Eine Flucht ins Ungewisse

er Tod holte auf. Gegen Mittag verwandelte sich der eisige Regen übergangs­los in ein dich­tes Schneetreiben. Erbarmungslos trieb der Sturm nun dicke, feuchte Flocken fast waagerecht vor sich her. Er schleuderte sie mit aller Gewalt den drei Fliehenden entgegen. Sie konnten keine zehn Fuß weit sehen auf ihrer schmalen und rutschigen Felsenstufe mitten im Nichts der fast senkrecht aufragenden Nord­flanke des menschenfeindli­chen Berges Gynashort.

Es grenzte an ein Wunder, dass keiner von ihnen aus­glitt und sie gemeinsam in die wolkenverhangene Tryas-Schlucht stürzten, von deren bodenlosem Ab­grund sie oft nur eine Un­achtsamkeit und ein Stolpern trennte.

Die schweigsame Sakket ging vorsichtig voran. Sie tastete sich mit der rechten Hand am glitschigen, nas­sen Felsen entlang, während sie die andere schützend vor ihr Gesicht hielt. Durch ein Seil mit ihr verbunden folgte drei Schritte dahinter Erson. Den Abschluss bil­dete Idris Henk Baldaar. Ihn hatte noch im Verbotenen Tal ein auf gut Glück abge­schossener Pfeil eines ihrer hartnäckigen Verfolger knapp unter dem rechten Schulterblatt getroffen und schwer ver­wundet. Erson hatte den Schaft zwar auf der Stelle direkt oberhalb der Wunde abgebrochen und diese dann notdürftig ver­bunden, aber es war nicht die Zeit geblieben, die mit Wi­derhaken versetzte Pfeilspitze mit dem Messer her­auszuschneiden. Er hatte auch nicht die chirurgischen Kenntnisse, solch eine Operation sauber durchzufüh­ren. Deshalb drang die Pfeilspitze mit jeder Bewegung tiefer in Idris‘ Fleisch und dieser gutmütige Bär von einem Mann litt gewaltige Schmerzen. Er trug sie wortlos und mit stoischer Miene.

Allerdings wurde der Schritt von Idris mit jeder Stun­de un­sicherer. Seine Begleiter und er tasteten sich des­halb immer langsamer auf der manchmal nur einen Fuß schmalen, zu­dem bröckligen Felsenstufe zwischen Himmel und Hölle weiter, von der die Gejagten hofften, dass sie ein Weg hinauf aufs Gipfelplateau und nicht nur eine weitere Sackgasse war. Sie kamen langsamer voran, als ihnen lieb war. Schließlich konnte jederzeit wieder einer ihrer Verfolger in ihrem Rücken auftau­chen; einer der blutrünstigen Barbaren des Nordens, die sich selbst so trefflich Tudasgarda, der „Tod aus dem Himmel“, nannten. Weil das Freundestrio sich heimlich in die Tabuzone ihres heiligen Berges Gynas­hort gewagt hatte und sie dabei von einem Späher er­tappt wor­den waren, jagte ein Trupp der besten Männer der Tudas­garda hinter ihnen her. Diese Elite­krieger hießen bei ihrem Volk, das ein primitives Wen­disch sprach, Kling’Arta, also „Himmelskrieger“. Sie verfolgten die drei Eindringlinge be­reits seit vier Tagen erbarmungslos durch die Wälder und über die Felsen. Und sie kamen immer näher! Manchmal meinte Erson, er könne bereits ihren keuchenden Atem in seinem Nacken spüren. Er drehte immer häufiger seinen Kopf nach hinten, versuchte, mit seinen Blicken den dichten Nebel zu durchdringen, der sich nur wenige Schritte hinter ihm und Idris wieder wie ein grauer Vorhang über den Weg schob. Der Ausblick nach vorn war der­selbe: Die Flüchtigen waren gefangen in einer Welt aus waberndem, eisigem Dampf und feuchtem Schneetrei­ben, aus der ihnen in jedem Mo­ment der Tod entgegen­treten konnte. So viele Arten zu ster­ben gab es auf dem Gynashort und nur eine, am Leben zu bleiben.

