Karukora erwacht

uch wenn es nahezu jeder Bewohner des Juwels der Wüste anders empfunden und sich das tägliche Wunder fast nicht mehr erhofft hatte: Selbst diese längste aller Nächte, die über das Maß hinaus von Schrecknissen, Gewalttaten und Mord angefüllt gewesen war, selbst sie hatte schließlich wie jede Nacht auf Erden ein Ende – auch wenn es sich so angefühlt hatte, als würde ihre Schwärze und Kälte so ewig wie der Tod währen. Schließlich tauchte die Sonne doch noch strahlend am wolkenlosen, östlichen Firma­ment über der fernen, durch die Luftspiegelungen viel näher wirkenden und bereits in der Hitze schwimmenden Hügelkette auf, die die Grenze zu den Ebenen des ewigen Kriegs markierte. Und die Sonne tat, was sie treu und zu­verlässig an jedem neuen Morgen machte, den die Allerbarmende in ihrer Großmut ihren sündigen Geschöpfen noch gewähren wollte. Zögernd erst, aber dann machtgewohnt und gelassen kletterte das Tagesgestirn während seiner Wanderung gemächlich über dem Hori­zont der Toten Wüste empor und hinauf in den Zenit. Sie würde dies bis ans Ende aller Tage tun; bis in nicht mehr allzu ferner Zukunft der schwarze Máni auf seinen Platz am Himmel zurückkehren und mit sei­nem Zorn allem Leben ein brennendes und qualvolles Ende bereiten würde. So lange würde die Sonne weiterhin ihre wabernde Gluthitze auf Karukora und die umliegenden Wüsteneien herabsenden und über Guten und Bösen, Armen und Reichen und Alten und Jungen gleichermaßen scheinen.

Die Sonne vertrieb die Finsternis, aber nicht die Sorgen der Bürger der Wüstenstadt. Es war den Gassen, Häusern, Tempelanlagen und auch dem elfenbeinernen Palast selbst nicht anzumerken, dass an diesem Morgen alles anders war als nur fünfundzwanzig Stunden zuvor. Doch in der Stadt herrschte eine Stille, als hätte sie in der Nacht ihren Platz mit Tudas‘Tel ge­wechselt, der verfluchten Friedhofsstadt im Weichbild von Nearoma; der Heimstätte der Dämonen und Toten, die nur wenige tollkühne Abenteurer und Grabräuber zu betreten wagten und die kaum einer von ihnen wieder lebendig verlassen hatte. Die Sonnen­strahlen erhellten inzwischen auch noch die letzten Winkel der Straßen und Plätze, die großen Märkte, die tausend Brücken über den Syris, die Gärten, Balkone und Hinterhöfe der ziegelroten Gebäude und die üppigen Wohnstätten der Reichen, doch nirgendwo fanden sie eine lebende Seele vor. Selbst die vielen Straßenköter, die vor allem in den handtuchbreiten Gässlein und übereinandergestapelten Hütten des Armen­viertels Hamdala eine Plage waren, hatten sich in den finsteren Löchern und Verschlägen versteckt, die sie mit manchem grindigen Bettler und hustenden Straßenkindern teilten. Auch Karuko­ras wohlhabendere Bürger hatten sich wie diese Hunde in ihre Behau­sungen zurückgezogen, hinein in die stickige Luft ihrer Häuser und Woh­nungen. Die Fensterläden waren fest verschlossen, die Türen verrammelt und verriegelt. Kein Kaufmann und kein Handwerker hat­te am Morgen seinen Laden geöffnet, niemand saß auf den Stühlen vor den Kav–Schenken und die Bazaare waren wie leer­gefegt. Die Priesterinnen der Tränenreichen hielten keine Gottesdienste ab, und die Vorbeter schwiegen. Nirgendwo genoss jemand die Frische und den Tau des frühen Tag in den Parkanlagen. Keiner bettelte auf den öffentlichen Plätzen, es kehrten keine übermüdeten Nachtschwärmer in ihren Sänften von ihren Vergnügungen heim und kein Schüler eilte verspätet zum Unterricht. Kein Wagen rumpelte über die Pflas­ter, kein Stocherkahn befuhr den Syris und kein Dampfer tuckerte den Marat hinab. Die Stadt hielt den Atem an und verbarg sich ängstlich vor der Sonne.

