu-as-qu’à einen Shunt legen, über den er sie flink mit den Apparaturen der Notfall-Station verband. Bewundernd beobachtete sie seine professionelle und zielgerichtete Arbeit. Eigentlich war es unverantwortlich, solch eine wertvolle Technologie wie diesen Gamma einfach der Zerstörung oder irgendwelchen Plünderern zu überlassen, die – Weltuntergang hin, Armageddon her –, doch sicher bereits die evakuierten Gebäude und Einrichtungen nach Beute absuchten; auch wenn ein paar von ihnen bestimmt von den Polizeiomegas geschnappt und unter Anwendung der neuen 2MC-Gesetzgebung an Ort und Stelle standrechtlich exekutiert wurden. Hier im Univiertel der Sorbonne, zumindest im Umfeld der großen Bibliothek, schien jedoch vorerst noch alles ruhig zu sein. Erstaunlich genug …

Der Sanitäts-Lambda schwebte gelassen heran und hielt dabei mit seinen Ärmchen ein Tablett, auf dem er ein Glas mit milchiger Flüssigkeit und ein Kunststoffteller voller Kekse balancierte. Der goLEM war nur wenig größer als Puck und besaß die gleichen medizinischen Fähigkeiten, aber er konnte im Gegensatz zu Fabias Roboter fliegen. Als der Lambda über Puck hinweg glitt, richtete der seine Sensoren nach oben und schnatterte etwas Unverständliches. Fabia fragte sich, ob er in diesem Moment versteckt in den Maschen seiner neuronalen Netze Sehnsucht oder gar Neid empfand. Aber wahrscheinlich interpretierte sie wieder einmal viel zu viel in Pucks Reaktionen hinein und machte ihren kleinen Roboter humanoider, als er war.

»Du bist dehydriert und solltest auch eine Kleinigkeit essen«, sagte der Lambda und stellte das Tablett neben Fabia auf ein an der Liege angebrachtes Tischchen. Dann schwebte er wieder zurück zu seiner Ruhestation.

»Greif zu«, forderte der Tu-as-qu’à Fabia auf. Sie ließ sich nicht zweimal bitten, denn sie war wirklich durstig und hungrig. Seit ihrem verunglückten Frühstück am Morgen hatte sie nichts mehr zu sich genommen. Gehorsam leerte sie das Glas, dessen Inhalt angenehm kühl war und nach reinem, vielleicht ein wenig jodhaltigem Wasser schmeckte, aber sicherlich einen darin gelösten Medikamentenmix enthielt. Sie nahm sich auch eines der bröckligen Gebäckstücke. Es schmeckte nach nichts, aber schon nach wenigen Bissen setzte ein angenehmes Sättigungsgefühl ein. Sie lehnte sich vorsichtig auf der Liege zurück, schloss dann die Augen und überließ sich der Pflege des goLEMs. Er schwebte nun neben ihr und hatte sich über eines seiner Ärmchen mit der Konsole verbunden, die am Kopfende stand. Dabei summte er leise eine komplizierte Melodie, die Fabia bekannt vorkam, obwohl ihr nicht einfiel, wie das Lied hieß. Sie hätte ihre Augreyes wieder einschalten und im Netz suchen müssen, aber das erschien ihr zu gefährlich. Wie war es zu dieser Eigenart gekommen? Hatte die KI des Tu-as-qu’à sie eigenständig entwickelt? Wahrscheinlicher war es, dass für dieses Summen ein paar Codezeilen der ursprünglichen Programmierung verantwortlich waren. Schließlich war diese ja vom Professor entwickelt worden, dem das Hinzufügen solch einer kleinen Skurrilität durchaus zuzutrauen war. Baruch Rosenthal nannte dies eine „Prägung“. Ob wohl seine neuste, weiterentwickelte Schöpfung Ober-1 auch auf diese Weise von ihm „geprägt“ worden war? Sie kannte zumindest sämtliche Werke von Shakespeare und konnte diese mit unterschiedlichen Stimmen vortragen. Fabia hatte jedoch in ihrem täglichen Umgang mit dem Androiden bisher nichts in dieser Richtung feststellen können. Wahrscheinlich konnte Oberone singen; seine künstlichen Stimmbänder waren zumindest theoretisch dazu in der Lage. Sie musste das unbedingt bald untersuchen. Das wäre ein Thema für ihre Semesterarbeit.

Fasziniert lauschte Fabia weiter der eigenartig hypnotischen Musik des Tu-as-qu’à, die ihren Zweck erfüllte. Die Patientin atmete nun langsamer und regelmäßig, ihr rasender Geist beruhigte sich. Auch wenn ihre Furcht vor den nahenden Gefahren der Zukunft nicht nachließ, so rückte sie wenigstens für den Moment ein wenig aus dem Fokus. Zum ersten Mal seit ihrer überstürzten Flucht aus ihrer Wohnung fand sie ein wenig Ruhe. Wahrscheinlich hatte sich auch ein Beruhigungsmedikament in dem Getränk befunden.

»Aber ich muss aufpassen«, ging Fabia noch durch den Kopf. »Ich bin längst noch nicht in Sicherheit. Das ist die Ruhe vor dem Sturm.« Dann schlief sie ein.

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