Es war nicht das erste Mal, dass der verlockende Be­richt von Henne, dem Biberjäger, Sakket, Erson und Idris dazu verlei­tet hatte, sich heimlich und vorsichtig dem himmelhohen Massiv inmitten des unwegsamen Rauen Gebirges zu nä­hern und sich in die verbotenen Jagdgebiete der grimmigen Tudasgarda, die ihr Land rund um den Gynashort eifersüch­tig bewachten, zu schleichen. Glaubte man Hennes Erzäh­lungen, dann barg der mächtige Berg in seinem Inneren die verbor­gene alte Stadt Bridon und ihre unvorstellbaren Schät­ze. Nie war es ihnen jedoch gelungen, einen Aufstieg auf den Gipfel und den Weg zu der alten Königsburg zu finden. Wie­der und wieder hatten sie unverrichteter Dinge und mit lee­ren Beuteln in ihre von Kanälen ge­musterte Heimatstadt Garda heimkehren und sich dem Spott ihrer im warmen Nest der Lahmen Curie zurückgebliebenen Kumpane stellen müssen.

Diese ständigen Grenzverletzungen konnten auf die Dauer nicht gutgehen und dieses Mal waren die drei Schatzjäger von einer Gruppe Himmelskrieger ertappt worden – gerade als die Gefährten endlich von weitem einen vielversprechen­den Pfad den Nordhang hinauf entdeckt hatten; ganz wie es ihnen vom alten Henne versprochen worden war. Seitdem hetzten sie nun schon auf der Flucht diesen Saumpfad empor und hat­ten längst das Ende ihrer Kräfte, aber nicht das Ende des Weges erreicht. Wenn sie nicht bald den Gipfel des Gynashorts und damit einen Ort betraten, den die Tu­dasgarda nach den Worten des Jägers angeblich nicht zu be­treten wagten, da sich dort der von ihren grauen­vollen Dai­mona bewachte Eingang zu der sagenhaften Stadt befand, dann würden über kurz die abgeschnitte­nen Köpfe der drei auf Pfähle gespießt den Tabor der Barbaren zieren und ihre Herzen bei einem ihrer grau­sigen Festmahle als Speise für die tapfersten der Krie­ger dienen.

„Halt!“, rief Erson und stemmte sich gegen den Fels. Er griff das Seil fester, das an seinem Gürtel befestigt war und ihn plötzlich nach hinten zog. Der verwundete Idris war an einer etwas breiteren Stelle erneut ins Stolpern geraten und nur seine Verbindung mit den an­deren hatte verhindert, dass er in die Schlucht stürzte. So kippte er, von Ersons Kraftakt ge­zwungen, auf die andere Seite gegen einen großen Felsblock, rutschte langsam an ihm zu Boden. Er rang dort pfeifend um Atem, der als dichte Wolke über seiner vermummten, in sich zusammengekauerten Gestalt stand. Sakket kam besorgt zu­rück, wollte sich an Erson vorbei quet­schen. Er versperrte ihr den Weg.
„Wir müssen weiter! Wir können nicht schon wieder pausie­ren“, drängte die gertenschlanke Frau. Erson sah sie mit ei­ner seltsamen Miene an und schüttelte den Kopf. Auch wenn er es noch nicht wahrhaben woll­te: Die Flucht war vorbei, hier und jetzt. Idris würde keine fünfzig Fuß mehr weiter gehen können. Wenn er sich überhaupt noch einmal erhob. Sakket erwiderte den Blick ihres Freundes, der ihr wie ein Bruder war. Sie kannte den dicken Erson schon seit den Ta­gen ihrer gemeinsamen Kindheit im düsteren Waisenhaus der Gemeinschaft der Leidenden Gene in Garda und ver­stand ihn auch ohne Worte. Die Zeit für eine verzwei­felte Entscheidung war gekommen und nur Sakket hatte von den Gefährten die Entschlossenheit, sich ihr zu stellen. Sie war eine geborene Anführerin und die treibende Kraft der klei­nen Gruppe. Sie drückte sich an Erson vorbei und beugte sich zu Idris hinab, sprach aufmunternd auf ihn ein.

Aber er reagierte nicht. Erst als Sakket einen Hand­schuh abstreifte und mit ihrer bloßen Hand die Wange des Verletz­ten berührte, bewegte er sich, hustete. Dann schien er sich zu fangen und kam wieder etwas zu sich. Trotzig schob er seine Kapuze vom kahlen Schädel und sah auf. Seine großen braunen Augen, die Sakket im­mer an den Blick eines treuen Hundes erinnerten – so überrascht und sanftmütig blickte ihr großer Freund in die Welt – ruhten sanft und fast mitlei­dig auf dem Mäd­chen, das er wie auch Erson heimlich liebte. Er hatte nie viel von diesen Schatzsuchen gehalten und nur ihr zuliebe an ihnen teilgenommen, weil er Sakket be­schützen und in ihrer Nähe sein wollte.