Die gewaltigen Maratschleusen, die flussabwärts hinter der Stadt lagen, waren noch vor Morgengrauen mit den schweren, baumstammdicken Ketten ihrer zwei Zoll­schrankentürme gesichert worden und verhinderten den kompletten Schiffsverkehr auf dem Strom, der sich nördlich bis zu den Anlegestellen bei den Zuckerrohrplantagen von Herfis staute. Auch der Fähr– und Bootsbetrieb im großen Hafen von Karukora war fast vollkommen zum Erliegen gekommen, so dass die beiden Stadtviertel Karus und das am östlichen Marat-ufer liegende Korus wie während einer Pocken–Quarantäne voneinander getrennt waren. Auch das Freihandelszentrum auf der großen Flussinsel Gidabé konnte man von Karus aus praktisch nicht mehr erreichen. Für die Bewohner der Stadt war die gewaltige überdachte „Fünfzig–Vogelseelen“–Wehrbrücke, die ein Teil des nördlichen Schanzmauerrings bildete, nahezu die einzige Möglichkeit, von der einen Seite des Juwels der Wüste auf die andere zu wechseln. Auch wenn sich niemand auf die Straßen traute, waren die Brücke wie auch die fünf großen Karawanentore auf Befehl des Namenlosen versperrt worden und wurden von Treuwächtern und Sbirren streng überwacht. Niemand konnte diese Ausgänge aus der Stadt benutzen, der sich nicht peinlich genau nach seinem Woher und Wohin befragen und sich zudem einer strengen körperlichen Untersuchung unterziehen lassen wollte.

Zudem war die über zwei Meilen lange und 120 Fuß breite „Fünfzig–Vogelseelen“–Brücke über den Fluss – ein architektonisches Wunderwerk aus der späten Adin–Dynastie – von Legionen von Soldaten und einem langen Militärtross verstopft, die gemeinsam und hastig dem Exerzierplatz hinter dem Ambra–Tor zustrebten, der nur zwei Murlansprünge von der dahinter liegenden Alhaşra–Karawanserei entfernt lag. Auf diesem Marsfeld sammelten sich unter dem Oberkommando des Ser’Asker Paşa Ultem seit dem Morgengrauen zwei große Heeresabteilungen und errichteten ein provisorisches Militärlager. Der oberste General des „Unterwerfers“ organsierte dort nicht nur seine fünftausend Kamelreiter und einhundert mit jeweils zehn Kriegern und einem Mahut besetzte Kriegsmachmouts, sondern zog aus den vier Kasernen rund um die Stadt auch fast doppelt so viele Fußsoldaten und einen fünfhundert Mann starken Elitetrupp Treuwächter zusammen. Auf Befehl des Namenlosen bereitete er alles für den Feldzug seines Herrschers vor, der am nächsten Morgen beginnen sollte. Es waren Boten nach den am Südmeer gelegenen Hafenstädten Aptera und Fasyd as Lindmar unterwegs, um von den dortigen Garnisonen weitere Truppen abzurufen, die in Eilmärschen folgen sollten. Wenn alles nach Plan lief, würden diese Grenztruppen in ein zwei Wochen zum Hauptheereszug aufschließen, bevor dieser mit ihnen gemeinsam das Ringgebirge überwinden sollte, das die Tote Wüste von dem Krater trennte, in dem sich die Ebenen des Ewigen Krieges ausbreiteten. Auf dem Exerzierplatz bildete sich in diesen Morgenstunden die größte Armee, die die Menschen der Wüstenregionen der Überlebenden Lande seit der Schlacht der vierzigtausend Seelen vor fast einhundert Jahren erblickt hatten.

Als bei Aufgang der Sonne endlich auch der kleine Trupp um Juel und Selin die Innereien des ElfenbeinPalastes und die große Kaverne über einen Kanalschacht und durch eine geheime Falltür in einer verfallenen Schmiede in der Nähe des Karushafens verließ, erschien es für die Flüchtigen also unmöglich, das verschlossene Karukora zu verlassen und Sirtis und Tonino in der von Militär beinahe umzingelten Karawanserei zu erreichen, die ja auf der anderen Seite des breiten Stroms lag. Doch Jalah hatte sich am Vorabend gut auf diesen Morgen vorbereitet und konnte sich der Hilfe ihrer „Flinken Finger“ sicher sein.

(Auszug aus „Die Verliese des Elfenbeinernen Palastes“)

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