Mánis Fall – Der Prolog zu Brautschau 16

ein Stich in den Hals weckte die Kranke. Der Tu-as-qu’à hatte ihr dort eine Injektion direkt in die Schlagader verabreicht. Es musste ein wirksames Aufputschmittel sein, denn sie war schlagartig wach. Wie lange hatte sie geschlafen? Ein paar Augenblicke? Länger? Sie hörte die Tür der Notfallstation zischen und schreckte hoch. Mehrere Personen kamen mit festem Schritt herein. Sie schreckte in die Höhe und bemerkte dabei dankbar, dass der künstliche Arzt ihren Shunt entfernt und die Wunde dort mit einem kleinen Pflaster überklebt hatte. Wahrscheinlich hätte sie noch länger schlafen und ausruhen sollen, aber die Situation hatte sich geändert und er hatte sie deshalb geweckt. Fabia war in Gefahr.

Sie nahm sich vor, ab jetzt keine Prognosen über die Zukunft mehr anzustellen, denn ihre Vorahnungen vor dem Einschlafen schienen selbsterfüllend gewesen zu sein. Drei Polizei-goLEMs drängten sich hintereinander durch den Eingang in das kleine Rotkreuz-Gebäude. Ihre tonnenförmigen Leiber waren so ausladend, dass sie den halben Wartebereich ausfüllten. Fabia duckte sich und rollte sich gleichzeitig von der Liege. Sie versuchte, sich hinter ihr zu verbergen. Aber dazu war es bereits zu spät. Die Omegas hatten sie längst entdeckt. Die Roboter, deren massive äußere Erscheinung nur entfernt an eine menschliche Gestalt und eher an eine Blechbüchse erinnerte, drehten ihre wie umgestülpte Eimer aussehenden Köpfe gleichzeitig zu ihr und kamen auf ihren dünnen, zerbrechlich wirkenden Beinen durch den Wartebereich stampfend näher. Der Vorderste von ihnen, der offenbar ihr Anführer war, hob seinen an der Spitze glühenden Waffenarm. Mit ihm konnte der goLEM feine, enorm gebündelte Laserstrahlen abschießen, die sich praktisch durch jedes Material und selbstverständlich auch durch den Körper eines Menschen fraßen, als würde er aus Butter bestehen. Puck rollte sich nach vorne vor den vorderen der Polizisten. Aus seinem Lautsprecher ertönte ein hohes, aufgeregtes Fiepen. Weshalb war er eingeschaltet? Doch der gefährliche goLEM ließ sich davon nicht aus dem Konzept bringen. Er trat einen weiteren Schritt nach vorn auf den Tresentisch des Empfangspults zu und kickte dabei Fabias kleinen Roboter wohl aus Versehen wie einen Fußball zur Seite. Puck flog ein Stück durch die Luft. Er landete scheppernd unter der Krankenliege und traute sich nicht mehr von dort hervor. Sein lautes Fiepen hatte sich in ein weinerliches Jaulen verwandelt.

»Bürgerin, ich benötige …«, setzte der bedrohliche Polizist an und zielte in Fabias Richtung. Die zitternde Studentin wusste, dass die Liege sie vor dem tödlichen Laserstrahl nicht schützen würde. Er konnte sich durch beinahe sämtliches Material hindurchfressen. Ihre Gedanken rasten. Gab es noch einen Fluchtweg? Sie konnte keinen entdecken. Doch da geschah etwas Überraschendes. Während der Tu-as-qu’à nicht von ihrer Seite wich und aufgeregt mit seinen Armen klickte, kam wieder Leben in den Sanitäts-Lambda. Er flog direkt vor den Anführer der Polizei-goLEMs.

»Omega φ-19364-89b!«, zischte er. »Du bist der Anführer deines Trupps. Teile mir bitte die Art deines medizinischen Notfalls mit.« Der Polizist ließ sich tatsächlich ablenken und wandte sich an den Sanitäter.

»Lambda λ-344-med. Du bist registriert. Dies ist eine vom Notstandsgesetz autorisierte Routinekontrolle. Bürger, die sich im Moment noch innerhalb der Sperrzone befinden, benötigen eine Sondergenehmigung der 2MC. Wenn diese nicht vorliegt, muss davon ausgegangen werden, dass es sich um Plünderer oder Terroristen handelt, die nach § 28 Absatz 2 von den Polizeikräften an Ort und Stelle zu exekutieren sind. Ich fordere dich auf, Lambda λ-3744-med., sofort den Weg freizumachen. Im Falle eines Widersetzens kann ich für deine Unversehrtheit nicht garantieren.«

»Nach den Artikeln der 2. Genfer Konvention ist das Rote Kreuz als nicht staatliche Organisation nicht an Notstandsverordnungen gebunden«, fuhr der Lambda unbeirrt von der nun auf ihn gerichteten Waffe fort. Auch er machte auf die in seinem Rücken kauernde Fabia den Eindruck, dass seine kognitiven Fähigkeiten weit über das hinausgingen, was ein Sanitätsgolem normalerweise besaß, wenn er in den 2MC-Werken vom Fließband rollte. Zumal es die ernst zu nehmende Gerüchte gab, in ihnen wäre eine Art von ›Solidaritäts-Chip‹ zum Mutterkonzern verbaut. »Die humanitäre Arbeit des Roten Kreuzes darf nicht be- oder gar verhindert werden. Ihre Einrichtungen haben einen speziellen Schutzstatus und dienen als sichere Asyl-Anlaufstellen. Sie stehen unter dem besonderen Schutz der Regierungen und der drei Machtblöcke.«