„Es geht nicht mehr“, stellte Idris nüchtern fest. „Hier ist mein Pfad zu Ende.“

Seine Stimme klang entschlossen. Auch Erson trat nun her­an, schob einen Arm hinter die Schulter von Idris und richte­te ihn ein wenig auf, weil er ihm das Atmen erleichtern woll­te. Dabei hob er den Mantel sei­nes Freundes leicht an und spähte nach dem Verband über dessen Wunde. Er klebte vollgesogen von feuch­tem, frischem Blut, das das starke Herz seines Freun­des großzügig aus der schweren Verlet­zung am Rücken pumpte. Es war ein Wunder, dass Idris es überhaupt bis hierher geschafft hatte. Bei dieser großen Wunde und dem Blutverlust hätte er eigentlich schon seit ei­nem Tag tot sein müssen.

„Komm, mein Freund“, sprach Erson wider besseren Wissens ihm und wohl auch sich selbst Mut zu, „es ist nicht mehr weit, denke ich, vielleicht noch einen Fur­long. Ich werde dich tragen.“ Idris musterte überrascht den kleinen, untersetzten Mann, mit dem er so viele Abenteuer erlebt hatte. Dann lachte er schallend.

„Vergiss es. Du kannst doch nicht einmal einen vollen Bier­krug stemmen!“ Idris‘ Lachen ging in ein gequältes Husten über und sein Gesicht verzerrte sich unter den Schmerzen. „Nein, hört: Ihr müsst mich zurücklassen. Vielleicht kann ich unsere Verfolger ein wenig aufhal­ten und euch etwas mehr Zeit verschaffen. Dann hätte das alles einen Sinn.“

Er tastete nach seiner Pistole, die er in einer Tasche an sei­nem Gürtel trug. Die kleine, schmale Waffe ver­schwand fast in seiner an Bärentatzen erinnernden Hand, die seltsamer­weise sechs Finger hatte. Er richte­te sich unterstützt von seinen Gefährten weiter auf, lehnte nun halb gegen den Fel­sen. Er spuckte Blut aus.

„Idris Henk Baldaar!“, rief Sakket vorwurfsvoll den ganzen Namen ihres Freundes. So sprach sie ihn nur an, wenn sie wütend auf ihn war. „Das machen wir auf keinen Fall! Wir schaffen es alle gemeinsam!“

„Weißt du nicht mehr? Wir drei oder keiner“, wurde sie von Erson unterstützt. Idris schüttelte müde seine Glatze und deutete mit einem ironischen Blick zurück.

„Diese Entscheidung müssen wir nicht mehr treffen“, sagte er. Gleichzeitig war ein triumphierendes Heulen zu hören. Sakket und Erson zuckten zusammen und wirbelten herum. Durch ein mutwilliges Spiel des Sturms rissen für einen kur­zen Moment die dicken Schneewolken auf, zerfaserten über dem schwindeler­regenden Abgrund. Tatsächlich verirrte sich ein verlo­rener Sonnenstrahl hinab auf das schmale Fels­band. Die Sicht hinunter wurde plötzlich besser und man konnte ein langes Stück des Weges zurückblicken, den die drei geflohen waren. Erst jetzt bemerkten sie, wie hoch sie schon waren; ihr Pfad hatte sie schon viele Furlong über den Talgrund hinauf geführt. Und auf diesem engen Weg rann­ten ihnen auch weiterhin ihre Verfolger hinterher! Sie waren noch immer ihrer Beute auf der Spur.

