Mánis Fall – Der Prolog zu Brautschau 14

anfDie habe ich schon«, lachte Fabia und musterte den Jailbreaker interessiert. »Ich habe schon von diesen Geräten gehört, aber es ist das erste Mal, dass ich eines sehe.« Sie war einen Augenblick unschlüssig, dann nickte sie zustimmend. Leon hielt ihr den Apparat kurz gegen die linke, dann gegen die rechte Schläfe und betätigte einen Schalter. Fabia blinzelte. Tatsächlich! Sie hatte keinen Kontakt mehr mit I-Net. Sie fühlte sich ein wenig verwirrt und einsam, aber sie wusste, das würde schnell vergehen. Es war schließlich nicht das erste Mal, dass ihre Augreyes-Verbindung zum großen Netz nicht funktionierte. Die Labore von Babel, in denen sie unter der Woche arbeitete, waren vollkommen nach außen abgeschirmt und besaßen ein autarkes Intranet, das von I-Net abgetrennt war und nicht auf die Augreyes zugriff. In Babel wurde noch mit der guten, alten Tastatur- und Mausmethode gearbeitet.

»So, das war es schon«, stellte Leon zufrieden fest. »Deine Augreyes sind heruntergefahren. Um sie wieder einschalten zu können, wirst du den Jailbreaker erneut benutzen müssen. Die Verkäuferin hat mir versichert, dass man damit sogar einen Gamma-goLEM ausschalten kann. Aber das habe ich selbstverständlich noch nicht ausprobiert.« Leon reichte ihr sein Hackerwerkzeug. »Nimm …«

»Das kann ich doch nicht annehmen. Brauchst du den Jailbreaker denn nicht selbst? Und ich kann dir das auch nicht bezahlen.«

»Nein. Raphaël und ich haben unsere Augreyes längst ausgeschaltet und ich glaube nicht, dass wir sie noch einmal einschalten müssen. In ein paar Stunden wird es kein I-Net mehr geben. Und dir könnte das Gerät vielleicht noch von Nutzen sein. Übertreibe es nur nicht.«

Da Fabia weiterhin zögerte, steckte er ihr den Jailbreaker einfach in die Tasche ihres nun viel zu warmen Hoodies und nickte ihr auffordernd zu. Der Bildhauer hatte recht; es war alles gesagt. Sie nahm ihren reglosen goLEM unter den Arm und ging mit so festen Schritten, wie sie ihr in ihrem Zustand möglich waren, auf die Notfall-Einrichtung zu. Sie wollte Stärke ausstrahlen und drehte sich nicht noch einmal um, weil ihr sonst wahrscheinlich die Tränen gekommen wären.

Leon sah ihr so lange hinterher, bis sie den Platz überquert hatte. Dann warf er einen letzten Blick hinauf in den leeren, grauen Himmel, über den nun merkwürdig gleichmäßige und runde Wolken zogen, die aus sich selbst heraus orange leuchteten. Sie glichen farbigen Ballons und wirkten auf ihn wie die Boten des nahenden Untergangs. Der Bildhauer hätte sie gerne mit seinen eigenen Händen aus Ton nachgeformt. Aber er würde wohl nicht mehr dazu kommen, seine Kunst noch einmal auszuüben. Auch wenn die Pariser bessere Chancen als die Einwohner der direkt an der Atlantikküste liegenden Megapole Marelona hatten, fühlte Leon im Gegensatz zu Fabia keinen Optimismus. Er hatte keinen Glauben, dass ausgerechnet er und sein Freund die Katastrophe in etwa zwölf Stunden überleben würden. Schließlich waren ja auch heute Morgen im Osten wieder die Kampfhandlungen mit der Indopazifischen Union aufgeflammt, die jederzeit ein nukleares Armageddon auslösen konnten. Was der Impact des Mondbrockens und der anschließende Tsunami nicht erledigen konnten, das schafften sicherlich die Atomwaffen der Kriegsparteien: Europa zwischen Scylla im Westen und Charybdis im Osten zu zerreiben. Vielleicht überstanden ja zumindest ein paar seiner Werke den Weltuntergang …

Raphaël rief ungeduldig nach ihm und er lief kopfschüttelnd zum Schweber zurück. Er war höchste Zeit, aufzubrechen und die dem Tode geweihte Stadt zu verlassen.