Der Polizist ließ sich von diesen Worten nicht beeindrucken. »Meine Truppe fahndet nach Plünderern und anderen Kriminellen. Unsere Befehle sind eindeutig, Lambda λ-3744-med. Dieser Personenkreis steht nicht unter dem Schutz der Genfer Konvention. Weitere Diskussion ist zwecklos und führt zu deiner Außerbetriebnahme. Tritt zur Seite, sonst bin ich gezwungen, auch gegen dich Gewalt anzuwenden. Absatz 4 des 28. Paragraphen der Notstandsverordnung berechtigt mich, Unterstützer von Verbrechern zu exekutieren. Solltest du weiterhin die Arbeit von mir und meiner Truppe behindern, werde ich von meiner Waffe Gebrauch machen.« Nun hoben auch die beiden Begleiter des Offizier-goLEMs ihre Waffenarme.

»Ich protestiere …«

»Ist schon gut, Lambda«, sagte Fabia, die das Gerede leid war und sah, wohin es führte. Ihr Spiel war vorbei. Sie richtete sich mit erhobenen Armen hinter der Liege auf. In einer Hand hielt sie dabei bereits ihren Jailbreaker. Sofort richteten sich alle Waffen auf sie. »Ich weiß, wann ich verloren habe.«

Dabei warf sie einen lächelnden Blick über die Schultern der beiden hinteren Omegas, die zwei Schritte hinter der Tür standen und diesen Fluchtweg für sie versperrten. Sie hatte dort etwas entdeckt, das ihr Zuversicht gab. Die beiden würden bei dem nun bevorstehenden Kampf kein Problem mehr darstellen. Ihr vor ihnen stehender Hauptmann und der Tresen behinderten ihr Schussfeld. Sorgen machte ihr nur der Offizier, dem wohl ein paar Sekunden zum Handeln bleiben würden, bevor sie an ihn herankam und ihn außer Gefecht setzen konnte – falls das Gerät, das ihr Leon überlassen hatte, bei ihm überhaupt funktionierte. Sie blickte auf den Arzt, der die Lage richtig einschätzte und etwas zur Seite wich, als würde er sich ebenfalls geschlagen geben. Auch der Lambda wich etwas zurück. Die grünen Lämpchen in seinem Hinterkopf blinkten eifrig. Bestimmt war er in regem Funkaustausch mit dem Tu-as-qu’à und wahrscheinlich auch mit Puck.

»Bürgerin. Im Namen der 2MC verhafte …«, setzte der Omega an. Weiter kam er nicht, denn nun ging alles sehr schnell. Viele Dinge geschahen gleichzeitig. Puck, der sich still und heimlich hinter den Hauptmann gerollt hatte, und sich nun direkt zwischen dessen dünnen Beinchen befand, die der einzige Schwachpunkt der quecksilberfarbenen Ritterrüstung des Polizeioffiziers waren, schrie lauf auf:

»Alarm!« Seine enervierende Sirene schlug an. Der Sanitäts-Lambda machte zugleich einen Satz nach vorne, auf den Omega zu. Dieser wollte einen Schritt zurückweichen und stolperte dabei prompt über den Kugelkörper von Puck. Er kam nicht ins Fallen, war aber gefährlich aus dem Gleichgewicht. Seine Zwei-Meter-Gestalt schwankte. Er eröffnete sogleich das Feuer. Sein roter Laserstrahl traf den Lambda, der nach hinten trudelte. Auch die andern Polizeiroboter schossen über die Theke hinweg. Doch ihre Attacke ging ins Leere, da Fabia losgerannt längst war und einen Haken um den Tresen machte. Dann stieß sie mit aller Wucht, die ihr zur Verfügung stand, mit dem Polizisten zusammen. Die beiden fielen Seite an Seite auf den Boden. Dröhnend schlug der Omega auf den Fliesen auf. Puck brachte sich gerade noch rechtzeitig in Sicherheit, bevor er unter seinem Tonnengewicht begraben wurde.

Noch bevor der überraschte Polizist seinen Waffenarm herumreißen und sich wieder aufrichten konnte, war für ihn alles vorbei: Fabia drückte den auf die höchste Stufe eingestellten Jailbreaker an den Blecheimerkopf des Polizeiroboters und betätigte den Auslöser. Der extreme elektromagnetische Impuls, der auch Menschen außer Gefecht setzen konnte, funktionierte bei dem goLEM ebenso zuverlässig wie bei Fabias Augreyes. Der Roboter war von einem Sekundenbruchteil auf den anderen außer Funktion. Er erstarrte. Die leuchtende Spitze an seinem Waffenarm und die Lichter in seinem Eimerkopf erloschen.

Fabia rollte sich herum, um auszuweichen, falls die anderen Lambdas noch auf sie feuerten. Doch das war nicht mehr nötig. Triumphierend richtete sie sich auf. In der Tür stand ein Mann über den beiden am Boden liegenden anderen Polizeirobotern, deren Köpfe eingeschlagen waren. Er hielt einen großen Geißfuß in Händen, mit dem er die beiden erledigt hatte.

 

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