Nur wenige hundert Fuß hinter und zwei Serpentinen unter ihnen kamen fünf, nein, sechs Krieger der Tudas­garda eilig näher. Wie Schweißhunde hetzten sie den Pfad entlang, missachteten dabei die Gefahren des schmalen Felsenab­satzes. Endlich hatten sie ihre Jagd­beute entdeckt und es war ihr vielstimmiger, zufriede­ner Ruf, der zu den dreien her­auf klang. Die Himmels­krieger beschleunigten noch ihr Tempo und kamen in halsbrecherischer Geschwindigkeit her­an, gerieten dann jedoch an der Bergflanke aus dem Blickfeld der wie zu Eis erstarrten Gejagten, weil der Pfad einen Bo­gen in einen kleinen Tobel machte, den ein Wasser­fall an dieser Stelle in den Fels gegraben hatte. Erson wuss­te noch, dass dort viel lockeres Geröll und Splitt über den Weg gerutscht war und die Stelle zusammen mit dem von oben herabstürzenden Wasser nur schwer begehbar machte; vor allem, wenn man wie die Tudas­garda kein festes Schuh­werk, sondern nur zusammen­gebundene Lederstreifen an den Füßen trug. Aber bald würden die furchterregenden Krieger wieder aus dem Einschnitt im Felsen auftauchen und dann gerieten Sakket, Erson und Idris in die Reichweite ihrer tod­bringenden Pfeile und den Bolzen ihrer Armbrüste. Den Gefährten blieben nur noch wenige Augenblicke.
Idris fingerte an dem feuchten Knoten, mit dem das Siche­rungsseil an seinem Gürtel befestigt war, das ihn mit den anderen verband. Seinen klammen Fingern ge­lang es nicht, ihn zu lösen.

„Bei Inets brennendem Schwanz! Vielleicht wollt ihr mir mal helfen?“, fluchte er. „Was wartet ihr noch? Ich bin der einzi­ge, der eine Waffe besitzt, auch wenn sie nur ein Spielzeug ist. Verdammt!“

Erson wurde rot. Dass die drei ihre Jagdflinte verlo­ren hat­ten, war seine Schuld gewesen. Er hatte unge­schickt nach ihr gegriffen. Dabei war sie ihm aus den feuchten Fingern geglitten und unwiederbringlich in eine tiefe Felsspalte ge­rutscht.

„Niemals“, antwortete er trotzig, aber da hatte Sakket schon kurzentschlossen ihr Messer gezogen und schnitt einfach das Führungsseil durch, an dem Idris verzwei­felt zerrte.

„Was …?“ Ohne auf seinen Protest zu achten, packte sie Er­son am Oberarm, zog ihn zurück, weg von seinem Freund. Ihr Griff war kraftvoll und zwingend. Sie nick­te Idris auf­munternd zu, der sich nun hinter dem nied­rigen Felsen eine Deckung suchte und mit seiner Pisto­le in die Nebelschwaden zielte, die sich wieder über den Weg gelegt hatten.

„Nein!“ Erson riss sich trotzig von Sakkets Umklam­merung los und drehte sich erneut zu Idris. Er wollte nicht wahrha­ben, dass die drei ihr Blatt bereits aus­gereizt hatten. Er wür­de seinen Freund hier am Ende der Welt nicht einfach im Stich lassen und den Kling’Arta der Tudasgarda opfern. Das konnte nicht sein, das passte nicht in sein Weltbild. Es musste einfach noch einen Ausweg geben. Bisher war da im­mer einer gewesen: Das eine Schlupfloch, das er zuver­lässig lange vor den beiden anderen entdeckte und durch das sie sich immer wieder aus einer Gefahr hat­ten retten können. Erson hatte es noch jedes Mal ent­deckt. Auch heute würde ihm etwas einfallen …

Ein schwarzer Schatten zischte so knapp an Ersons Kopf vorbei, dass er das dunkle Brummen einer wüten­den Libelle zu vernehmen meinte. Das Geschoss schlug direkt hinter ihm in die mürbe Felswand. Ein paar Holzsplitter von dem Bolzen und kleinere Steinbröck­chen spritzten Erson von der Seite ins Gesicht und ris­sen seine Wange blutig. Abgelenkt hob Erson die Hand zum plötzlichen Schmerz und sah über­rascht zurück. Gleichzeitig ertönte Idris erster Schuss und wurde grollend wie ein ferner Donner von den Felswänden zu­rückgeworfen, laut in den Ohren klirrend. Wie die Friedensglocke von Kalar hörte er sich an. Freilich ver­fehlte Idris auf diese Entfernung sein Ziel um einige Fuß, jenen er­sten und vorwitzigsten der Tudasgarda-Krieger, der jetzt auf dem Pfad nur eine einzige Kehre unter ihnen erneut aus dem Bergschatten aufgetaucht war und mit seiner Armbrust auf die Flüchtigen an­gelegt hatte. Dennoch erreichte der Schuss von Idris, dass sich der trotz der bitteren Kälte halb­nackte Mann eilig hinter den Felsvorsprung zurückzog.

(Auszug aus „Meister Siebenhards Geheimnis“)

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