Fabia hatte inzwischen das Rote-Kreuz-Gebäude erreicht und legte ihre Hand auf die Glasfläche der Tür. Sie wurde gescannt und die Tür öffnete sich vor ihr. Die angenehm herunter gekühlte Luft aus der Klimaanlage der Krankenstation kam ihr einladend entgegen. Bevor sie eintrat, sah sie doch noch einmal zurück und dem emporsteigenden Schweber hinterher, bis er hinter einem der schlank wie eine Nadel in den Himmel stechenden Val-d’Oise-Türme verschwand. Der Abschied eben war für immer gewesen, das war auch ihr klar. Selbst wenn sie alle drei der großen Welle entkamen und rechtzeitig in die sicheren Gebiete im Westen gelangten, so würde doch das I-Net zusammenbrechen und sie sich in dem Chaos niemals wiederfinden, das gerade in den Deutschen Landen herrschen musste. Denn diese wurde ja von Milliarden von Menschen überschwemmt, die von den Küsten her ins Landesinnere flüchteten. Jetzt lief ihr doch eine Träne über die Wange. Leon, Raphaël und sie hätten gute Freunde werden können …

»Womit kann ich dir helfen, Bürgerin?«, wurde Fabias düstere Stimmung von einer einfühlsamen, besorgten und tiefen Stimme in ihrem Rücken unterbrochen. Achselzuckend wandte sie sich zurück und trat in das niedrige Gebäude, das aus einem einzigen, großen Raum bestand, der durch ein paar verschiebbare Wände in einen Empfang und eine Krankenstation unterteilt worden war. Hier hielten sich keine Menschen mehr auf. Im Hintergrund ruhten ein Sanitäts-Lambda und ein Arzt-goLEM in ihren Ladestationen. Der stachlige Kugelkörper des kybernetischen Arztes, der sich gerade beflissen nach ihren Wünschen erkundigt hatte, löste sich aus den Halteklammern. Er flog über einen lang gezogenen Tresen hinweg auf sie zu. Die medizinischen Robotereinheiten der Gamma-Reihe wurden im Volksmund wegen der Treffsicherheit ihrer Prognosen Tu-as-qu’à oder DO ASK genannt und erinnerten Fabia immer ein wenig an fliegende Seeigel, dessen Stacheln allerdings dünne Arme waren, die ein- und ausgefahren werden konnten und den unterschiedlichsten medizinischen Zwecken dienten. Außer dem Tu-as-qu’à, dem Lambda und ein paar der überall anzufindenden, spinnenähnlichen Reparaturdeltas, die im Hintergrund an den Wänden hingen und leicht auf ihren unzähligen kleinen Beinchen zitterten, befand sich niemand mehr in der Notfall-Einrichtung. Aber das hatte Fabia auch nicht erwartet. Sie hatte großes Glück, dass man die Station nicht versiegelt hatte.

»Ich werde dir helfen. Teile mir bitte die Art deines medizinischen Notfalls mit«, sagte der Tu-as-qu’à und schwebte nun direkt vor ihr in der Luft.

Wie die meisten goLEMs verdankte der beeindruckende Arztball sein merkwürdiges Aussehen nicht ästhetischen Überlegungen, sondern allein der Zweckmäßigkeit. Er hatte einen Durchmesser von gut einem Meter und konnte seine vielen Arme, von denen er allerdings fast alle eingeklappt hatte, bis zu zwei Metern Länge ausfahren und sah dann wie ein grotesk vergrößerter Virus aus. Er war in einem sanften Bogen herangeflogen und dabei etwas in die Höhe gestiegen, bis sich seine acht optischen Linsen, die knapp oberhalb des Kugelmeridians angebracht waren, in Fabias Augenhöhe befanden. Es war irritierend, von diesen acht fast menschlich wirkenden Augen mit ihrer grellgrünen Iris gemustert zu werden. Das war dem Arzt offenbar bewusst, denn er betrieb nur zwei von ihnen, durch die er einen erstaunlich intelligent und besorgt wirkenden Blick auf Fabia und ihren Omicron warf. Falls es den Tu-as-qu’à verwunderte, dass nach der Räumung der Sorbonne noch eine sichtlich angeschlagene Patientin mit einem kleinen goLEM unter dem Arm zu ihm hereinschneite, ließ er es sich nicht anmerken und keine Bemerkung darüber fallen.

Trotz der weltweit gültigen Roboter-Gesetze, die nach dem verheerenden KI-Aufstand im 23. Jahrhundert Verstand und Persönlichkeit künstlicher Intelligenzen strengen Obergrenzen unterwarfen, waren die Tu-as-qu‘à von der Mooncorp. mit der fortschrittlichsten und selbstständigsten KI-Programmierung ausgestattet worden, die es weltweit gab. Denn diese goLEMs mussten überall auf der Welt und auch im interplanetaren Raum an Orten, die ein menschlicher Arzt nicht erreichen konnte, neben ihren medizinischen auch psychologische und psychiatrische Aufgaben erledigen können. Die geistigen Fähigkeiten der Gammas übertrafen damit bei weitem die Möglichkeiten der durchschnittlichen und absichtlich »dumm« programmierten anderen goLEMs; Fabia schätzte die Tu-as-qu’à sogar für intelligenter und sozialkompetenter als die meisten Menschen ein, die sie kannte – sich selbst dabei eingeschlossen. Die Gammas waren eigentlich nur durch ihre eigenwillige äußere Form, die einseitige Codierung auf medizinische Zwecke und durch die Kontrollen des I-Nets beschränkt. Das Prinzip ihrer neuronalen Quantengehirne hatte übrigens Professor Rosenthal entwickelt, dem dafür einer seiner beiden Nobelpreise verliehen worden war.

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